Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 91 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Etnzclmimmcr 0,35 Goldmmk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, MefawkeatraSa 10. Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark. Ausl«a<liakoa|nDM>ts werden in der Wähmaj der •ineeben Linder berechnet Anzeigen-Verwaltung Jüdische RandschaaG.m.b.IL, Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis( 8 gespaltNonpsreiUezeile 0,50 G.-M. Stell eogesaehe (\25 G.-M. AazeigeiwchlaBi Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17393. Für Oesterreich: Poatiparkmaaenamt Wien. Konto Nr. 15*030. Für Tachedxnicwake!; PoiUperkaiaenamt Prag, Koni» Nr. 50 410• Für Polen: Poitaperkaaaanaat Wartabeu, Konto Nr. 190 308. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ג 5ס<לו* תרפ״ז | xxxi. Jahrg. Dar Zionismus orstrobl (Br das jUdlsch« Volk di•Schaffung olnar «ffontHch - rochtllcli gesichert•!! Holmstltto In Palästina. ״Basaler Programm.‘* Zum Preußischen Landesverbandsfaß Reichsiagung der Jüdischen Volkspariei Ain Mittwoch, den 17. d. M. fand im Sitzungssaal der Gemeinde eine Reichstagung der Jüdischen Volkspartei statt, an der etwa 40 Delegierte aus Berlin und ganz Deutschland, sowie' zahlreiche Gäste teilnahmen. Die Tagung wurde um 10 Uhr vormittags mit einer Anspräche des Vorsitzenden der Fraktion der Jüdischen Volksparfei im Preußischen Landesverband, Dr. Klee, eröffnet. Dr. Klee kennzeiriinetc die bedeutenden Aufgaben, die der Vclkspartei in der nächsten Zeit erwachsen werden und die Ziele der jüdischen Gemeindearbeit, die zu einer Neugestaltung, Bereicherung und Stärkung des jüdischen Lebens führen muß. Insbesondere würdigte Dr. Klee die Bedeutung der bevorstehenden Landesversammlung des Preußischen Landes- -Verbandes, die Fragen von größter Wichtigkeit fiir das deutsche Judentum zu entscheiden haben wird. Mit diesen Fragen vor allem beschäftigte sich die Tagung[. Zunächst wurde das Problem der Oesamtorganisation der deutschen Juden und der vorliegende Entwurf eines Reichsverbandes besprochen. Referate erstatteten die Herren Kares ki und Dr. Sandler, einen etwas abweichenden Standpunkt Vertrat in der Diskussion Dr. Elias Straus (München). .Der zweite Gegenstand der Tagesordnung war das preußische Juaengesetz, worüber Dr. Kol lens eher und Dr. Epstein (Dunburg) referierten. Schließlich gelangte noch die Frage der jüdischen Schule zur Beratung (Referenten Lehrer Steinhardt, Magdeburg, und Dr. Hammerstein). Zu allen drei Punkten fand eine ausfiihrli:he Diskussion statt, an der sich viele Redner beteiligten. Das Ergebnis war die Annähme der Thesen der Referenten, die wir nachstehend wieäergeben: i. Zur Frage des Reichsverbandes: Öle Reichstagung der Jüdischen Volkspartei erblickt nach wie vor in tief :Schaffung dner Oesamtorganisation der; ■ ein.' •,wichtiges': Mittel, 'dem' Äuflösungs- , .... el»* Diesem Ziel kann jedoch nur eine Organisation gerecht •werden, die ihrem Aufbau:nach geeignet is^ alle Juden in Deütiehfand zii erfassen und sie zu gleichberechtigter Mitarbeit heranzuziehen. Der vorliegen« Organlsanonsentwurf widerspricht dieaen Voraus- Setzungen: 1. <r schafft keine auf Urwahlen beruhende Vertretung, 2. ef gewährt gleiches Recht für jeden in Deutschland wohnenden Juden, sondern er schafft so starke Differenzlerungen im Einfluß, daß der Rat als Spiegelbild der Auffassungen des deutschen Judentums nicht gelten kann, 3. er macht die Gesamtorganisation nicht zur Führerin des deutschen Judentums, sondern zum ohnmächtigen Kost- * g&nger der Landesverbände. Die Reichstagung beauftragt daher die Fraktion des Preußischen Landesverbandes, den Kampf gegen diese Ver- Wässerung des Gedankens der Gesamtargamsation mit allem Nachdruck weiterzuführen. Das Scheitern des vorliegenden Entwurfs würde zwar die Schaffung ejer' Gesamtorganisation verzögern, dafür aber den Weg offenhälten für eine Organisation, die den Aufgaben einer solchen auch wirklich gerecht werden kann, und die eine Erfüllung der Hoffnungen gewährleistet, die das deutsche Judentum an seine Zehtralorganisation zu knüpfen berechtigt ist.; II. Zur Frage des Judeitgesetzes. Die Reichstagung der Jüdischen Volkspartei erwartet von einem neuen preußischen Judengesetz: 1. Trennung zwischen einem Staatsgesetz und den autonomen innerjüdischen Verfassung«• und Wahlgesetzen der ,Verbände. 