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Jüdische Rundschau · 1926-10-22 · Heft 83 (22.10.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 83 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelntmtmct 0>30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekeetraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Amlsadaabonoamciit■ wenden io der Wihrnnj der elnreinen Linder berechnet Nummer 83 | Berlin, 22. X. 1926 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H״ Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis! 8 geftpait-Naspereilkzm!« 040 G׳-M, Stellengesuch« 0,25 Gr-M. Aax«lget1sd>111£: Di eo י tag und Freitag aaehtnittüg 4 Uhr, Telephon: Bismarck 7 -165לG. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oenterreich: Po&tsparktssectasii Wien, Konto Nr, 156(30. Für Tinbeeboelowekei: rostsparkaaseaamt Frag Koste Nr.» 410. Für Polen: Poslspirkaaseaasit Warschau, Konto Nr, 190 708, Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד מרחשון■ תרס״ז | xxxi. Jahrg, Per Zloni.mu« intrebi lür das itienstha Volk dl« Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Helmstütte In PalBstlna. ״Baaeler Programm.** Kritisches und Positives Franz Oppenheimers Berliner Vortrag Franz Oppenheimers Vortrag in Berlin ist mit ungewöhnlicher Spannung erwartet worden. Um Oppenheimers Bericht über seine Palästinareise hat sich in den letzten Wochen bereits so etwas wie eine Legende gebildet. Ein paar Zeitungen in Wien hatten die Un- Verschämtheit, Teile des Vortrags in entstellter Form wiederzugeben und in sensationeller Aufmachung als einen Beweis für die ״Katastrophe Palästinas“ darzubieten. Diese palästinafeindlichen und vielfach überhaupt judenfeindlichen Fälschungen wurden auch in Deutschland verbreitet und waren Wasser auf die Mühlen der antizionistischen Hetzer. Es ist nicht zu verwundern, daß auch ernste Leute dadurch irritiert worden sind. Aber sogar in manchen zionistischen Kreisen kursierten Gerüchtc über ״Enthüllungen“, die Oppenheimers Bericht angeblich bringt. Es hat sich wieder einmal gezeigt, daß die langsame und schwerfällige Arbeitsweise unserer Exekutive, die noch nicht Gelegenheit fand, Oppenheimers Gutachten im Wortlaut zu veröffentlichen, von üblen Folgen begleitet war. Denn man vermutet gleich so etwas wie Geheimhaltung und Geheimniskrämerei, und ist dann geneigt, Dinge zu argwöhnen, die nicht vorhanden sind. Unter diesen Umständen ist es zu begrüßen, daß Oppenheimer in seinem Berliner Vortrag sich mit aller Entschiedenheit gegen die Sensationsmacherei gewendet hat (daß dies nicht viel nützte, zeigten schon am andern Tage manche Zeitungsberichte). Oppenheimer ist mit bestimmten Anschauungen, die jeder sgnt, der das Werk dieses Mannes seit mehr als scSin- Ueberzeugungen geprüft uni dann den von der Zionistischen Exekutive erbetenen Bericht erstattet. Daß die Zionistische Organisation und der Keren Hajessod fachmännisch geschulte Beobachter in das Land senden, ist ihre selbstverständliche Pflicht gegenüber einem Unternehmen, für das es keine fertigen Rezepte gibt und das in vorsichtigem Experimentieren den richtigen und passenden Weg erst finden muß. Wenn man Oppenheimers Darstellung mit ruhiger Sachlichkeit prüft, so findet man, daß der größte Teil seiner Ausführungen nichts enthält, was nicht von den meisten Zionisten — zumindest in Deutschland — gebilligt würde. Oppenheimers Art, seine Erkenntnisse scharf zu pointieren und womöglich mit polemischem Elan vorzutragen, ist aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit bekannt Diese Art der Dialektik und das jugendliehe Temperament des Gelehrten wirken einesteils anziehend und fesselnd, andernteils aber verführen sie ihn manchmal zu einer paradoxen Ausdrucksweise, die auf Leute, die ihn nicht kennen, einen falschen, oft befremdenden Eindruck zu machen geeignet ist. Dies mag auch der Grund sein, warum sein Vortrag in Wien im zionistischen Lager eine wenig günstige Aufnähme fand und eine zionistische Gruppe sich sogar veranlaßt sah, eine Protestversammlüng gegen Oppenheimer einzuberufen. Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß auch in Berlin manche seiner Sätze in vielen zionistischen Kreisen verstimmten, und zwar vor allem solche Teile seines Vortrags, die nicht mehr zum sachlichen Gehalt seines Gutachtens gehörten, sondern eben zu jener persönlich-unmittelbaren Wiedergabe von Eindrücken, die — man möchte fast sagen — zu Oppenheimers künstlerischer Eigenart gehört. Um ein Beispiel zu erwähnen: Oppenheimer hätte nicht vergessen dürfen, daß im Saale Leute saßen, die seine doch nur in sehr übertragener Wertung zu verstehende Ausmalung des rosenbestreuten Glücksweges des Chaluz wörtlich nahmen. Oppenheimer wollte sagen — und dem kann man zustimmen —, daß der Chaluz als nationaler Pionier sich auch einer höheren Disziplin im Interesse der Sache und in seinem eigenen Interesse unterwerfen muß und dies nicht als unrechtmäßige Be- Schränkung der Freiheit auffassen darf. Aber um dies zu begründen, bedurfte es nicht der Uebertreibung, die von der glänzenden Aufnahme der Chaluzim sprach, von dem Paradies der Quarantäne und der Immigranten- Iager, von der Autofahrt zum glücksgesegneten Leben der Kwuzah. Dies müssen die Menschen, die nur im Glauben an das große Ideal die oft unmenschliche und schikanöse Behandlung der Quarantäne, die Entbehrungen des in endlosem Warten beschäftigungslosen Lagerlebens, die Qualen bürokratischer Behandlung, schließlieh die völlig ungewohnten Anstrengungen eines ungelernten Arbeiters oder eines Steinklopfers in der Sonnenhitze der Chausseen, unterbrochen durch immer wiederkehrende Arbeitslosigkeit, auf sich genommen und dabei einen guten Teil ihrer Gesundheit, ihrer physischen Kraft und ihrer geistigen Frische eingebüßt haben, geradezu als eine Verhöhnung empfinden. Und dies ist um so bedauerlicher, als ja im Interesse des Fortschrittes der Arbeit wünschenswert wäre, daß gerade bei diesen Menschen die Autorität der sachlichen Forderungen Oppenheimers gesteigert und nicht geschwächt werde. Wir halten es für unsere Pflicht, dies offen auszusprechen, weil wir der Ansicht sind, daß in dieser eminent sach- Bernhard Baron spendet weitere 25 000 Pfand Herr Bernhard Baron in London, der vor kurzem 25 000 Pfund Sterling für den Keren Hajessod gespendet hat, hat soeben dem Hauptbüro des Keren Hajessod mitgeteilt, daß er ihm weitere 25 000 Pfund zur Verfügung stellt. * Unseren Lesern dürfte noch erinnerlich sein, daß vor etwa vier Monaten die zionistische Welt in Palästina und Galuth in Erregung versetzt wurde durch das Gerücht von der bevorstehenden großen Spende für Palästina. Es wurde damals ein sehr hoher Betrag genannt und übertriebene Nachrichten wurden in die Weit gesetzt. Dann hat Herr Baron, dem Dr. Weizmann über seine Palästinareise berichtet hatte, am 4. Juli 25 000 Pfund für Keren Hajessod gegeben. Jm verfangenen Monat zeichnete Baron 100000 Pfund für die Rutenberg-ElektrizitätsgeseHschaft. Nunmehr .hat ef#|1ri(^|r^.^^»;:Pg111d1>dem Kfren.-Hajessod gespendet. W::lßw~ _״ __,,_ _ _ __..