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Jüdische Rundschau · 1926-11-26 · Heft 93 (26.11.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 93 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MeiaakestraBe 10. Erscheint jeden Oienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark• vierteljihrlich 5,25 Goldmark. Amiu>dsabo1u»tne11U werden in der Wihraaä dar eteehies linder berechnet Anzeigen •Verwaltung Jldische Rundschau G.m.b.H., BerlinWIS, Meinekestr.tO Telephon: Bismarck 7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17393. Für Owtenreich: Po»t*B«rk»*Mn*nrt Wien, Konto Nr, 15603a Für Tichccbotlowiihci: Po!te!»rk*Meunt Pr»S. Konto Nr. 59 41a Für Polen! PoiUperkunaunt Wtnchaa, Konto Nr. 190 70&. Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Redaktionsschluss Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 93 I Berlin, 26. XI. 1926 Anzeigenpreis: 8 gesp»JtNonpereÜl«*eileO,50 G.-M. Stellengesuch00,25 G.-M, AntsigeascUtiB: Oiemieg und Freitag nachmittag 4 Uhr. חרס״ז פ׳ כס<ו׳ | XXXI. Jahrg. Der Xleitismus •mlrebt füt 9•■ JIMiscli• Volk die Schaffung einer ttffentlich - rechtlich gaslchartaa Heimstätte ln Hellstine« ״Baseler Programm.•* Keren Kajemeih Lejisrael Zum 25 jährigen Jubiläum Der Boden dem Volke Der Jüdische Nationalfonds wird in diesen Tagen ünfundzwanzig Jahre alt. Es gibt wenige jüdische Schöpfungen der letzten Jahrzehnte, die wirklich repräsentativen, symbolhaften Charakter haben. Das 19. Jahrhundert war eine Zeit des jüdischen Niedergangs, der jüdischen Not und des Zerfalls; zugleich aber führte es bereits zu der großen Wende, die gemäß der imanenten Dialektik der jüdischen Geschichte eine neue Blütezeit jüdischen Geistes, jüdischen Menschentums und jüdischen Volkstums icraufführen soll, ln einem mühsalbeladenen, getretenen, von der Umwelt nicht verstandenen, aber dennoch ein großes Erbe stolz verwaltenden Volke flackerte die Hoffnung auf, regten sich die ersten ahnungsvollen Keime cünftiger Entfaltung. Durch all den Schutt, den das unnatürliche Leben der Galuthgeschichte über die jüdische Gemeinschaft gehäuft hatte, leuchtete wieder die Glut des inbrünstigen Glaubens an die Zukunft des Volkes, an die eigene Kraft und an die Kraft der Verleißung. Da schuf sich das Volk die große Zange, die das neue Gemeinwesen bilden sollte. Es schuf den Jüdischen Nationalfonds: Keren Kajemeth Lejisrael. In all den Jahren der Zerstreuung blieb die unverirüchliche Verbindung zwischen dem Volke und dem _ande in den Herzen lebendig. Alle Sehnsucht und aller Glaube an menschliche und göttliche Vollendung gipfelte m der Apotheose des Lebens der zurückgekehrten jüdisehen Gemeinschaft in Zion.^ Und nun. erwacht ^dieses zü vermähle«; tausendjährige Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Das Volk; fü^ht, tdaß es Boden unter den Füßen haben muß, und es zieht aus, den Boden; zu er״ werben. Aber nicht mit der Schärfe des Schwertes, nicht!tut Waffengewalt, nicht mit den rohen Mitteln junger und unerfahrener Völker kann unser Land wieder zu unserem Besitz gemacht werden. In der modernen Zeit und in der modernen Welt gibt es Mittel friedlicher Eroberung durch das Recht der Arbeit Der Boden, die Grundlage alles Seins, muß für das Volk gekauft werden. Es klingt etwas prosaisch und wenig romantisch, wenn man sagt, daß die Erlösung des Bodens für das jüdische Volk in unserer Zeit durch — Geld bewirkt wird. Aber es ist nicht jenes Geld, das eine Erfindung des Teufels ist, sondern die Groschen, die in mühevoller täglicher Arbeit von unzähligen über die Welt zerstreuten Juden, von den stummen