Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 81 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,35 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. AusUndsaboajieajeoU werden in der Wihrtmg der einzelnen Linder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin Wt5, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165-70. Anzeigenpreis: 8 gespalt.Noopareüiereile 0,50 G.-M- Stellengesuche 0,25 G.-M. Anzeigenschluß: Di e n t tag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392* Für Oesterreich! Postsnarkasienamt Wien, Konto Nr, 156 030, Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410t, Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190708, RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. ז, מרחשון■ תרס״ז | xxxi. Jahrg. Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich. rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.«' Drei Forderungen 11*). Die Joint ״ Konferenz in Chicago Verständigung zwischen Zionisten und Nichtzionisten New York, 12. Oktober. (J. T. A.) Die coeben in Chicago abgehaltene große Konferenz des amerikanischjüdischen Joint Distribution Committee, an welcher mehr als 300 Delegierte aus allen Teilen Amerikas tcilnahmen, nahm einstimmig den Beschluß an, die von der im September 1925 zu Philadelphia abgehaltenen Joint-Konfcrenz beschlossene Quote von 15 Millionen Dollar für jüdische Aufbanzwecke in der Alten Welt auf 25 Millionen Dollar zu erhöhe n. Die Annahme des Beschlusses löste begeisterte Kundgebungen aus. Auf der Konferenz kam es zu einer Aussöhnung zwischen den Zionisten und den Nichtzionisten hinsichtlich der verschiedenen Auffassungen über den Rang Palästinas innerhalb der Joirrt-Arbeit. Die Konferenz nahm eine Resolution a:1, die eine Bekräftigung des schon von der Philadelphia-Konterenz angenommenen Beschlusses darstellt, wonach es dem Joint Distribution Committee zur Pflicht gemacht wird, in und iür Palästina zu arbeiten. Diese Resolution wurde von dem Präsidenten des Joint Distribution Commitiecs, Herrn Felix M. War bürg, eingebracht und begründet. Auf der Konferenz herrschte eine sehr herzliche Stimmung. Nach Annähme der Resolution erklärte Herr Louis Mars ha II in einer Ansprache: ״Es gibt keine besseren Freunde Zions als wir es sin d.“ Im Augenblick jedoch, führte der Redner aus, können besondere Zuwendungen für Palästina nicht gemacht werden, da Fonds noch nicht zur Verfügung stehen. ״Wir wollen aber Palästina stets gerecht werden.“ Herr Felix M. Warburg erwähnte in seiner Rede, es bestehe die Absicht, den Direktor des Agro-Joint in Rußland, Herrn Dr. Joseph Rosen, der eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Landwirtschaft ist, nach Palästina zu entsenden, wo er die Lage studieren und dem Joint über seine Erfahrungen Bericht erstatten soll. Von Palästina soll sich Herr Dr. Joseph Rosen nach Rußland zurückbegeben. Judge Fischer aus Chicago, der früher als Vertreter Joint in Rußland gelebt und vor kurzem erst Palästina *'.. "i#,;de*3־׳l|gr a Ist, sei ein fferaen ruhmreicher Tag für die nunmehr wieder geeinte amerikanischc Juden heit. Allgemein wird es als Ergebnis der Konferenz angesehen, daß die Differenzen zwischen den Zionisten und den Führen! des Joint Distribution Committee mm endgültig beigelegt sind, und daß für Dr. W e i zm a n n , der noch in diesem Monat in Amerika eintrifft, um die Unterhandlungen wegen Erweiterung der Jewish Agency zu einem Abschluß zu bringen, der Weg freigemacht ist. * Für diese J. T. A.