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Jüdische Rundschau · 1926-09-14 · Heft 72 (14.9.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 72 (14.9.1926)
Date
1926-09-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzeinummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MeinekestraOe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Au«l«ncU»ha<meraeeU ■werde» ia der WlJiraBj dtf ebaetaea Ltader berechnet. Nummer 72 Berlin, 14. IX. 1926 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rngdichu G. m.b. H,, Berlin W15, Melnekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aaz«JgeapreU!8{esp&lLN011pftreiO«zen• 0,50 G.-M, Sie!leag«tucbe 0,25 G.-ML Anzeigenschlnfl: Die a s t•f und Freitag aaehmitt ag 4 Uhr. Telephon! Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! Postsparkaiseaamt Wien, Konto Nr. ic0 6־TO. Für Tschechoslowakei: Postsparkas.«enamt Prag. Konto Nr. 59 410. Für Polen: PosUparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag תרס״ז ו׳ תשו YYVI aaaI« üa!11*g* Oer Zionismus erstrebt fflr das!Odlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Helmstitte In Palästina. ״Baseler Programm.« Herbert Samuel über den Palästina-Aufbau Wir haben bereits gemeldet, daß Sir Herbert Samuel über Fragen des Palästinaaufbaus in Nürnberg einen Vortrag gehalten hat. Der Vortrag fand vor einem* geladenen Kreise von Freunden des jüdischen Palästinawerkes im Hause von Herrn Dr. David Grünbaum statt. Nach einer Begrüßung durch L)r. Grünbaun! und durch den ebenfalls anwesenden Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal ging Sir Herbert Samuel zur Beantwortung der an ihn gestellten Fragen über. Diese Fragen betrafen vor allem 1. den von manchen Juden gefürchteten Einfluß eines jüdisehen Palästina auf die staatsbürgerlichen Rechte der Juden in den übrigen Ländern. 2. Die Gefahren, die dem Aufbauwerk durch die Gegnerschaff der Araber drohen. ' 3. Die Möglichkeit einer erfolgreichen Fortführung des Aufbauwerkes selbst. Zur Frage des Staatsbürgertums führte Herbert Samuel aus: weder von englischer noch von irgendeiner anderen Regierung ist jemals die Ansicht vertreten worden, als sollte die Errichtung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina die Wirkung haben, daß die Juden außerhalb Palästinas ebenfalls die palästinensische Staatsbürgerschaft erwerben; diese ist auf solche Juden beschränkt, die sich in Palästina niederlassen. Derselbe Standpunkt geht auch aus der Balfour-Deklaration hervor, wo ausdrücklich betont ist, daß die Errichtung des Nationalheims die staatsbürgerlichen Rechte der Juden in den übrigen Ländern nicht berühren darf. Der Zusammenhang der Juden in der Diaspora mit dein jüdischen Palästina ist ein geistiger und moralischer, aber kein politischer. Naturlieh gibt es überall nervöse Juden, die grundlos eine Beeinirächtigung ihrer Rechte fürchten und daher den Zionismus bekämpfen; aber diese Nervosität wird vorübergehen. Sie ist zum Teil schon geschwunden. So ist heute z. ß. das englisch jüdische Blatt ,,The Jewish Guardian“, das vor fünf Jahren den Zionismus noch lebhaft bekämpft hat, zu einem Anhänger des Palästinagedankens geworden." Besonders eingehend behandelte Herbert Samuel das Verhältnis zwischen״־Juden und Arabern, er sagte darüber u. a.: Die Araber seien bei Beginn der jüdischen Einwanderung mißtrauisch. gewesen, da sie gefürchtet hätten, vertrieben oder flfclät ל jc#.C8ln seien. Er selbst habe mehrfaeÄi§ölfertllÄ iötgespWehen, drfij wenn es sieh in 20 oder 30 Jahren erweisen sollte, daß die Errichtung eines jüdischen Nationalheimes zu einer Unterdrückung der Araber geführt