Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 84 (26.10.1926)
- Date
- 1926-10-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 84 JIJEDISCHE RUNDSCHAU Seite 601 Jüdische Kinderfürsorge Von Dr. Hans Lubinski, Kowno. Wer im Jahre 1922 oder auch noch sich mit der jüdischen Wohlfahrtspflege in Litauen vertraut zu machen suchte, bekam sehr bald das Oe fühl, daß unter dem Schutze des jüdischen Nationalrats für Litauen die jüdische Wohlfahrtspflege durchaus aut dem Wege sei, ihren systematischen Aufbau den Anforderungen zu genügen, die an eine moderne Wohlfahrt*- pflege gestellt werden. Auf allen Gebieten bemüht man sich, die europäischen Vorbilder litauischen Verhältnissen anzupassen, und aufmerksame Beobachter erhofften von diesen Bemühungen den Aufbau eines autonomen jüdischen, modernen Fürsorgewesens in Litauen. Der politische und wirtschaftliche Autstieg, den das litau- Ische Judentum kurz nach Beendigung des Krieges nahm, ist nur von kurzer Dauer gewesen. Mit der Verkleinerung der Politischen und wirtschaftlichen Macht ist auch die sozia'e ürsorge auf eine Stute zu rück gesunken, wie sie im Jahre 1922 kaum für möglich gehalten worden wäre. Schon im Jahre 1924 begann allenthalben die Liquidation. Mit dem Fallen der jüdischen Autonomie, mit der Verschlechterung der Wirtschaftslage in Litauen im allgemeinen und der der Juden im besonderen zerfiel in sehr kurzer Zeit der größte Teil dessen, was in Ansätzen als vielversprechender Anfang vorhanden war. Wie überall gibt die Wohlfahrlsnflege und ihre Entwicklung ein ganz gutes Bild von der wirtschaftlichen Situation eines Landes, kann der Umfang der Wohlfahrtspflege sehr wohl als Barometer der Wirtschaftslage angesehen werden. Eine Analyse der Entwicklung der Wohlfahrtspflege der letzten Jahre wird also gleichzeitig ein ungefähres Bild litauischer jüdischer Wirtschaft überhaupt ergeben. Da im gegenwärtigen Augenblick keine allgemeine Wohlfahrtspflege besteht, andererseits die sanitär-medizinischen Institutionen anderen Gesetzen folgen, beschränken wir uns auf die Betrachtung der Verhältnisse der Kinderwohlfahrtspflege. Beginnen wir mit der geschlossenen Fürsorge. Schon zurzeit des russischen Regimes bestanden eine Reihe von Waisenhäusern in Litauen, die im wesentlichen Vollwaisen aufnahmen und die von der jüdischen Gesellschaft unterhalten wurden. In der Nachkriegszeit vermehrte sich die Anzahl dieser Anstalten sehr erheblich, weil überall die Frage nach Unterbringung der Kriegs- und Pogrorawalsen akut wurde. Diese Anstalten trugen zunächst provisorischen Charakter iind waren Unterkunftsstellen für die Geflüchteten. Mit der Stabilisierung der Lage wurde das Problem der Erziehung und dauernden Unterbringung dieser Kinder akut. Nachdem zu• nächst die Form der privaten Adoption für die Versorgung dieser Kinder versucht worden war, stellte es sich heraus, daß diese Form der Fürsorge, die sich iu anderen Ländern sehr wohl bewährt hatte, in Litauen wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Wir erklären diese Tatsache damit, daß in den Ländern, in denen das wirtschaftliche Niveau der Bevölkerung sehr niedrig ist, weder die wirtschaftlichen noch die geistigen Voraussetzungen gegeben sind, um eine geordnete private Fürsorge zu betreiben, Trotz iutr’siver Kontrolle, die zu sehr häufigem Wechsel der Pflegeste.,en führen mußte, konnte ein großer Teil der Kinder niclit in wünschenswerter Weise erzogen werden. So