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Jüdische Rundschau · 1927-01-11 · Heft 3 (11.1.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 3 (11.1.1927)
Date
1927-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einmlnummer 0,2$ Goldmark jüdische Rundschau Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Eracl^Äat jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Auslaedsabonncrocots werden iß der Währung der einzelnen Länder berechnet Anzeigen ״Verwaltung Jüdische Rundschau G.at.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392» Für Oesterreich: Pos 1ק מ ar k a 8 s <?namt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag» Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708״ Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 3 | Berlin, 11. L1927 A!u®ige»pre4s:8gespiJtNonparciIiej׳eilc0f50G.-M. Stellengesuch«(),25 G.-M. An*eigenscbi05: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. ח׳ שבע׳ תרפ״ז | xxxil Jahrg. Per Zionismus erstrebt für das Jüdisch• Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.** Achad Haam-Gedenkfeier in Berlin Sonntag, den 0. Januar, um diu Mittagszeit, fand וחי großen Saale des Logenhauses Kkisistrafle eine Gedenkfeier für Achad Haam statt, welche von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der Berliner Zionistischen Vereinigung, der Akademic für die Wissenschaft des Judentums, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, der Freien jüdischen Volkshochschule und dem Beth Waad Iwri gemeinsam reranstaitet wurde. Dem Aufrufe der einladenden Organisationen war ein unübersehbares Publikum gefolgt, so daß der grolle Saal des l.ogetihauses die zahlreich Erschienener! nicht fassen konnte, und sehr viele Besucher in den Ufingen und im Vorraumc stehen mußten. Vor allem waren natürlich die Berliner Zionisten sowie die Gemeimle der I lebraisteu erschienen, darüber hinaus aber sah man die hervorragendsten Vertreter des geistigen jüdischen Berlin. Das Podium war mit Palmen geschmückt. G o 11 a n i 11 eröffnet« in seiner eindrucksvollen Art und mit seiner sonoren Stimme die Feier durch Vortrag des Psalms ״Herr, was ist der ,Mensch” in der schönen Vertonung von Kapellmeister Keilermaim, der den Sänger selbst auf dem Harmonium begleitete. Damit war die weihevolle Stimmung für die Trauerfeier um den großen Toten geschaffen. Die Redner der Veranstaltung waren .Martin Bober, Prof. Jul. üutmann (Hochschule für die Wissenschaft des Judentums), Prof. Bubnow und Dr. Jakob Klatzkin. Die beiden Erstgenannten sprachen deutsch, die Letztgenannten hebräisch. Die Reden wurden in lautloser Stille mul Ergriffenheit angehört. Als erster sprach Martin Btiber. Martin Buber: Das Geheimnis unserer Volksdauer ist daran geknüpft, daß wir, und wir als einziges unter den Völkern, wir allein, außer der natürlichen, biologischen Fortpflanzungsreihe, eine andere, zweite haben, die Fortpflanzung der Lehre, den Zusammenhang der Geschlechter im lehrenden und lernenden Geist, die Reihe der ״listigen . Zeugungen. Durch diesen Zusammenhang der Geschlechter, der ebenso elementar und vielleicht noch stärker ist 11s jener naturhafte, wird der Geist zu einer Macht, die ins Leben hineinwirkt, das Leben stärkt und erhält, vom Geist aus unser Leben erhält; vom zeugenden Geist aus dauern wir. Wie aber, wenn die eine, diese uns geschenkte Reihe abzureißen droht? Wie, wenn die