-Meldung war bis zum Schluß des Blattes eine offizielle Bestätigung nicht zu erlangen. Wenn die Meldüng zutrifft, dann wäre ein unliebsames Zwischenspiel in der Geschichte der amerikanischen Judenheit beendet und das gewaltige Aufbauwerk, das diesem materiell gesegnetsten Teil unseres Volkes heute sowohl in Palästina als auch in den zerstörten Teilen der europäischen Galuth obliegt, könnte mit vereinten Kräften ln Angriff genommen werden. Die Lage des jüdischen Volkes ist leider derartig, daß man möglichst wenig Kraft auf Reibungen und Kämpfe verwenden und alle Energie auf das Rettungswerk konzentrieren sollte. Unsere Leser erinnern sich, daß auch vor einem Jahr, gelegentlich der Joint-Konferenz in Philadelphia, und später nochmals auf der Palästina-Konferenz in Baltimore, die Verständigung zwischen Zionisten und Nichtzionisten feierlieh proklamiert wurde. Leider aber hat bald nach der Konferenz der Kampf von neuem begonnen. Die Parteien warfen einander Illoyalität vor und es kam zu heftigen Auseinander- Setzungen zwischen dem Leiter des Joint-Drives und dem Leiter des Palästina-Drives. Es ist leicht begreiflich, daß insbesondere bei konkurrierenden Geldsammlungen trotz bestem Verständigungswillen der Führer, die Bürokratien gegeneinander arbeiten und daß daraus Schärfen entstehen. Wenn die Verständigung jetzt zustande kommt, dann wird wohl auch ein genauer gemeinsamer Arbeitsplan ausgearbeitet werden, so daß Reibungen verhütet werden. Wir hoffen, daß durch die neuen •Ereigitfese ,jiie Atmosphäre für eine frechtere schwere Verantwortung liegt, geschaffen fei Nahum Sokoiow Bei der nächsten Sitzung des Landesvorstandes der deutsehen Zionisten, die die gewählten Repräsentanten der Bewegung aus dem ganzen Reiche vereinigen wird, wird der deutsche Zionismus die Freude und die Ehre haben, Nahum Sokoiow in seiner Mitte zu begrüßen. Sokoiow unterbricht die wohlverdiente und ärztlich gebotene Ruhe, um zu den deutschen Zionisten zu sprechen, ihnen von der Lage in Palästina, das er kürzlich besucht hat, und von den Aufgaben des Zionismus in dieser Stunde zu erzählen. De abgeklärte Persönlichkeit dieses zionistischen Führers, der schon vor Jahrzehnten ein allseits verehrter geistiger Führer des modernen russischen Judentums war, und mit seinen die ganze Welt umspannenden Erfahrungen, seinem tiefen jüdisehen und allgemeinen Wissen, seiner Kenntnis der Quellen jüdischer Weisheit aus vielen Jahrhunderten, mehr als ein Politiker ist, genießt mit Recht den größten Respekt und eine ungewöhnliche Autorität iin jüdischen Volk. Ueber allen Kämpfen stehend, gelingt es seiner Ueberlegenlieit, durch ein bloßes Eingreifen auch die stürmischsten Wogen erbitterten Parteikampfes zu glätten. Sokoiow war Präsident der letzten Zionistenkongresse, und es ist unvergeßlich, wie in den schwierigsten Momenten sein Auftreten beruhigend gewirkt hat. Er versteht es, an das Gewissen zu appellieren und das Verbindende über allem Trennenden zu lebendigem Bewußtsein zu bringen. Sokoiow hat in den letzten Jahren eine anstrengende und stille Arbeit geleistet Trotz seines Alters hat er viele Länder bereist, Rumänien, Polen, aber auch Amerika und zuletzt Südafrika, abgesehen natürlich von Palästina, wo er sich wiederholt aufgehalten hat. Im vorigen Jahre gelang es ihm, von der rumänischen und polnischcn Regierung hochwichtige, offizielle Erklärungen zugunsten des jüdischen nationalen Heimes in Palästina zu crwiikcn; beide Regierungen verpflichteten sich, ihre Vertreter im Völkerbund in diesem Sinne zu instruieren. Vor kurzem erst haben wir die Erklärung der südafrikanisehen Regierung veröffentlicht, die mit Rücksicht auf die Stellung Südafrikas innerhalb des britischen Weltreiches und des Volke:blindes von größter Bcdcutu; ist: diese Erklärung ist ein Ergebnis von Sokolows Bemühungen. In all diesen Ländern aber hat er vor allem den Juden die Botschaft des Zionismus, der hebräischen Renaissance und des werdenden Erez-Israel gebracht und begeisterte Aufnahme gefunden. Vor einigen Monaten war er in schwerster Zeit in Palästina