2. Ith Staatsgesetz: Beschränkung der Staatsaufsicht auf das unbedingt Notwendige. 3. Im innerjüdischen Verfassungsgesetz: Verwaltung aller Gemeinden durch Vorstand una Repräsentantenversammliing, soweit nicht in kleinsten Gemeinden die Gemeinde- Versammlung selbst an die Stelle der Repräsentanz tritt. Freies und gleiches Verhälfpiswahlrecht für Männer uud Frauen ohne Rücksicht auf die Staatszugehörigkeit zu Vorstand und Repräsentanz. ׳ von Ausgetretenen gebildeten Synagogen-Getnqjnden und Erfassung der Möglichkeit des yebertritts von der einen Gemeinde zur anderen innerhalb des gleichen Bezirkes. 5, Ablehnung der Personal-Gemeinden. III. Zur Frage der jüdischen Schule. 1. Die Jüdische Volkspartei fordert im Interesse der jüdisehen Erziehung unserer Jugend, daß jüdische Volksschulen Und hei stärkerer jüdischer Bevölkerung auch jüdische Höhere Schulfcn errichtet werden und bestehende Schulen erhalten bleiben■ Wo das öffentliche Schulwesen konfessionell gestaltet kt, Ist die jüdische Schule zugleich auch im Interesse unserer staatsbürgerlichen Gleichstellung zu fordern. 2. Die Jüdische Volkspartei fordert für die Ausbildung jüdischer Lehrer eipe jüdische pädagogische Akademie. Solang* ihre ]Errichtung nient möglich erscheint, ist in Anlehnung an die simultane Akademie in Frankfurt a. M. eine Akademie zur Ausbildung jüdischer Lehrer auf dem Gebiete der Re- Hgionswissenschaften zu schaffen, die später zur Vollakademi« ausgebaut werden muß. 3. Die Besoldung der Rehgionslehrer muß unter allen Umstanden nach staatlichen Grundsitzen erfolgen. Sie darf nirgends Unter Gruppe VI! Zurückbleiben und muß bei entsprechendem Dienstalter nach Gruppe VIII und IX erfolgen. Die Besoldung darf nicht darunter leiden, daß die Gemeinde nicht in der Lage ist, den Lehrer mit 28 Pflichtstunden beschäftigen zu können. Ein baldigst zu schaffendes Beamtenrecht hat dafür zu sorgen, daß die fortwährenden ungerechtfertigten Kündigungen und Dienstentlassungen der Kultusbeamten in einzelnen Gemeinden, die dem Gesamtjudentum zur Unehre gereichen, aufhören. Es sind schleunigst Mittel bereitzustellen, um greisen, arbeitsunfähigen Kultusbeamten ein entsprechendes Ruhegehalt und Lehrerwitwen und -Waisen eine ausreichende Hinterbliebenenversorgung zu gewähren. 4. Vor Errichtung von Bezirksrabbinaten ist die Lehrerschaff des Bezirks zu hören. Bei Errichtung von Bezirksrabbinaten ist dafür Sorge zu tragen, daß die Lehrerschaft in ihren ideellen und wirtschaftlichen Interessen nicht geschädigt werde. 5. Die Jüdische Volkspariei macht es ihren Vertretern im ״Rate“ und in der ״Landesversammlung“ zur Pflicht, für die Erfüllung dieser Forderungen naehdrücklichst einzutreten. Die Verbandsiaguntj Die Presse-Abteilung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden teilt mit: Die Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist bisher nur einmal, nämlich im Juni 1925, zusammengetreten. Die umfangreichen Geschäfte des Verbandes sind seitdem von dem Rate, insbesondere den Mitgliedern des Engeren Rates, die zahlreiche Sitzungen abgehalten haben, geführt worden. Nunmehr soll am 21. November und den folgenden beiden Tagen die Verbandstagung aufs neue zusammentreten, um zu einer Reihe von Vorlagen des Rates Steilung zu nehmen. In der Hauptsache wird es sich darum handeln, ob die Tagung dem Beschlüsse des Rates, nach welchem der Preußische Landesverband sich «•!Sit•!