Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0J5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15. Meinekestraße 10, Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Aotl»»ds«ho״Dem.nts werden In det Wähnio« det einzelnen Linder berechnet Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Mei&ekestr.lO Telephon: Amt Bismarck 7165•—70. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für Oe»terreicb: Po«taparkaa8etun1t Wien, Konto Nr, 156030. Für Tschechoslowakei: rostaparkauenamt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polens PosUparkasseaaxnt Warschau. Konto Nr. 190 703. RcdaktionsschluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 2 | Berlin, 7.1.1927 Ajtx*i$e&f>reU3 SgespaJtJNonparetllemle 0,50 Ci-M. StaOengtsscbc 0J5 G.-M. Aßzeigenaciiiafl: Dienstag und Freitag oacbmittag 4 Uhr. n שבס. חי־ס״ז | XXXII. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Bffantllch rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.** I Am Grabe Achad Haams | Der Tod hal eine Lücke in unsere Reihen gerissen, die nicht ausgefüllt werden kann. Das ganze jüdische Volk, vor allem aber die Bewegung der nationalen Wiedergeburt, ist von tiefer Trauer erfüllt. Der Hann, der unserem Volke vor 38 Jahren den »Weg des Lebens* gewiesen hat, der es auf allen Stadien dieses schmerzensreichen Weges mit wachem Sinn und klarem Bilds, mit unerschütterlicher Treue und heiligem Zorn begleitet hat, der Mann, der die Wahrheit als höchstes Gut der Nation erkannte und unerbittlich, wenn auch mit wehem Herzen, die Taten und Träume des Volkes vor ihren erhabenen Richterstuhl zog — Achad Haam, Einer aus dem Volke, er ist nicht mehr unter uns. Der Boden Erez Israels hat seine Gebeine aufgenommen. ln dem ersten Manifest eines zionistischen Bundes, das Achad Haam im Jahre 1889 nach seinem Eintritt in die zionistischen Reihen entwarf, spricht er aus. daß unser Nationalismus seines äußerlichen Charakters entkleidet und zu einer großen ethischen Macht erhoben werden muß, die imstande ist, Menschen zu bewegen, den großen Glauben und den starken Willen in den Herzen zu erzeugen. Im Zentrum dieses Nationalismus, so sagte er, muß die Liebe zu Israel stehen; an seinem Umkreis aber jede erhabene Tugend, alles menschlich Gute. Jüdischer Nationalismus kann nicht auf niedrige oder materialistische Zwecke gerichtet sein; wäre er dies, dann gäbe es keine Hoffnung für unser Volk; nur wenn die höchste menschliche Forderung mit der nationalen zusammenfällt, wenn wir in dem Wohl der Volksgemeinschaft die Voraussetzung der Erfüllung menschlicher Ideale sehen, dann kann die Kraft erstehen, die dem Volke die Erlösung schafft. Achad Haams Lehre h»t in vielen Punkten der Auffassung des ursprünglichen politischen Zionismus widersprochen und seine Methoden abgelehnt; aber sie hat unterirdisch und unmerklich das geistige Feld des Zionismus überzogen. Die Erkenntnis, daß das jüdische Volk ein eigenartiges und einmaliges geschichtliches Gebilde ist, auf das die Begriffswelt anderer Völker nicht ohne weiteres anwendbar ist, war begleitet von der Einsicht, daß Erez Israel, das nicht mit einem Schlage die Lösung der ganzen Judenfrage bewirken kann, dennoch als lebendig« Zentrum des Judentums eine gewaltige geistige und moralische Bedeutung hat. Volk, Land und Sprache wurden ihm zur unlöslicheh Drei-Einheit. Der politische Zionismus hat durch seine politische, ökonomische und organisatorische Arbeit die Grundlagen für den Aufbau unserer nationalen Heimstätte in Erez Israel gelegt. Achad Haam wußte, daß der Aufbau selbst nur allmählich vonstatten gehen kann, daß aber jeder kleine Schritt auf dem Wege zum Ziele, jeder kleine ׳'Susan;Weit wtS*% suhlt abwÄgender Verstand, der die reale Verwirklichung der von seinem glühenden Herzen ersehnten fiele stets kontrollierte, ließ ihn als letztes Vermächtnis, bevor die Krankheit ihn für immer verstummen machte, im Sommer 1950, nach dem Beschluß von San Remo, die mahnenden Worte abgeklärter Weisheit — es sind die letzten Zellen sein« schriftstellerischen Werkes — an uns richten: »Dränget nicht das Ende, solange nicht die tatsächlichen Bedingungen geschaffen sind, ohne die es unmöglich kommen kann, und schätzt nicht die Arbeit gering, die in jedem einzelnen Augenblick auf Grund der tatsächlichen Bedingungen