Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 66-67 (17.8.1926)
- Date
- 1926-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Minzebmmmer 0,35 Goldmark jüdische Rundschau Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestr&Se 10. Erscheint jeden Dienstag «nd Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. AnsttiuiiibouMmeBU werden in der Wihrunä der emrelne• Länder berechnet. Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin Wl 5, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für Oesterrtich! P0>t«p&rka*8eaamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassen■«! Prag. Konto Nr. 51 410. Fär Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschi uß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 66/67 I Berlin, 27. VIII. 1926 Anzeigenpreis! 8 gespaitNonpareillereile 0,50G.-M. Stellengesuche0,25 G.-M. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. תרפ״ו י״ז אלול׳ I XXXI. Jahrg. per Zionismus erstrebt Ulr da» Iflcileclia Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.** Der XXL Delegiertentag der Z. V, L D. Die Politik der bisherigen Leitung gebilligt, die Leitung wiedergewählt Kurzer Rückblick RW, Erfurt, 25. August. Kaum, daß wir die erste Atempause nach dem gedrängten und bewegten Geschehen dieser Erfurter Tage haben, ist cs noch .nicht möglich, die Auswirkungen unseres Delegiertentages ruhig und sachlich ab/uschätzen. Es war, das fühlten alle Teilnehmer, ein guter, ein gelungener Delegiertentag; hatte er auch weniger Demonstrationswert nach außen als der Wiesbadener, der unter ungleich günstigeren äußeren Bedingungen stattfand, so war seine Wirkung nach innen um so stärker. Er hat die geschlossene und entschlossene Haltung des deutschen Zionismus gezeigt, der zum Kampf gerüstet dasteht, zum Kampfe nicht ,,gegen", sondern ״für"; für die Idee, an deren Durchsetzung nicht zu zweifeln ist. Unsere jüdischen ״Gegner“, die sich gegen uns so erbittert gebärden, sind keine ״Feinde", sondern Fleisch von unserem Fleische: Sie gehören derselben gesellschaftlichen Kategorie an wie wir, sie stellen als Juden unter den gleichen psychologischen und soziologischen Gesetzen, und die Wahrheit, die der Zionismus mit seiner Aufhellung der jüdischen Situation bringt, ist ebenso ihre Wahrheit wie die unsere, nur daß sie sie nicht sehen, oder um ihrer Konsequenzen willen verleugnen. Der Gedanke, daß unsere stärkste Waffe die Analyse der jüdischen Situation ist, durch die wir Juden überzeugen, wurde von Blumenfeld auf diesem Dclcgiertentag in den Mittelpunkt seines großen Referates gestellt. Dieses Referat und die anschließende Debatte bildeten den MjtteJgunkJ: der Tagung. Der Delegiertentag. hat dißj wurde, fast einstimmig gebilligt und die bisherige Leitung wiedergewählt. Es war eine eindntcksvolle Kundgebung des Vertrauens, die die Stellung der Führer auch gegenüber der nichtzionistischeil Weit gefestigt hat. Der deutsche Zionismus steht geschlossen hinter seinen Führern. Vielen Teilnehmern des Delegiertentagcs wird vielleicht im Eifer der Arbeit gar nicht zum Bewußtsein gekommen sein, welches außerordentliche Pensum die Tagung bewältigt hat; vielleicht noch nie wurden die entscheidenden Probleme unseres Lebens in dieser Vielfiiltigkeit auf einem Delegiertentag behandelt. Das war möglich, weil die Tagung von inneren Reibungen frei war und vor allem durch keinerlei Personenkämpfe, die sonst ständige Begleiterscheinungen parlamentarischer Veranstaltungen sind, getrübt. