Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1927)
- Date
- 1927-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kätaat O(b>io<h«k *י" GHMtüatot• dm d«H1txdMn Judentums A יד* ־ Mtmebmmmer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W iS, MeinekestraSe 10. Encbeint jeden Dienstag «nd Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark. AunlandutwiiDetnest« weidsn in der Wahrunä der *imeben Linder berechnet Anzeigen-Verwaltung Jüdische Rnadschaa G. au b. H., Berli n W15, Meiaekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Fttr Otttomiebs PoaUsarkauasamt Wien, Konto Kr. 156 030. Fflr T•ehnctuMloweltei: roetaparkMicaamt Praft Konto Nr. 59 410. Für Polen: PosUpartasBanami Warachan. Konto No 190 7(36. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. NaaunerS Berlin, 4.1.1927 A&srigeiipr•!*: 8 £etp»lt.Nonp«red]ezeil« 030 G.-M Stellensuche 0,25 G.-M. AnceigeoschlalS: Dl eastag und Freitag oacbmittag 4 Uhr. תיס״ז א׳ שבה׳ | XXXII. Jahrg. * Oer Zionismus •rstrebt fOr das indische Volk die Schaffung einer dffentllth«rechtlich gesicherten Heimstätte ln Pallstina. ״Baseler Programm.“ Achad Haam Tel-Awiw, 2. Januar. (J. T. A.) Heute, Sonntag, den 2. Januar, fünf Uhr morgens ist Achad Haam in seinem Hause zu Tel-Awiw sanft verschieden. In Tel-Awiw, dessen erster Ehrenbürger Achad Haam war, sowie im ganzen jüdischen Palistina herrscht tiefe Trauer. Als ,^}r vor einem halben Jahre an dieser Stelle 1#%»!*»; da odr pwisfehi; mit einem Gefühl tiefer Trauer. Demi wir wußten! Der Mann, den wir als den geistigen Führer unserer jüdischen Generation verehren, ist• ein körperlich gebrochener Mensch, der kaum die Worte zu erfassen vermag, die an ihn gerichtet werden. Sein Leben war erloschen, mochte er auch im vegetativen Sinn noch unter den Lebenden weilen. Nun plötzlich erhalten wir die Nachricht von seinem Tode. Die Natur hat seinen sterblichen Teil genommen, um so heller und leuchtender strahlt uns sein geistiges Erbe. Achad Haam ist für uns nicht tot, er ist nicht Vergangenheit; er ist, wie die meisten großen Männer, seiner Zeit weit vorausgeeiit, seine Wahrheit liegt noch vor uns, das jüdische Volk hat sie nicht ganz begriffen, nicht ganz sich zu eigen gemacht. Der Zionismus hat sich gegen Achad Haams untrügliche Erkenntnisse, gegen die Zügelung allzu unrealer Gedanken durch Achad Haams Weisheit, leidenschaftlich gesträubt; er mußte erst alle Phasen der Erfahrung am eigenen Leibe durchleben und durchschmerzen. Achad Haam aber wußte, daß der Urtrieb unseres Volkstums, die Liebe zu Zion, die versteinerten Herzen erlösen muß und eine neue Zeit des Erwachens, der geistigen Fruchtbarkeit iieraufführen wird. Was ihn auszeichnet, was er uns noch heute lehren kann, ist höchste nationale Verantwortlichkeit. Unnachsichtlich und unerbittlieh kämpfte er gegen die Selbsttäuschung und Selbstbencbelung durch die nationale Phrase. Aller billigen Popularität abhold, sprach er aus, daß die Wiederaufrichtung der jüdischen Nation kein Werk primitiven Eigennutzes sein kann, sondern eine Pkmiertat derer, die sich ganz hinzugeben vermögen, um der Liebe zu Zion willen. Wir müssen zu den Müttern hinabsteigen, zu den Quellen unseres geistigen Seins, und ein geistiger Prozeß ist die Erneuerung. Aber zugleich wußte er natürlich, daß das materielle Leben Voraussetzung des geistigen ist und keiner hat so streng und radikal wie er die Fehler gerade der ökonomischen Arbeit des Zionismus kritisiert. Er hat schon vor zwanzig und mehr Jahren erkannt, daß