Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 95 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark, AntlandtabonneinettU werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b. EL, Berlin W15, Meinekcstr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Ao1eigeopreia18gef.palt.Nonparcillexeile0^0G.־M Stellengesuche 0*25 G.-f*L Anzeigenschluß: Dienstag and Freitag nachmittag 4 Uhr• Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17$12■ Für Oggterratch; Poataparkaasenamt Wien. Konto Nr. 156 03k Für T schechoslowakei: Postsparkassenamt Frag, Konto Nr. 59 4Kt Für Polent Postsparkateeaamt Warwdhau, Konto Nr. 190 708. Red'aktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 95 | Berlin, 3. XII. 1926 כ״ז כס<ו׳> חית״ז | xxxi. Jahrg. Dev Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer dffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.1* Von Jahr zu Jahr Ist uns das Makkabäerfest Anlaß zur Ueberprüfung unserer eigenen Situation. Der Oedanke der ationalen Renaissance, der einst die großen Kämpfe der Makkabäer beseelte, hat in unseren Tagen durch den Zioiiismus seine Auferstehung erlebt. Nach Jahrhunderten äußerer und innerer Knechtschaft, nach einem Jahrhundert der Assimilation, das Verheerungen in der Seele des Volkes anrichtete, haben die Juden sich auf sich selbst besonnen, den Mut zu sich selbst wiedergefunden. Die Erkenntnis, daß wir Juden ein Volk sind und daß, wenn unser Leben in der Gemeinschaft der Völker erträglich gestaltet werden soll, dieses Volk eine Heimstätte haben muß, hat sich im Zionismu? verbunden mit dem Willen, dieses nationale Zentrum aufzubaueu und an dieses Werk die besten Kräfte des heutigen Judentums zu wenden. Wir übersehen nicht die gewaltigen Unterschiede zwischen, der Situation unserer jüdischen Generation und der des jüdischen Volkes der Makkabäerzeit. Damals saß das Volk im eigenen Lande, die Kette der unmittelbaren geistigen und loka'en Tradition־ war nicht unterbrochen, ein Unterdrücker von außerhalb hatte das Land unterworfen und wollte dis Volk zwingen, seine nationale Kultur und seinen Gott' zu verlassen. Viele gingen den Weg des geringeren Widerstandes, zumal die glänzende Kultur, die weltliche Pracht des Hellenismus gewaltig lockte; aber in einem Teile des Volkes lebte die Strenge des Wüsten- und Gebirgsbewohners ungemindert fort, sie ward zum verzehrenden Feuer des Enthusiasmus für den freien Geist des eigenen Volkstums. Darum erhob sich der treugebliebene Kern des Volkes, ungeachtet aller Bedenken und Berechnungen über die Uebermacht des Gegners, und befreite das Land. Unsere Aufgabe ist vielleicht noch schwerer als die der Makkabäer. Denn der bewaffnete Aufstand einer kleinen Schar gegen eine große Macht mag eine Tat größten Heldenmutes sein, ist aber nichts einzig Dastehendes in der Geschichte. Was wir heute unternehmen, dafür gibt es kaum ein Beispiel. Wir wissen, wir müssen unser Volk befreien, und können es nur durch die Verbindung mit der eigenen Erde, die ihm durch zweitausend Jahre entrissen war und doch seinem Herzen so nahe ist, als sei es gestern von dort geschieden. Wir haben das Volk erst in das Land zu bringen, in langsamer, tausendfach komplizierter Wanderung. Die Makkabäer hatten einen Kampf auf Leben und Tod zu führen, aber sie konnten in einem Zustand größter seelischer Erhebutig, in einem Rausch der Begeisterung, eine schnelle Entscheidung herbeiführen. Wir hingegen müssen ein Werk beginnen, das Jahrzehnte dauern wird, bei dem die tägliche mühselige und gar nicht heroisch empfundene Arbeit des Grabens und Bauens oft den Arm ermüdet sinken läßt, das Ende der Mühen nicht in naher Sicht Ist. Die Kraft der Waffen konnte den Makkabäern schnell den Sieg verleihen. Was uns den Sieg verleihen kann, ist die Kraft der tief