Massen, im Schweiße ihres Angesichtes erarbeitet werden, um die Notdurft des Tages zu stillen. Groschen, die nach der schweren Tagesarbeit wenn die Seele Ruhe findet zum Träumen und zum Hoffen, in die kleine unscheinbare blaue Büchse des Nationalfonds wanden!, an denen die heißen Wünsche tausender bedrängter Menschen kleben. Aus all den kleinen Beiträgen bildet sich der große Strom, der das verdorrte Land fruchtbar zu machen vermag. Das Symbol, der Ausdruck dieses Willens, das Land wiederzugewiimen, ist der Jüdische Nationalfonds. Kein Wunder, daß er sich der größten Volkstümlichkeit erfreut. Und jetzt wird er fünfundzwanzig Jahre alt. Fünfundzwanzig Jahre sind kein Alter für ein Institut, das sich ewig nennt Der Nationalfonds arbeitet seiner Idee nach nicht für heute und morgen, sondern für immer. Was er erwirbt, wird unveräußerliches Gut des jüdischen Volkes. Des jüdischen Volkes, repräsentiert und vertreten in diesem Fall durch den Jüdischen Nationalfonds. Wir brauchen nur an das altjüdische Recht zu denken, wo es heißt: ״Grundstücke sollen nicht auf ewig verkauft werden, denn mein ist das Land, ihr aber seid nur Fremdlinge auf meinem Boden“ — um zu verstehen, was es bedeutet, diese Stellvertretung im irdischen Getriebe inne zu haben, diesen Landbesitz, der nicht Privatbesitz ist, zu verkörpern. So wird, wie einst der unvergeßliche Max Rosenfeld in einem Aufsatz ״Soziale Steintafeln“ ausführte, in diesem Gedanken des Nationalfonds die Idee von Religion und Sozialismus vereinigt, auf daß Religion und Sozialismus sieh verwirklichen. Der Geist des jüdischen Volkes, der seinen Ausdruck in der vom Abendlande mißverstandenen Ideenwelt jüdischer Moral und jüdischen Rechtes ge- Finden hat, ist noch heute lebendig als die einzige große Macht, die sich der Versklavung und Entsittlichung der Welt durch das römische Recht und seinen Eigentums* Der Wucher mit dem Boden Erez-Israels, von dem gesagt ward ״mein ist das Land“, Wucher also mit Gottes Eigentum, ist Abfall von allem Großen und Hohen der Idee, Verrat am Grundgesetz des werdenden jüdischen Lebens. Der Nationalfonds hat seine Aufgabe nicht erfüllt, er war zu schwach. Bei der Gründung der ersten jüdischen Stadt Tel-Awiw sind schwere Fehler geschehen; es fiat sich gezeigt, daß eine Vernachlässigung oder Bagatellisierung der Idee, für die der Nationalfonds geschaffen wurde, sich auch im eigensten Bezirk der Wirtschaft bitter rächt. Sind wir wenigstens klüger geworden? Heute stehen wir am Beginn der Entwicklung der Stadt, die vielleicht in kurzer Zeit Palästinas wichtigster Platz sein wird. Schwerste Gefahren drohen unserm ganzen Werke, wenn nicht in H a i f a die Uebel verhindert werden, an denen Tel-Awiw gelitten hat. Hier ist eine große Aufgabe für den Nationalfonds, vielleicht die größte im gegenwärtigen Moment. Es gilt, das ganze Land vor schwerem Schaden zu bewahren und den Grundgedanken des Volkseigentums, der die Herzen der Massen so tief ergriffen hat, als rettende Gewalt aufzurichten. Auf den Menschen, in deren Hand heute die Verwaltung der Nationalfondsidee liegt, ruht eine schwere Verantwortung: sie haben Mitte! und Wege zu finden, das Wiederauf fl ackern des Bodenwuchers zu verhindern. Das Volk muß ihnen die Mittel dazu geben und vertraut ihrer Weisheit; wenn sie es aber nicht vermögen, wenn sie vielleicht die herannahende Gefahr gar nicht erkennen, dann hat der Nationalfonds verspielt, dann ist er sinnlos geworden, dann ist eine große Idee vertan worden. begriff ״egcniiberotellt. Wenn iüdisehe Volk j«n aüs'difierT«Bf«־־Tessel eines oy va&mr■. überden Menschen