ohne gesunde ökonomische Basis das palästinensische Werk nicht lebensfähig ist und hat davor gewarnt, aus politischen oder propagandistischen Motiven die Gesetze der Wirtschaft zu mißachten. Unsere Schuld und unser Schaden ist es, wenn wir seine Stimme nicht gehört haben, wenn das Volk für seine Gedanken nicht reif war. Bewegten Herzens, in tiefer Verehrung und in lebendiger Dankbarkeit stehen wir an seinem Grabe. Mit Achad Haam ist eine Epoche jüdischer Geschichte und hebräischen Schrifttums dahingegangen. Möge die Erschütterung, die heute durch die Reihen des jüdischen Volkes geht, dazu beitragen, das zu wecken, was Achad Haam unermüdlich beschworen hat: die Zionsliebe und den Geist verantwortlicher Selbstkritik um der Erneuerung des Volkes willen. R. W. Unser Friedenswerk im Osten Von Chaim Weiimann Wie von uns bereits gemeldet, hat Dr. Pritch ett von der Carnegie - Friedens - Stiftung nach einem kurzen Besuch Palästinas einen Bericht veröffentlicht, in welchem er gegen den Zionismus Stellung nahm. Am 5. Dezember antwortete Dr. Chaim Wcizmann in einer Ansprache vor der ״Free Synagogue“, der Gemeinde von Dr. Stephen Wise, in der Carnegie Hall in New York auf Dr. Pritchetts Kritik. Weizmaim wies zunächst ausführlich die tatsächlichen Irrtümer Dr. Pritchetts ziffernmäßig nach, und widerlegte seine Argumente. Im letzten Teil seiner Rede beschäftigte sich Dr. Weizmann mit Dr. Pritchetts Behauptung, die Zionisten wollten die Araber verdrängen, wir geben hier den Schlußteil dieses Abschnittes wieder, dessen reines Pathos eine großartige Kundgebung zionistischen Wollens ist. Red. Wenn wir die großen Möglichkeiten Palästinas erwägen und wenn wir uns an das Elend erinnern, das die Juden treibt, diese Anstrengung zum ,Aufbau zu machen, drängt sich uns noch eine Frage auf die Lippen: Eine großartige Friedensorganisation, interessiert an der Stabilität der Welt, interessiert an der Schaffung gerechter Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern, schwieg, erhob nicht ein einzigestnal ihre Stimme, als neun Millionen Juden zwischen der Wolga und dem Rhein mit Gewalt ihrer Existenz beraubt wurden. Sie erhob ihre Stimme nicht irt Rußland, in Rumänien, in Polen. Sie reagierte nicht auf rohe antisemitische Angriffe selbst in westlichen Lindern. Und die erste Gelegenheit, wo sie von dem jüdischen Weliproblem Kenntnis nimmt, benutzt sie, um die erste große Aufbaubewegung der letzten zweitausend Jahre unserer Geschichte feindselig zu bemäkeln. Wo waren sie, diese Träger der Gerechtigkeit, diese Retter der Araber, als auf allen Straßen und allen Feldern Europas ein heimatloses Volk sich verblutete? Sie sollten doch wenigstens das Leiden verstehen, das die besten unserer Söhne getrieben hat, sich der gewaltigen Aufgabe des Palästinaaufbaus zu weihen. Wenn sie «ns nicht .Sympathie geben können, hätten e'5' •j ־T!׳?.<?־י!.“י'י''י!5׳יי1'.י M1״*‘A-י׳,ז,.;-י3;י• *en 50?!ווי־*, *•Hial nealecha tneal raglecha ki kodesciK'Viamakom haseh! Es gibt heute Mächte in der Welt .