eingewurzelten, nicht ermüdenden, gläubigen Liebe. Werden wir diese Kraft aus uns ausströmen können? Unsere Aufgabe ist schwerer als die der Makkabäer. Was uns mit den Makkabäern verbindet, ist der Glaube an den Sieg. Die Kraft des Glaubens — diese allein kann ein Werk von den Dimensionen des zionistischen Un'emehmens zu Ende führen. Der Zionismus hat in den letzten Jahren verschiedene Wandlungen und Erschütterungen durchgemacht. Aeußere Erfolge haben ihm viele Anhänger zugeführt, die aber, wenn die Situation schwierig Ist, wenn wir auf Hindernisse stoßen und Mißerfolge zu verzeichnen haben, ebenso schnell bereit sind, die Hoffnung aufzugeben. Wer sich aber auf die Makkabäer beruft, der muß wissen, daß gerade in den Zeiten der Bedrängnis und der äußeren Mißerfolge der Glaube an den endlichen Sieg die entscheidende Macht ist. Darum mögen alle Juden beim Leuchten der Chanukkah- Lichter der Lehre alter Zeiten, der Lehre unserer Geschichte eingedenk sein. UeberfüIIte Versammlungen in Frankfurt, Köln und Essen. — Ausgezeichnete Ergebnisse für den Keren Hajessod. Der Präsident der zionistischen Exekutive, Herr Nahum Spkolow, hat sich vor seiner Abreise nach London noch einmal der zionistischen Arbeit in Deutsch'andd und der Aktion des Keren Hajessod zur Verfügung gestellt Herr Sokolow besuchte mehrere Städte Westdeutschlands und war auf dieser Reise von dem Leiter der Keren Hajessod-Arbeit in Deutsch- Jand, Herrn Alfred Berger, begleitet. Für die Zionisten Rheinlands und Westfalens waren die Tage mit Sokolow wirkliche Festtage. Der Empfang, der dem Gast bereitet wurde, zeugte von der außerordentlichen Verehrung, die unsere zionistischen Freunde überall dem Führer entgegenbringen. Die Veranstaltungen waren sämtlich überfüllt, obwohl überall nur organisierte Zionisten ein geladen waren. In allen drei Orten konnten Hunderte, die sich zu spät gemeldet hatten, nicht mehr zugelassen werden. Die Aktion für den Keren Hajessod verlief demgemäß außerordentlich erfolgreich. Das Ergebnis der sofort abgegebenen Zeichnungen war sehr günstig. Die Zionisten dieser Orte zeigten sich ihrer Pflicht bewußt, und haben es nicht nur bei Dankesworten bewenden lassen. Das Gefühl für die entscheidende Bedeutung des Keren Hajessod ist In Herz und Hirn unserer Zionisten neu verankert und befestigt worden. Donnerstag, den 25. November, traf Sokolow mit seiner Begleitung in Frankfurt a. M. ein, schon auf dem Bahnhof begrüßt vom Vorstand der Ortsgruppe. Am selben Abend fand im Festsaal des Frankfurter Hofs eine Festveranstaltung statt, zu der die Ortsgruppe eingeladen hat. Der Saal war überfüllt. Zahlreiche Zionisten aus der näheren und weiteren Umgebung Frankfurts waren erschienen. Nach den Begrüßungsworten des Vorsitzenden der Ortsgruppe, Herrn Ingenieur Grünstein, sprach namens des Rabbinats und gleichzeitig für die Ortsgruppe des Misrachi außerordentlieh eindrucksvoll Herr Rabbiner Hoff mann. Di« dann folgenden Ausführungen des Herrn Sokolow wurden mit außerordentlichem Beifall aufgenommen. Herr Dr. Schloß machte den Appell für den Keren Hajessod, welcher besonders wirkungsvoll durch eine Rede von Professor Franz Oppenheimer unterstützt wurde, die die Versammlung zu immer erneuten Beifallsstürmen ljinriß. Es wurden am gleichen Abend über 35 000 M. gezeichnet. Die Aktion wird in den nächsten Tagen fortgesetzt. Freitag erfolgte die Abreise nach Köln. In der alten Synagoge in der Glockengasse fand am Sonnabend Vormittag ein feierlicher Festgottesdienst statt, in dem Sokolow ganz besonders geehrt wurde. Die Predigt von Rabbiner Dr. Rosenthal wurde in feinsinniger Weise der Persönlichkeit unseres Führers gerecht Nachmittags fand im ״Hotel Disch“ eine von der Kölner Zionistischen Vereinigung vorbereitete Pressekonferenz statt, zu der der ״Verein Kölner Presse“ fast vollzählig erschienen war. Nicht nur die in Köln erscheinenden Tages- Zeitungen, auch die in Köln tätigen Vertreter der a us w ä r t i - gei! Presse nahmen an dem Presseempfang teil. Aus den bei Abfassung dies» Berichte vorliegenden Aeußerungen der Kölner Presse ist ersichtlich, welch starken Eindruck die lat'iiffj kussion.; Die Kölner Zionistische Vereinigung hatte die Zionisten Kölns und der Umgegend zu einer Festveranstaltung am Sonnabend Abend in den Festsaai der Loge geladen. Die Veranstaltung war überfüllt Zur Aufrechterhaltung der Ordnung der andrängenden Massen' mußte Polizei die Ordner unterstützen. Auch diese Veranstaltung nahm einen glänzenden Verlauf. Nach der Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, des Stadtdirektors Dr. Kramer, sprach Justizrat Dr. Bodenheimer, der in bewegten Worten an die gemeinsame Arbeit mit Wolfsohn erinnerte und der Zeiten gedachte, in der das Engere Aktions-Comite seinen Sitz in Köln hatte. Sichtlich bewegt dankte Sokolow für die ihm zuteil gewordene Ehrung und zog eine ungemein interessante Parallele zwischen der Lage des Zionismus während seiner Kölner Tätigkeit uni der jetzigen Situation. Die Keren Hajessod- Aktion wurde durch Dr. Orüneberg aus Elberfeld eingeleitet und erzielte ein sofortiges zahlenmäßiges Ergebnis von über 25000 M. Sonntag waren für nachmittags 3 Uhr seitens der Ortsgruppe Essen die Zionisten aus dem Ruhrgebiet zu einer Festveranstaltung in den großen Saal der ״Börse“ eingeladen. Ueber 1200 Personen füllten lange vor Beginn der Veranstaltung den Festsaal. Nach Begrüßungen von Herrn Koch für die Ortsgruppe, Rabbiner Dr. Kantorczlk (hebräisch) für den Keren Hajessod, Dr. Philipp für den zionistischen Gruppenverband und Fri. Zobel (hebräisch) für die Hebräische Sprachschule, nahm Herr Sokolow, immer von nicht cndenwollendem Beifall überschüttet, das Wort und gab ein Bild der jetzigen Aufgaben des Zionismus. Den eineinhalbstündigen Ausführungen folgte die Versammlung mit angespanntem Interesse, das sich beim Schluß der Rede in spontane Ovationen für Sokolow löste. Die Keren Hajessod- Aktion wurde durcli Herrn Dr. Epstein, Duisburg, in sehr eindringlicher Form eingeleitet Das sofortige Z e i c h - nungsergebtiis von ungefähr 15 000 M. ist sehr günstig, da es naturgemäß bei der absoluten Uebcrfüllung nicht möglich war, auch nur einen größeren Teil aller Anwesenden sofort zu erfassen. — Die Aktion wird durch Rabb. Kauforczik fortgesetzt. Sokolows Besuch hat dem zionistischen Leben in Westdeutschland einen neuen Impuls gegeben. Er hat die Zionisten an ihre Pflicht erinnert, und die Resultate des Keren Hajessod sind ein Symptom für die Fruchtbarkeit seiner Arbeit. Mit dankbarer Gesinnung nehmen die deutschen Zionisten Abschied von Sokolow und hoffen, ihn bald wieder in Deutschland zu begrüßen. Die Palästina-Anleihe Wie der JTA. aus London telegraphiert wird, stimmte das Unterhaus in seiner Sitzung vom 1. d. M. der Vorlage der englischen Regierung zu, die eine Garantie der englischen Regierung für die von der Palästina- Regierung aufzunehmende Anle 1 h e von 4Vs Millionen Pfund vorsieht. Der Wortführer der Regierung, Unterstaatssekretär des Kolonialamts Major Ormsby-Gore betonte in seiner Rede, daß Großbritannien an der Politik der Balfour-Deklaration anverändert festhalte. Konsolidierung und Neukolonlsafton Von Kurt Ruppin. Bis Ende des Jahres 5686 (Oktober 1926) sind vom Keren Hajessod in das landwirtschaftliche Siedlungswerk insgesamt zirka £E 520 000 investiert worden. Unter Zugrundelegung des Berichtes der Plankommission, welche im Jahre 1924 alle Siedlungen besuchte und für jede einzelne einen detaillierten Wirtschaftsplan aufstellte, sind noch insgesamt zu investieren zirka £E 360 000, unter der Voraussetzung, daß