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich ungernindert auf die Gegenstände der Tagesordnung. Der Delegiertentag hat die Kulturfrage in ihrer ganzen Breite aufgerollt. Die Frage des Bildungszieles wurde erörtert, aber auch Mittel und Wege unserer Erziehungsarbeit, insbesondere in der Jugendbewegung; und schließlich erinnerte Bubers Referat an die Notwendigkeit der Volkserziehung im breiten Sinne, der Erziehung der zweiten Generation durch pädagogische Gemeinschaft mit Traditionsträgern der ersten zionistisch-geistigen Generation im Rahmen von Volkshochschul-Heimen. Denn unsere Lebensfrage besteht heute darin, ob die zweite Generation, die den spontanen Impuls der Bewegung nicht mehr empfangen hat, die nationale Aktion weiterführen wird. Ebenso umfassend und im Zusammenhang mit der besonders wichtigen Frage der Erziehung wurde die Palästinafrage behandelt. Der Delegiertentag verzichtetc auf Diskussion wirtschaftlicher Spezialprobleme. Er empfing jedoch durch Dr. Ruppin einen Ueberblick über die heutigen Perspektiven, und es war erfreulich, von einem nüchternen Denker wie Ruppin ein optim i s t i s c h e s Bild der palästinensischen Möglichkeiten zu empfangen, — vorausgesetzt allerdings, daß die geplanten Finanzoperationen glücken und die Keren Hajessod-Einnahmcn stark steigen. Ein von starkem Verantv,•ortungsgefühl erfülltes und tief ernst durchdachtes Referat über die Stellung der deutschen Zionisten in Palästina hielt Felix Rosenblüth. Sein Referat, rückhaltlos im Urteil und aufschlußreich in seinen Ergehnissen, machte einen tiefen Eindruck und gehörte zu den bedeutungsvollsten Früchten der Tagung; seine Nutzanwendung wird für die zionistische Arbeit der nächsten Zeit richtunggebend sein. Die Teilnahme Rosenblüths, den wir mit besonderer Freude als Vertreter der Exekutive begrüßten, war überhaupt ein großer Gewinn für die Tagung und hat auch die Bande zwischen unserer Landes- Organisation und der Exekutive fest«־ geschlungen. So hat der Delegiertentag alle Probleme gerade dort angepackt, wo sich eine unmittelbare Konsequenz für die Praxis ergibt: die Auseinandersetzung mit Nichtzionisten, die Propaganda, die Kulturarbeit, die Palästina-Arbeit. Schließlich sei uns noch ein Wort ״in eigener Sache“ erlaubt. Zu den umstrittenen Gegenständen gehörte diesmal die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau", und zwar besonders ihre Außenpolitik. Die Angriffe gegen die Redaktion nahmen einen breiten Raum in der Generaldebatte ein. Die ״Jüd. Rundschau" versucht seit Jahr und Tag, nach bestem, Wissen und Gewissen, ein politisches System zu vertreten, von dem sie glaubt, daß es die einzige praktikable Politik des Zionismus ist. Alles, was wirklich getan werden kann und muß, um unsere politische Position zu stärken, liegt in der Linie dieser Politik. Ihr gegenüber steht kein anderes System, sondern nur Bruchstücke einer verschwommenen Ideologie aus früherer Zeit, die unter völlig anderen Umständen entstanden war und deren ungeheure geschichtliche und volksbefreien.de Bedeutung wir wiederholt hervorgehobtn haben, die uns aber in unserer neuen Situation nicht weiterbringen kann. Die Form, in der wir die Idee des Judenstaates heute durchführen können, ist der binationale palästinensische Staat, innerhalb dessen die Juden ebenso Staatsnation sind wie die Araber (״orientalische Schweiz"). Es wurde bei früheren Gelegenheiten mehrmais die Frage aufgeworfen, ob diese grundsätzliche Haltung der Redaktion zu den Fragen der äußeren Politik eine persönliche