kam es, daß man etwa von 1923 an der geschlossenen Anstaltsfürsor^e, besonders in den größeren Orten immer mehr Kinder zuführte. Diese Methode hat sich in der Folge als richtig erwiesen. Es hat sich herausgestellt, daß in den Zeiten schwerster wirtschaftlicher Not die Bevölkerung eine viel größere Anteilnahme den Kindern in geschlossenen Anstalten gegenüber aufbringt als den von Privaten adoptierten Kitwem. VSp »t es »*glich gewesen, auch In Zeit«! *itrkuter wirtschaftlicher Krisei! die Amrtalte«,. wenn auch jjp verringert•« Umfing«• weitemtfübren, während die privat untergebrachten Kinder ohne die Hilfe des Auslandes einfach zugrunde gegangen wir«!• Als weiterer Vorteil der geschlossenen Fürsorge hat sich herausgestellt, daß hier die pädagogische Beeinflussung viel intensiver sein kann, besonders in einem Lande wie Litauen, das wegen seiner politischen Konstellation wohl noch für lange Zeit der Schauplatz schwerer Wirtschaftskämpfe sein wird, ist es notwendig, dem Existenzkampf möglichst gut vorgebildete Menschen zuzuführen. Aus allen diesen Gesichtspunkten entstand das Kownoer Kinderhaus, gegenwärtig die größte Kinderschutzanstalt des Ostens. Es bestehen hn ganzen in Litauen noch neun geschlossene Kinderschutzanstalten mit annähernd 650 Kindern. Der Anteil der Kriegswaisen, die heute zwischen 10 und 18 Jahren sind, ist noch immer der wesentlichste. Allerdings hat sich jetzt der Prozentsatz zugunsten der Niehtkrlegs- Waisen verschoben. Für den größten Teil der Kriegswaisen steht beute die Frage der Berufsausbildung im Vordergrund. Erst wenn es gelungen sein wird, diese Kinder zu erwerbstätigen selbständigen Menschen heranzubilden, wird die Ge- Seilschaft ihre Verpflichtung gegen diese Opfer des Krieges erfüllt haben. Heute stehen der Einlösung dieser Verpflichtung noch große Schwierigkeiten entgegen. Die Möglichkeiten zur Ausbildung dieser Kinder sind besonders außerhalb Kownos so schlechte, daß die Lösung dieser Aufgabe nahezu aussichtslos erscheint Alle Versuche, diese Arbeit ln geordnete Bahnen zu leiten, sind vorläufig gescheitert In der Provinz befindet sich eine große Anzahl jugendlicher gesunder Mensehen, die in gröbster Weise bei den niedrigsten Arbe'ten ausgenutzt werden, ohne etwas zu lernen. Mangel an Mitteln hat es bisher verhindert, diesen Kindern zu helfen. Das Kinderversorgungsamt für Litauen hat allein in den letzten Monaten annähernd 100 Kinder gezählt, deren Berufsunterbringung unbedingt sofort erfolgen müßte, ״Df י halboffene Fürsorge war nur für einen kleinen Teil der Knegswaisen brauchbar, dem! ein großer Teil dieser Kinder waren ja Vollwaisen. Die verschlechterte Wirtschafteläge hat auch diesen Tel! der Fürsorge an Bedeutung gewinnet! lassen. Es ist in Litauen in vielen Familien notwendig geworden, daß beide Ehern arbeiten, oft findet auch nur die Mutter Arbeit Dann ist es unbedingt notwendig, daß die Kinder tagsüber untergebracht sind. Die halboffene Fürsorge gewinnt in allen Lindern immer zunehmende Bedeutung, ln Litauen ist wegen Mangel an Mitteln dieser Zweig der Fürsorge immer weiter zurückgegangen. & besteht eine feringc Zahl von Kindergärten, im ganzen etwa 11 bis 12 mit urchschnittlich 30 bis 40 Kindern. Nach ganz vorsichtigen Schatzungen des Genmndesebwesterndienstis des Kinderhauses durfte die Zahl der Kindergartenkandidaten allein in Kowno mehrere hundert betragen. Allein die vom Kir.de י haus erfaßte Zahl beträgt 84. Dil Zahl der