erhebt. Darum wollten wir, daß das Gemeineigentum an Grund und Boden Grundgesetz des Zionismus werde. Der Nationalfonds ist ins Leben eingetreten und hat begonnen, seine Bestimmung zu erfüllen. So groß die Idee, so unzulänglich mußte ihre Erfüllung sein in einer Welt der harten Tatsachen, die sich ihr entgegenstemmen. Der schlimmste Feind war der Eigennutz, dieser menschliehe Urtrieb, gegen den im alten Israel das göttliche Gebot eingriff. Nicht durch überirdische Maßnahmen, sondern durch menschliche Handlungen muß der Zweck des Nationalfonds verfolgt werden, gegen alle Widerstände und mit den Mitteln menschlicher Voraussicht, die wie alles Menschliche begrenzt ist. Nicht durch Machtgebot wird der Boden zum Eigentum des Volkes, sondern eine Verwaltung, ein Gremium von Menschen, eine Büromaschine mit all den unvermeidlichen Zutaten hat die Aufgabe, Schritt für Schritt sich vorwärtszutasten, und auch sie muß notwendig Fehler machen, muß in der Wirklichkeit Zurückbleiben vor dem Ideal. Schmerzlichstes Erlebnis war es für uns alle, als wir vor gar nicht langer Zeit gerade die Ursünde, die wir ausscheiden wollten, in unsere Bezirke einbrechen sahen. *lg,. M! 4»! :VpI|g»dung,: era^a/VI Stunde ihm die Mittel geben, damit er. seiner Aufgabe gerecht werden kann. An ihrem Gdingen hängt alles, Was den wahren Wert der neuen jüdischen Siedlung für das Judentum ausmacht Jeder Jude muß fühlen, daß hier etwas von seinem Besten, etwas von seinem Jüdischesten angerufen wird. Die Durchführung des Bodenervverbs erfordert große Weisheit, eine wohlüberlegte Bodenpolitik, die verhindert, daß der Nationalfonds durch seine Bodenkäufe sich selbst die Preise hinauftreibt und so sich selbst die Erreichung seines Zieles ersclnvert. Es ist eine einzigartige Aufgabe, an der die Juden auch geistig mitarbeiten und Anteil haben sollen. Aber vor allem muß das Geld da sein, damit der Fonds nicht zur Ohnmacht verurteilt ist. Geld geben — diese prosaische Forderung, die anläßlich des Jubiläums des Keren Kajemeth an alle Juden ergeht, ist durchzittert von den Schauern uralter jüdischer Träume, durchglüht von der ewigen jüdischen Hoffnung auf eine bessere und gerechtere Welt So ist der Nationalfonds, dem wir für seinen weiteren Weg alles Glück wünschen, in wahrstem Sinne zugleich ein Instrument praktischer, unerläßlicher Tätigkeit und Symbolhaften, geistig-repräsentativen Charakters. R. W. Pektin Von Julius Berger, Jerusalem. Palästina ist wirklich das Land der Wunder. Schon seine natürliche Gestalt grenzt an das Wunderbare. Vom sclmecbedeckten Hermon bis zum immer heißen Toten Meer sind es nicht einmal 200 Kilometer. Und bei klarer -uft kannst du das mit einem Blick übersehen. Die Eiche wechselt mit der Palme, die Heilquelle fließt neben dem giftigen Wasser, Wüste stößt unmittelbar an fruchtbares Land, Salzsteppe begrenzt den Bananenhain. Aber das Wunderbarste ist Safed auf den Höhen Galiläas. Wir gingen am Abend durch den Ort, der wie verzaubert ist. Drei weiße Städte liegen einander gegenüber. Jede auf einem Hügel: die arabische, die christliche, die jüdische Stadt Die weißen Mauern leuchten im Mondenschein. Sei vorsichtig beim Gehen. ־ Ohne daß du es merkst, bist du vom Wege auf ein Dach geraten und stehst am Rande des Hauses, unter dir ein anderes Haus und die sich windende Straße. Die Gassen sind eng und die Ecken sind dunkel Eine Kuh kommt langsam gegangen. Sie geht, nein, sie schreitet die Stufen zum Haus empor und verschwindet in der Tür. Ein verzaubert er Prinz? Von weither tönt der eintönige Gesang eines Derwischs. Immer derselbe Satz, immer die gleichen