___ Universität'—auf Tnsgesaint 1690Ö9 Pfund. CWl wir haben Grund anzunehmen, daß, damit die Sympathie Barons und sein wachsendes Interesse für Palästina sich in einer Weise manifestiert hat, die auch für die Zukunft seine Verbundenheit mit dem jüdischen Aufbauwerk sichert Gerade in diesem Moment schafft die große Einzeispende Barons eine Erleichterung für die palästinensischen Schwierigkeiten. Herr Baron hat Verständnis für die Situation gezeigt und ist mit einem Beispiel vorangegangen, dem jeder Zionist, jeder nach seinen materiellen Kräften, folgen sollte. liehen Angelegenheit alles aus dein Wege geräumt werden muß, was den Sentiments freies Spiel läßt und dadurch die sachliche Prüfung der aufgestellten Thesen erschwert. Oppenheimers Gutachten erstreckt sich auf drei Problemkomplexe: die Araberfrage, die industrielle Arbeiterfrage und die landwirtschaftliche Kolonisation. Was die Araberfrage betrifft, so vertritt Oppenheimer mit einigen Nuancen ungefähr die Anschauung, die in diesem Blatte seit fünf Jahren wiederholt Ausdruck gefunden hat und die in ihren Grundzügen vom letzten Delegiertentag der deutschen Zionisten ausdrücklich gebilligt worden ist: nämlich die Anschauung, daß Palästina kein jüdischer Nationalstaat sein könne, sondern nach Lage der Dinge nur ein jüdisch-arabischer Nationalitätenstaat, in dem es zwei politisch gleichberechtigte Nationen gibt, ohne daß die Mehrheit die Minderheit in irgendeiner Beziehung unterdrücken dürfte. Auch in diesem Blatt wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß selbst bei größter Ausnützung aller Möglichkeiten und Beschleunigung des Tempos der Ein- Wanderung das Zahlenverhältnis von Juden und Arabern in der für politische Betrachtung überhaupt denkbaren Zeit nicht so sein kann, daß von einer ausschlaggebenden Ueberlegenheit einer ״Majorität“ die Rede sein kann. Mit Recht wies Oppenheimer darauf hin, daß diese Erkenntnis sich bereite beinahe in allen ernsten zionistischen Kreisen Bahn zu brechen beginnt. Auch was den zweiten Punkt betrifft, werden wir, und wohl die Mehrheit der Zionisten, Oppenheimer in der Hauptthese zustimmen: daß nämlich der gefährlichste Feind des jüdischen Werkes und die gefährlichste Art des Kapitalismus der Bodenwucher in Stadt und Land ist. Zum Problem der Lohnpolitik der industriellen Arbeiterschaft macht Oppenheimer eine Reihe von klugen Bemerkungen, ohne jedoch einen Ausweg zu zeigen. Es dürfte Oppenheimer bekannt sein, daß dieses Problem nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern auch die verantwortlichen zionistischen Instanzen bereits eingehend beschäftigt hat und daß vor beinahe zwei Jahren die sogenannte Fünfzehner-Kommission unter dem Vorsitz von Dr. Ruppin eingesetzt wurde, die in vielen und eingehenden Beratungen zu einer Lösung zu kommen versuchte und tatsächlich manche Schwierigkeiten schon erleichtert hat, in manchen Teilfragen ihre Arbeiten noch nicht abgeschlossen hat. Die Interessenkollision zwischen den Erfordernissen einer jungen und ungeschützten Industrie und den Minimalbedürfnissen der Arbeiter ist wahrscheinlich nur durch ein resolutes Eingreifen des Staates bzw. der nationalen Behörden zu lösen, die z. B. durch Schaffung von Arbeitewohnungen oder der lange geplanten Arbeitergartenstadt (Schchunath Owdim), für die bisher noch niemals die bereits längst budgetierten £ 20 000 verfügbar waren, die Produktions- Bedingungen ohne schwere Schädigung des Arbeiter- Standards erleichtern könnten. Das Verständnis für die Zusammenhänge von Lohn- und Preispolitik ist in den Arbeiterkreisen im Wachsen, und es ist zu