Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 89 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Verlag Berlin W 15. Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 135 Goldmark, vierteljährlich 5.25 Goldmark. Auahwdsabonaements werdeo in der Währung der einzelne« Länder berechnet Anzeigen-Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinWlS, Meinekeslr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Nummer 89 | Berlin, 12. XL 1926 Anzeigenpreis: 8 gespelt-Nonpareiilezeile 0,50 U.-M, Stellengesuche 0,25 G.-M. Anzeigennchlnßs Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Telephons Bwiöafck 7165-70. Postscheckkonto t Berlin Nr. 17392. Für Oesterreicht Postaparkesseaamt Wies. Konto Nr. 156 030. Für T»chechaelowakei *■ Post*parkaa»enamt Preg» Konto Nr. 59 410. Für Polen 1 Postsparkaaseoasnt Werschau, Konto Nr. 190 706. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ו׳ כסלו׳ תרס״ז ץ XXXI. JaJkrg. Dar Zionismus erstrebt Ult das Jüdisch• Volk dlo Schaff uns •Innr öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baselar Programm.» Die Palästina-Regierung Min lel-Awiw Jabotinskys vier Reden Von Gerda Arlosoroff-Goldberg (Jerusalem). Wie die J. T. A. soeben aus Jerusalem telegraphiert, hat die palästinensische Regierung der Stadtverwaltung von Tel-Awiw ein Darlehen von £ 50000 gewährt. Wenn diese J. T. A.-Meldung, die Einzelheiten noch nicht enthält, zutrifft, darf dieser Beschluß der Regierung wohl als erster Schritt auf dem Wege der von jüdischer Seite seit langem geforderten aktiven Unterstützung unseres Aufbauwerkes begrüßt werden. Die Regierung hat endlich eingesehen,» daß ihr das Schicksal einer so betrachtliehen Steuerquelle, wje sie Tel-Awiw darstellt, nicht gleichgültig sein kann. Die Regierung, die laut Mandat zur Unter- Stützung der jüdischen nationalen Heimstätte verpflichtet ist,’ darf sich nicht darauf beschränken, die aus dem Aufbauwerk fließenden Zoll- und Steuereinnahmen für den Fiskus zu verwenden, sondern muß die materiellen Lasten des Aufbaues tragen helfen. Durch die Krise der jüdischen Arbeit wird das ganze Land betroffen und sein Aufschwung gehemmt. Das scheint die Regierung nun endlich anerkannt zu haben. Koislitoiemf der Palestine Eleefrlc Corporation London, 7. November (J. T. A.) Bei einer Sitzung des Rates der Palestine Electric Corporation (Ruthenberg-Gesell־ schaft) wurden der Marquij von Reading, der frühere Vizekänig von Indien, Sir Alfred Mond, Sir Hugo H i r s t, James de Rothschild, Bernhard Baron und Dr. A. H. R a i 1 i n g zu Direktoren der Gesellschaft gewählt. In derselben Sitzung wurden der Marquis von Reading zum Präsidenten und Ing. Pincas Ruthenberg zum .Geschäftsführenden Direktor ernannt. Es wurde mitgeteilt, daß das notwendige Arbeitskapital bereits voll gezeichnet ist. Herr Ruthenberg befindet sich augenblicklich auf der Reise nach Palästina, um dort die vorbereitenden Arbeiten zur Errichtung des Jordan-Stauwerkes zu Ende zu führen. Palästinas Bedeutung lür das Judentum Aeußerung Oskar Wassermanns Herr Direktor Oskar Wassermann, der Präsident des Keren Hajessod in Deutschland, sprach sich dem Vertreter der Jüd. Tel.