Tagesheime, die in Litauen bestanden haben, verkleinert sich von Jahr zu Jahr, da diese Einrichtungen den Ansprüchen, die wir stellen müssen, nicht genügen. Die Unterbringung von Schulkindern am Nrchmittag scheint nicht von besonderer Bedeutung. Wir Jteuben, daß dieser Form der Fürsorge heute nicht mehr ie Bedeutung zukommt, die sie vor einigen Jahren hatte. Die in anderen Ländern vorhandene sogenannte offene Fürsorge, die einen Hauptteil sämtlicher Wohlfahrt«• Institutionen bildet, gibt es in Litauen nicht. Das jüdische Kind, das Eltern hat, dessen Eltern aber nicht imstande sind, es zu versorgen, bleibt vollkommen unversorgt. Es gibt J'/int; Stelle in Litauen, besonders nach dem Zerfall der Kehllloth nicht, die sich für solche Kinder irgendwie verantwörtlich fühlt Bei der schwersten wirtschaftlichen $itua ion gibt es niemanden, an den die Familie sich wenden könnte. Die augenblickliche Situation ist die, daß Kinder, die nicht das ״Glück'* haben, Kriegswalsen zu sein, absotut schütz- und rechtlos sind. Ich sehe in diesem Mangel der Fürsorge für schutzlose Kinder den schärfsten Vorwurf, der der jüaischeu Gesellschaft überhaupt zu machen ist. Aus der Praxi* der sozialen Sprechstunde beim Kinderhaus in Kowno und des (jeinc.indeschwesterndicnstes könnte ein ungeheueres und schaueiliches Material zitiert werden. Die Menschen, die in dieser Arbeit stehen, haben zum Teil schon jede Energie verloren, weil sie sehen, daß ihre Arbeit nur einen Bruchteil derer befriedigt, die Not leiden. Es ist klar, daß cs nicht gelingen wird, in kürzester Zelt in Litauen eine ausreichend helfende Wohlfahrtspflege zu schaffen. Es ist weiter klar, daß es vermieden werden muß, große Wohlfahrtscinrichtungen zu schaffen, die sich dann nicht halten können. Aber das Allernotwendigste müßte getan werden. Mit einigen Ein- Schränkungen kann man sagen, daß die Versorgung der Waisenkinder einigermaßen befriedigend ist Die Fürsorge für alle anderen schutzlosen Kinder ist absolut 11 nzureichend, oder besteht vielmehr überhaupt nicht. Wir wissen sehr wohl, daß das litauische Judentum an erster Stelle verpflichtet ist, hier Abhilfe zu schaffen, aber da Litauen allein infolge der schweren wirtschaftlichen Lage bei der Durchführung dieser schweren Aufgabe versagen muß, wissen wir keinen anderen Ausweg, als Hilfe des Auslandes. Es ist dein Auslande viel zu wenig bekannt, wie die Verhältnisse in Litauen sind. Polen hat das gesamte Interesse des Auslandes absorbiert. Das litauische Judentum aber leidet in einer Weise, die zu detn Furchtbarsten gehört, was an Juden leid in den letzten Jahren erlitten worden ist Presse •Schau Anläßlich der Oppenheiroerschen Kritik und verschiedener antipalästinensischer Presseerzeugnisse der letzten Zeit schreibt der agudistische ״Israelit"; ״Ke scharfe Stellungnahme Oppenheimers im Zusammenhang mit anderen in die Tagespresse und in die Revuen (״Weltbühiie“) gedrungenen Berichten über die furchtbare Wirtschaftskrise in Ercz Isroel wird natürlich von den Gegnern der Palästinasiedlung mit Wonne aufgegriffen und von der offiziellen zionistischen Presse vertuscht (?? — Red. ״J. R.