Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 87 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE Einzrlrmmmcr 9ßS Goldmark RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestrafie 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. AissUodh&boiioetBeisU werden ia der Wllmtiig der eiazclneo Linder berechnet 5. XI« 1926 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G. m.b. H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anreige&preias 8 gesp<NoopareiÜ«zede 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Anreigenschlofl: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 1165- 70. Postscheckkonto5 Berlin Nr. 17392« Für Oesterreich! PosUparkassenamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr, 59 410. Für Polen t Poatsparkassenamt Warschau, Konto Nt 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ^T^n^igtman^^^rxxx^jahrg^" Dar Zionismus orstrobt fttr das lUdische Volk die Schaffung elnar öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.*• Sokolow in Glänzender Empfang - Stürmische Ovationen Gro$e Zeichnungen für Keren Hajessod Aus Leipzig wird uns berichtet: Das jüdische Leipzig hat in der Zeit vom 30. Oktober bis zum 2. November Festtage erlebt, wie sie einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland nur sehr selten zuteil werden. Sokolows Anwesenheit in Leipzig war der Anlaß für die Manifestation der innigen Liebe und Verbundenheit, die die jüdischen Massen für die Männer empfinden, die dem jüdischen Volke den Weg zu innerer und äußerer Befreiung geebnet haben. In den Alltagsgeschäften versunken, im Kampf mit des Lebens Not erscheinen die Juden verknöchert und trocken. In Wirklichkeit aber lebt in der jüdischen Masse eine brennende Sehnsucht nach Würde, Stolz und Freiheit. Sobald nur der richtige Mann kommt und mit seinem Zauberwort an das Herz des Volkes rührt, dann entströmen diesem Volke Gefühlsäußerungen, die sonst für immer verschüttet und vergraben schienen. Als ein solcher Zaubermann erwies sich Präsident Sokolow. Sturzbachartig ergoß sich für ihn, den Führer der zionistischen Bewegung, Liebe und Verehrung. Das jüdische Volk in Leipzig ehrte sich, indem es dem Präsidenten Sokolow huldigte. Der Brühl, die jüdische Geschäftsstraße Leipzigs, die sonst von Geschrei und Lärm erfüllt ist, trug drei Tage lang festliches Gepräge. Vergessen waren Geschäft und Verdienen; das Gefühl, einen lieben Gast in Leipzig zu haben, beherrschte die festlich bewegte Menge. Drei Tage lang sprach man nur von Zionismus, Palästina und Nahum Sokolow. Es war wie in Heines Gedicht ״Prinzessin Sabbat“. Der Prinz legte sein Wochengewand ab, entzog sich der Alltagsverzauberung Äafclendfer Helle da. So ehrte das jüdische Nachstehend der Bericht über die Sokolow-Tage in Leipzig:. ״.״ ׳; •־. Freitag, de« 30. Oktober, traf Nahum S a k o 1 o w, bcgleitet von seiner Tochter, Fräulein Dr. Sokolow und von Alfred Berger, dem Leiter des deutschen Keren Hajessod, nachmittags in Leipzig ein. Der Vorstand der zionistischen Ortsgruppe gab zu Ehren von Herrn Sokolow ein Abendessen. Schon bei dieser Gelegenheit traf ein Brief eines angesehenen I eipziger Zionisten ein, der anläßlich der Anwesenheit des Herrn Sokolow in Leipzig einen Scheck für den Keren Hajessod in Höhe von Mk. 10 000 überreichte. Sonnabend morgen war feierlicher Festgottesdienst in der Eitingonsynagoge. Die Synagoge war dicht gefüllt. Als Herr Sokolow erschien, kurz vor dem Ausheben, stand die ganze Gemeinde auf. Von den Vorstehern wurde Herr Sokolow zum Ehrenplatz an der Ostwand geleitet. Nachdem Herr Sokolow aufgerufen worden war, wurde von Herrn Kantor Wilkomirski (der wegen des Aufenthaltes des Herrn Sokolow seinen Urlaub in Polen unterbrochen hatte und nach Leipzig zurückgekehrt