-Ag. gegenüber auf dessen Befragen über den Wert des Wiederaufbauwerks in Palästina für die gesamte Juden heit aus. In Palästina, sagte er, ist ein starkes Kulturzentrum im Entstehen, das auf die Judenschaft der ganzen Welt einen immer wachsenden Einfluß ausüben wird. Die Juden, fuhr er fort, sind nicht allein über alle Länder der Welt zerstreut, sondern sie sind fn jedem Lande wiederum in vielerlei Gruppen, Parteien und Organisationen zersplittert. In keinem Lande gibt es eine Autorität, die von den Juden anerkannt wird. Dieser fortschreitenden Atomisierung JÄti« ,jjitst^hend«. §■ •18 fciyge Judenheit werdet« »ff4»* Judenschaft in allen Lindern aus* strahlen. *Wohlgemerkt, idft denke nur an ein Kulturzentrum, nicht aber an ein politisches Zentrum. Ich bin Weder Zionist noch Antizionist, aber ich bin an dem Aufbau Palästinas interessiert, weil ich glaube, daß die Judenschaft ein Kultur- Zentrum sehr notwendig hat. Wie die Antisemiten auf die Palästinabestrebungen der Juden reagieren? Das interessiert uns nicht. Wir müssen das tun, was wir für richtig halten und dürfen nicht danach fragen, wie sich die Antisemiten dazu stellen. Ich habe übrigens den Eindruck, daß die antisemitische Bewegung, zumindest in Deutschland, im Abflauen ist. Die wirtschaftlichen Ursachen des Ansteigens des Antisemitismus sind heute nicht mehr vorhanden. Je mehr sich die Verhält- Hisse konsolidieren, der Grundbesitz Im Werte steigt, die Zirkulation der Wirtschaft normale Formen annimmt, desto mehr verliert der Antisemitismus an Boden. Nahum Sokolow hat sich der Sonderaktion des Keren Hajessod in Deutschland zur Verfügung gestellt und bisher in Berlin, Hamburg und Leipzig mit großem Erfolg gesprochen. Jabotinsky hat in seiner Arbeit in Palästina eine Taktik eingeschlagen, die darauf hinausging, nur langsam, nach und nach zu enthüllen, was sein Plan oder sein ״Programm“ (wenn man davon reden kann) bezweckt. Nach der ersten Rede in Tel-Awiw konnte man denken, daß hier die Probleme durch ein besonders geartetes Temperament gesehen würden, daß aber auch dieses Temperament zu nicht sehr verschiedenen Kon- Sequenzen gelangte, als die zionistische Bewegung insgesamt. Dieselben Forderungen, nur in einem anderen Ton und in einer anderen Betonung vorgetragen. Dieselben Ausgangspunkte und daher dieselben Konsequenzen. Hier und da ein Hinausschießen über das Ziel, ein kleiner Kampf gegen Windmühlen, das war alles, ln den großen Zügen hatte man den Eindruck, als würde hier versucht, ein System zu schaffen, die alten Bausteine neu zu ordnen. Die folgenden Reden lehrten Palästina Jabotinsky anders ansehen. In einer stetig ansteigenden Kurve wurden die Reden radikaler und radikaler, verließen immer mehr den Boden der Tatsachen, schweiften ins Blaue hinein und endeten schließlich vollkommen im Absurden. Bei genauer Betrachtung ergab sich zwar eine Art Von System, aber wehe dem, der es im Lichte der Bedingungen Palästinas und der politischen Tatsachenwelt prüfen wollte. Wie eine Fata Morgana, die zuerst deutlich und greifbar dasteht und bei einer Aenderung der Beleuchtung in Nichts zerfließt, fiel dieses ganze, mit so großer oratorischer Kraft errichtete Gebäude in eine Reihe irrealer zum Teil einander widersprechender Vorschläge und Forderungen zusammen. Sehen wir zu, wie die Lawine der Forderungen Jabotinskys auf seinem Wege von Tel-Awiw nach* Jerusalem, von da nach Haifa und wieder zurück nach Tel-Awiw .anschwillt. Im. ersten Vortra gäbe der ’Rej^efüilf lelchterung der Naturalisation, und Diskussfonspunkt: Schutzzölle für Landesprodukte. In Jerusalem wurde es bereits viel lebendiger. Da kam jener bekannte Punkt des revisionistischen Programms, der für das