Gestalten der Lehrer selten und seltener werden? Du ist es Trost und Hilfe, Hinwendung zum Neuen, einzelne Gestalten zu sehen, die in dieser ]ehrcrlosen Zeit noch da sind oder wieder da sind als die, an die solche Reihe geistiger Fortpflanzung wieder anknüpfen kann. Eine solche Gestalt, ein solcher Lehrer war der Mann, um den wir heute klagen; Achad Haam. Ich sagte: seiten sind die Lehrer geworden, nicht nur bei uns freilich, sondern allüberall, weil es das Wesen des wahren Lehrers ist, daß er an die Wahrheit glaubt, an die eine Wahrheit, unsere aber eine Zeit ist, in der die Menschen in taugliehen Lebenslagen und in brauchbaren Fiktionen leben und wo selten, furchtbar selten geworden ist der tätige Glaube an die eine Wahrheit. Ein Mensch aber und ebenso ein Volk ver* mag nur im Glauben an die Wahrheit wahrhaft zu leben. So hat Achad Haam gelebt: im Glauben an die Wahrheit und im Dienste an der Wahrheit. Das war sein eigentümlicher Lebensbau, das er in der Verantwortung der Wahrheit gegenüberstand und nicht ans ihr wich. Wahrheilsvcrantwortung, das bedeutet ein Doppeltes: Daß er Verantwortung übte, an jedem Tage neu. lebendige Verantwortung der Wirklichkeit gegenüber, den Tatsachen gegenüber, immer wieder prüfend und vergleichend, Erkenntnis unserer, der jüdischen Wirklichheit. Und darum wissen die nichts von Achad Haam, die sagen, er hätte eine ,,Ideologie‘• geschaffen. Seine Erkenntnis war das Angesicht-zu-Angesicht-Treten der jeweiligen Wirklichkeit unseres Lebens gegenüber, das Situation um Situation, Tag um Tag, Stunde um Stunde der geschehenden Wirklichkeit, all ihrer Furchtbarkeit immer wieder ins Auge '!.hauen. Darum bedeutet sein Gedanke keine Ideologie, sondem eine große Kunde der jüdischen Wirklichkeit. Und zum zweiten übte er Verantwortung, Tag um Tag neu Verantwortung dem Worte gegenüber, seinem gesprocheneu, geschriebenen, im Schreiben gesprochenen, hinaus zum Volk gesprochenen Wort gegenüber. Sein Wort war immer wieder Mitteilung der Erkenntnis, und wie er seine Erkenntnis immer wieder mit der Tatsächlichkeit verglich, ob sie auch stimmte, rechtschaffen war bis ins Letzte, so verglich er immer wieder sein Wort mit der Erkenntnis, ob es auch wirklich Mitteilung dieses Erkannten sei, rechtmäßige Mitteilung. Und darum ist, so Großes auch Achad Haam für die hebräische Literatur bedeutet, sein Werk nicht Literatur, wie sein Gedanke nicht Philosophie ist, sondern es ist wirkendes, bauendes Wort, an einem neuen Judentum bauendes Wort, das in die Wirklichkeit hineingreift und an ihr bildet. Von seinem Glauben an die Wahrheit, von seinem Dienst an der Wahrheit aus sah er, Achad Haam, Sinn und Bestiminung des Volkes. Beide von diesem seinem Glauben und Dienst aus. Von da aus hoffte er für das Volk und von da aus forderte er von dein Volke. Und weil es so war, weil er aus dieser seiner Wesenheit das Volk sah und sich in Wahrheit mit dem Volke verband in seinem Glauben und in seinem Dienst, darum war er, der sich Einen aus dem Volke nannte, in Wahrheit eins mit dem Volk. Nicht mit dem flüchtigen Bilde des Volkes, das sich dem Augenblicksauge eröffnet, sondern mit dem wahren, tief verborgenen, wesenhaft unsterblichen Volke. Was 0; füt dieses Volk erhofft, was et von diesem Volk fordert, für dieses Volkes Zukunft, das war eben dieses: ein Leben in Wahrheit und Verantwortung. Nicht einfach ein garantiertes Weitcrlebeii