Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 79 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5.25 Goldmark. AustondsabonnemcnU werden in der Vibus! der eintelnen Linder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische RundschauG.m.b.H., Berlin W15, Mcinckestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392, Fflr 0«*t*rr«ich1 Poitipukurennnit Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410. Fflr Polen 1 Postaparkasaenamt Warschau. Konto Nr, 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 79 | Berlin, 8. X. 1926 Aczeigefipreis; 8 gcspalt-No&pareillezetle 0,50 G.-M. Stelleogesache 0,25 G.-M. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr, ל׳ תשרי חרס״ז׳ ר״ה 1 XXXI. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk dl« t Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.** Drei Forderungen Neue Einwanderungspolitik, Rationalisierung der Wirtschaft, Revision der Ideologie ־־־ Die Ursachen der Auswanderung und ihre Lehren I. Wer die Vorgänge in Palästina in den letzten zwei Jahren aufmerksam und unbestochenen Blicks beobachtete, konnte sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß hier mit der unaufhaltsamen Gewalt von Naturereignissen eine Entwicklung vor sich geht, die in keinem Verhältnis steht zu den Möglichkeiten des Landes, des Volkes und der Bewegung, und daß daher unvermeidlich ein Rückschlag eintreten muß, der Enttäuschungen im Gefolge haben wird. Dieser Prozeß, in den Palästina hineingerissen wurde, war ein Teil der großen Judentragöd ie, ein Symptom der brennenden und ungelösten Judenfrage, auf die der Zionismus einmal eine Antwort geben soll. Aber ebenso gewiß, wie der Zionismus seinem ganzen Wesen nach der einzige Weg zur Lösung der Judenfrage ist, ebenso gewiß ist es, daß die überstürzte Einwanderung des vorigen Jahres nur wenig oder gar nichts mit Zionismus zu tun hatte. Es ist menschlich begreiflich, daß zionistische Politiker, besonders solche von lokalem Charakter, auf den Gedanken kamen, diese Erscheinung des jüdischen Lebens itn schmalen Machtbereiche des jüdisch-politischen Kampfes als ein zionistisches Aktivuni auszunützen. Derartigen Verlockungen, sich momentane Vorteile zunutze zu machen, unterliegen die durchschnittlichen Köpfe aller politischen Bewegungen außerordentlich leicht. Aber wenn man sich von dem Einfluß dieser mehr opportunistischen Neigungen frei macht, dann wird man deutlich erkennen, daß die große Palästina-Bewegung 4» wrlgen -J»h«fe nichts, mit ׳■Z»«|,smps _ zu tun hatte. Der Zionismus Jst ׳ ÄPlütfergebort ׳'Öl«* jüdischen Kollektiv-Willens und einer jüdischen Kollektiv-Vernunft. Seine Aktionen sind geleitet von der Verantwortlichkeit für das Ganze und für die Zukunft, sie erfolgen unter genauer Abschätzung aller Kraft- und Machtmomente und aller Tatsachen. Der Zionismus ist die Auswirkung einer großen Idee im jüdischen Leben; und wie jede ideale Forderung entspricht er keineswegs den sogenannten natürlichen Tendenzen der Entwicklung, fordert vielmehr von seinen Menschen, sich diesen Tendenzen entgegenzustemmen, und das neue jüdische Leben nach seinem Bilde zu gestalten. Wir haben es stets für unsere Pflicht angesehen, auf diese Diskrepanz zwischen Zionismus und der letzten Palästina-Bewegung aufmerksam zu machen, und darauf hinzuweisen, daß diese Art Einwanderung notwendigerweise abebben muß, und daß es ganz falsch ist, auf die Statistik des letzten Jahres eine zionistische Konzeption zu stützen, die mit einer Einwanderung von ״jährlich 40000“ rechnet. Mit einer solchen Anpassung an populäre