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Jüdische Rundschau · 1926-09-08 · Heft 70-71 (8.9.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 70-71 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Ausl and• Abonnements werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G. m.b. H., BerlinW15, Meinekestr.tO Telephon; Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis! 8 gespallNütipareillezeile 0,50 G.-M, Stellengesuche 0,25 G,-M. AnzeigenschJuii: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70, Postscheckkonto; Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! Postsparkatsenamt Wien, Konto Nr, 156 030, Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr, 59 410. Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 70/71 | Berlin, 8. IX, 1926 כ״ם אלול חרס״ו, ער״ה | xxxLJahrg. per Zionismus erstrebt fllr das Jüdisch• Volk die Schaffung einer Öffentlich rechtlich gesicherten HelmstStta In PalSttina. ״Baseler Programm.“ Zionistisches Neujahr Nachwirkung der A.-C.-Sitzung — Der Bericht der Mandatskommission — Die Arbeitslosigkeit — Wirtschaftliche Probleme RW, z. Z. Salzburg, 3. September. Losgelöst für kurze Zeit von aktuellen zionistischen Tagesfragen, kann man ungestörter prüfen, wie die Gesamtsituation des Zionismus sich zum Beginn des Jahres darstellt. Die Stimmung, in der der Zionismus in das neue Jahr eintritt, ist gekennzeichnet durch das Bewußt- < sein, daß das kommende Jahr gewissermaßen der Prüfstein der bisherigen Entwicklung sein wird. Wir haben seit ••;;erst eine jährliche Einwanderung von 5000 bis 60«״,' gehabt, diese schon erzeugte eine Krise der Arbeitslosigkeit, die sich hinzog bis 1924, wo dann plötzich die ״vierte Alijah“ kam, mit einer Jahresziffer von über 30000. Diese zum großen Teil bemittelte Ein- Wanderung hat die Krise von 1923 behoben und eine Zeit reichlicher Geldflüssigkeit herbeigeführt; aber auch sie lief aus in einer Krise, die sich in wirtschaftlicher Stockung und zum Teil in Rückwanderung ausdrückte, und in diesem Zustand stecken wir heute. Die Annahme, die vierte Alijah bedeute den Beginn einer Periode mit ״jährlich“ 40000 Einwanderern, war ein Irrtum. Aber ganz abgesehen von dem akademischen Streit über die Frage, wieviel Einwanderer Palästina aufnehmen könne, handelt es sich jetzt — und das ist der Prüfstein — um Ueberwindung der Krise, um Versorgung der ca. 5000 Arbeitslosen mit Arbeit, um Einordnung der Reste der mittelständischen Einwanderung, die noch nicht stabilisiert sind, und Hand in Hand mit der Schaffung der Voraussetzungen für eine neue, allmählich den toten rankt überwinden. ’ Die Sitzung des A.-C. hat große Erwartungen geweckt. Man sprach (fort vom ״größeren Palästina“, von 40 000 Einwanderern, von der Anleihe und von großen;Mitteln. Die Sitzung hat seltsamerweise in allen Teilnehmern ein Gefühl der Befriedigung hinterlassen. Dies ist wahrscheinlich zu erklären durch den ungestörten dramatischen Verlauf, durch das Fehlen jener peinlichen Zwischenfälle, die sonst bei Sitzungen und Kongressen üblich sind. Dieses Gefühl einer ״guten Sitzung“ kann sehr fruchtbar werden, wenn man daraus eine neue Konzentration der Kräfte schöpft; aber es ist gefährlich, wenn es bei der bloßen Befriedigung bleibt, denn cchließlieh ist eine Sitzung des A.