und auch nicht bloß ein selbständiges und unabhängiges Leben im eigenen Lande und auch nicht bloß ein Leben in eigener Kultur, zu wenig all dies; ein wahrhaftes Leben in wahrhafter Verantwortung. In Verantwortung der Wahrheit gegenüber. Das war Achad Haams Hoffnung und Forderung. Gegenüber der ungeheuerlichen Verstrickung der Judcnheit in die tausendfältige Lüge, die Gatuth bedeutet, gegenüber dieser Lage der Zerrissenheit, wo wir uns Volk nennen und doch kein Gemeinsrhaftssubjekt der Verantwortung bilden, forderte er: das Leben des Volkes in der Verantwortung der Wahrheit gegenüber, die das Siegel Gottes heißt. Und darum forderte er ein Zentrum des Geistes; nicht des losgelösten und abgcschiedeneu, sondern des lebcnerlialteiiden, lebensteigernden, vitalisiercndcn Geistes. Ein Zentrum in Erez-Israd, .welches das Volk Israel wieder unter das Gesetz der Wahrheit stellt und welches eine Person, eine Gemcinschaftsperson, ein großes Subjekt der Verantwortung konstituiert. Und das heißt: des Tag auf Tag immer neu Antwortgebens dem Göttlichen. Ha-More 11 ist er vom Dichter angerufen worden. Und so wollen wir ihn auch in dieser Stunde anrufen und sagen: Du, der du uns der Lehrer gewesen bist, der bezeugende und zeugende Lehrer, der Mann der Wahrheit, unser Vater in der Leine, dir würden wir nicht genug tun, wenn wir gelobten, den Rubin deiner Person und deines Werkes im Gedächtnis zu bewahren. Du willst, daß wir deinen Glauben an die eine Wahrheit und deinen Dienst an der einen Wahrheit in unserem!.eben, in unserer Tat bewähren. Und das geloben wir dir, Geist unseres Lehrers, der du cingekehrt bist in das Reich der Wahrheit. Professor Simon Dubnow (hebräisch): Achad Haam ist ins Zeitlose eingegangen. Der Mann der Wahrheit ging ein in die Welt der Wahrheit. Aus den Tiefen des Chassidismus, aus der Weit der Propheten des Glaubens, kam dieser Mann zu uns, einer der Propheten der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Er war der natürliche Erbe nicht des Baal Schern, sondern des Ramham. Es war in ihm etwas von der Seele der Propheten der Vorzeit, welche immer gegen den Strom schwammen, und die Wahrheit in ihrem Innern nicht unterdrücken• konnten, obwohl sie bitter war für ihre Umwelt und für sie selbst. ״Und wenn ich sagte, ich will nicht mehr in seinem Namen reden, da ward es in meinem Herzen wie Feuerflamme, und ich konnte nicht“ (Jeremias). Eine schöne Agada erzählt: ,.Am Himmel ist ein Tier, das bei Tag das Zeichen der Wahrheit auf der Stirn trägt, da wissen die Engel, das Tag ist, und am Abend ist der Glaube auf seiner Stirn, da wissen sie, das Nacht ist.“ Die tiefe Tragik Achad Haams lag darin, daß das Zeichen der Wahrheit auf seiner Stirn leuchtete, als die jüdische Welt in der Finsternis der Nacht befangen war, in einer Zeit, wo Sorgen und Schrecken uns plagten und die Mehrheit des Volkes nach dem Lieht des Glaubens verlangte, nach Zeichen und Wundern. Achad Haam zerstörte ohne Erbarmen, ohne Erbarmen auch gegen sich selbst, den Glauben an Zeichen und Wunder, da er nach seiner Natur befähigt war, klares Licht auf alle Dinge zu verbreiten und nicht nur einen Punkt zu erleuchten, den Umkreis aber in Finsternis zu lassen. Wieviel Proteste hörte man von denen, die litten und Trost suchten, von den Männern des Glaubens! Aber mutig bezwingt e r seinen Schmerz, ״er schreitet auf seinem eigenen Pfad, klaren Auges und stark“, und trägt die Falme der Wahrheit hoch. Jetzt ist dieser Geistesriese gefallen und die Fahne ist aus seiner Hand gesunken — und wir trauern über den Verlust, der uns alle betroffen hat. Eine leuchtende Fackel ist uns verlöscht. Ein Lichtbringer und Wegweiser ist von uns gegangen. Achad Haam״Hain Mit Achad Haam ist der Mann gestorben, dessen geistige Leistung die zionistische Bewegung auf's tiefste beeinflußt und geslalfet, ja sie recht eigentlich nü!geschaffen hal. 