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Jüdische Rundschau · 1926-12-07 · Heft 96 (7.12.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 96 (7.12.1926)
Date
1926-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 0£S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestraße 10, Erscheint )«den Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Ansleads&boanemenU werden 10 der Wihnraö der einzelnen Linder berechnet. Anzeigen-Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H,, Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. A0zeig#ßprei»18geapeJtJ'lonpareiliezeÜeO.ÄOCL-M, Stellengesuche 0,25 G.־M. Anzeigenschluß; Dienstag und Freitag nachmittag i Uhr. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für Oesterreich! PosUparkassenamt Wien, Konto Nr. I56 03Ö. Für Tschechoslowakei: PosUparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 96 | Berlin, 7. XII. 1926 ב׳ טבת׳ סרס״ז | xxxi. Jakrg. Der Zionismus erstrebt fUr das illdlsctie Volk die Schaffung einar «flsntlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.•« Die Palästina-Anleihe im Unterhaus London, 3. Dezember. (J. T. A.) Wie schon mitgeteilt, hat der Minister für die Kolonien, Araery, gestern dem Unterhaus eine Resolution unterbreitet, in der vorgeschlagcn wird, die Finanzkammer zu ermächtigen, die Garantie für eine Anleihe zu übernehmen, die von der Palästina- Regierung in der Höhe von •P/- Millionen Pfund aufgenommen werden soll. Die Vorlage stand bekanntlich schon am 21. Juli im Kommissions-Stadium zur Verhandlung. Nunmehr gelangte sie nach längerer Debatte zur Annahme. Als erster ergriff der Arbeiierparfeiler Ifugh Dal ton das Wort, der ausfiihrtc, durch die Uebernahme der Garantie dieser Anleihe wird nicht so sehr Palästina als England geholfen; denn aus dem Ertrag dieser Anleihe sollen zunächst die Steuerzahler dieses Landes 1 500 030 Pfund zurückerhalten, auch sonst dient der Ertrag der Anleihe zur Tilgung früherer Verpflichtungen. Ebensogut könnten wir Frankreich eine Anleihe gewähren unter der Bedingung, daß alle Einkünfte an uns zurückfließen. Es lohnt sich natürlich, eine Garantie für eine Anleihe zu übernehmen, deren Ertrag uns zugute kommt. Höchstens werden aus dieser Anleihe I 500 OCO Pfund dazu verwendet werden, um Palästina wirklich ZU entwickeln und besonders den Hafenbau und die Erweiserung des Eisenbahnnetzes zu unterstützen. Wir von der Arbeiterpartei, fuhr der Redner fort, haben das zionistisehe Experiment als ein starkes und hoffnungs volles stets unterstützt, wir werden auch weiterhin nie etwas unternehmen, was Palästi 1a hindern könnte, die zum Leben und zur Entwicklung nötigen Kapitalien zu erhalten. Der Konservative Sir Frederic Wise versuchte nachzuweisen, daß die britische Produktion nicht viel Eingang in Palästina gefunden hat. Vergleicht man den Handelsverkehr zwischen England und Palästina, so kommt England ziemlich schlecht weg. Kenworthy für aktive Mandatspolitik Als dritter ergriff Com. Kenworthy das Wort. Es war dies seine erste Rede im Unterhaus nach seiner Wiederwähl. Er drückte seine Verwunderung über di ג Rede Sir;Frederic Wise aus, dessen Parte• ja b2h»üp|i^|ff§ sei «JaS Äreteh nach möglichster Entwicklung des British Empire. In dem Augenblick aber, da die Regierung einen Plan zur Entwicklung eines Mandatslandes vorliegt, kommt ein verletzender Angriff. Die Patrioten, die zu den Wahlzeiten sich so sehr um das British Empire und die Union Jack besorgt zeigen, ziehen es vor, ihr G;ld zu 8 Prozent Deutschland zu geben, schrecken aber davor zurück, irgendwelche Kapitalien in denjenigen Territorien anzulegen, die mit einem solchen Aufwand von Blut und Opfern von Groß-Britannien erobert worden sind. Seit derWiedereroberung Palästinas haben die Juden mehr als 10 Millionen Pfund nach Palästina gebracht. Diese Summe setzt sich aus kleinen Beträgen der armen Leute