“). Wir sehen dazu keine Veranlassung. Auf die Dauer wird man für die aktive und opfervolle Mitarbeit an dem Aufbau Erez Isroels doch nur diejenigen gewinnen können, die sich der ungeheuren, die Leistungsfähigkeit von ein oder zwei Generationen weit übersteigende״ Schwierigkeiten des Werkes bewußt sind. Die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina wird aus dem Stadium des kostspieligen Experimentieren* noch lange nicht herausgekommen sein. Aber so wenig wie der areiigiöse Zionismus bat die gesetzestreuc Judenheit die Wahl, sich irgendein anderes Land mit besseren Siedlungsbedingungeil herauszusuchen. Wenn Generationen thoratreuer Juden für die Erfüllung der Gottesgebote und der geringsten rabbinischen Tekonoth unermeßliche Opfer an Geld und Gut, an seelischer Hingabe und unüberwindbarer Geduld gebracht haben, $0 werden wir uns auch für die in kleinerem oder größerem Maßstabe zu verwirklichende מצות ישוב ארץ ישראל mit den gleichen sittlichen Waffen zu rüsten haben. Die ״nationale Erneuerung“ des jüdischen Volkes mag als ein zweckhaftes, auf ein Kleines, wirtschaftlich verwahrlostes und praktisch gefahrenreiches Land gestütztes Unternehmen leerer Traum, ja sträflicher Leichtsinn!ein — ab Mizwo und nur ab Mizwo bldbt p® «bmvolie ewige Aufgabe.“ Dimes B«k«untnlc zu Palästina verdient ver* zeichnet zu werden, wenn such die kindische Anrimpelung des Zionismus und 4er zionistischen Presse (!) bei dimer Ge• legenheit unnötig war. Nr. 78 des ״Konfektionärs“ vom 29. September bringt einen Aufsatz ״Palästinas steigende Aufnahmefähigkeit, Fingerzeige für die Ausbreitung unseres Exportgeschäfts“, in dem auf die steigende Aufnahmefähigkeit Palästinas seit *v iwmi י» mv». .,a uiaauua U*vsu gt.gv.uu«« «g, vviviw vm» Absatzgebiet für eine Reihe von europäischen Fabrikaten, zu deren wichtigsten Textilwaren zu rechnen sind. Leider werde dieser Tatsache seitens unseres Exporthandels zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt Vor allen Dingen habe man versäumt, den Markt an Ort und Stelle zu studieren.“ Im weiteren Verlauf des Aufsatzes werden die Möglichkeiten im einzelnen ausführlich dargelegt und Angaben über die Handelspraxis im Lande gemacht in der ״LeipzigerVo lkszeitung“ vom 7. Oktober steht ein Bericht über einen Vortrag der Herren Alfred Berger und Felix Fe eben bach über ihre Reiseeindrücke in Palästina vor der jüdischen Arbeiterpartei Poale Zion in Leipzig. InlandsaBleihe der Jüdischen Gemeinde za Berlin Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat zur Deckung ihres Geldbedarfs, der nicht aus laufenden Ausgaben erwachsen ist, soeben eine AnleiheinHöhevon drei Millionen Mark mit der Gemeinschaftsgruppe deutscher Hypothekenbanken abgeschlossen. Das .Geld dient zur Erweiterung des Friedhofes und der Wohlfährtseinrichtungen der Gemeinde. Das Darlehen wird in achtprozentigen Kommunalobligationen fegeben. Di« Anleihe hat die Gehehmghmg der Aufsiehtsehörde bereits gefunden. An der Hebräischen Universität zu Jerusalem, die am 1. April 1925 durch Lord Balfoar formell eröffnet worden ist, beginnt das erste offizielle Akademiejahr (1926/27) am 1. November dieses Jahres. Der Innenminister des neuen Kabinetts Bethlen, Sdtovsky, empfing die Vertreter der Presse und erklärte, die Regierung werde den christlich-nationalen Kurs weiter befolgen. Eine Judenfrage in Ungarn existiere nicht. Gastspiel des mosKauer Hßn8tiert*ct1en maters ״MaMmair הבימה im Theater am Nollendorfplatz 2$. Oktober 8 Uhr: Uybuk 27. Oktober 8 Uhr: Jakob's Traum 28. Oktober 8 Uhr: 0ybuk Brief ans Chemnitz Am Dienstag, den 19. Oktober, fand in Chemnitz eine von 500 bis 600 Mitgliedern der dortigen israelitischen Rcli-!?ionsgemeinde besuchte Protestversammlung gegen den wahlrechtsraub statt, den die