hätte, dies eine Schande für die Juden bedeuten würde, ganz abgfsehen von den •politischen und materiellen Nachteilen. Die Aufgabe der Juden sei es vielmehr, den Arabern die Hand zu bieten und sie ökonomisch und geistig zu heben. Heute sei die arabische Bewegung, welche in den ersten Jahren infolge des arabischen Mißtrauens gegenüber den Juden noch stark gewesen sei, sehr zurückgegangen. Die Araber sehen, daß ihnen ihr Land nicht w׳eggenommen wird, daß sie nicht unterdrückt werden, daß sie vielmehr aus dem Ankauf von Land durch die Juden Einnahmen beziehen. Daher hat sich auch seit 1021 keine irgendwie nennenswerte Störung des Friedens durch die Araber ereignet. Vollständig werde die Frage allerdings erst gelöst sein, wenn die angestrebte Teilnähme der Araber an der Verwaltung des Landes erreicht sein werde. Bezüglich der gesamtarabischen Frage erklärte Sir Herbert Samuel, die Araber seien sehr individualistisch und streitsüchtig; so gebe es sowohl innerhalb wie außerhalb Palästinas eine Anzahl von Parteien, die sich untereinander befehden und unter denen keine Einigung herzustcllcn sei. Eine Einigtmg der arabischen Parteien gegen das jüdische Palästina sei also wenig wahrscheinlich. Dazu komme aber noch, daß samtliehe fünf englische Regierungen, die seit 1919 im Amt gewesen seien, bezüglich Palästinas und der Balfour-Deklaration genau dieselbe Politik verfolgt haben, obschon sie verschiedenen Parteien angeliörtcn. Er selbst habe als Oberkommissar bei der konservativen und Labour-Regierung dieselbe Unterstützung gefunden wie bei der Koalitionsregierung, in der Männer seiner eigenen, der Liberalen Partei, gesessen hätten. Ebenso hätten der Amerikanische Kongreß, Frankreich, Italien und zuletzt der Völkerbund sich für das jüdische Nationalheim in Palästina ausgesprochen. All dieses habe seinen Eindruck auf die Araber nicht verfehlt. Sie haben gemerkt, daß die Balfour- Deklaration unumstößlich sei und sith damit abgefunden. Auf die Aussichten und Möglichkeiten des jüdischen Palästinaaufbaus übergehend, schilderte Sir Herbert Samuel zunächst die Entwicklung der landwirtschaftlichen Ko- Ionisation, die besonders bei den alten Kolonien eine sehr erfreuliche sei. Aber auch die in letzten Jahren und Jahrzehnten neu gegründeten Kolonien, besonders im Einek, machten von Jahr zu Jahr Fortschritte und würden in einigen Jahren, wenn die Zeit der Investierungen und der unproduktiven Aufwendungen vorbei sei, ohne Zuschüsse bestehen können. Sie hätten dieses Jahr eine gute Ernte gehabt. Die städtische Kolonisation habe besonders im letzten Jahr sehr rasche Fortschritte gemacht, hier wieder in. erster Reihe Tel-Awiw, welches allein etwa die Hälfte der Ein- Wanderung des Landes aufgesaugt habe. Eine so rapide Einwanüerung gebe natürlich Veranlassung zu Krisen; die gegenwärtige Krisis sei seiner Meinung nach als rein vorübergehend m betrachten. Dies insbesondere auch deshalb, weil demnächst eine Reihe von großen Arbeiten im Lande vor genommen werden würden, die einer äioßen Zahl von Arbeitern Beschäftigung geben und das ökonomische Leben des Landes günstig beeinflussen würden. Die Palästinaregierung sei im Begriff, eine Anleihe von 4»/i Millionen Pfund aufzünehmen, für welche voraussichtlich• von der Britischen Regierung die Garantie übernommen werden wird. Dieser Betrag wird, abgesehen von der Rückzahlung Bereits aufgenommener Kredite, 'zum Bau des Hafens von Haifa, zur Verbesserung des Hafens von Jaffa und zur Er« Weiterung de» Eisenbahnnetzes verwendet werden. Auch eine Verbesserung der Wasserwerke in Jerusalem sei geplant. Endlieh sei auf das große Elektrizitätsunternehmen