Töne. So wandelt er an dir vorbei, verschwindet in der Dunkelheit. Licht dringt von unten her wie aus der Erde. Es krabbelt etwas die Stufen herauf. Ein Kind, eine Katze? Schau hin, rin altes Bethaus, einige Männer sitzen darin, uralt, träumhalt Eine verzauberte Stadt Am Morgen fahren wir auf der neuen Straße nach Akko. Der Weg führt an Merom vorbei, dem alten jüdischen Heiligtup, wo sich zu Lag b׳Omer zehntausende Juden aus dem ganzen Orient versammeln und im Andenken an Schimon bar Jöchai um das Feuer tanzen. Jetzt ist das große Bethaus mit den vielen Kuppeln leer. Es gibt viele Gräber in Merom, an die sich Legenden und Sageft knüpfen. Aber der widerliehe, um Almosen bettelnde und feilschende, sich nimmer zufrieden gebende Tempeldiener stört uns die Stimmung. Weiter geht es durch die Stein wüste, deren Bild uns so vertraut ist. Bald ändert sich das Land. Die Gegend wird immer fruchtbarer. Schließlich fahren wir durch einen Wald von Oliven. So gut gepflegte Olivenhaine haben wir nirgends noch in Erez- Israel gesehen. Auch die Häuser der Dörfer, die wir passieren, künden Wohlhabenheit. Fast werden wir neidisch, wenn wir an die kahlen Hügel Judäas denken. Wie schön ist hier das Land, wie angenehm, ganz italienisch der Anblick. Da ist Rama, das Dorf, von wo der Aufstieg nach Pekiin beginnen soll. Fast eine kleine Stadt. Stattliche Steinhäuser. Eine große Kirche mit russischem Kreuz. Unser Anblick macht Sensation. Der neue Weg nach Akko ist erst seit kurzem eröffnet und Automobile sind der Bevölkerung noch nicht vertraut. Aber cs ist eine wohlhabende Bevölkerung, die ganz anders aussieht wie die Bauern im Süden des Landes: Drusen, christliche und mohammedanische Araber. Der Füllfederhalter steckt in der Westentasche des einen oder des anderen. ״Wohl der Mukhtar, der Dorfschulze?“ ״Nein, aber ein reicher Mann, er hat viele Olivenbäume.“ Es dauert etwas, bis die Esel bereitgestellt sind. Wir haben inzwischen Zeit, die Häuser umher anzu* schauen. Einfache, aber wohnliche Häuser. Die freundliche, sehr zutrauliche Bevölkerung offensichtlich auf einem ziemlich hohen Kulturniveau. Aus einem Haus mit schönem Garten, sauber angelegten neuen Olivenpflanzungen, begrüßt uns in englischer Sprache eine Dame im modernen Seidenkleid. Man merkt den Einfluß der Stadt — von Beyruth, von Haifa — vielmehr als das etwa bei den Dörfern im Süden der Fall ist, die nicht weniger weit entfernt den Städten liegen. Der Weg nach Pekiin ist nicht so einfach, ist es überh^upt noch ein Weg? Wer nicht gewohnt Ist, auf einem Esel zu reiten, der statt eines Sattels nur ein Kissen trägt, mag manchmal etwas Angst bekommen. Steil der Pfad. Manchmal kaum sichtbar führt er den Berg hinauf, entlang, über, unter Felsenklippen, Geröll. Es fällt sogar den an solche Steige gewohnten Eseln nicht immer leicht, festen Fuß zu fassen. Großartig der Blick auf das Bergtal und weiter hinaus auf die Hbene. Die schroffen Berge sind nicht so kahl wie bei uns unten in Judäa. Ueberall wuchert Gestrüpp und sogar Bäume. Die Berge fast grün. Wir haben diese Fülle von Grün um diese Jahreszeit nirgends im ganzen Lande gesehen. Weit dehnt sich der Blick. Links sehen wir den Kinerethsee, rechts das Mittelmeer, die Bucht von Haifa, zur Seite der Azmon, der höchste Berg des Landes. Vor uns die ragenden Klippen, an denen wir hinaufklettern sollen. Hoch am Klippenrand eine riesige Höhle, die fast unzugängiieh erscheint, vor noch nicht so langer Zeit die Räuberherberge, jetzt treibt der Hirt bei schlechtem Wetter seine Ziegen und Schafe hinein.

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