Chemnitzer ״Liberale Arbeitsgemeinschaft“ gegen Zionisten und Ausländer durchziifiihrcn beabsichtigt. Das Wahlrecht zur Gemeindevertretung in Chemnitz ist auch schon von einer fast unverständlichen Monstrosität; es basiert auf einem Zwei-Kuricnsystem: WIhnend Kurie A den wcstjüdischen Teil der Gemeinde, die Minorität, umfaßt, besteht die Kurie B aus der ostjüdischen Majorität. Dafür stellt Kurie A die vierfache Zahl von Abgeordneten wie Kurie B. Dieser Zustand genügt den Machthabern in der Gemeinde noch nicht. Bisher konnten nämlich die Mitglieder der Kurie B Angehörige der Kurie A, die ihr Vertrauen genießen, zu Repräsentanten wählen. Auf diese Welse kamen Zionisten iu die Gemeindevertretung. — Um diesem Uebelstand abzuhclfen, und den Eindruck zu verschleiem, daß die große in Kurie B vereinigte Majorität der Gemeinde entrechtet und vergewaltigt wird, soll jetzt Kurie B geteilt werden. Eine Kurie C soll die ostjüdisch«! Orthodoxen aufnehmen, Kurie B und die neue Kurie C zusnmmen die Anzahl von Abgeordneten stellen, die bisher Kurie B allein stellte; ja man will, welche Gnade!, eventuell den beiden ostjüdischen Kurien zusammen einen Abgeordneten mehr zubilügeii. Dafür soll nach dem Entwurf jede Kurie nur das Recht haben, Vertreter aus ihrer Mitte zu wählen; die der Kurie A angehörigen Zionisten kämen also für eine Wahl in Kurie B oder C nicht mehr in Frage. Nachdem der Vorsitzende der Versammlung diesen Sachverhalt kurz dargestellt hatte, sprach als erster Redner Herr Karl Glaser, Berlin. Er führte aus, daß es sich um einen Teilkampf iu der großen Auseinandersetzung handele, die augenblicklich zwischen Zionisten und Nlchtziooisten ira Gange sei. Eine Verletzung des Prinzips der Gerechtigkeit durch Juden, wie Im Falle Chemnitz, könne für die gesamte deutsche Judenheit gefährliche Folgen haben. Wie sollten Antisemiten die Rechte der Juden achten, wenn Juden die Rechte ihrer eigenen Brüder nicht mehr zu achten bereit seien? Es gäbe keine Religion der Welt, die nach Herkunft und politischer Ueberzeugung Religionsgenossen ersten und zweiten Ranges unterscheide. — Die antizionistischen Leiter der Chemnitzer Gemeinde sollten sich nicht täuschen; der wirkliche Kampf werde erst jetzt beginnen. Er werde sowohl mit politischen Mitteln als auch auf dem Wege der geistigen Auseinander- Setzung über die Grundlagen der jüdischen Gemeinschaft, ihre Aufgaben und Ziele geführt werden und in diesem Kampfe seien wir das Sieges sicher. Als zweiter Redner sprach Herr Dr. Soloweitschi k. Erwies darauf hin, daß die Chemnitzer Vorgänge symptomatisch für die gegenwärtige Situation im Judentum seien, und daß sie erst durch den Oesamtverlauf der jüdischen Geschichte verständlich würden. Immer wieder käme cs zu einer Auseinandersetzung zwischen den von der Umwelt bereits rezipierten, jüdisch entwurzelten Teilen des jüdischen Volkes und solchen, die noch im Judentum ständen und ihnen wiederum ein jüdisches Gepräge aufzudrücken versuchten. Auch die jetzt in Chemnitz scheinbar herrschende jüdische Schicht werde ihn verlieren müssen, weil sie die Jugend, die in der jüdischen Leere der älteren Generation kein Genüge finden könne, nicht auf ihrer Seite, und damit den Feind im eigenen Hause habe. Wir könnten also des Sieges gewiß »«in und brauchten in dimer Zuversicht nicht den Haß unserer augenblicklichen Gegner mit Haß zu erwidern. Es seien Im Judentum enterbt®, ״arme“ Juden, die vielmehr Mitleid tis