-C. keine Theatervorstellung, und wir sollen uns heute weniger denn je an großen Worten berauschen. Weizmanns große Rede entrollte die Vision zionistischer Möglichkeiten, und gerade Weizmann ist der Mann, auch etwas dafür einzusetzen; aber von dem Einsatz hängt auch alles ab. Nichts wäre falscher, als wenn zionistische Gruppen, die bisher der großen, schwer um jede Stufe ringenden Aufbauarbeit ihr ״Programm“ großer Worte entgegensetzten, in Weizmanns Rede eine Bestätigung suchten. Denn wenn wir jene Perspektiven auf uns wirken lassen, dann müssen wir zugleich die Wirklichkeit klar sehen, und nicht vor der Wirklichkeit in Gefilde seligen Traumes flüchten; die Wirklichkeit aber ist hart, und gerade gemessen an den großen Erwartungen erscheint sie unbefriedigend. Wir empfinden die schreckliche Discrepanz zwischen Erwartungen und Tatsachen; diese Discrepanz immer w i e d e r zu erleben, ist unser, unserer Generation Schicksal. Dieses Schicksal gilt es, mit vollem Bewußtsein auf sich zu nehmen; wenn wir diese unsere Rolle vergäßen, würden wir von Enttäuschungen zermürbt werden. Darum ist es von prinzipieller Wichtigkeit für unsere zionistische Generation, klar zu sehen, wie wir von Etappe zu Etappe das rote Meer der Enttäuschungen durchwaten müssen, bis wir schließlich doch ans Ziel gelangen werden. Denn unmerklich, in all den Schmerzen und Klagen, wächst unser Werk und wird immer fester und größer, die Bürgschaft der jüdischen Zukunft. * In manchen Kreisen herrscht noch immer die Vor- Stellung, die Krise sei dadurch zu lösen, daß wir energischere Forderungen an die Mandatarmacht stellen. In diesem Sinn wird die politische Resolution des A.-C. als ״neuer Kurs“ begrüßt. Nun ist uns die Mandatarmacht allerdings viel schuldig geblieben und alle Geschicklichkeit der zionistischen Politik muß darauf verwandt werden, die Notwendigkeit der Erfüllung der zionistischen Postulate den entscheidenden Faktoren plausibel zu machen. Vor allem gilt dies für zwei Hauptpunkte: Boden und Unterstützung unseres Kredits. Alle andern Punkte sind weniger wichtig oder werden doch weniger schwer durchzusetzen sein (verschiedene Zollreformen, Steuererleichterungen usw.). Die Regierung hat kein Recht, sich über die Arbeitslosenkrise zu beschweren, solange sie nicht das, was in ihrer Macht steht und was ihre Pflicht ist, beigetragen hat, um der Krise zu steuern. Aber dies der Regierung klarzumachen, ist eine langwierige und undankbare Arbeit, zumal die englische Regierung auch in andere politische Unternehmungen verwickelt ist. An uns ist es, die Geduld nicht zu ver- Heren. Das bedeutet: Wir haben uns genau zu kontrollieren, damit wir nicht in den Zustand geraten, wo es uns nicht mehr auf Erreichung politischer Ziele, sondern auf Erleichterung des eigenen Herzens ankommt. Es ist nicht immer richtige Politik, das Herz auszuschütten und der Mißstimmung freie Bahn zu gewähren. Dies wurde uns zuletzt wieder durch den Bericht der Mandatskommission bewiesen, der hier bereits veröffentlicht, jedoch (infolge des Delegiertentages) noch nicht gewürdigt worden ist. Der Bericht ist ein sehr interessantes Dokument und äußert sich über viele zioni* stische Forderungen in nicht gerade befriedigender Weise; viele dieser Aeußerungen können von der Mandatarmacht als Bestärkung in ihrer abweisenden Haltung aufgefaßt werden. Und diese Aeußerungen sind provoziert durch das Memorandum des Waad Leumi, der es für richtig gehalten hat, der Kommission einen möglichst vollständigen Beschwerdezettel zu überreichen. Wir haben hier einen ganz,kgakrtfegn Beweis, ,daß.die ÄliÄ,,־r 'dar' TOpוÖI!