'Während llorzl, der Schöpfer der Organisation und des politischen Gedankens des Zionismus war, *lammt von Achad Haan« ein wesentlicher Teil des die Bewegung erfüllenden geisligen Gutes. Ec gab ihr die Fähigkeit, die Realität und ihre Möglichkeiten kritisch zu erfassen und damit zu meistern. Tn diesem Sinne ist der Zionismus, sind alle Zionisten lur immer Erben und Schuldner Achad Haams. Die deutschen Zionisten wollen das Andenken des großen Toten durch Stiftung eines' Achad Huamdlaines ehren. Oelbaum-Spenden werden ton den Sekretariaten des Keren Kajenieth, von seinen Vertrauensleuten und bei allen Trauerfeiern entgegengenommen. Keren Kajemeih Lejisrael Wöllstein Schwarz Glaser Zionistische Vereinigung für Deutschland Blumenfeld Eosenblüth Achad Haam war windig, 11 er Rambam unserer Generaiion zu werden. Leider war es ihm nicht vergönnt, seine Lebensarbeit mit einem um fassenden System zu krönen und er vermochte uns nicht mehr mit einem neuen ״More Nebtichim“ zu erleuchten. Nicht viele wissen, daß Achad Haam sein ganzes Leben hindurch wünschte, ein solches System 7u schaffen, ich aber kann dies hier bezeugen. Im Frühling des Jahres 5668, vor seiner Uebcrsk'dluiig aus Rußland nach London, zeigte mir Achad Haam zwei Aufzeichnungen in seinem Notizbuch: die Pläne für zwei Bücher, die er in London zu schreiben beabsichtigtc; ״Die Ethik des Judentums“ und ״Die Entwicklung des nationalen Gedankens im Judentum“. Aber da kamen die Geschäfte des Alltags und hielten ihn ab von der Arbeit des Geistes, und später kam der Weltkrieg, die Zeit der Lüge und der Gewalt, und wühlte die Seele des Propheten der Wahrheit und Gerechtigkeit von Grund aus auf; sie verursachte auch seine schwere Krankheit. Wenn es ihm gelungen wäre, seinen großen Gedanken auszufiihreii, dann besäßen wir heute ein umfassendes und klares System des nationalen Judentums auf Grund der wissenschaftlichen Entwicklungslehre, so wieder ״More Nebuchim“ des Rambam zu seiner Zeit sich auf der Leine des Aristoteles aufbaute. Es war uns nicht vergönnt — die Flamme erlosch vor ihrer Zeit. Solange Achad Haam unter uns weilte, sagten wir: ״Eine Generation, in der ein solcher Mann lebt, ist nicht verwaist.“ Jetzt sind wir Waisen, verwaist ist das Geschlecht. Professor Gut mann (Hochschule für die Wissenschaft des Judentums): Mit denen, denen Achad Haam Führer und Wegweiser ihrer jüdischen Ideale gewesen ist, vereinigen sich zu dieser Gedenkfeier jüdische und wissenschaftliche Körperschaften und Vereinigungen, die abseits vom Streife der Parteien stehen und die gar manche umfassen, deren Auffassung des Judentums weit* absteht von der Auffassung Achad Haams. Ich darf das um so freier und offener hervorhehen. weil gerade darin ein Beweis der Größe und Bedeutung Achad Haams liegt: Achad Haam, der Streiter und Kämpfer, der Mann ohne Kompromiß und ohne Konzessionen, gehörte nicht einer Richtung oder Partei im