Anschauung der Redaktion oder aber Kollektivmeinung der Z. V. f. D. sei. Noch anläßlich des letzten Kongresses' haben mehrere zionistische Blätter das nis, hier Klarheit zu schaffen, Und die überwältigende Majorität hat sich für Billigung der grundsätzlichen Haltung der ״Rundschau“ ausgesprochen. Die Größe dieser Majorität ist uns nicht nur eine Genugtuung und Stärkung in unserer verantwortungsvollen, nicht immer leichten Arbeit, sondern auch ein Beweis, daß die Miß- Verständnisse und Mißdeutungen, die man in unsere Stellungnahme hineingetragen hat, auf einen kleinen Kreis beschränkt geblieben sind. Die große Mehrheit hat verstanden, daß wir nicht ״nationale Schwäche“ vertreten, sondern mit allen Kräften den richtigen Weg suchen zur Verwirklichung unserer nationalen Ideale. * V erhandlungsbericht Bie tröHnn!:psiiza8g Der XXI. Delegiertentag der Z.V. f. D. wurde Sonntag, den 22. August im Kaisersaal in Erfurt eröffnet, Der Saal und die Galerien sind dicht gefüllt. Um I01/! Uhr betritt das Präsklum und der Landesvorstand der Z. V. f. D. die Tribüne. Neben dem Vorsitzenden Herrn Blumenfeld nimmt der Vertreter der zionistischen Exekutive Herr F e 1 i x R o s e 11blüth Platz. Sodann trägt ein Sprechchor, dirigiert von Herrn Bcrnson, dessen Dichtung ,,Aiiasver“ vor. Die kirnstlerische Diktion des im Hintergründe des Podiums hinter einem Vorhang plazierten Chors ließ die getragenen Verse der Dichtung zur vollen Geltung gelangen und bildete eine eindrucksvolle Einleitung der Tagung. Sodann folgt die Eröffnungsrede des Vorsitzenden. Blnmenlelds Eröflnuaprede Blumenfeld: Sehr geehrte Gäste, sehr geehrter Dele• giertentag und liebe Freunde! Umläimpft war die zionistische Bewegung vom ersten Tage, umkämpft ist sie auch heute. Die zionistische Bewegung, die seit Jahrzehnten in der Zionistischen Organisation die Verwirklichung des Baseler Programms, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk, erstrebt, ist eine Bewegung, die ohne Enge, ohne Einseitigkeit, einem ungeheuren Ziele zustrebt. Alle Fragen des menschlichen Lebens mit seinen Wandlungen, alle politischen und wirtschaftlichen, aber auch geistigen ■!:2 kulturellen Probleme sind in ihr umschlossen, und für 11,:s, die Anhänger der zionistischen Bewegung, ist sie daher jeden Tag neu; und jede zionistische Tagung hat ihren Sinn darin, daß sie uns Anlaß gibt zur Selbstbesinnung, zur zionistischen Neuorientierung. Wir müssen stets von neuem feststellen, wie die Entwicklung weitergegangen ist, was geworden ist und was sich verändert hat oder worin wir geirrt haben; unsere Aufgabe ist jedesmal von neuem die Analyse der jüdischen Gegenwart, der jüdischen Gesellschaft. Wir haben vor Jahrzehnten neue Formeln in die jüdische Welt hineingeworfen, die damals heiß umstritten wurden. Im Laufe der Jahre hat sich unsere Bewegung durchgesetzt; wir finden die einst abgelehnten Parolen und Formeln heute fast unverändert auch bei unseren Gegnern. Sic haben anerkannt, daß die Judenfrage existiert, daß die von uns erkannte iüdische Problematik nichts Willkürliches und nichts Ausgedachtes ist, sondern nur eine Aufdeckung der jüdischen Welt, wie sie wirklich ist. Gegner des Zionismus, die ihn heute mit gleicher und vielleicht mit größerer Leidenschaft bekämpfen als vor Jahrzehnten, übernehmen unsere Erkenntnisse, aber cs fehlt ihnen der Mut der Konsequenz. Gerade weil sie wissen, daß wir recht haben, daß unsere Darstellung des jüdischen Lebens und der jüdischen Gegenwart unwiderleglich ist, versuchen sie, mit