זWzi:זe^^l^eäSn'T®ÄÄ:'וiÄt,9l ’ als wir alle, die die Berechtigung dieser Ungeduld kennen, wünschen. Der im Druck erschienene Bericht, aus dem uns natürlich nur die Palästina betreffenden Teile interessieren, bildet kein einheitliches Ganzes, sondern zerfällt in die ״Bemerkungen“, die als Beschlüsse der Mandatskommission anzusehen sind, und in die Berichte der einzelnen Referenten über die eingereichten Petitionen. Diese Referate unterrichten über die in der Kommission herrschende Stimmung, gerade weil sie von verschiedenen Persönlichkeiten stammen, zwischen denen zwar Nuancen-Unterschiede bestehen, die aber doch im allgemeinen ziemlich ähnliche Ansichten vertreten. Zum Beispiel behandelt der Referent über das Memorandum des Waad Leumi, der Portugiese D’Andrade, die jüdische Forderung bezüglich der Staatsländereien mit mehr Sympathie als der Japaner Yamanaka, der über das Memorandum der Zionistischen Organisation zu referieren hatte; aber beide Herren sind darin einig, daß die Aufklärungen der Mandatarmacht vollständig ausreichend sind und erteilen der Mandatarmacht sogar ein Lob für ihre kluge Haltung. Das Charakteristische des ganzen Berichtes ist: Die Erklärungen der Mandatarmacht werden in allen wichtigen Punkten akzeptiert. Es ist für uns sehr wichtig, uns das klarzumachen, damit die Vorstellung, als ob die Mandatskommission des Völkerbundes in ihrer heutigen Gestalt und Kompetenz eine Art Appellationsinstanz gegen die Mandatarmacht wäre, verschwindet. Wohl ist es von großer Wichtigkeit für uns, der Mandatskommission unsere Wünsche und Sorgen bekanntzugeben und sie richtig zu informieren, aber der Angelpunkt unsererzionistischen Politikliegtauch heute noch nicht in Genf, sondern in London. Genf hat eine große moralische Bedeutung, und vor allem könnte eine negative Stellungnahme der Mandatskommission gegen uns uns wahrscheinlich schaden, auch mehr moralisch als praktisch, und wir, deren Machtmittel im politischen Kampf hauptsächlich moralische sind, dürfen diese Wirkung nicht unterschätzen. Wir müssen also in Genf Weiterarbeiten wie bisher. Aber dabei müssen wir beachten, von welchem Gesichtspunkt aus die Mandatskommission die ganze Frage betrachtet, denn nur dann können wir auch in der richtigen Weise mit ihr verhandeln. Dieser Gesichtspunkt geht aus dem vorliegenden Bericht klar hervor. Die Mandatskommission macht sich die Anschauung der Mandatarmacht zu eigen, daß die gesamte Politik in Palästina einschließlich der Errichtung der Jüdischen Heimstätte, so geführt werden muß, daß die Landesbevölkerung keinen berechtigten Grund zur Bcschwerde hat und daß vor allem Ruhe undOrdnung im Llande auirechterhalten bleibt Die Mandatskommission würdigt vollständig die Schwierigkeit der Aufgäbe der Mandatarmacht, die darin liegt, daß sie gerade in Palästina — und nur in Palästina — eine doppelte Aufgabe hat: die jeder Mandatsverwaltung, gemäß Art. 22 des Völkerbundspaktes, und überdies die Errichtung der Jüdischen Heimstätte. Die Kommission ist der Ansicht daß die Mandatarmacht sehr klug und vorsichtig vorgehen muß, um zu vermeiden, daß zwischen den beiden Mandatszwecken ein Gegensatz hervortritt. Und schließlieh ist die Kommission überzeugt, daß auch der im Mandate vorgeschriebene Zweck der Errichtung der Jüdischen Heimstätte gerade dadurch am besten und sichersten erreicht