war) ein besonderer Segen gesprochen. Die Predigt wurde von dem Rabbiner der orthodoxen Gemeinde, Dr. Carlebach, gehalten und war ein ungewöhnliches Ereignis: Dr. Carlebach steht bekanntlich den Kreisen der Aguda sehr nahe. In dieser Predigt aber feierte er in wannen und klugen Worten den nationalen Führer Sokolow,der das jüdische Volk so wie seinerzeit der Rosch Jesehiba S o f c r in P r e ß b u r g, vor der Assimilation bewahren und in seine Heimat nach Erez-Fsrael, das die Heimat aller Juden bleibt, zurückführen will. Wenn auch, sagte der Redner, an dieser Stelle gesagt werden muß, daß die streng-thoratreuen Kreise in bezug auf die Erfüllung der Thora beim Palästinaaufbau vielerlei Bedenken haben, so muß und wird doch von allen Juden anerkannt, welch ungeheure Bedeutung der Aufbau eines jüdischen Palästina hat Alle Juden, die mit Erez-Israel verbunden sind, — und das sind vor allem alle thoratreuen Juden — schauen mit Liebe und Ehrfurcht auf den großen zionistischen Führer Sokolow, dessen Lebensart von so außerordentlicher Bedeutung für das jüdische Volk geworden ist. — Nach Verlassen der Synagoge wartete eine ungeheure Menschenmenge, um Herrn Sokolow das Geleit in sein Hotel zu geben. Sokolow war Gegenstand herzlicher Ovationen. Sonnabend abend fand ein Bankett im Festsaal des Kaufmännischen Vereinshauses in Leipzig zu Ehren Sokolows statt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach feierlichen Begrüßungen durch den Vorsitzenden der Ortsgruppe, Herrn Tumpowsky, durch Vertreter der Jugendorganisationen, der hebräischen Sprachschule, der Leipziger Loge, nahm Herr Sokolow, der immer wieder stürmisch bejubelt wurde, zu längeren Ausführungen das Wort In ungemein fesselnder Weise knüpfte Sokolow an die Rede Rabbiners Dr. Carlebach vom Vormittag an (Dr. Carlebach war zu diesem Abend erschienen, ebenso die Vorsteher der Gemeinde, sowie Rabbiner Dr. Cohn; Rabbiner Dr. Goldmann war verreist und hatte sein Fernbleiben entschuldigt); Sokolow gab eine Schilderung der inneren Kräfte des jüdischen Volkes, die zum Palästinaaufbau drängen. Herr Sokolow sprach ausführlich über die Lage des Judentums in der Welt und dann insbesondere über die Lage des Aufbauwerks in Palästina, gab der Zuversicht Ausdruck, daß die Keren Hajessod-Aktion in Leipzig, die mit diesem Abend beginnen sollte, ein gutes und zufriedenstellendes Ergebnis zeitigen werde. Nach Sokolow sprachen noch die Herren Alfred Berger, Berlin, und Dr. Löwenstein, Leipzig, der ehrenamtliche Leiter der Keren Hajessod-Arbeit in Leipzig, über die Notwendigkeit der Durchführung der Keren Hajessod-Arbeit. Schon aii diesem Abend wurden weitere Mk. 25 000 Keren Hajessod-Zeichnungen abgegeben. Sonntag mittag war Präsident So ko low mit dem Vorstand der Ortsgruppe zusammen. Sonntag abend fand eine Veranstaltung im kleineren Kreise im Hotel Astoria statt, in der Präsident Sokolow in längeren wirkungsvollen Ausführungen auf die Vorgeschichte der Balfourdeklaration und die bisherige politische Entwicklung einging. Auch dieser Abend verlief außerordentlich eindrucksvoll. An die Worte Sokolows schloß sich eine kurze Aussprache, an der sich die Herren Alfred Berger und R.-A. Dr. Goldschmidt, Leipzig, beteiligten. Das Schlußwort sprach Herr Sokolow. Nachträglich wurden auch nach diesem Abend eine Anzahl sehr beachtlicher Keren Hajessod-Eingänge abgegeben. Montag abend fand eine öffentliche Volksversammlung im Kristallpalast statt, die lange vor Beginn völlig überfüllt war. Hunderte und Aberhunderte mußten umkehren und konnten nicht mehr hineingelassen werden. Unter lautloser Spannung der Massenversammlung hielt Herr Sokolow eine ,l'ft^Äahrti! ]BälsclÄ'‘ttell^ositäL mit dem jüdischen Volk. Sokolows Rede dauerte über zwei Stunden und wurde