und hatte — infolge der Abwesenheit der Palästina-Exekutive — die ganze Last der augenblicklichen Situation zu tragen; und כ b wo hl ihm leider die erforderlichen finanziellen Mittel zu wirksamer Hilfe nicht zur Verfügung standen, hat er doch durch seine verständnisvolle Menschlichkeit viel dazu beigetragen, den gesunkenen Mut zu heben. De zionistische Welt weiß, was sie diesem Manne schuldet. Auch die deutschen Zionisten, denen Sokoiow seit langem kein Fremder ist, wissen es. Sie verstehen zu würdigen, daß er jetzt seine Kraft auch in den Denst der zionistischen Arbeit in Deutschland stellt, obwohl er nicht in offizieller Mission nach Deutschland kam, sondern um von den Strapazen der letzten Zeit auszuruhen. Wir wissen, daß es nur eine Art Dank gibt, auf die ein Mann wie Sokoiow reflektiert: die Bereitschaft zu aktivster zionistischer Arbeit und Pflichterfüllung. Die Wirtschaftskonferenz in London London, 12. Oktober. (J. T. A.) Gestern wurde hier unter dem Vorsitz Sir Herbert Samuels die Konferenz für Palästinawirtschaft eröffnet De erste Sitzung war einem allgemeinen Rückblick über Lage und Aussichten der Palästinawirtschaft gewidmet. Nach Schluß der Dskussion wurden verschiedene Unterausschüsse eingesetzt. Heute morgen wurden die Besprechungen fortgesetzt. Die Konferenz wird wahrscheinlich am Mittwoch, den 13. Oktober, geschlossen werden, ihr Ziel ist, wie schon mitgeteüt, die wirtschaftliche Entwicklung in Palästina in ihren Hauptzügen zu erörtern und Vorschläge für eine Stärkung und Ausdehnung der jüdischen Wirtschaftstätigkeit in Palästina zu machen. De Konferenz setzt damit in gewissem Sinne die Tätigkeit jenes beratenden Finanzkomitees fort, das schon im Jahre 1919 ln London unter dem Vorsitz Sir Herbert Samuels bestand, mit dem Ziel, die zionistische Exekutive in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit zu unterstützen. Der von Sir Herbert Samuel und Dr. Wcizmann unterzeichneten Einladung zur Konferenz leisteten die folgenden jüdischen Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern Folge: Der Direktor der Deutschen Bank in Berlin, Herr Oscar Wassermann; Senator Deila Torre, ein führender Mailänder Bankier; James de Rothschild; Dr. L. A. Visser, Mitglied des Obersten Gerichtshofes von Holland; Dr. Ernst Kahn, früher Finanzredakteur der ״Frankfurter Zeitung“; Deputierter Leon Blum, Führer der sozialistischen Partei Frankreichs; Dr. Arthur Ruppin; Albert J. Belisha; der Präsident der Jewish Colonial Trust Joseph Cowen; der Drektor der Jewish Colonial Trust Dr. Georg Halpem; Nathan Laskl; Dr. Berthold Feiwel und Herr Adler aus Rom. Sir Alfred Mond ist heute von seiner Ueberseereise in Southampton eingetroffen; man glaubt, er werde noch rechtzeitig in London eintreffen, um an der Wirtschaftskonferenz teilzunehmen. Rationalisierung der Wirtschaft - Zweck- und Sachrevision - Das Problem der Landwirtschaft Die zweite Forderung, die erfüllt werden muß, ist eine Ueberleitung der geschaffenen Anfänge des palästinensischen Kolonisationswerkes in eine Phase rationellcr und wirtschaftlicher Arbeit. In den letzten fünf Jahren hatten wir in Palästina die Nachteile der kostspicligen ״Wirtschaft des Armen"; es war nicht gefolgendes Kapital vorhanden, uin planmäßig aufzubauen, sondern die schwankenden Einnahmen des Keren Hajessod warfen immer wieder die Berechnungen über den Haufen. Man mußte oft Provisorien schaffen, und Provisorien kosten Geld und Kraft. Hätte der Keren Hajessod ein wirkliches Budget zur Verfügung, das am Anfang des Arbeitsjahres garantiert ist, dann wären viele unnütze Ausgaben unterblieben und unsere Wirtschaften könnten heute viel weiter entwickelt sein als sie es tatsächlich sind. Wir hoffen, daß wir zu einer derartigen Stabilisierung der Einnahmen des Keren Hajessod, sei