werden kann, daß man Konflikte vermeidet und einen allmählichen Ausgleich der Interessen herbeizuführen strebt. Daß die Kommission die Aufrechterhaltung von Frieden und Ordnung im Lande als ein besonderes Aktivum bucht darf gerade jetzt, angesichts der Zustände in Syrien, nicht weiter verwundern. Die Mandatarmacht hat also bei der Kommission von vornherein eine sehr feste Position, und es ist schwer, durch Einzelbeschwerden diese Position zu erschüttern, besonders in solchen Fragen, in welchen die Mandatarmacht auf die erwähnte Schwierigkeit der ״doppelten Aufgabe“ hinweisen kann. Wir dürfen auch nie vergessen, daß die entschiedene Haltung Englands in der Frage der jüdischen Heimstätte auf die Kommission von großem Einfluß ist. Man braucht nur daran zu erinnern, daß die Kommission in ihrem ersten '',)!ÄtiJisBÄi** Widerspruch in sich selbst ist; erst den Darlegungen der Mandatarmacht gelang es, zu zeigen, daß in der Praxis dieser Widerspruch nicht unlösbar ist. Heute denkt auch die Mandatskommission so, und demgemäß hat sich ihre Beziehung zum Gedanken der jüdischen Heimstätte gebessert. * Von speziellen Fragen, die die Kommission in ihren Beschlüssen behandelt, verdient die Gendarmeriefrage unsere besondere Beachtung. Die Kommission spricht lediglich ihr Vertrauen aus, daß die Mandatarmacht stets genügend Truppen zur Verfügung haben wird, um Unruhen, die einen Teil der Bevölkerung bedrohen könnten, zu verhindern. In dem Referat von Yamanaka wird auf die Beschwerde der Zionistischen Organisation erwidert, die Aufklärungen der Mandatarmacht hätten völlig erwiesen, daß Gleichmäßigkeit in der Behandlung von Juden und Arabern besteht; und in dem Referat von D’Andrade wird gleichfalls erklärt, die Beschwerde des Waad Leumi in der Militärfrage sei unbegründet. Allerdings fügt D’Andrade hinzu, es seien von 475 palästinensischen Soldaten des Korps 100 Juden; dies entspricht, wie wir wissen, nicht der Wirklichkeit, da man zwar 100 Juden aufzunehmen versprochen hat, jedoch tatsächlich viel weniger annahm. Vielleicht gibt diese Bemerkung des Berichtes, die doch offenbar auf einer Angabe der Mandatarmacht beruht, eine Handhabe, die ganze Angelegenheit nochmals in London aufzurollen. Wo ein spezifisch jüdisches Problem angeschnitten wird, hat die Mandatskommission, da sie nur allgemeine Maßstäbe der administrativen Zweckmäßigkeit anlegt, wenig Verständnis. Daher wurde durch ihre Bernerkungen zu vom Waad Leumi angeschnittenen Einzelfragen, wie z. B. Subvention des jüdischen Sanitäts- Werkes oder Hebräisch unsere Situation eher schlechter als besser. Dagegen hat sie in einer wichtigen Frage, die ein allgemeines Völkerbunds-Problem darstellt und daher der Kommission vertraut ist, eine entschiedene Fordening an die Mandatarmacht ausgesprochen: sie wünscht die beschleunigte Einführung einer Arbeitsgesetzgebung, die den internationalen Anschauungen über Arbeiterschutz entspricht. Daß dies für uns nicht nur vom sozialen, sondern angesichts der unlautern Konkurrenz durch Ausbeutung arabischer Frauen- und Kinderarheit auch vom nationalen Standpunkt von größter Bedeutung ist, bedarf kaum des Nachweises. * Die Mandatskommission hat diesmal die Frage der Regierungsform, der Teilnahme der Landesbevölkerung an der Regien: 11g, fast gar nicht erörtert. Sie hat sich auch in dieser von den Arabern immer wieder aufge-

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