stürmisch bejubelt. Nicht nur der Inhalt der Rede, nicht nur die Botschaft vom ewigen Wesen des Zionismus hat diese Resonanz hervorgerufen; es war die Persön lichkeit unseres Führers, die mit ihrem Charme und ihrer Ueberlegenheit unauslöschlich wirkte. Man muß diese wirklichen Feiertage in Leipzig miterlebt haben, um den unverwischbaren Einfluß dieser Stunden zu ermessen. Das gesamte Leben des größten Teiles der Leipziger Judenheit stand unter dem Eindruck des Besuches von Herrn Sokolow. Tausende und Abertausende drängten sich, ihn zu hören. Zahllos waren die Beweise der Liebe und der Verehrung aus allen Kreisen und allen Schichten des jüdischen Leipzig, die ihm zuteil wurden. Ein erneuter sinnfälliger Ausdruck der Hochachtung und Verehrung war die Tatsache, daß sich noch einmal Hunderte führender jüdischer Persönlichkeiten zum Abschied am Dienstag mittag auf dem Bahnhof einfanden. Ungefähr 50 000 M. an Zeichnungen sind in diesen drei Tagen in Leipzig für den Keren Hajessod abgegeben worden. Das ist ein ungewöhnlich gutes Ergebnis, denn die Aktion geht natürlich weiter. Vorstand und Ortsgruppe Leipzig hatten mit außerordentlicher Liebe und Sorgfalt alles vorbereitet, um diese Tage zu einem vollen Gelingen zu führen. Die jüdischen Zeitungen Leipzigs brachten besondere Begrüßungsartikel. Beachlung fand u. a. eine hebräisch geschriebene Begrüßung von dem Delegierten des deutschen K. H. in Leipzig, Rabbiner Kontorczyk. Die Wirkung der Worte Sokolows ist jedoch nicht nur durch das materielle Ergebnis gekennzeichnet. Das zionistische, das jüdische Leben Leipzigs, hat einen starken Aufschwung erfahren, die Worte unseres Präsidenten werden noch lange Zeit in Leipzig nachklingen und wirken. * Sokolow in Hamburg. Zu dem Bericht über Sokolows Aufenthalt in Hamburg ist noch ergänzend mituteilen, daß Herr Sokolow auch die Gemeindebehörden von Hambürg und Altona empfing. Eile Bilionr-Feier in Bukarest Eigener DrahtberlchL ln dem größten Tempel von Bukarest fand am 29. Oktober eine Balfour-Feier statt, der als Vertreter der Regierung der Minister des Aeußern Mitilineu, ferner der englische Gesandte Greeg und der englische Generalkonsul Gorst, sowie mehrere Vertreter der Behörden beiwohnten. Von jüdisehen auswärtigen Gästen nahmen teil der Direktor des Keren Hajessod Leib Jaffe und Eh־. Olschwanger. Der Landesrabbiner Dr. Niemirower hielt eine Predigt, in der er die Bedeutung des Tages würdigte und Großbritannien für die Proklamierung der Balfour-Deklaration und die Uebernahme des Mandats dankte. Er dankte auch der rumänischen Regierung dafür, daß sie dem Zionismus und dem Aufbauwerk in Palästina ihr Wohlwollen entgegenbringt. Dann hielt Dr. Olschwanger eine Ansprache, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Nach Schluß der Ansprache kamen Minister Mitilineu und Gesandter Greeg auf Dr. Olschwanger zu und beglückwünschten ihn io herzlichster Weise. Rundschau Die Mandatskommission tritt zusammen — Das syrische Problem — Die österreichischen Zionisten fordern einen Judenstaat RW, Berlin, 4. November. Heute beginnt in Genf die Tagung der Permänenten Mandatskommission, die sich diesmal nicht mit Palästina beschäftigen wird, wohl aber mit Palästinas Nachbarländern Irak und Syrien. Ztim erstenmal wird die englische Mandatsregierung einen Bericht über Irak vorlegen. Dieses Land ist, nachdem der Mossul-Konflikt im vorigen Jahr beigelegt wurde, eines der. prosperierenden Mandatsländer gewurden. Die anfänglichen Schwierigkeiten, die sich in aktivem Widerstand gegen England und gegen den von den Engländern eingesetzten König Feisul, den Sohn König Husseins, geltend machten, scheinen nunmehr beseitigt zu sein. England hat im Irak sofort damit begonnen, den Artikel 22 des Völkerbundspaktes zur