Schlagworte erweist man dem Zionismus keinen Dienst, denn um so größer muß die Enttäuschung sein, wenn dieses unfundierte Versprechen, das nicht in Erfüllung gehen kann, sich als trügerisch erweist. Am 8. Januar schrieb ich an dieser Stelle im Rahmen eines sechs Spalten langen Artikels, der ״Streiflichter zur Lage in Palästina“ betitelt war, folgendes: ״Gegenwärtig sind wir in der Periode eines Rückschlags, und wir sind verpflichtet, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Als eine solche Konsequenz betrachten wir, so schwer es uns fällt, eine Einschränkung der Einwanderung. Im vorigen Jahre rechnete man mit einer Jahreseinwanderung von 40000 Seelen und man stellte schon Berechnungen an, wann eine jüdische Majorität im Lande erzielt sein wird, wenn die Einwanderung in derselben Progression zunimmt. Auch dieses Rechenstück gehört in das Gebiet der Illusionen. Auch hier können wir das Wunder, das wir ohnedies schon vollbringen, nicht noch zehnfach übersteigern. Daß ein Land von der heutigen wirtschaftlichen Kapazität Palästinas einen ständigen Einwandererström von 40000 Menschen aufnehmen und verdauen sollte, scheint uns ein Ding objektiver Unmöglichkeit. Diese Unmöglichkeit zu verschleiern durch künstliche Erhaltung dieser Einwanderermasse mit Hilfe von aus dem Ausland mitgebrachten oder im Wege der verschiedenen Unterstützungsfonds in das Land fließenden Geldern kann nur für kurze Zeit gelingen, um darauf die Krise um so stärker fühlbar zu machen. Die Gesetze des organischen Werdens einer neuen Gesellschaft lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Darum glauben wir, daß es kein Grund zur Entmutigung ist, wenn sich heraus- «teilen sollte, daß in diesem Jahre nicht 40 000, sondern nur 20 000 Seelen nach Palästina einwandern werden. Wir müssen vielmehr erkennen, daß solche Schwankungen notwendig und imvermeidlich sina.“ Dieser Artikel hat uns außerordentliche Angriffe von rechts und links eingetragen; besonders schmerzlich, waren die von links, die aus reinstem Herzen erfolgt sind. Unsere Kritiker haben aus dem sechs Spalten langen Artikel ausgewählt, was ihnen angreifbar erschien, ohne immer den Zusammenhang zu beachten. Heute ist ein Augenblick, wo die drei Hauptforderungen jenes Artikels, nämlich rationelle Einwanderungs- Politik, Rationalisierung unserer palästinensischen Wirtschaftsbetriebe einschließlich der Arbeiterbetriebe im Rahmen einer grundlegenden Sach- und Zweckrevision, und schleunige Liquidierung der Massenimmigrations-ldeologie mit ihren Konsequenzen, mit allem Nachdruck neuerlich erhoben werden müssen. Unsere Einwanderungspolitik bedarf einer Nachprüfung. Wir stehen heute vor der Tatsache, daß ein größerer oder kleinerer Teil der Einwanderer der letzten zwei Jahre das Land wieder verläßt. Nun ist es ja selbstverständlich, daß ein solcher Prozeß der Auslese unvermeidlich ist, daß bei jeder Einwanderung nicht alle Ankömmlinge ihren Platz in dem neuen Land finden können, und daß jedes Einwanderungsland auch einen entsprechenden Auswanderungs-Quotienten hat. Individuelle Mißerfolge sind kein Beweis gegen das Land und auch kein Beweis gegen die Idee. Aber es ist unsere Pflicht, sowohl gegen die Sache, als auch gegen die betroffenen Menschen, diese Mißerfolge nach Tunlichkeit zu vermeiden und einzuschränken, und zwar in zweifacher Hinsicht: erstens indem wir — soweit es in unserer Macht steht — verhindern, daß offenkundig ungeeignete Elemente ins Land kommen, und zweitens, indem wir den Menschen, die ins Land kommen und irgendwelche Aussichten haben, mit allen Kräften b&iffcü, ein» Existenz?