möglich ist, auch wenn sic nicht heute oder morgen den Messias bringt ..." »Schätzt nicht die Arbeit gering" — diese seine letzte Mahnung soll uns erfüllen. Das geistige Erbe Achad Haams soll unauslöschlicher Bestandteil unserer Bewegung bleiben. Der deutsche Zionismus, ursprünglich aus andern seelischen Motiven entstanden, verdankt Achad Haam eine außerordentliche Bereicherung und Befruchtung, Vertiefung des nationalen Denkens und Begreifen der nationalen Zusammenhänge. Sein Imperativ der Belebung der Herzen, der Überwindung der Trägheit, der Wiederaufrichtung nationalen Glaubens — er ist so verschieden auch die Äußerung sein mag, für uns eine Einheit geworden mit dem sittlichen Pathos des andern großen Kämpfers für jüdische Ehre und Wiederaufrichtung, gegen Mausdieltum und Knechtgesinnung. Neben dem teuem, unvergeßlichen Namen Theodor Herzls wird der Name seines scheinbaren Antipoden Achad Haam, des verborgenen Erziehers einer ganzen zionistischen Generation, des Führers zu nationalem Ethos, in die Geschichte der Wiedergeburt des jüdischen Volkes eingehen. In tiefer Ehrerbietung und Dankbarkeit׳ in stillem öchmerze ehren wir sein Andenken. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Zurückweisung der Wahlprotesfe? Das ״Israelitische Familienblati“, Hamburg, veröffentlicht in der Nummer vom 6. Januar 1927 an leitender Stelle der Berliner Ausgabe die Nachricht, daß die Ent- Scheidung der Regierung über die eingelegten Wahl׳'röteste gegen die Repräsentantenwahlen vom 16. Mai 1928 bereits erfolgt sei. lieber den Inhalt dieser Entscheidung sind zuverlässige oder gar amtliche Informationen nicht zu erlangen. Es wird angenommen, daß die amtliche Entscheidung der Getnelnde und der beteiligten Parteien schon in den nächsten Tagen zugehen wird. Das Blatt fährt fort: ״Wenn unsere Informationen zutreffen, ist damit zu rechnen, daß die eingelegten Wahlproteste von dem beteiligten preußischen Ministenum als unbegründet zurück gewiesen worden sind. Trifft diese Information zu, dann ist das Nachspiel zu den Repräsentantemvahlen, das über Berlin hinaus die Geister aufgerührt hat, beendet ... Unter der Voraus- Setzung, daß die allgemein verbreitete Version, wonach die Proteste abgelehut sind, zutrifft, wird jetzt neben der Neutnldung der Repräsentantenversaramlung auch die Neukonstituierung des Gemeindevorständes zu vollziehen sein. Hier werden sich allerdings sehr wesentliche Schwierigkeiten ergeben ..." Die Haienlrage in Palästina Wie uns von gut informierter Seite mitgeteilt wird, ist die Gründung des Hafens Port Fuad durch die Suezkanal- Company ohne Unterstützungder britischen Regierung erfolgt. Die britische Regierung beabsichtigt, sich in der nächsten Zeit lediglich dem Haifa -Hafen- Projekt zuzuwenden. Es scheint, daß die Propaganda, die für den Hafen von Port Fuad in der Oeffentlichkeit und auch in der Presse gemacht wird, geschäftlichen Interessen entspringt. Es wird aber angenommen, daß diese Propaganda keinen Einfluß auf die Entschlüsse der Regierung haben wird. Durch diese Informationen werden die von uns kürzlich wiedergegebenen Befürchtungen, daß durch den Hafenausbau von Port Fuad die Handelspolitik der Regierung in einem Palästina schädlichen Sinne beeinflußt werden könnte, richtiggestellt Die Regierung Palästinas hat eine neue Beratende Körper- Schaft (Advlsory Council) für Palästina eingesetzt. Die Körpersehäft setzt sich nur aus Regierungs Vertretern zusammen. Daraus scheint hervorzugehen, daß die Regierung die von ihr im vorigen Sommer eiiigeleiiet?!! Verhandlungen mit den Arabern wegen Schaffung einer ge-.vä.ilten Körperschalt als gescheitert ansieht Der jüdische Instinkt Von Max Wiener, Berlin. Es ist uns eine Freude, heute einen prominente 1 Vertreter des religiösen Liberalismus zu Worte komme 1 zu lassen. Rabbiner Dr. Wiener zerstört die im landläufigen Liberalismus vielfach verbreitete irrtümliche Auffassung des jüdischen Universalismus als einer Loslösung jüdischer Religion von der nationalen Gemein- Schausgrundlage und zeigt, daß auch echter jüdischer Liberalismus wie jede wahre jüdische Religionsauf״ fassung den nationalen Charakter der jüdischen Religion anerkennen muß, ja daraus eine Steigerung religiösen Erlebens gewinnt. Es bedarf wohl keiner besonderen Feststellung, daß der Abdruck