aus den osteuropäischen Ghettos zusammen. Es wurde zur Errichtung von Hospitälern und Schulen und zur Ausführung von öffentlichen Arbeiten verwandt. Von der Anleihe, die heute zur Verhand-!urig steht, fließt kein Penny in d ie z i o n i s t i - sehen Fonds. Es ist barer Unsinn, wenn eine gewisse antisemitische Presse behauptet, alle diese Millionen gehen für das jüdische Palästina. (Gemeint ist ״Daily Express“, der einige Tage vor der Verhandlung der Palästina-Anleihe einen scharfen antizionistischen Angriff brachte und gegen die Palästina-Anleihe auftrat, weil sie die Zionisten unterstütze. — A. d. Red.) Die Zionisten bringen selbst die notwendigen Kapitalien auf. Sie vollbringen ein ans Wunderbare grenzendes Werk und erhalten von uns keinen Penny. Ich möchte an das Wort von Sir Alfred Mond erinnern, der gesagt hat, er habe in Palästina keine Spuren britischer Unternehmungen vvalirgenommen. Kenworthy stellte fest, daß der palästinensische Handel aussichtsreich sei, der Hafen von Haifa werde einer der bedeutendsten im Nahen Osten sein. Die meisten Schiffe aber, die diesen Hafen anlaufen, sind britische Schiffe. Kenworthy protestierte dagegen, daß das Kolonialamt die Palästina-Anleihe mit den afrikanischen Anleihen verbunden hat. Das sei unfair. Wenn wir so an die Behandlung des Budgets des Kolonialamtes gehen, bringen alle Pioniere aus Westafrika und Ostafrika ihre Angelegenheiten vor, und Palästina bleibt vollkommen im Hinlergrutide.! Tun wir wirklich alles, um die Besiedlung Palästinas zu ermutigen? fragte Kenworthy weiter, (n jedem anderen Mandatsland haben wir Maßnahmen getroffen, um Siedler heranzuziehen, denen wir günstige Siedlungsbcdingungen machten. Einzig in Palästina tun wir nichts, und dort muß das ganze zur Siedlung notwendige Land im offenen Markte teuer gekauft werden. Die Bodenpreise steigen. Und dennoch gibt es Landflächen, die der neuen Siedlung verfügbar gemacht werden können: die Kronländereien. Wird endlich die Regierung dafür so׳veu, daß dem Unfug der Landspekulation in Palästina entgegengearbeitet wird? Es besteht »b״r noch eine andere Cbfahr: die Bolschewistenregierung bietet der jüdischen Bevölkerung freies S'cdlungsland in der Krim an; sie gibt auch noch 5'ed'ungskapital dazu. Ich glaube zwar nicht, daß diese Al Fon dem Palästina-Werk schad 11׳ könnte, da ja das i"d!scl:e Streben narb Palästina zu stark ist, ich möchte •ber dura betonen, daß die Aktion der russischen Regierung itt einem solchen Kontrast zu dem Handeln der britischen Regierung in Palästina sieht, daß immernin für die zionistischen Bemühungen in Palästina eine unbehagliche Situation entsteht. Der den jüdischen Siedlern gegebene Boden der Krim ist nicht irgendwelchen früheren | Eigentümern weggenommen worden, sondern es handelt sich um Staatsboden. Auch der Boden, den die britische Regierung in Palästina hat, ist früherer türkischer Staatsboden, der von Arabern okkupiert worden ist, die, ohne Kapital und ohne Erfahrung unfähig sind, den Boden zu kultivieren. Ich hoffe, daß der Herr Unterstaatssekretär uns heute mitfeikn wird, daß das Kolonialamt nunmehr bemüht ist, den Juden mehr Land zur Verfügung zu stellen. Ich lade ihn ztt dieser mutigen Erklärung ein. Major Glyn (Konservativ) wies darauf hin, daß von der Anleihesumme ja 1 115000 Pfund für den Hafenbau in Haifa und anderen Hafenverbesserungen verwendet werden sollen; dies würde dem ganzen Lande, und also auch den Arabern, zugute kommen. Die Rede Ortnsby-Gores Der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Mr. Ormsby* Gore, führte unter großer Aufmerksamkeit des Hauses folgendes aus: Der Jude in Palästina bevorzugt die modernen landwirtschaftlichen Methoden. Er wendet bei der Kultivierung des Landes alle wissenschaftlichen Errungenschaften an. Auch der Araber, der viel altmodischer und primitiver ist, lernt ziemlich schnell von den Juden