*jgjiij» *4110-n-.de 1• 4 ä« •t - י׳־""׳ Am 14. November 4. Js. .trat im Gemeindehaus der R echt sau s s c h u ß zu einer Sitzung zusmtunen. Anwesend waren die Herren: Dr. Ismar Freund, Justizrät Lilienthal, Dr. Arthur Lilienthal, Ministerialdirektor Dt. Badt, Justizrat relix Hirschberg (Breslau), Rechteanwalt Dr. Klee, Rechtsanwalt Dr. Wiener, Senatspräsident Stern, Obermagistratsrat Dr. A. Neumann, Lanagerichtsrat Rau, Landgerichtsrat Dr. Jacques Stern, Justizrat Sonnenfeld als Präsident des Verbandstages, ferner die Damen Frau Ottilie Schönewald (Bochum), Fräulein Dr. Moses. — Den Vorsitz führte Herr Dr. Freund. Die Hauptarbeit des Ausschusses galt der Durchberatung eines von Herrn Dr. Freund entworfenen Normal- Statuts für kleinere und mittlere Gemeinden. Nach eingehender Aussprache wurden bestimmte Richtlinien aufgestellt, nach denen der dem Ausschuß vorgelegte Entwurf von einem Unterausschuß durchberaten werden soll. Die Frage der Neuregelung der Judengesetzgebung wurde nach einer Generaldebatte vertagt. Es soll zunächst die, öffentliche Erörterung über den Entwurf, der bald im Druck erscheinen wird, abgewartet, und erst dann in nähere Beratungen eingetreten werden. Außer einer größeren Anzahl kleinerer Vorlagen beschäftigte sich der Ausschuß dann noch mit verschiedenen Rechtsfragen, die einzelne Gemeinden dem Landesverband vorgelegt hatten. Oie Ozet-Honlerenz In Moskan Moskau, 16. November. (J.T. A.) Heute wurde tn Moskau die große allrussische Konferenz der unparteiischen Gesellschaften für jüdische Kolonisation, ״Ozet“, in Anwesenheit von 2000 Gästen eröffnet. 200 Delegierte aus Rußland und 15 Vertreter ausländischer Organisationen nehmen an den Beratungen teil. In das Präsidium wurden 24 Kommunisten und 20 ״Unparteiische“ gewählt. Ehrenmitglieder des Präsidiums sind der Präsident des Zentral-Exekutivkomitees der Sowjetunion, Kal in in, der Präsident des Zentral-Exekutivkomitees der ukrainischen Sowjetrepublik, Petrowsky, und der Volkskommissar Smidovitsch. Der Volkskommissar L a r i n hielt eine Ansprache, in der er erklärte, die Regierung der Sowjetunion sei bereit, das notwendige freie Land für die jüdische Kolonisation zur Verfügung zu stellen. Die jüdischen sozialen Organisationen des Inlands und des Auslands müssen aber trachten, die sonstigen zur Kolonisation nötigen Mittel herbeizuschaffen. her Locnensu־«!' Warschau, 14- November. (J.T.A.) Die von Professoren der Warschauer Universität gebildete Kommission zwecks Entscheidung der Frage der weiteren Zulassung jüdischer Studierender zur Leichensektion im anatomischen Institut hat bereite ihre Entscheidung in dem falgenden Sinne getroffen: Auf Grund der Verfassung, die jedem Bürger gleiche Rechte gibt und gleiche Pflichten auferlegt, sind die Juden verpflichtet, eine entsprechende Z an I Leichen in die Anatomie ei nzu liefern. Die jüdischen Studenten werden nach dem Verhältnis der Zahl der bei gesteuerten Leichen (!) zu Sektionsarbeittn zugelassen werden. Der Beschluß bedarf der Bestätigung des akademischen Senate. Hach einem Bericht des ״Solei Boneh“ beschäftigte diese Baugenossenschaft am t. Oktober in den verschiedenen Arbeiten, die sie übernommen hatte, 3077 Arbeiter. Im September führte der Solei Boneh für £ 31724 Arbeiten aus. Der Reldisverband Von Georg Kareskt. Am Sonntag, den 21. November, tritt zum zweiten Male das Parlament der preußischen Juden, der Verbaiidstag des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, zusammen. Es gilt, einen Rückblick zu werfen über eine Arbeitsperiode von U/s Jahren und Kritik zu üben, ob die Exekutivorgane des Landesverbandes, der große und der engere