Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 98 (14.12.1926)
- Date
- 1926-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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יייי Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. At1staR<Uab0Qflements werdet! in der Währung der einzeln«! Länder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephons Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis! 8 gespalLNonpareiUezeile 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,35 G.-M. Anzeigenschluß! Dienstag und Freitag ם sch mit tag 4 Uhr, Telephon: Bismarck 716570 ״. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für Oesterreich; Pottaparkaesenamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenarat Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen; Posisparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 98 | Berlin, 14. XII. 1926 ט׳ הכת* וזרפ״ז | xxxl Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk dli 1 Schaffung einer üffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.1* ״Jttdisdie Schieber“ und anonyme Schiebungen Vor einigen Wochen ging durch die linksgerichteten Zeitungen tn Deutschland die Nachricht, daß im größten Binnenhafen Deutschlands, in Duisburg-Ruhrort, auf Grund gefälschter Ausfuhrscheine Ruhrkohlen ins Ausland verschoben wurden. Dadurch wurde nicht nur der Staat um viele Millionen beschwindelt, sondern auch durch Erzeugung einer Kohlenverknappung im Inlande der Kohlenpreis wesentlich in die Höhe geschraubt. Die Summe der durch diese Schiebungen ins ״Verdienen“ gebrachten Goldmilllonen soll die Zahl Hundert erreicht haben. Zu bemerken ist, daß dieser ״Extraverdiensl“ um eine Zeit von den großen Kohlenproduzenten eingesackt wurde, da erwiesenermaßen die deutsche Kolilenindustrie infolge des englischen Kohlenarbeiter־ Streiks glatt eine halbe Goldmilliarde Mark verdient und dadurch den Profitentgang der Zeit vor dem englischen Streik reichlich wettgemacht hat. Das muß hervorgehoben werden, um darzutun, daß sich die Kohlenindustrie in und um Duisburg Im Moment der Verübung ihrer Schiebungen nicht in einer Notlage befunden hat. Die ersten Nachrichten von den Kohlcnvcrschiebungen in Duisburg, ziemlich dürftig gehalten, blieben auch die einzigen über diese Affäre. Auffallend war, daß keine Namen genannt wurden, wiewohl das für die Zeitungen den Entgang einer Sensation bedeutete, da es doch hieß, es seien erste Firmen und mächtige Konzerndirektoren in die Affäre verstrickt. Nun mag es ja erklärlich sein, warum den großen Insertionsorganen die Namen der an den Schiebungen Beteiligten ״unbekannt“ blieben; aber auch die ultralinken Blätter wußten nur die Uebeltat und rein gar nichts von den Uebeltätern zu melden. De Annahme Ist darum berechtigt, daß diese illustren Namen von den Behörden — Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten — absichtlich mit peinlichster Rigorosität geheimgehaltcn werden. Wenige Tage nach dem Auftauchen der ersten Nachrichten von den Schiebungen in Duisburg hatte ich im Rheinland zu tun und verblieb dort vierzehn Tage, ln dieser Zeit versuchte ich vergeblich, bei Personen verschiedenster Parteirichtungen *etwas Genaueres von der leidigen Sache zu erfahren. Vergebliche Mühe! Niemand wußte etwas zu f!g§ttfn/Sehtal# daß Dinge verborgen ׳Ätfim'/konneBi wenn 'W'■ aa»׳' ' iei«deti'׳ der' erttite “'״Wille zur Diskretion vorhanden ist, lind ich war einigermaßen befriedigt, daß in wirklich, ״wichtigen“ Fällen die Amtsstuben dicht gehalten werden können. Warum aber ist der Fall Duisburg ״wicht i g“? Diese Frage quälte mich ununterbrochen. Vielleicht darum, damit dem Sprichworte ״Große Diebe läßt man laufen, kleine hängt man“ wieder einmal Geltung verschafft werde? Eine derartige Ueberlegung erwies sich schon bei ihrem Auftauchen als absurd, denn ich erinnerte mich an die Fälle Barmat, Kutisker und den unschuldigen Haas in Magdeburg, Die