palästinensische Parlament nicht die Vertretung der Juden im Verhältnis zu ihrer Anzahl im Lande, sondern zu der Gesamtzahl des jüdisehen Volkes fordert. In Haifa kamen einzelne Kleinigkeiten dazu und bei der vierten Rede in Tel-Awiw erhielten wir schließlich das gesamte Programm, vierzehn Punkte, die jedoch mit Wilson durchaus nichts zu tun haben, und die ein wahrer Sturzbacli sind von Phantasien, politischen Widersprüchen und Wirtschaftliehen Sonderbarkeiten. Sir Wyndiiam Deedes aber Palästina London, 7. November. (J.T.A.) Sir Wvndham Deedes, der frühere Chefsekretär der Palästina-Regierung, hielt im Verein der jüdischen Studenten der Universität Manehester einen Vortrag, in welchem er folgendes ausführte: Viele hätten jetzt mit sich einen Kampf auszufechten, wie sie gute Bürger zweier Länder sein könnten. Wenn wir aber das Problem so verstehen, daß Palästina ira wesentlichen ein kulturelles, nicht aber ein politisches Zentrum der Juden sei, so hört ein solcher innerer Konflikt auf. Uebrigens gilt noch immer der Satz: ״Je besser man als Jude ist, um so besser ist man als Bürger.“ Durch die Verschiedenartigkeit ihrer einzelnen Schichten wird eine Nation nur bereichert; und daß die Juden zur Bereicherung jeder Nation beitragen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Am 2. November 1917 hat die Regierung durch die Balfour-Deklaration Paläsüna als Nationalheim für die Juden erklärt. Das Wort ״National“ ist mit dem Wort ״Staat“ nicht identisch. ״Jüdisches Nationalheim“ bedeutet eine jüdische Wesenheit und einen jüdischen Beitrag zur Weltkultur; nicht ein Ausdruck französischer, russischer oder deutscher Juden, sondern jüdischer Juden. Palästina soll nicht als ein Asyl, ein Armenhaus für in anderen Ländern verfolgte Juden betrachtet werden, sondern als ein Zentrum für erneutes Wachstum des jüdischen Genius, aus dem die jüdische Anschauung zu den heute weltbewegenden Problemen fließen soll. Sir Wyndham Deedes kam dann auch auf das jüdischarabische Problem zu sprechen und führte aus, durch die jüdische Arbeit wurden die Araber nicht nur nicht benachteiligt, sondern sie erhielten Spielraum zu eigener Entwicklung. Nach einer neunjährigen Erfahrung stad nun den Arabern die Augen aufgegangen; sie begrüßen die Unternehmungen, die zu ihren Gunsten getroffen werden und sehen ein, daß sie nun viel günstiger gestellt seien als vorher. Revolution 1■ Translordinicn? Die Londoner ״Daily New. 8“ yojn 11. d. M. veröffentlicht ein Telegramm, wonach in Transjolöanien ein Aufstand gegen das Regime des Emir Abdufla ausgebrochen ist. Träger der Bewegung ist der Stamm der Bne Isachar. Emir Abdulla soll nach Cypern geflohen sein unter dem Vorwände, er wolle seinen Vater Hussein bemache». Beginn des Wintersemesters an der llniversitit Jerusalem Das Wintersemester der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde am Montag, 1. November, im Hörsaal des Hauptgebäudes eröffnet. Dr. Magncs, der Rektor der Universität, wies in seiner Ansprache auf den Forschungscharakter der Kurse hin, auf das hohe Niveau, das man aufrechtzuerhalten hofft, auf den Glauben, dadurch zur Schaffung einer hochstehenden nationalen Universität zu gelangen. Die Universität, so sagte er, wolle in den humanistischen Studien vom Bekannten zum Unbekannten führen, vom Mittelpunkt nach der Peripherie, indem man zuerst den Beitrag des Judentums zur Zivilisation erforsche und die Lage der Juden in