begrüßen, wenn Oppenheimers Gutachten zur weiteren Aufklärung beiträgt und vor allem auch zu Taten in der angedeuteten Richtung den Anstoß gibt. Das schwierigste und wichtigste Problem ist die Landwirtschaft. Oppenheimers These, daß Gelingen oder Mißlingen des Palästinavverkes von der Herbeiführung der Rentabilität der Landwirtschaft abhängt, dürfte kaum mehr von irgendeiner Seite bestritten werden. Oppenheimer sieht in dieser Hinsicht verheißungsvolle Ansätze in den Moschawe Owdim und in dyi kleinen Kwuzoth. Er hält z. B. die Organisationsform von Nahajal für sehr aussichtsreich und die dort geleistete Arbeit für bewundernswert, und sein einziger Tadel,. .d$8>, «!!plich die ...Bauen! ,y®p; ftM) Älter**' W' ltitÄirii»»:: «tttn&r der Frage der Heranbildung eines landwirtschaftlichen Nachwuchses in der Tat sehr beherzigenswert. Aus dieser Schwierigkeit wird es wohl einen Ausweg geben, dafür bürgt das stete auf das Ganze gerichtete Verantwortungsgefühl der Siedler von Nahalai. Oppenheimers Unterscheidung der drei Typen: Landarbeiter, Bauer, Großgut-Administrator, von denen jeder ganz bestimmte Qualitäten besitzen muß, ist von überzeugender Richtigkeit; man muß auch zugeben, daß diese drei Funktionen bisher in unserer Kolonisation nicht genügend auseinandergehalten worden sind. Dies hängt zusammen mit den besonderen Verhältnissen dieser Kolonisation, die fast unvorbereitet einsetzen mußte; wenn jetzt allenthalben von einer ״Beendigung der Vorbereitungsperiode“ gesprochen wird, so wird bei den erforderlichen Reformen zweifellos auch die erwähnte Unterscheidung zu ihrem Recht kommen müssen. Der kritischste Teil des Vortrages wendet sich gegen das System der ״großen K w u z a h“. Sie trifft sein Interesse am meisten, weil er in dieser Siedlungsform eine Verballhornung der von ihm vorgeschlagenen Siedlungsgenossenschaft sieht. Daher ist Oppenheimer gerade ihr gegenüber besonders scharf und empfindlich. (Das alles haben die Sensationsmacher nicht verstanden.) Wir haben bereits am 15. d. M. in anderm Zusammenhänge, als wir die erforderliche Rationalisierung unserer Wirtschaft sowie eine umfassende Zweck- und Sachrevision verlangten, uns mit Oppenheimers Kritik der großen Kwuzah kurz auseinandergesetzt. Wir haben darauf hingewiesen, daß es heute eigentlich nur zwei bzw. drei große Kwuzoth im Lande gibt, die aus ihrer Entstehungsgeschichte heraus verstanden werden müssen und eine unentbehrliche Funktion in unserer Kolonisationsgeschichte erfüllt haben. Diese großen Kwuzoth waren es, die das Reservoir für die neu eingewanderten Chaluzim bildeten und — allerdings auf Kosten ihrer eigenen Wirtschaftlichkeit — die nationale Aufgabe der allmählichen Ueberführung der Einwanderer zur Arbeit erfüllten. Daß eine Umformung dieser Gebilde in dem Moment erfolgen mußte, wo sie definitiv angesiedelt wurden, war auch den leitenden Kreisen der Arbeiterschaft klar, und der landwirtschaftliehe Arbeiterrat (Merkas Chaklai) hat vor mehr als drei Jahren bereits eine Reihe von Reformen von den großen Kwuzoth gefordert, wodurch scharfe Konflikte hervorgerufen wurden, die auch heute noch nachwirken. Oppenheimers Kritik gipfelt in zwei Postulaten: erstens sachverständige Leitung der Gesamtwirtschaft durch einen befähigten Administrator und zweitens Einführung der Anteilswirtschaft an Stelle der kommunistisehen, d. h. Entlohnung nach Leistung und nicht nach Köpfen. Das erste Postulat ist einleuchtend, scheitert aber an der Schwierigkeit, geeignete Persönlichkeiten

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