Kompetenzen der Mandatskommission Wie uns aus Genf gemeldet wird, hat der Völkerbundsrat die Behandlung des letzten Berichts der Mandatskommission sowie der Frage der Kompetenzen der Mandatskommission bis zur nächsten Sitzung im März 1927 vertagt. Der Rat beschloß lediglich die Permanente Mandatskommission aufzufordern, auf Grund der Diskussionen in der vorigen Ratssitzung und der nunmehr vorliegenden Antworten sämtlicher Mandatarmächtc bezüglich der Erweiterung des Fragebogens zu den Berichten über die B- und C-Mandate nunmehr nochmals den ganzen Fragenkomplex zu überprüfen und der nächsten Sitzung des Völkerbundrates, die im März stattfinden wird, einen neuen Bericht auch über die Frage der Anhörung von Petitionären aus den Mandatsgebieten vorzulegen. Die Mandatskommission wird also jetzt mit Rücksicht auf die negative Haltung sämtlicher Mandatsmächtc neuerlich zu entscheiden haben, ob sie an ihren Forderungen festhält. Bekanntlich hat die Mandatskommission sich auf den Standpunkt gestellt, daß eine wirksame Ueberprüfung der Mandats- Verwaltungen nur dann möglich ist, wenn die Befugnisse der Kommission erweitert werden und ihr Insbesondere auch das Recht eingeräumt wird, in Ausnahmefällen, wenn sie es für nötig hält, Vertreter der Bevölkerungen der Mandatsgebiete anzuhören. Die Frage der Anhörung von Petitionären wurde bei der letzten Sitzung der Kommission vor allem durch die Delegation des Waad Leumi (palästinensischer Judenrat) aufgerollt, der an die Kommission das Ersuchen richtete, offiziell gehört zu werden. Damals hat die Kommission erwidert, sie könne dies nicht ohne Genehmigung des Rates tun, werde aber einen Antrag auf Erweiterung ihrer Kompetenz an den Rat stellen. Der Rat hat die Meinung der Mandatarmächte eingeholt, sämtliche Mandatarmachte haben sich negativ geäußert. Da nicht angenommen werden kann, daß der Völkerbundsrat einen Beschluß faßt, der im Gegensatz steht zum erklärten Willen der Mandatsmächte, so dürfte der Antrag der Kommission fallen. Durch die Vertagung zum März will man offenbar der Kommission die Möglichkeit geben, den aussichtslos gewordenen Antrag zurückzuziehen. Andererseits aber hat auch die Kommission sich auf ihren Standpunkt, daß die ihr zugeteilte Funktion ohne die Erweiterung ihrer Kompetenzen sinnlos Ist, festgelegt, so daß keineswegs sicher ist, daß die Sache jetzt reibungslos begraben werden wird. bei denen die Rollenträger allesamt keine kleinen Schächer, sondern große Geschäftsleute waren. Also kann der vorhandene oder vermeintliche Wohlstand der Schuldigen oder für schuldig Gehaltenen kein zureichender Grund für die Geheimhaltung ihrer Namen sein! Der Grund für dieses diskrete Verhalten, das im übrigen vor der restlosen Klärung der Angelegenheit durch ein unparteiisches Gericht nur ganz in der Ordnung ist, muß also, da es diesmal so strikt beobachtet wird und leider eine Ausnahmeerscheinung darstellt, in einem Merkmal bestehen, das nicht vollständig mit dem Begriff ״Große Diebe usw.“ umschrieben werden kann. Zieht man nun in Betracht, daß die Schwerindustrie ganz judenrein ist, und daß ihre Träger zu den vornehmsten Repräsentanten rechtsgerichteter Weltanschauung gehören, so hat man vielleicht den Schlüssel zur Lösung der ungewohnten Geheimhaltung des Falles Duisburg gefunden. Und man muß sich wohl an eine derartige Erklärung halten, denn die Tat- Sache der Kohlenverschiebung als solcher ist bekannt und ein Hinweis auf mögliches peinliches Aufsehen im Auslande wäre durchaus hinfällig, da dem Ausland wohl die eigentümlichen Praktiken der Kohlenbarone interessanter erscheinen als die Namen der Praktiker. Man kann somit, ohne sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, sagen, daß die zarte Rücksicht in der Schieberaffäre Duisburg auf den Umstand zurückzuführen ist, daß die Herren Schieber gut nichtjüdisch sind. Damit ist etwa nicht der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß fortan bei der Aufdeckung einer neuen Schieberaffäre, bei der die Hauptakteure Juden sind, gleiche diskrete Rücksicht geübt werden soll. Keineswegs! Wir wollen nur bemerken, daß Schiebung Schiebung bleibt, mag der Schieber Herr Wilhelm Nichtjude oder Herr Abraham Jude heißen, und daß es dem allgemeinen Rechtsbewußtsein abträglich ist, wenn man bei Schiebungen den Stammbaum auf die Wagschale legt. Gerade im Kohlenindustriegebiet sollte man in dieser Hinsicht vorsichtig sein. Wenn ein jüdischer, zumal ein ostjüdischer, Kaufmann in Bochum, Mühlheim oder Oelsenkirchen einen säumigen Schuldner verklagt und bei dieser Gelegenheit. fwdent, .yrlrd»״ d*!, 4®L.fGuftp|fMj_ Pq|fjw%r|, g<5- ״ liefert und Wucherpreise berechnet hat, dann stff ihr" seiend' wie es ira ganzen Blätterwald des Ruhrgebiets rauscht und heult! Wenn aber hochmögende Kohlenmagnaten, denen soeben durch den englischen Kohlenstreik eine halbe Milliarde unverhofft in den Schoß gefallen ist, durch Betrug den Staat um viele Millionen schädigen, dann herrscht weit und breit Böcklinsches Schweigen im Blätterwald. Wobei zu bemerken ist, daß es sich im Falle* des kleinen jüdischen Händlers um einen armen Teufel handelt, der von der Not gepeitscht wird, und bei den Kohlenschiebern in Duisburg um die reichsten Leute in Deutschland. M. W. Die Wahlen in Tel Awiw Jerusalem, 10. Dezember. (J.T.A.) Es liegt jetzt das Gesamtresultat der Wahlen zum Stadtrat von Tel-Awiw vor. 7500 Wähler haben gestimmt. Die Hausbesitzer, die etwa 2000 Wähler zählen würden, enthielten sich der Abstimmung. Der neue Stadtrat besteht aus 14 Arbeitervertretern, 7 Vertretern des Vereins der Juden aus Polen, 5 Zionisten-Revisionisten, 4 Orthodoxen, 4 Vertretern des Zentrums, 3 Vertretern der Mieterorganisation und zwei Poale Zionisten. Die Palästina-Anleihe im Unterhaus London, 10. Dezember. (J. T. A.) Im Unterhaus wurde heute in der Koramissionsberatung die Vorlage, betreffend die Anleihe der Palästina-Regierung unter englischer Garantie, in dritter Lesung angenommen. Der Minister für die Kolonien, Mr. Amery, hielt eine Ansprache, in der er erklärte, er akzeptiere die ihm von der Fraktion der Labour-Party gestellte Bedingung, daß diejenigen öffentlichen , Arbeiten, die mit dem Gelde der Anleihe durchgeführ# werden, unter guten Arbeitsbedingungen vor sich zu gehen haben, und zwar in der Weise, daß eine Beschäftigung jüdischer Arbeiter in weitem Umfange ermöglicht werde. ״Habimah“ in New York New York, 3. Dezember. (J.T.A.) Das Moskauer hebräische Theater-Ensemble ״Habimah“ ist gestern hier eingetroffen und wird in New York und in anderen amerikanischen Städten Gastspiele geben. Die Mitglieder des Ensetnbles wurden von den Einwanderungsbehörden zunächst am Betreten des Landes gehindert. Nach Unterschrift eines Reverses, daß sie das Land innerhalb einer bestimmten Frist verlassen werden, wurde ihnen die Landung gestattet, ln der amerikanischen Oeffentlichkeit sieht tnan den Veranstaltungen der ״Habimah“ mit großem Interesse entgegen. Der Direktor des Departements für Altertümer der palästinensischen Regierung, der bekannte Archäologe Professor Garstang, ist von seinem Posten zurückgetreten. Theorie und Wirklichkeit Von Adolf Böhm. Die Krise in Palästina hat naturgemäß eine Flut von Diskussionen und Vorschlägen hervorgerufen. Da der Mittelstand der vierten Alijah die Signatur gegeben hat, so ist es besonders interessant zu hören, was ein Verfechter der Mittelstandsimmigration zu der Krise zu sagen hat. Gg. Le vite, ein Führer der ״Eth liwnoth“ hat sich kürzlich (19. November) in einem Artikel im ״Haint“ unter dem Titel ,,Theorie und Wirklichkeit“ über die Krise geäußert. Lcvite klagt zunächst darüber, daß Palästina auf die große Immigration nicht vorbereitet war, daß cs keine Agrar-Industrie- und Hypothekenbank gab, keine Möglichkeit, kleine Bodenflächen, Wirtschaften usw. zu erwerben. Dadurch, sowie