der Welt, ehe man die Welt als Ganzes betrachte. Gleichzeitig werde die Universität ihre Tore auch ernsthaften Nichtgraduierten öffnen, die die Universität nicht als Titelfabrik ansehen. An der Versammlung nahmen Mitglieder des Direktoriums, Ch. N. Bialik, Dr. Schmarja'Levin, L. I. Gold berg und Leiter der nationalen Institutionen, unter ihnen M. Ussischktn und Col. Kisch teil. Col. Wedgewood wohnte der eindrucksvollen Zeremonie auch bei. Die Zuhörerschaft setzte sich aus den Professoren, Assistenten, Studenten und dem Lehrkörper der Universität zusammen. Nach der offiziellen Er- Öffnung hielt David Y e 11! n seine erste Vorlesung über den ״Einfluß der arabischen Poesie auf die hebräische Dichtkunst der spanischen Periode“, und Dr. Ruppin seine Antritts- Vorlesung über ״Soziale Umschichtungen der Juden im 19. JahrhunderFL Die Dozenten des Wintersemesters sind: J udaistisches Institut: Prof. J. N. Epstein, Prof. J. Klausner, Rabbi S. Assaf, Dr. A. Gulak, D. Yellin, Rabbi M. Segal, Dr. A. Ruppin, Dr. G. Scholem, Prof. Klein, Dr. M. Schwabe. Orientalistisches Institut: L. Billig, Dr. D. Baneth. Mathematisches Institut: Dr. Sambursky, Dr. B. Amira; Das Mikrobiologische Institut und das Institut für Hygiene sowie die Abteilung für Palästina-Naturforschung setzen ihre Forschung®- tätigkeit fort. . . _ Die Abtrennung Jerusalems vom palästinensischen Süddistrikt und Schaffung eines selbständigen Jerusalern er Distrikts ist nun vollzogen. Gouverneur ist, wie schon gemeldet, Major Keith-Roach. Diesen Versuch eines Programms gilt es fürs erste unter die kritische Lupe zu nehmen. Bisher hat Palästina die Reden und das Vorgehen Jabotinskys aufgenommen, ohne recht darauf zu reagieren. Die Menge hat willig die zwei Piaster bezahlt, die für jedes Auftreten gefordert wurden und mit einem Instinkt, der vielleicht nicht unrichtig war, den Reden als einer Theatervorstellung beigewohnt. Die Presse hat getreulich die Vorträge protokollarisch veröffentlicht. Nur an einer Stelle hat sie aus richtiger politischer Erkenntnis eine Zensur vorgenommen, indem sie einen Teil der Rede Jabotinskys vor der Jugend in Tel-Awiw wie auf Verabredung aus dem Protokoll strich. Man soll nicht aus Sensatfonslust Dinge in die Oeffentlichkeit bringen, die nie hätten gesagt werden dürfen und die dem Geiste des Jischuw auf schärfste widersprechen. Von einer Diskussion war nicht die Rede. Die Referate Jabotinskys ließen keinen Raum für eine Aussprache. Und es will scheinen, als wiche er vor jeder Auseinandersetzung aus, indem er Deklarationen abgibt, die mehrere Stunden dauern und sich dann vom Schlachtfelde zurückzieht. Es geht jedoch nicht an, daß dieses Gastspiel, das in dieser Woche zu Ende geht, ohne Antwort bleibe. Es heißt, diese Thesen, die geboten werden, zur Diskussion stellen. Rufen wir uns die Forderungen ins Gedächtnis zurück: Enteignung des unbenutzten Bodens von Juden und Arabern durch die Regierung, Aufnahme einer Anleihe durch die Regierung für jüdische Kolonisationszwecke, Schutzzölle für die Landesprodukte, Vertretung der Juden im palästinensischen Parlament, entsprechend der Zahl des jüdischen Volkes, Uebergabe der Verteidigungskrifte des Landes an die Einwohner, die der Konstitution, d. h. dem Mandate treu sind, unbegrenzte Einwanderung, intensive Landwirtschaft, Wasserinstallation, Schaffung einer Industriebank, Herabsetzung der Löhne, Kampf für Tozereth Haarez mit allen Mitteln