׳za to«jpi»fie®,׳.? Dl|t die wir mit (fern Namen ״Vierte Alijah11 m bizäeMeit pflegen, ging zum großen Teil von ganz falschen Voraussetzitngen aus; da aber, insbesondere unter dem Eindruck der katastrophalen Verschlechterung der jüdischen Wirtschaftsverhältnisse in Polen, die Auswanderungs- Bewegung den Charakter einer Psychose angenommen hatte, war es vergeblich, Menschen aufzuklären und zu warnen. Es hatte sich auf unbegreifliche Weise das Gerücht festgesetzt, daß Palästina Im gegenwärtigen Moment ein geschäftlich äußerst hoffnungsvolles Land ist, daß man dort leicht eine Existenz findet, sogar viel Geld verdienen kann. Palästina-Boden wurde nicht nur im Lande selbst, sondern auch im Auslände ein beliebtes und begehrtes Handelsobjekt. Die Bodenpreise stiegen in gar keinem Verhältnis zu seinem wirklichen Wert. Die Lawine, einmal ins Rollen gekommen, war nicht aufzuhalten. Die Gewinne, die man im Bodenverkauf und in der Bauindustrie machte, täuschten einen wirtschaftlichen Aufschwung vor, und diese Täuschung zog immer mehr Menschen nach. Wer vor dieser Entwicklung warnte, wurde als Idealist verspottet oder als nationaler Defaitist verdammt. Wir mußten dies auf uns nehmen, in schmerzlicher Erkenntnis der Ohnmacht des Wortes, das ohne die Bestätigung durch bittere Erfahrungen die Entwicklung kaum zu beeinflussen vermag. Heute sind die bitteren Erfahrungen da. Bereits im Herbst 1924 war es klar, daß die neue städtische Einwanderung, die hauptsächlich im Handel ihre Existenz sucht, keine Basis hat. Am 11. Oktober 1924 hat Dr. Weizmann in seiner großen Rede in Jerusalem, die ihm viel Feindschaft eingetragen hat, erklärt, daß er die neue Einwanderung ausschließlich städtischer Elemente mit großer Besorgnis sehe, da unsere Siedlung sich vor allem auf die Landwirtschaft stützen muß. ״Es ist nötig, — sagte er — daß diese Einwanderer verstehen, daß wir unsere nationale Heimstatte nicht nach dem Ebenbild von D z i k a und Nalewki erbauen wollen. Das Leben dieses Ein- Wanderungsstromes trägt an sich den Stempel eines vorübergehenden Ereignisses, was wir jedoch mit unsern besten Kräften im Lande schaffen, ist für die Ewigkeit.“ —■ Es ist selbstverständlich, daß ein Teil dieser städtischen Elemente, die obendrein einander selbst die schärfste Konkurrenz machen mußten, da sie ihrer ganzen Natur nach den Ucbergang zur harten und entbchrungsreichen Arbeit in der Landwirtschaft oder andern produktiven Wirtschaftszweigen nicht finden konnten, das Land wieder verlassen müssen. Es ist menschlich begreiflich, daß sie dies nicht mit den besten Gefühlen und besten Gesinnungen tun, zumal bei vielen die Hoffnung auf große und leichte Gewinne i;1 das Oege.!teil, nämlich in große Verluste!ungeschlagen ist. Aber es ist ungerecht, diese Enttäuschungen auf das Konto des Zionismus zu setzen. Natürlich ist es unmöglich, eine generelle Charakteristik der Rückwanderer zu geben, ebenso wie es grundfalsch war, wenn manche Kritiker sich hinreißen ließen, vor einem Jahre die ganze vierte Alijah nach einigen Bodenspekulanten zu beurteilen. Die Vielfältigkeit der Fälle ist außerordentlich groß und unter den Gescheiterten sind zweifellos auch viele, die sich ehrlich und redlich um eine wenn auch bescheidene Existenz bemühten und die aus Liebe zu Palästina ins Land gekommen sind. Wir wollen jeden Anschein vermeiden, als ob wir die Motive oder die Gesinnung dieser Einwanderer verdächtigen wollten. Wir wissen sehr gut, daß sie zum großen Teil jenem mittelständischen Element angehören, das die Hauptkraft und den