- .sie erscheinen heute unter verschiedenen Verkleidungen und Masken in N'!:w York, gestern erschienen' sie in. Moskau, morgen können sie . in Rom erscheinen —, Mächte, die den Juden dem Araber zw entfremden suchen und die doch an dem Wohlergehen keines der beiden Völker interessiert sind. Sic suchen zwischen diese beiden Völker zu treten, die bestimmt sind, in Zukunft die Länder aufzubauen, die in ferner Vergangenheit die Wiege der Zivilisation waren, Länder, denen die heutige Welt das beste dankt, das sie besitzt. Es gab eine Zeit, und sic ist gar nicht so fern, da die Juden und die Araber die Fackel der Zivilisation hoehhielten, die der Hand Europas entsunken war. Von den Juden und Arabern übernahmen die Gelehrten Frankreichs ihr Erbe. Was a!1 Ucberrestcn der Wissenschaft, sei es der Chemie, der Physik oder Mathematik, sei es der Philosophie, der Medizin oder der Astronomie, aus der Vernichtung der alten Welt gerettet und der Kulturwelt zum Erbe gegeben wurde, wir zusammen mit den Arabern haben einen großen Teil davon erhalten. Und was in der Vergangenheit möglich war, wird auch heute wieder zur Möglichkeit in unserer Universität, in unseren Bibliotheken, in unseren Erziehungsanstalten — weit entfernt von der Unruhe und dem Lärm dieser wertlosen Berichte. Wir haben die Fundamente des Fried:•::; und der Zusammenarbeit mit sicherer und zklbewußtcr Hand gelegt. Wir haben mit den höchsten internationalen Körperschaften zusammengearbeitet und sie davon überzeugt, daß wir und sie eine gemeinsame Sache haben. Dasselbe internationale Tribunal, das die Politik für Palästina regelte, regelte sie auch für die Araber im besonderen. Große arabische Staaten sind in Mesopotamien, im Hedschas, in Transjordanien anerkannt worden. Dieser kleine Fleck Palästina ist kaum ein Zwanzigstel der Fläche dieser gewaltigem Linder, die leer und öde liegen, und nur auf diesem Fleck haben unsere besonderen Rechte und Ansprüche Anerkennung gefunden. Und selbst in Palästina haben wir mit der skrupulösesten Rücksicht nicht nur für die Rechte, sondern sogar für die Empfindlichkeiten der Araber gehandelt. Ich fordere jeden unvoreingenommenen Beobachter auf, zu vergleichen, was wir mit diesem kleinen, armen Land getan haben, und das, was in der gleichen Zeit mit den weiten, reichen Ebenen von Mesopotamten geschah. Wenn dieses gewaltige Land jemals aufgebaut werden wird, so wird es vielleicht* mir durch die freundschaftliche Zusammenarbeit von Juden und Arabern geschehen — das ist ein Schluß, der mit Naturnotwendigkeit aus diesen Tatsachen folgt. Die Araber brauchen trns genau so sehr, wie wir sie brauchen. Und wenn auch durch verantwortungslose Besucher zeitweilige Schwierigkeiten hervorgerufen werden können, unsere Schicksale sind zusammengeschmiedet, und zusammen werden wir, so hoffe ich, einen Teil der Erde auf- ’ bauen, der heute in Ruinen liegt. Von jenem Orte, an dem uns unser Schicksal ruft, werden wir uns nicht durch den Rat von Leuten ablenken lassen, die weder uns, noch unseren schöpferischen Willen, noch unseren Platz in der Weltwirtschaft verstehen. Wer hat diese Leute eingesetzt, daß sie Richter darüber sein sollen, was gut für uns ist, welches Land wir wählen sollen, welchen Weg wir einschlagen sollen, damit wir nicht eine egoistische Nation werden? Man sagt 1ms, es wäre besser für uns und würde aus viel Sorgen ersparen, wenn wir lieber nach Afrika gingen. Wir hätten wirklich gleich von vornherein dort bleiben können — in Aegypten — aber Moses glaubte irgendwie, es wäre besser, uns von dort wegzeführen. Das ist vielleicht Vdrtorlirtf aber Moses kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Ich י nehme mir die Freiheit zu zitieren, was ich einst in einem ähnlichen Zusammenhang zu Lord Balfour, damals noch Mr. Bai tour, sagte. Lange vor der Gewährung der Balfour-Deklaration fragte er mich einmal: ,,Doktor Weizmann, warum lehnten die Juden das Ugandaangcbot ab?