von Ruthenberg hinzuweisen, das demnächst seine Arbeit beginnen wird. Nach Schilderung des auf industriellem Gebiet im Lande bereits Erreichten gab Sir Herbert Samuel seiner Ansicht Ausdruck, daß auch in dieser Hinsicht vielversprechende Aussichten vorhanden seien. Auf eine Frage, weswegen bisher keine Staatsländereien an jüdische Kolonisten hergegeben worden seien, erklärte Herbert Samuel, daß die landwirtschaftlich verwendbaren Staatsländereien fa$t durchweg von Arabern besetzt gewesen seien. Man habe zeitweise geglaubt, daß die Araber kein Recht auf diese Ländereien besäßen (es handelt sich hauptsächlich um die Staatsländereien in Beisan und Berseba) und beabsichtigte daher, sie den Juden zur Besiedlung zu geben. Es stellte sich aber heraus, daß im Falle des Terrains in Beisan die Araber zwar keinen rechtlichen, aber einen moralischen Titel auf das Land besaßen, da sie es schon seit sehr langer Zeit in Besitz hatten und bearbeiteten. Es wäre unrecht gewesen und hätte auch einen schlechten politischen Eindruck gemacht, wenn die Araber von diesem Boden vertrieben worden wären. Bei Berseba stellte sich sogar heraus, daß die Araber ein Recht auf dieses Land besaßen, das ihnen von der türkischen Regierung zu Unrecht konfisziert worden sei. Anderes Land, das zur Verfügung gestanden sei, habe sich als unfruchtbar erwiesen, so daß nicht einmal die jüdischen Kriegsteilnehmer, denen die Regierung freigestellt hatte, Staatsland, das nicht von Arabern besetzt sei, ausfindig zu machen und zu besetzen, solches haben nachweisen können. Bezüglich der Frage, warum bisher von der palästinensischen Regierung für die jüdischen Schulen keine Subvention gewährt worden sei, erklärte Sir .Herbert Samuel, daß im Prinzip nur die Kosten für diejenigen Schulen, die unter Aufsicht der Regierung stünden und bei denen dieser das Recht der Lehrerernennung zustehe, von der Regierung getragen würden. Da dies bei den jüdischen Schulen nicht der Fall sei', so könne eine Subvention für die jüdischen Schulen nur nach Maßgabe der vorhandenen Mittel gegeben werden. Diese Mittel hätten in den früheren Budgets gefehlt, während jetzt ein größerer Betrag eingesetzt sei. Sfr Herbert Samuel erörterte zum Schluß noch kurz die .Lande״ Er jvies auf ■!MÄäsäTÄM,■' söner Itdaüng nach, "3er Hauptgrund, weshalb alle Juden sich mit dem entstehenden Nationalheim in Palästina verbunden fühlen mußten, weil dort für das Judentum ein neuer geistiger Mittelpunkt geschaffen werde. Obschon er auch die Wirtschaft- Uchen Aussichten des Landes als günstig befV a c h t e , so werde es doch auf lange Zeit hinaus nicht in der Lage sein, die wirtschaftliche Judenfrage zu lösen. Die meisten Juden würden außerhalb des Landes wohnen und es sollte deshalb auch keine Anstrengung unterlassen werden, die materielle Lage der Juden außerhalb Palästinas zu verbessern. Aber den geistigen und sittlichen Mittelpunkt der Judenheit werde Palästina bi I den und deshalb müßten alle Juden aller Länder mit helfen, das jüdische Aufbauwerk in Palästina zum Erfolg zu führen. Die Antworten Sir Herbert Samuels auf die einzelnen Fragen, die von ihm in englischer Sprache gegeben wurden, wurden von Herrn Dr. Mayer zusammenfassend ins Deutsche übertragen. Am Schluß der Ausführungen sprach Herr Dr. N u ß b a u m dem Gast den Dank aller Anwesenden aus und feierte ihn als den jüdischen Staatsmann, der zur Errichtung und zum Aufbau des jüdischen Nationalhcims in Palästina soviel beigetra£en habe. Sir Herbert Samuel erklärte in seiner Antwort, er habe es stets als eine Ehre und einen Vorzug betrachtet, daß er fünf Jahre seines Lebens der Mitarbeit am