dieses Artikels keine Stellungnahme der ״Zionistischen Vereinigung“ oder der ״Jüdischen Rundschau“ zu religiösen Streitfragen, in denen der Zionismus als solcher grundsätzlich neutral ist, bedeuten soll. Wir glauben jedoch, daß unseren Lesern auch die Anschauung einer unserer Organisation nicht angchörigen Persönlichkeit über lebenswichtige jüdische Fragen interessant sein wird. Red. Die Rückkehr zu einem ״positiven“ Judentum, die das jüngste Geschlecht in mannigfachem Sinne erlebt oder zu erleben glaubt, ist Abkehr von verstandesmäßig konstruktiver Weltauffassung und Lebensgestaltung und Hinwendung zu jenem ursprünglich Gefühlsmäßigen und eingeboren Triebhaften, in dem die eigene Innerlichkeit der Seele sich selbst ergreift und sich selbst besitzt Der Grund zur Emanzipation und Assimilation wurde in einem rationalistischen Zeitalter gelegt, welchem der abstrakte Begriff des Menschen, die Idee vom Menschen in seiner Abgezogenheit von den ihn differenzierenden Besonderheiten der Sprache, Rasse, Nation, Religion, Kultur, überhaupt die ausschließliche Wahrheit über ihn zu enthüllen schien. Die Reaktion, die im politischen wie im sozialen Bereich das Hineinwachsen des jüdischen Menschen in seine Umwelt hinderte oder, wenigstens das Tempo des Angleichungsprozesses verlangsamte, war stets — wie sie sich auch äußerlich drapieren mochte — die Reaktion des aus lang ererbtem Herkommen gewonnenen Gefühls auf'das abstrakte \4!e«1jpftgebot, das '"den Staat* die 'aatioüale*ddiir sp#aie — wenigstens der Idee nach — äquivalenten, mit keinen eigentümlichen Besonderheiten bebürefeten . Individuen aufbauen wollte. Das Judentum des 19. Jahrhunderts hat, wie man nicht anders urteilen kann, diesen Niveliierungsprozeß, dessen Ergebnis nur seine vollständige Auflösung sein konnte, mit großer Freude mitgemacht, Hem* mungen und Verzögerungen auf diesem Wege ais Rückfall in mittelalterliche Barbarei beklagt und sich in Perioden rückläufiger Entwicklung mit der unbedingten Gewißheit getröstet, daß . dem ״Fortschritt“ der Sieg sicher sei. Man tut aber zweifellos dem jüdischen Liberalismus unrecht, wenn man seine geistige Verfassung lediglich aus praktisch-politischen Rücksichten und Nütz• lichkeitserwägungen herleiten wollte. Denn es stecken wirklich in der autochthonen jüdischen Lehre vom mo׳ saischen Gesetze her klare und entfaltungskräftige Keime für eine rationale, vernunftgesättigte Aufrichtung des Daseins: Nicht bloß der monotheistische Gottesglaube und die mit ihm zusammenhängende Auffassung vom Wesen und Sinn des Menschen offenbaren — sich immer weiter von Mythologie entfernend — einen einsichtigen klaren Kern, sondern auch die Satzungen des jüdischen Lebens Systems, die ״Vorschriften, unter denen det Mensch leben kann“, haben die Tendenz, sich durch eigene Leuchtkraft dem menschlichen Verstände zu emp» fehlen, wollen den Inbegriff einer Tora bilden, die nicht in Himmefshöhen über den Gläubigen schwebt sondern in erfaßbarer Erdhaftigkeit sich den Herzen einschmiegt Es besteht also schon der Anspruch des ״auf* geklärten“ Juden, der Jude bleiben wollte, zu Recht, wenn er den Geist seines Glaubens als einen hellen, durchsichtigen, mit der ״Vernunft“ nicht in Widerspruch stehenden verehrt und in dieser Beschaffenheit seines Glaubensgehaltes einen Vorzug vor dem Christentum sieht Der Fehler des jüdischen Rationalismus beruht i» etwas anderem. Er tritt ans Licht, wenn übersehen wird! daß als Träger der jüdischen Idee eine konkret bestimmte Gruppe von Menschen, der jüdische Stamm, ausgezeichnet wird, und daß wirkliche jüdische Religiosität erst in det Verschmelzung jener unleugbar rationalen und univer salen Gedanken mit der naturgegebenen seelischen Art dieser Menschen zustande kommt. Es handelt sich’ aber bei dem, was den allgemeinen Reügionsgedanken des Judentums, die jüdische Weltreligion im jüdischen Kreise nuanciert, nicht bloß — wie man meinen könnte — um eine besondere Färbung des religösen Lebens, um spezifischnationale Einschläge, wie sie nicht bloß süddeutschen Katholizismus von französischem oder spanischem unterscheiden, «andern sogar schon rheinische von bayerischer Volksfrömmigkeit abheben; sondern die Sache liegt so, daß unbeschadet der menschheitsumspannenden und auf den Sinn des universal Menschlichen ausgerichteten