“ Und ich erging mich in einer langen und ausführlichen Erläuterung. Dann aber fiel mir plötzlich ein, ihn zu fragen: ״Mr. Balfour, was würden Sie sagen, wenn Ihnen jemand Paris an Stelle von London anböte?“ Er fuhr zurück und antwortete: ״Aber London haben wir doch!“ Und meine Antwort war: ״Gewiß, und wir hatten Jerusalem, als London ein Sumpf war.“ Wir hatten Jerusalem, als London ein Sumpf war. Von Jerusalem aus gaben wir der Welt die Botschaft des ewigen Friedens. Diese Botschaft wurde verdunkelt. Sie wurde durch Ströme von Blut ausgewaschen, vielleicht atisgelöschf, dns andere vergossen haben, nicht wir. Diese Botschaft, dieses Jerusalem hat uns zu dem gemacht, was wir sind, lind wir werden dieses Erbe nirht auf den Wunsch von irgend jemand verleugnen. Diese Botschaft ist unsere Seele. Dieses Palästina ist unser Boden. Es wird noch ein jftdis. hes Recht, einen jüdischen Boden, ein jüdisches Volk, eine jüdische Sprache geben, aufgebaut zu einer unzerstörbaren Einheit. Da und dort in der Zerstreuung mag׳ einer verlorengehrn umJ abbröckeln, aber das Volk Israel wird standhaft bleiben im Angesichte der Schwierigkeiten, wie es einer alten Rasse ziemt, die einer gequälten Welt noch eine Botschaft zu bringen hat. Kampf gegen das Pro Palästina -Comite? Ein Rückblick auf das vergangene Kalenderjahr zeigt , uns, daß es kein gutes Jahr für das Judentum und daher auch nicht für den Zionismus war. Die abnormale Lage des jüdischen Volkes äußert sich überall und die dauernden Zuckungen des kranken Organismus sind in ihren Auswirkungen auch dort fühlbar, wo neues Leben gcschaffen werden soll, in Palästina. Der Zionismus versucht eine Lösung der Judenfrage, aber er selbst ist belastet mit dem Erbe der jahrhundertealten Krankheit. Viele Fehler, die im Zionismus und in Palästina gemacht wurden, und an denen wir im letzten Jahre zu leiden haben, sind eine natürliche Folge des abnormalen Zq- Standes des jüdischen Volkes. Nur allmählich wird jener Prozeß der Gesundung vor sich gehen können, von dem wir eine Rückwirkung auch auf das Galuth erhoffen. In stetem Auf und Ab vollzieht sich das Werk der Verwirklichung in Palästina, das wir Mitlebenden kaum, das nur spätere Zeiten vollgültig werden beurteilen können. Der Zionismus erfordert die unermüdliche Arbeit von Generationen eines aufbauender Gemeinschaftsarbeit entwöhnten Volkes. Er sucht eine Rettung aus einem die ganze Welt quälenden Problem, er will nieman dem schaden und niemanden stören, aber er bean- Sprucht auch, nicht gestört zu werden. Er weiß vielmehr, daß sein Werk der tätigen Sympathie der Besten aller Völker, die vor der Notwendigkeit einer Lösung des Judenproblems nicht die Augen verschließen, bedarf. Der Zionismus findet Freunde, die sein reines Streben verstehen und die auch begreifen, daß mit ihm, wie mit jedem großen Kulturwerk, Vorteile für andere verbunden sind. Diese Menschen, die dem Zionismus näherkomtnen, sehen vor sich ein werdendes Werk, eine lebendige Tat, eine politische Wirklichkeit, und sie bejahen dieses Werk; konkrete Arbeit ist es, die sie der Förderung für wert erachten, nicht aber fühlen sie sich berufen, Gesinnungen zu untersuchen. Das Pro Palästina-Komitee, das vor kurzem in Deutschland gegründet wurde, umfaßt deutsche Persönlichkeiten, die die zionistische Arbeit mit Interesse verfolgen* und moralisch unterstützen wollen. Dies, so sollte man meinen, geschieht niemandem zuleide. Aber bedauerlicherweise betrachtet ein Teil des deutschen Judentums, der sich selbst an Zionismus und Palästina nicht beteiligt, also logischerweise desinteressiert sein