durch die Wirtschaftskrise in Polen und die Unruhen in Syrien ist die Krise der ״elementaren und chaotischen“ Immigration gekommen, ״die von der Zionistischen Organisation in Polen nicht unterstützt und nicht geführt wurde — sie ging aus eigener Initiative — und die leider in Palästina gar keinen Schutz und keine Hilfe fand“. Trotzdem: eine Massenimmigration sei nötig, und es müssen die nötigen Institutionen geschaffen werden. ״Leider haben unsere leitenden Institutionen und Faktoren an eine Masseneinwanderung■ nicht geglaubt und verhielten sich mißtrauisch und unwillig zu der Privatinitiative. Und doch habe diese Großes geleistet, es wurden Tausende von Häusern gebaut, 250 000 Dunam Boden erworben, neue Kolonien von bürgerlichen Eiementen gegründet, es entstanden Fabriken, Stadtviertel usw. 15 000 Arbeiter sind in Privatbetrieben beschäftigt, 5000 in privaten Kolonien und nur 3000 wurden mit Hilfe der Fonds angesiedelt. Die Kolonisation des Keren Hajessod muß weitergeführt werden, aber dadurch können höchstens einige hunderte Familien angesetzt werden; da wir jedoch eine Einwanderung von 30000 bis' 40 000 ■״Seaiei ^■ppar-fttW״. 'brtweheh5**-'»111:׳*־ii««l׳״׳%ir :• alle Bedingungen dafür schaffen, daß die Privatinitiative in Palästina reüssieren kann. Soweit der Artikel Levites. Er enthält zum Teil innerparteiliche Auseinandersetzungen, mit denen ich mich hier nicht beschäftigen will. Ob nach der heftigen Agitation für die Mittelstandseinwanderung und die Privatinitiative von ״Eth liwnoth“ diese Gruppe der Zionisten Polens wirklich für die ״chaotische“ iinmigration nicht verantwortlich ist, bleibe unerörtert, ebenso die Frage der Schuld der Gesamtorganisation — in der ja die Führer von ״Etli liwnoth“ eine wichtige Rolle spielen —- an dem Mangel an Kreditinstituten in Palästina. Die Anstrengungen Weizmanns, Halperns, Ruppins u. a. in Amerika, um die Palestine Investment Corporation zustande zu bringen, sind ja bekannt, ebenso, daß es nicht ihre Schuld ist, daß sie noch nicht funktioniert. Wenn aber Levitc von den ״Theoretikern und Romantikern“, den ״verbissenen Feinden der bürgerliehen und kleinbürgerlichen Kolonisation“ spricht — womit wahrscheinlich die Gruppe ״Al Hamischtnar“ gemeint ist, die den Standpunkt vertritt, daß Palästina heute noch nicht reif ist für eine Massenimmigration auf privatwirtschaftlicher Grundlage — so ist das nicht mehr bloßer Parteikampf, sondern rührt an die Grund- Vorstellungen über die ökonomischen Möglichkeiten Palästinas. Und diesbezüglich geht aus dem Artikel Levites klar hervor, daß er der Meinung ist, daß, bei genügender Unterstützung durch Kreditinstitutionen, eine Einwanderung von 30—40 000 Juden per Jahr auf Grund der ״Privatinitiative“ möglich sei! Denn die paar hundert Familien, die nach Levite im besten Fall durch die Fonds angesiedelt werden können, spielen ja bei obiger Gesamtziffer keine Rolle. Man sollte glauben, daß die Führer der Gruppe ״Eth liwnoth“, angesichts der furchtbaren, durch die ״chaotische“ Immigration hervorgerufene Krise, deren Ursachen ein wenig schärfer analysieren und die Massen vor falscher Einstellung warnen würden. Statt dessen hören wir, daß nur der Mangel an Institutionen und einer entsprechenden Organisation daran schuld sei, wenn nicht 30—40 000 Juden per Jahr auf privatwirtschaftlicher Grundlage in Palästina festgesetzt werden können! Muß das nicht von neuem falsche Vorstellungen erwecken und zu neuen Krisen führen, die verhindert werden könnten, wenn die verantwortlichen Leiter der Bewegung keine falschen Hoffnungen erwecken, sondern lieber die sehr u n - populären Wahrheiten über Palästina verbreiten würden? Zunächst muß festgestellt werden, daß es nicht angeht, für die Krise bloß den Umschwung in Polen und den Aufruhr in Syrien verantwortlich zu machen. Dies waren lediglich die auslösenden Momente, welche die wahnwitzige Spekulation und die unver-