und beginnt allmählich auch mit der Anwendung moderner Methoden. Ein Wort über die Balfour-Deklaration: Ueber die Politik ist nichts Neues zu sagen. Es Ist keine Aenderung in der Politik der Regierung, die von den letzten vier Regierungen befolgt worden ist, eingetreten. Die Baifour-Deklaration bleibt. Wir versuchen, den Juden wie den Arabern in gleicher Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wir wissen, daß das Bodenproblem durchaus kein leicht zu lösendes sei. Der Umstand, daß in der letzten Zeit keinerlei Unruhe hn Lande vorgekommen ist, ist der Zusammenarbeit zwischen der Re- Die britische Politik im Lande ist durch die Umstände gerechtfertigt worden. Das Land, von dem vor wenigen Jahren noch viele Leute geglaubt haben, daß es stets ein Passivum bleiben werde, hat sich als ein wertvolles Aktivum in der Handelspolitik erwiesen. Wohl wenige Personen hätten vor ein paar Jahren der Vorstellung Glauben sciienken können, daß wir heute einen Einnahiuenüberschuß von mehr als einer Million Pfund Sterling über die Ausgaben würden feststellen können, und daß Palästina schon heute so weit sein werde, eine Anleihe aufzunehmen und Schulden abzuzahlen. Die Zahlen, die Sir Frederic Wise angeführt hat, sind irreführend. Die meiste palästinensische Einfuhr ist notwendigerweise ägyptisch. Das einzige, was Groß-Britannien beitragen kann, sind die Mittel für den Hafenausbau. Wenn wir die Ausgestaltung der Häfen schaffen können, sagen wir von zwei Häfen, so wird das Land einer glänzenden wirtschaftlichen Zukunft entgegensteuern. Das ist meine Ueberzeugung. Es ist ein Land wachsenden Reichtums, die Menschen sind friedlich. Die gleichmäßige Politik der aufeinanderfolgenden britischen Regierungen, eine Politik, die ungeachtet der Reden vieler Verleumder und Kritiker aufrechterhalten worden ist, hat diese Entwicklung schaffen können. Es sprach noch der Kommunist S a k 1 a t v a 1 a, der von einer Benachteiligung des arabischen Elements sprach und der Befürchtung Ausdruck gab, daß die jüdischen Kapitalisten den Arabern das Land werden wegnehmen wollen. Weizmann bei Dawes and Keüog New York, 5. Dezember. (J. T. A.) Der Vize- Präsident der Vereinigten Staaten, D a w e s, empfing am 3. d. M. den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chajm Weizmann, und hatte mit ihm eine längere Unterredung. Später wurde Dr. Weizmann auch von dem Staatssekretär des Aeußern, Kellog, empfangen. _ Die BtInpisse der Mandatskommission Genf, 5. Dezember. (J. T. A.) Die französische Regierung und die Regierung Südafrikas haben dem Völkerbund Noten überreicht, in denen gegen die Forderung der Mandatskommission des Völkerbundes, Petitionäre aus den Mandatsgebieten direkt anzuhören sowie gegen den neuen, erweiterten Fragebogen der Kornmission Steilung genommen wird. Die erwähnten Regierungen lehnen diese Forderungen der Mandatskommission entschieden ab. (Bekanntlich hat die englische Regierung bereits früher eine derartige Note in Genf überreicht. A. d. R.) Die dritte Histadruth- Konferenz ii Palästina Die Exekutive der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina hat die Wahlen zur dritten Konferenz der Histadruth für den 10. Dezember anberaumt. (Die zweite Konferenz der Histadruth fand Anfang 1023 statt, die erste zu Chanukkah 1920.) Rundschau Die Palästina-Anleihe — Konsolidierung und Neu- Kolonisation — Ein Artikel des Berliner Tageblatts — Die Vorgänge in Rumänien — Die Münchener Universitätsfeier RW, Berlin, 5. November. Die Debatte über die englische Garantie für die Anleihe der P a 1 ä s t i n a r c g i e r u n g, die im Unterhaus stattgefunden hat, zeigte die veränderte Situation, die heute dank der Arbeit der letzten Jahre für den Zionismus bestellt. Wie noch erinnerlieh, war vor vier Jahren der Zionismus in England außerordentlich unpopulär und mächtige Presse-Trusts führten eine antizionistische