Aufbauwerk in Palästina habe widmen dürfen. Die starke und gewinnende Persönlichkeit Sir Herbert Samuels machte tiefen Eindruck auf die Anwesenden. Gleichzeitig mit dem oben geschilderten Zirkel fand ebenfalls in der Wohnurtg von Herrn Dr. Grünbaum ein Damenzirkcl statt, in welchem Lady Samuel, die vor kurzem von ihrer dreimonatigen Palästinareise zurückgekehrt ist, über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Palästina und über die jüdische Frauenarbeit berichtete. * Die J. T. A. meldet aus München: Sir Herbert Samuel, der die hohen jüdischen Feiertage in München verbringt, wird am Donnerstag, den 16. September, vor einem größeren Kreise Münchener jüdischer Persönlichkeiten über den Palästinaaufbau sprechen. Lord Reading and der Palästina«oibaa Marquis of Reading, der ehemalige Vizekönig von Indien, ist dem Bord of Palestine Exploration Company beigetreten, die die Ruthenberg-Konzession zur Durchführung bringt. Durch diesen Beitritt brachte Lord Reading sein Interesse für den Paiästinaaufbau zum Ausdruck. Die Juden i* der Polizei Jerusalem, 8. September. (J. T. A.) Der ״Da wa r" stellt fest, daß sich nach Auflösung der Gendarmerie die Zahl der Juden in der Polizei nicht vermehrt hat. ln der Jerusalemer Polizei dienen 82 Juden unter 346 Polizisten. Von den 14 Ausbiktungsbeamtcn sind 5 Juden. Die Subvention Iflr das (fldisebe Seiulwerk Die Palästina-Regierung hat ihre Subvention für das jüdisehe Sehulwerk im kommenden Jahre mit £E 10 000 festgesetzt. (Bisher hat diese Subvention weniger als £E 3000 betragen.) (Ziko.) Worte und Begriffe Dr. Holländer! Kritik de* Erfurter Zloniitentage* RW, z, Z. Zell a. See, September 1926, Vom jüdisch-politischen Kampfplatz tönt Schlachfenlärm. Herr Dr. Holländer, dessen Artikel über der» Erfurter Delegiertentag' mich hier erreicht, hat sich offenbar viel Mühe genommen, um eine gründliche Auseinandersetzung mit dem ■Zionismus zu versuchen. Es ist auch vom Standpunkt des Gegners bedauerlich, sagen zu müssen, daß ihm das mißlungen ist. Da wir amichmen, daß cs ihm wirklich auf ehrliehe Diskussion ankam, so sehen wir mit Schrecken, daß offenbar die Sprachen, die wir sprechen, schon so verschieden geworden sind, daß eine Verständigung nicht einmal über die Begriffe, die der Ausgangspunkt der Diskussion sind, zustande kommt. Gerade die entscheidenden Begriffe des Blumeiifddschen Referates sind von Holländer ebenso mißverstanden worden wie dessen ganze Tendenz und Anläge. Was wollte, wenn wir auf Erfurt zurückblicken, das ßlumenfeldsche Referat? Es wollte zeigen, wie durch das Wirksamwerden soziologischer, psychologischer und sozialpsychologischer Gesetze das jüdische Leben in der Diaspora, speziell in Deutschland gestaltet worden ist, und welche Krankheitserscheinungen aus diesem Prozesse entstanden situ'; Blumenfeld hat durch Anwendung von Methoden, die erst die moderne Wissenschaft gefunden hat, Vorgänge des jüdischen Lebens beleuchtet, und festgestellt, daß die erlösende Kraft des Zionismus darin bestand, daß er durch seine Aufhelltmg des wirklichen Tatbestandes eine ״Analyo•“ der jüdischen Situation bewirkte. Die Krankheitssymptome der jüdischen Situation sind in jedem jüdischen Bewußtsein, in! Individualbewußtsein fast jedes Juden, nachwekb m und erzeugen einen eigentümlichen seelischen Druck, aus den׳ man Auswege sucht, meist durch Verschleierung, ״Veröi.b mnug‘ oder Leugnung der Krankheitssymptome; Blumenfeld :1■״■ se die These auf, daß diese ״Verdrängungs“-V<־rs1!rt1e die Krankheit noch erhöhen und daß wie bei einer Neurose nur die Analyse die Heilung bewirken kann. Diese g:tnzc Gedanken- und Begriffswelt der modernen Psychologie ist Hern! Dr. Holländer■■ offenbar völlig unbekannt, sonst konnte er nicht viele von Blumenfeld gebrauchte Begriffe (z. B. den der Jd«״ifikati<j1»“) so ־mißverstehen und viele seiner Satze so mißdeuten» * < •׳-.