diese Summe bis Ende 5687 (Oktober 1927) zur Auszahlung gelangt. Wir wollen heute versuchen, ein Programm zu formidieren, wie sich die Versorgung der bestehenden Siedhingen mit allen ihnen nach dein aufgestellten Plan zustehenden Bedürfnissen in kürzester Zeit ermöglichen läßt, und anschließend die Frage der Neukolonis a t i 0 n behandeln. Da angesichts der Einnahmen des Keren Hajessod voraussichtlich feststeht, daß es unmöglich ist, die zur Konsolidierung erforderlichen £E 360 000 bis Ende 5687 zu investieren, daß vielmehr 5688, wenn nicht gar 5689 vergehen wird, bevor wir diese Summe aufbringen, so müssen wir damit rechnen, daß sich die Summe von zirka £E 360000 noch um 25 0/0 (bei zwei Jahren verspäteter Auszahlung) auf zirka £E 450 000 erhöhen wird. Wollten wir diesen Betrag dem vom Kongreß bewilligten landwirtschaftlichen Budget entnehmen, so würde sich ergeben, daß für die nächsten drei Jahre das latidwirtschaftliche Budget mit der Fertigstellung der bestehenden Siedlungen erschöpft ist, und in dieser Zeit an eine rationelle Neukolonisation nicht gedacht werden kann. Wir müssen daher andere Wege suchen, um die Mittel für die Konsolidierung aufzubringen, und zwar;lauben wir, daß die Aprfgung,. die ־.Herj,OT». V1ifgl§m|l vestitionen des Keren Hajessod nachzusufchen, mit aller Energie aufgegriffen werden muß. Wie hoch sind nun die bisher erfolgten Investifionen des Keren Hajessod zu bewerten? Die Verhandln«- gen in den letzten anderthalb Jahren wegen der Verträge mit den Siedlern haben gezeigt, daß bei einer Schätzung des wirklichen Wertes des lebenden und toten Inventars unserer Siedlungen wir mit einer Abschreibung von zirka 30 °/0 der buchmäßigen Investitionen rechnen müssen, d. h. auf Grund der bis Ende 5686 investierten zirka £E 520000 können Verträge über Werte in Höhe von ££ 350000 abgeschlossen werden. Es ist allgemein bekannt, daß die Verluste keinesfalls von den Siedlern getragen werden können, weil sie entstanden sind durch ein übertrieben hohes Nachkriegs-Preisniveau für Lebensmittel und Baumaterialien, und nicht zuletzt durch die verzögerte tropfenweise Auszahlung der budgetierten Gelder. Es handelt sich keineswegs um Verluste der Wirtschaft, sondern um Kosten, wie sie mit jeder Okkupation von Neuland verbunden sind und überall von der Oeffentlichkeit getragen werden. Die Summe, die sich aber auf Grund der heutigen Schätzung der wirklichen Werte ergibt (wir bezeichnen sie mit £E 350000) muß im jetzigen Augenblick die Grundlage bilden zur schleunigsten Beschaffung des größeren Teiles der für die Beendigung der Konsolidierung erforderlichen Mittel auf dem Kreditwege. Ohne ordnungsgemäße juridisch einwandfreie Siedlungsverträge ist es aber eine Unmöglichkeit, die obigen wirklich vorhandene!! 35000 £E-Werte zu beleihen. Die Forderung des Tages sollte daher sein: ungesäum׳ter Abschluß von Verträgen mit allen Siedlern, keine Kleiulichkeitspolitik bei der Festsetzung der Schuld•■ summe, sondern schnellste Schaffung eines, wenn auch nur in zionophilen Kre!- sen, diskontierbaren Vertrags-Papieres. Wir glauben, daß jeder Tag der Versäumnis hier ein unentschuldbarer Fehler der Leitung ist. Mit der Aufbringung einer 200 000 £E-Anleihc im Laufe des Jahres 5687 gewinnt die Konsolidierung ein ganz anderes Bild. Laut Plan verbleiben noch aufzubringen £E 160 000, 'oder wenn wir bei Beendigung bis 5688 noch 10 °;0 von den insgesamt geplanten £E 360000 hinzuschlagen, zirka £E 200 000, welche dem Kongreßbudget der Jahre 5687 und 5688 zu entnehmen sind. Wir sind der Ueberzettgung, daß, wollen wir wirklieh schnellste Fertigstellung der 40 Siedlungspunkte, diese £E 200 000 allen Plänen für neue Kolonisation voran gestellt werden müssen. Dabei haben wir volles Verständnis für das Arbeitslosenproblem und für