Rat, den Erwartungen Genüge geleistet haben, die die preußische Judenheit an ihre Tätigkeit knüpfte. Nach der Stimmung, die in weiten Kreisen der preußischen Judenheit herrscht, ist mit recht ergiebiger Kritik zu rechnen; denn in weiten Kreisen herrscht das Gefühl, daß bisher ein stolzer Aufwand unnütz vertan ward und daß die praktischen Ergebnisse dieser eineinhalb jährigen Arbeit in einem starken Mißverhältnis zu dem gewaltigen und kostspieligen Apparat stehen, der mit den zahlreichen Sitzungen des großen und des engeren Rates, der zahlreichen ständigen und Sonderkommissionen, der Dezernentenbesprechungen usw. in Bewegung gesetzt worden ist. Es wird sorgfältig geprüft werden müssen, inwieweit die geringe Ausbeute an praktischen Ergebnissen, die aus diesem Wust von Verwaltungsarbeit hervorgegangen ist, auf das Versagen von Personen zurückzuführen ist oder ob die Ursachen in einer falschen Konstruktion der Exekutivorgane gesucht werden müssen. Neben dieser, der Kritik an der laufenden Verbandsarbeit gewidmeten Aussprache dürfte das Kernstück der Debatte die Frage der Reichsorganisation bilden, die nach Ansicht der Väter dieses Entjahrelang die Frage der Reichsorganisation auf einen tpten Punkt gelangt war, die Verhandlungen . Itr־ ■ «fgn letzten Wochen in einem Tempo geführt worden jind, daß die große jüdische Oeffentlichkeit heute noch ziemlieh uninformiert den Problemen gegenöbersteht, über die auf der am Sonntag beginnenden Tagung eine ‘Eftt- Scheidung getroffen werden soll. Wenn auch einige Sitzungen des großes Rates sich mit der Materie befaßt haben, so ist das doch ein verhältnismäßig kleiner Kreis von Menschen, denen die Erörterungen zugänglich geworden sind, und die große jüdische Oeffentlichkeit wird daher nicht in der Lage sein, noch rechtzeitig vor der Tagung ihre gewichtige Stimme in die Wagschale zu werfen. Dazu kommt, daß nach der Ansicht der maßgebenden Kreise des Landesverbandes eine Aen• derung des vorliegenden Entwurfs in irgendwie wesentlicher!Beziehung nicht in Frage kommen darf, weil nach Jer kategorischen Erklärung gewisser süddeutscher Landesverbände deren Beitritt zur Reichsorganisation nur auf der Basis des vorliegendem Entwurfs zu gewärtigen ist. Für unsere Stellungnahme zur Reichsorganisation muß in erster Linie maßgebend sein, daß wir nicht die Schaffung eines neuen, mehr oder weniger machtlosen Organisatiönchens angestrebt haben, sondern die aus äußeren und inneren Gründen zur Rcpräsentation des gesamten ׳deutschen Judentu tn s berufene Einheitsorganisation. Der Reichsverband sollte die Tribüne des deutschen Judentums für alle seine Beschwerden, Wünsche und Hoffnungen bilden; er sollte das getreue Spiegelbild der im deutschen Judentum vorhandenen geistigen und politischen Bewegungen bilden, und er sollte auch den letzten, im verlorenen Dörfchen wohnenden Juden mit der Organisation des deutschen Judentums uud damit mit der jüdischen Gesamtheit verbinden. Nichts von all dem wird die in Aussicht genommene Organisation verwirklichen. Die vorgeschlagene Verfassung enthält auf Schritt und Tritt Fesseln und Bindungen, um jede kräftige Vorwärtsentwicklung zu lähmen und das Leben des Reichsverbandes in den engen Rahmen eines kleinliehen Mißtrauens einzuzwängen. Sie schafft keinen Reichsverband, der nach Maßgabe der Größe seiner Aufgaben seinen Bedarf an Mitteln berechnet und diesen Bedarf auf die Landesverbände umlegt, sondern dadurch, daß sie jede, selbst die kleinste Umlage an eine qualifizierte Zweidrittelmehrheit bindet, macht sie den Reichsverband zum ärmlichen Kostgänger der Landesorganisation. Die Verknüpfung der gesamten deutschen Judenheit mit der Organisation war nur möglich durch Urwählen. Die Urwahlen sind gefallen. An ihre Stelle j tritt eine aus den Räten der einzelnen Landesverbände