Agitation, indem sie an die leicht erregbaren Instinkte des englischen Steuer- Zahlers appellierten. Der englische Steuerzahler, hieß cs, soll lierhalten, um ein kostspieliges Experiment zugunsten der Juden zu finanzieren. Heute ist die Lage ganz anders. Das Budget der Palästinaregierung hat im letzten Jahre einen beträchtlichen Ueberschuß aufgewiesen, und von der Anleihe, die das Land jetzt auf* nimmt und deren Tilgungsdienst aus den Einkünften des Landes bestritten wird, soll ein großer Teil als Rückzahlung der Vorschüsse in die britische Staatskasse fließen. Mit schöner Naivität sagte ein Redner in der Unterhausdebatte, er würde mit Vergnügen stets für Anleihen an andere Länder eintreten, wenn das Geld in die britische Staatskasse zurückflösse, wie im vorliegenden Falle, Diese Sachlage sichert uns in der öffentlichen Meinung Englands eine viel günstigere Aufnähme. Etwas ganz anderes aber ist die Frage, ob es wirklich eine gute Finanzpolitik ist, den Hauptteil einer derartigen Anleihe nicht zur Erschließung des Landes zu verwenden, sondern zur Rückzahlung von Schulden, um so mehr, wenn der Gläubiger die Mandatarmacht Ist, die völkerrechtlich für die Entwicklung des ויו nähme der notwendigen Arbeiten werden die Bedinguhgen für das ökonomische Leben so verbessert sein, daß auch die Palästinaregierung eine erhebliche Steigerung der Einkünfte zu erwarten hätte. Aus diesen Einkünften später die alten Schulden zurückzuzahlen, wäre eine bessere und weiterblickende Politik als durch unproduktive Festlegung der Anleihe selbst die Chancen der Entwicklung des Landes zu verschlechtern. Vielleicht sind die Engländer der Ansicht, daß die Er- Schließung des Landes ohnedies von den Zionisten finanziert werden wird, so daß trotz der Rückbehaltung der Anleihegelder der Aufschwung des Landes und die künftigen Revenuen keine Einbuße erleiden werden. Es hätte sich also das Verhältnis jetzt umgekehrt: Nicht der englische Steuerzahler zahlt für die Juden, sondern der zionistische Steuerzahler erleichtert die Lasten der englischen Staatskasse. Wir wollen die Frage nicht aufwerfen, ob diese Rechnung ״fair“ ist, aber sie scheint uns in höchstem Maße unpraktisch. Denn die allgemeinen Erschließungsarbeiten des Landes, für die im allgemeinen Länder Anleihen dieser Art aufnehmen, können von den Juden nicht durchgeführt werden, zumindest nicht so leicht und planmäßig wie von der Regierung. Es wäre also erforderlich, die Frage der Verwendung der Anleihe im Interesse des ganzen Landes nochmals aufzurollen. Aus der Debatte ist besonders die Rede von Keilworthy bemerkenswert, der darauf hinwies, daß die Regierung viele Bestimmungen des Mandates bisher nicht erfüllt hat, vor allem in der Frage der Staatsländereien den gerechten Forderungen der Juden nicht entgegenkommt. Das energische Eintreten Kenworthys wird ebenso wie das Auftreten Wedgwoods dazu beitragen, über die wahre Lage in Palästina in England Aufklärung zu verbreiten. Die Forderungen, die von der zionistischen Exekutive zuletzt in ihrer Eingabe an die Mandatskommission des Völkerbundes erhoben worden sind, werden von diesen linksstehenden englischen Politikern als voll berechtigt anerkannt. Durch das vor einiger Zeit geschaffene parlamentarische Komitee der Freunde <i e s Zionismus ist endlich ein Instrument gegeben, um systematisch auf die Aufklärung und Gewinnung der englischen öffentlichen Meinung und insbesondere der Mitglieder des Unterhauses hinzuwirken. Die heutige Lage in Palästina erfordert eine weitausschauende, aktive Haltung der Regierung. England hat sonst stets verstanden, Politik auf lange Sicht zu machen. Es kann auch in unserem Falle nicht übersehen, wo die wahren Chancen für das Land Hegen. * Die zionistische Exekutive ist in einer bc-onders schwierigen Lage angesichts der eher zuals abnehmen-

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