Haß verdienten, — Die. Chemnitz«. Sleral®*». JadftB «!ta! vor nicht sehr langen Jahren d»• mwpm,״,vw-WUidMim jetzt seien, ln nicht allzu langer Zelt würden die Ostjuden von heute die vollberechtigten Westjuden von morgen sein. Bis dahin müsse in Chemnitz eine jüdische Erziehung geleistet werden, die es ausscMosse, daß sich etwa die Vorgänge von heute dann in ähnlicher oder anderer Form wiederholten. Die Herren Dr. Sichel und Scharf, Chemnitz, gingen dann auf Einzelheiten der Chemnitzer Vorgänge ein. Insbesondere wandten sie sich gegen das Verhalten des Gemeinde- Vorsitzenden Georg Mecklenburg ,der den Versuch mache, völlig unberechtigterweise den Eindruck zu erwecken, als ob ein Teil der ostjüdischen und orthodoxen Bevölkerung von Chemnitz hinter ihm stände. Sie wiesen darauf hin, daß das beabsichtigte Ausnahmegesetz gegen Zionisten und Ost- Juden sehr wesentlich eine lex Sichel sei, weil man diesen unbequemen Mahner in der Gemeindestube zum Schweigen bringen wollte. Eine cingebrachte Resolution, die Herrn Dr. Sichel und den anderen zionistischen Gemeindevertretern das tinelngeschränkte Vertrauen der Anwesenden aussprach und scharf gegen die Entrechtungsversuche des Herrn Mecklenburg und seiner Anhänger Stellung nahm, wurde einstimmig angenommen. In einem Schlußwort wies Glaser darauf hin, daß solche Protestversammlungen nur einen beschränkten Wert hätten, wenn sie nichts weiter als eine Episode in einem gerade aktuellen Kampf darsteliten. Die Zionistische Organisation sei es, die in der ganzen Welt den Kampf gegen die entjudenden Mächte führe. Auch der Chemnitzer Streit werde nicht in Chemnitz entschieden, sondern letzten Endes in Pa* 1 ä s t i n a. Alle, die heute protestiert hätten, gehörten in die Zionistische Organisation. Tayttsg der ״*ehdntir in FranUnrt a. M. Die ״Vereinigung gesetzestreuer Juden Deutschlands Achduth“ hatte — wie das ״Jüdische Wochenblatt“ mitteilt — eine große Reihe ihr angchöriger Herren und darüber hinaus noch andere orthodoxe Persönlichkeiten zur Besprechung ivtsentlicher Fragen des deutschen Judentums einberufeq. Die Versammlung fand im, Hause des Herrn Dr. Albert Sondheimer statt, der auch der Tagung präsidierte. Justizrat Hommel-Schweinfurt hielt ein Referat über die Geschichte der bisherigen Verfassungsentwürfe zum Reichsverband. Es sprachen zu diesem Gegenstand noch Rechtsanwalt Horovitz, Rabb. Dr. Unna״ Bruno Galewskl-Berlin, Rabb. Dr. Hoffman״- Frankfurt #. M., Rosenthaler-München, Rabb. Dr. Hannover- Würzburg, Justizrat Fränkel-München, Dr. Pfälzer-Weinheim, Dr. Ist Kahn-Berlin, Dr. Ernst Simon-Frankfurt a. M., Fritz Sondheimer und mehrere andere. Es wurden hierauf verscjiiedene Anträge formuliert Rabbiner Dr. Horovitz sprach über die ״Schichtfrage“. Er schilderte das allmähliche Anwachsen der scbächtgegnerischen Bewegung in Deutschland und erwies noch einmal die unbedingte Gleichwertigkeit der rituellen Schlachtung. Er fand die einmütige Zustimmung der Versammlung für seine Forderung mit allen Kräften das bedrohte Freiheifsrecht » verteidigen. Es wurde beschlossen, in sehr naher Zeit die Zusammenkunft m wiederholen und dann insbesondere über Lehrerausbildung zu beraten. De Weltzentrale des Misracbi in Jerusalem hat zum silbernen Jubiläutnsjahre des Keren Kajemeth einen Aufruf erlassen, worin sie die verstärkte Unterstützung der ״einzigen Institution zur Erlösung des Bodens des Volkes Israel zum Eigentum der ganzen Nation“ verlangt.