Judentum, er gehört dem g a n z en Judentum. Achad Haam sieht auf einer Höhe des jüdischen Seins und Wesens, die ihn zum Lehrer und Führer macht, nicht für die allein, die mit ihm seinen besonder!! Weg des Judentums gehen, sondern für alle, denen Judentum innere Angelegenheit des Herzens ist. Wie in seinem Wesen, in seiner unpathetischen und gerade darum um so tiefer und mächtiger wirkenden Art, in seinem leidenschaftlichen Wahrheitswillen und in seinem ganz auf die Tat, ganz auf das Sittliche gerichteten Verantwortungsbewußtsein, wie in alledem tiefste Züge jüdischen Wesens zu einer großen menschlichen Verkörperung gekommen sind, so ist seine Leistung geschöpft aus dem Tiefsten des jüdischen Wesens und der jüdischen Geschichte. Er ist einer der großen Repräsentanten jüdischen Geistes in unserer Zeit. Die jüdische Wissenschaft neigt sich in Ehrfurcht vor Achad Haam, dem jüdischen Denker. Achad Haam, der eigentlich der gelehrten Forschung fernstand, der nie sein Denken zu einer systematischen Einheit zusammengefaßt hat, dessen ganzes ' Leben tmd Wirken ein Wirken der Tat, des Kampfes gewesen ist. Achad Haam' gehört hinein in die Geschichte des jüdischen Geistes und des jüdischen Denkens. Sein Denken ist wachgerufeii worden durch den jüdischen Willen und sein Denken mündet im Willen, in der Tat. Aber der Gefahr, der alles an Wollen •und Tat orientierte Denken nur allzuleicht unterliegt, seiner Freiheit sich zu begeben und sich in den Dienst des Wollens, der Illusion zu stellen, dieser Gefahr ist niemand so entgangen wie Achad Haam. Fr ist ein Mann, der aus der tiefsten Nüchternheit und Ehrlichkeit des Denkens heraus seinen Gedanken gestaltet, ln allen praktischen Fragen ist er es, der immer wieder die Möglichkeit des Gedankens in der Wirklichkeit zum letzten Maßstab, /.um letzten Kriterium erhebt, dem nichts verhaßter ist als ein Ideal, das bloß Forderung bleibt und sich nicht fragt nach der Möglichkeit, die Forderung zur Realität zu machen. Achad Haam ist in tieferem Sinne ein Wirklichkeitsdenker und kein Ideendenker. Die Schärfe seiner Logik ist nicht eine Logik der Ideen, sondern eine Analyse der Tatsachen. Durum folgt er in seiner allgemeinen gedanklichen Einstellung in erster Reihe den großen englischen und französischen Soziologen und Psychologen, deren Begriffe und Anschauungsweise er auf das Judentum anzuwenden, in den Dienst der Deutung des Judentums zu stellen unternimmt. Ls ist. der Realismus, der Empirismus dieses Denkens, der seine Auffassung formt und prägt, von ihnen aus sucht er das jüdische Leben zu begreifen. Mit ihnen spricht er den Selbsterhaltungstrieb, den Glückseligkeitstrieb als Grundkraft alles Lebens und Wollens an. Um so bedeutungsvoller ist es, daß dieser Wirklichkeitsdenker hinauswäclist über die Formen, in die sein Denken sieb zunächst kleidet; daß gerade er es ist, der auf Grund des jüdischen Wesens und der jüdischen Geschichte die' Idee als die tragende Macht der Geschichte entdeckt. Er ist der Denker des Judentums, nicht als Idee, sondern als geschiehtliehe Tatsache geworden. Als Kern der gewordenen Tatsache des Judentums begreift er die Macht der Idee in der Geschichte und Realität, den Geist als die Macht, dir gegen alle Tatsachenmächte eine Wirklichkeit gestaltet und geformt hat. Er suchte die Züge jüdischen Wesens zu begreifen uad

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