zähesten Bestandteil des jüdischen Volkes bildet. Aber darum muß doch gesagt werden, daß diese Leute von falschen Voraussetzungen über Zionismus und Palästina aulgingen, daß sie in allzu großem Optimismus Warnungen in den Wind schlugen und die Opfer jener pseudo-messianischen Bewegung wurden, die ohne ausdrückliches Hinzutun und ohne individuelle Schuld aus dem ganzen Zusammenwirken äußerer und innerer Umstände durch die von Stadt zu Stadt eilenden Boden- Verkaufsagenten geschaffen wurde. Palästina kann aber heute auch kein Zufluchtsland für gestrandete Emigranten sein. Furchtbar war die Tragödie der Auswanderer, die auf ihrem Wege nach Amerika von der Kunde der neuen Einwanderungsvor- Schriften getroffen wurden und zusammengepfercht in den europäischen Häfen nicht vorwärts und nicht rück- ״.w|rt^_k9niJfn,־,Jmper,wilder.äiymfle #A di§,.Ziontiten appelliert, die doch die Möglichkeit hatten, diese Mensehen auf Zertifikate nach Palästina zu bringen, 'raffe-Brörterung der Aussichten einer solchen Aktion schien gar nicht erlaubt in einem Augenblicke solcher Not. Man müsse erst den Gefährdeten aus dem brennenden Hause retten, dann könne man weiter beraten. Freilich war es klar, daß durch die Ueberführung dieser Mensehen ihnen selbst nur für ganze kurze Zeit genützt, Palästina jedoch geschadet werden kann, trotzdem mußte immer wieder der Zionismus als ein solcher Rettungsanker für Flüchtlinge und Emigranten hcrhalten. Man wrende nicht ein, daß diese Rettung ja ein Teil der Lösung der Judenfrage ist und daher dem Zionismus obliegt; denn es wäre ein fundamentaler Irrtum, zu meinen, daß heute schon der Zionismus imstande ist, die Judenfrage in diesem buchstäblichen Sinne zu lösen. Der Zionismus ist heute lediglich der Beginn eines großen Werkes, das nach ganz anderen Methoden und unter ganz anderen Gesichtspunkten die Judenfrage bchandelt, als es bisher jemals geschah; die zionistische Ueberzeugung ist die, daß aus dem Palästina-Werk sich allmählich ein Macht- und Kraftzentrum entwickeln wird, das später, wenn es erst selbst einmal ein lebender und natürlicher Organismus geworden ist, in ganz anderer Weise zur Lösung der Judenfrage beitragen wird, als alle heutigen Palliativmittel. Denn nicht nur heute gibt es eine Judennot und eine Judenfrage, auch in fünfzig־ und hundert Jahren wird diese Judenfrage noch bestehen, und wenn nicht einmal der Anfang mit einer Radikalkur gemacht wird, so wird die Situation irpmer schlimmer werden. Damit aber Zion einmal dieserettende Funktion erfüllen kann, muß man cs zunächst ruhig und ungestört werden und wachsen lassen und man darf den jungen Baum nicht in seiner frühesten Jugend knicken, indem man ihm eine Last aufbürdet, die nur der fest und hart gewordene Stamm zu tragen imstande sein wird. Wir Zionisten sind freilich in einer schweren Lage, denn als Juden und Menschen unterliegen wir immer wieder den drängenden Einflüssen der Not des Tages; aber um des Zionismus willen müssen wir dessen eingedenk bleiben, daß diese gelungenen oder mißlungenen Versuche momentaner Rettungsaktionen mit den heutigen eigentlichen und wesentlichen Aufgaben des Zionismus nichts zu tun haben. Die vorjährige Einwanderung, d. 11. die Eimvanderung der vierten Alijah, war zweifellos zu groß. Das Land war dafür nicht aufnahmefähig. Allerdings wird die Krise noch verschärft durch eine ganze Reihe ungünstiger Umstände. Das Verhalten der Regierung 7. B., die zwar die großen finanziellen Vorteile dieser Einwanderung für sich ausbeutete, aber weder für die Arbeitslosigkeit etwas tat, noch auch sonst in ihrem