es im Wege der Jewish Agency, sei es im Wege einer Anleihe oder eines Kredits, in absehbarer Zeit gelangen werden. Wenn diese grundlegende Bedingung erfüllt ist, wird die Vergrößerung des produktiv arbeitenden JLschuw zwar auch nur langsam und allmählich, aber dafür sicher und planmäßig vor sich gehen können. Die ausreichende Finanzierung ist ein Haupterfordernis des Gelingens; aber sie ist nicht das einzige Erfordernis. Um das richtige Zusammenwirken aller Faktoren auf unerprobtem Wirtschaftsgebiet zu erreichen, bedarf es vieler Erfahrungen, zu denen der Weg mit Mißerfolgen gepflastert ist. Wir müssen uns darüber Rechenschaft geben, daß die Ziffer der seit 1920 im Lande wirtschaftlich Fundierten eine ganz andere ist als die Ziffer der Eingewanderten, die gewöhnlich angeführt wird. Und als dauernde Aktivposten können wir nur diejenigen Menschen betrachten, die im Lande eine Ejdfpritie. Nach der Eigenart des Landes ist' eine Vergrijßeritng der Bevölkerungskapazität in erster Linie abhängig von der Landwirtschaft. Das Problem der Landwirtschaft ist heute überall in einem Uebergangszustand. ln einem Referat über den Sozialpolitischen Kongreß in Wien gibt Prof. Tyczka im ״Hamb. Fremdenblatt“ folgende auch für uns interessante Zusammenfassung: ״Die Frage nach den Zusammenhängen zvvisehen Landwirtschaft und Bevöikerungskapazität führt zu fünf Problemen, die Lösung erheischen. Nämlich erstens das Problem der Technik, zweitens das des Kapitals und der Preise, drittens das der Besitzverteilung, viertens der Erziehung und des Unterrichts, und schließlich fünftens zum Problem der weitwirtschaftlichen Verflechtung. Käme es allein auf die Technik an, so wäre die Lösung nicht schwierig. Die Fortschritte, die die Agrikulturtcchnik in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, sind so gewaltig, daß — falls sie ungehemmt überall durchgeführt werden könnten —, die Nahrungsmittel uns überreichlich zufließen würden. . . . Und wir stehen noch lange nicht am Ende der Möglichkeit technischer Fortschritte. Allein die Wirtschaft legt der Durchführung der vollendeten Technik schwere Hemmschuhe an. Da ist zunächst die Preisbildung, und in deren Folge die Kapitalbeschränkung zu nennen. Ertragssteigerung darf nicht allein unter technischem, sondern muß auch unter wirtschaftlichem Gesichtswinkel betrachtet werden. Dazu ergibt sich als Vorbedingung der Ertragssteigerung erstens möglichste Ratio naltsier u n g , d. 11. möglichste Verringerung der Spanne zwischen Aufwand und Ertrag; zweitens Intensivierung, d. 11. zweckmäßige Erhöhung des Betriebsaufwande-־, und drittens Verbesserung der Verkehrscinriclitungen und dadurch Vcrbilligung des Transportes. Aber zu allem ist Kapital n o t w e 11 d i g.“ Von dem zur Verfügung stehenden Kapital hängt auch bei uns die Aufnahmefähigkeit der Landwirtschaft ab. Aber wir wissen, daß in einem vernachlässigten Land wie Palästina eine rein wirtschaftliche Auf- Wendung von Kapital erst darin in Betracht kommen kann, wenn gewisse Vorbedingungen erfüllt und Investitionen gemacht sind. Das nationale Interesse gebietet, diese Investitionen auf nationale Rechnung vorzunchmcn. Die Kosten der landwirtschaftlicher! Ansiedlung sind so beträchtlich, daß bei den gegenwärtigen und sogar bei erhöhten Keren Hajessod-Eimiahmen an eine Ansiedlung von Massen aus öffentlichen Mitteln nicht gedacht werden kann, wenn nicht durch die erwiesene Rentabilität eine Kreditbasis für die Landwirtschaft geschaffen ist. Von entscheidender Bedeutung ist daher, daß die Menschen, die angesiedelt werden, so angesiedclt werden, daß sie in kurzer Zeit sich selbst erhalten können. Ein genaues Studium der Rentabilitäts-Chancen, der Markt- Verhältnisse, Absatzmöglichkeiten trsw. sowie der besten *) S. ״J. R.“ vom 8. <L M.