Durchführung zu bringen und autonome Institutionen, die die Selbstregierung des Volkes vorbereiten sollen, eingerichtet. Der frühere Oberkommissär im Irak, Sir Percy Cox, hat schon vor mehreren Jahren die Erklärung abgegeben, England betrachte sein Mandat in Mesopotamien als kurzfristig und wolle dahin wirken, daß das autonome Königreich Mesopotamien bereits im Jahre 1929 in den Völkerbund aufgenommen wird, wodurch automatisch das Mandat erlöschen würde. Dieser Plan wurde jedoch wieder aufgegeben, als die konservative Regierung Amery-Churchill-Birkenhead ans Ruder kam. In den Verhandlungen wegen der Mossul- Frage hat der Völkerbund bekanntlich die ״Bedingung“ gestellt, daß England das Mandat auf weitere 25 Jahre übernehmen müsse. England hat zugestimmt und mit dem König Feisul eine entsprechende Vereinbarung getroffen. Inzwischen hat das Wirtschaftsleben im Irak .״jgjjgp, j^tr||htlifihen Aufschwung genommen, und abgesehen von der PetroieumproüUKtiun, schlossen werden soll, hat sich insbesondere die Baumwollkultur in größerem Umfang bewährt Es hat den Anschein, daß die Mandatsregierung der Kommission einen befriedigenden Bericht wird vorlegen tonnen. England hat es verstanden, durch eine kluge Politik der Nachgiebigkeit und des Entgegenkommens die Ruhe im Lande zu sichern, der Bevölkerung weitgehende Selbstregierung in inneren Angelegenheiten zu gewähren und dabei doch alle englischen Interessen auf diesem Gebiete sicherzustellen. Für uns Zionisten ist die Tatsache, daß das Mandatssystem im Irak sich bewährt hat, angesichts der Unzufriedenheit, die vor einiger Zeit das ganze System bedrohte, von großer Bedeutung. Viel schwieriger liegt die Sache bezüglich Syriens und des Libanon. In diesen Gebieten hat die französische Mandatsregierung Fehler auf Fehler begangen. Ganz im Gegensatz zu dem elastischen englische« System versuchte man in Syrien mit Methoden obrigkeitlicher Verwaltung, willkürlicher Provinzeinteilung und militaristischer Gewalt ein von allen arabischen Ländern relativ am höchsten entwickeltes Land zu entmündigen. Die Sympathien, die in diesen Gebiete« von attersher für Frankreich bestanden haben, wurden durch eine ungeschickte und verständnislose Politik schnell verspielt. Die Zerreißung des Landes in verschiedene Teilstaaten, das brüske Vorgehen der Militärs gegenüber den Wünsehen der Bevölkerung und nicht zuletzt die durch die Entwertung der französischen Währung, mit der die syrische verknüpft worden war, herbeigeführte wirtschaftliche Zerrüttung, gaben der Unzufriedenheit und der Agitation reichlichen Stoff, und der Drusen-Aufstand, der eine Zeitlang als Unbotmäßigkeit räuberischer Banden hingestellt wurde, verwandelte sich in einen regelrechten nationalen Aufstand. Trotz allen exemplarischen Maßregeln, deren furchtbarste die wiederholte Beschießung von Damaskus war, vermochte Frankreich des Aufstandes bis heute nicht Herr zu werden. Auch der aus der Schule des Völkerbundes hervorgegangene de Jouvenel hat einen vollen Mißerfolg in Syrien erlitten. Die von ihm vorgeschlagene Verfassung wurde boykottiert. Alle Nachrichten über Niederwerfung der Drusen haben sich bisher als falsch erwiesen. Nun ist es zwar nicht zu bezweifeln, daß Frankreich, eine der stärksten Militärmächte der Welt, mit seinen modernen Kriegsmitteln imstande ist, Syrien zu unterwerfen,• ebenso wie es schließlich Abd el Krim unterworfen hat. Aber die Frage, ob dieser Prestige-Krieg in einem Verhältnis zum Aufwand an Menschen und Kosten steht, dürfte sich auch in dem wirtschaftlich und finanziell nicht konsolidierten Frankreich erheben. Dazu kommt jedoch die immer wieder besonders von der eng- I Jjschen Presse aufgeworfene Frage, ob sich Frankreichs I Vorgehen in Syrien schlechterdings noch mit dem Ge-