׳ ־־׳■■-'־־־ * ־ ־. Jedem Hörer des Blumenfeldsehen Referates ist es unverständlich, daß Dr. Holländer seinen Artikel mit einer Verwahrung gegen ״Pöbelei“ einkitet, daß er behauptet, Blumenfeld ״überschlug sich geradezu in Schimpfereien“', daß er wörtlich schreibt: ״Justizrat Dr. Brodnitz und Rabbiner Dr. Goldmann wurden über das Maß der zulässigen Kritik hinaus beschimpft.“ -.- Schon aus dem oben Gesagten geht hervor, daß Blumenfeld sich von Beschimpfungen der Gegner völlig fernhielt, da er sie ja aus ihrer Situation heraus zu verstehen suchte. Gerade Dr. Brodnitz wurde, wie sich die Hörer erinnern werden, von Blumenfeld nur einmal mit größtem Respekt erwähnt, indem er nämlich zur Illustration der jüdischen Situation darauf hinwies, wie ein so ehrenwerter und feinsinniger Mann, der gewiß auf allen anderen Gebieten des Lebens tmd der Bildung höchste kritische Ansprüche stellt, in jüdischen Fragen sich mit unzulänglichen, oberflächlichen Erklärungen zufrieden gibt, weil eben hier jener unbewußte Prozeß der Verdrängung wahrer Erkenntnis in Kraft tritt. Ist das ״Schimpferei“? Ist es nicht vielmehr ein ehrlicher und anständiger Versuch, auch dem Gegner gerecht zu werden, den man keineswegs als schlechten Menschen, sondern als ein Produkt objektiver jüdischer Ent- Wicklung aus seinen Voraussetzungen betrachtet? Blumenfelds Betrachtungsweise zeichnete sich dadurch aus, daß er das Schuld-Moment ganz ausschaltetc; er sah die Stärke der zionistischen Position gerade darin, daß der Zionismus im allgemeinen nicht mit ״verstockten Bösewichten“ zu tun hat, die hoffnungsloses Material wären, sondern mit Menschen, die in eine Situation hineingeraten sind, deren Symptome sie selbst schon zum Teil erkennen (und hier wurden die verschiedcnen Artikel der C.-V.-Zeitung zitiert), deren Wesen sie aber nicht sehen, weil ihr unbewußtes Affekt-Interesse sie an dieser Erkenntnis hindert. Es handelt sich also, wenn man ein Bild gebrauchen will, das wieder nicht beleidigend zu verstehen ist, um ״Kranke“, die der Heilung durch Analese, durch Aufhellung unbewußter Tatbestände, bedürftig sind. Wie ist es möglich, wird man fragen, daß ein nicht völlig ungebildeter oder sehr altmodischer Zuhörer diese Darlegung Blumcnfclds als ״Schimpferei“ deutet und so Herr Holländer seinem Artikel durch eine an den Anfang gesetzte captaiio malcvolcntiac gleich die nötige’ antizionistische Resonanz verschafft? Soll denn durchaus jede anständige Auseinandersetzung vereitelt werden? Was Holländer sachlich gegen Blumenfeld vorbringt, ist leider teils widerspruchsvoll, teils allzu dürftig, im übrigen nicht neu. Das deutsche Judentum sei keineswegs ״entjudet“; es fasse zwar die Emanzipation als ein ״völliges Abstreifen der jüdischen Nationalität“ auf, habe aber die jüdische Religion. Eine Spalte später wird geleugnet, daß das deutsche Judentum sich ״mit der Welt“ (soll wohl heißen ״Umwelt“) identifiziere (auf das Mißverstehen des Begriffes Identifikation haben wir bereits oben aufmerksam gemacht) und erklärt: ״Die Gedankenführung des C.-V. ist niemals von dem Gesichtspunkt einer vollkommenen Identität zwischen Juden und Nichtjuden ausgegangen.“ Die ״Unterschiede zwischen jüdischem und nichtjüdischem Bevölkerungskreis“ seien ״niemals verkannt" worden. Worin aber bestehen diese Unterschiede? Sind sie rein ״religiöser“ Natur? Sind J Ji

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