besonderer Energie uns zu bckämpfen. Nun ist in diesem Kampf eine eigentümliche Situation gegeben, die scheinbar für 1ms eine taktische Schwäche bedeutet, in Wahrheit jedoch unsere Stärke ist. Die zwingende Kraft unserer Sache liegt nämlich darin, daß der Zionismus sich zum Ziele ein Werk gesetzt hat, das als Realität in der konkreten Welt existiert und als Quantität meßbar ist, während das frühere Judentum und das Judentum außerhalb der zionistischen Welt keine derartigen anweisbaren Realitäten, sondern lediglich Ueberzeugungen und Symbole gehabt hat, die darum nicht widerlegbar sind, weil man die subjektive Ehrlichkeit ihrer Verfechter nicht bestreiten konnte. Der Zionismus jedoch hat als Beweis für die Wahrheit seiner Erkenntnisse ein Werk, das für jedermann kontrollierbar ist; er hat es gewagt, eine wirkliche Leistung als Ausdruck seines Wollens zu wählen; dieses Werk in Palästina, mit allen Schwächen und Fehlern, die notwendig jeglichem Menschenwerk anhaften, bedeutet das ungeheure Wagnis, neues Leben zu schaffen, neue Wege zu süchen, die einen neuen Typus des Juden zeigen. Unsere Gegner versuchen nun, die Unzulänglichkeit dieses Lebens darzustellen und sehen nicht die leidenschaftliche Kraft des gestaltenden Willens, der hinter diesen Anfängen steht. Sie sehen nur, was sie sehen wollen und was ihnen selbst entspricht. Es gibt Mensehen, die imstande sind, ■das Außerordentliche und Große in jedem Werk zu sehen, und andere, die nur imstande sind, das Gemeine, das sich ja überall findet, zu entdecken. Unsere ,Aufgabe ist es,, nachzuweisen, welche Kräfte dort \£/l: j Entschluß in jenes Land gehen, um •den Grund zu legen 4 für den Neuaufbau eines jüdischen Volkslebens, durch dessen natürliches Werden und Wachsen die Stellung des Judeniums in seiner Gesamtheit unvergleichlich gehoben wird. An Stelle von Symbol und Oesinnungen ist das Judentum in einer Form der Wirklichkeit ins Leben getreten, und alle Gegensätze spielen sich dort ab als Kämpfe von Menschen und Interessen gegeneinander und miteinander. Hier ist die Möglichkeit gegeben, zu zeigen, welche echten konstruktiven Kräfte im Judentum noch vorhanden sind. Der Zionismus trat auf als die Lösung der Judenfrage, und wir glauben, daß durch die Entfaltung dieser Kräfte in einem palästinensischen Gemeinwesen und durch dessen Rückwirkung auf die Juden in aller Welt die Lösung der Judenfrage wirklieh begonnen wird in jener Form, in der sie allein denkbar ist. Nun kommen unsere Gegner und sagen uns: Palä. stina ist ein kleines Land. Darauf ist zu erwidern, daß die Begriffe groß und klein sehr relativ sind und daß Palästina jedenfalls auch damals nicht größer war, als die Juden als Volk dort lebten und nicht nur die Judenfrage, sondern auch die Judeniumsfrage durch Palästina gelöst war. Und zur Zeit, als die Juden dort wohnten, waren sie ein großes Volk. Heute aber behaupten die Gegner, daß die Juden kein Volk mehr sind, obwohl die Juden zahlenmäßig viel größer sind als ehemals. Wir unternehmen den entscheidenden Versuch, durch den Aufbau ■des jüdischen Nationalheims nicht nur den Juden zu helfen, sondern auch den Beweis zu erbringen, daß die Juden noch heute ein großes Volk sind und durch Entwicklung ihrer Eigenart zu großen Leistungen befähigt werden. Die Verhandlungen des Delegiertentages der deutschen Zionisten finden in aller Oeffentlichkeit statt. Alle unsere Fragen werden freimütig erörtert; für uns ist eine derartige Tagung ein Anlaß zu Selbstbesinnung und ein Spiegel, den wir uns seih;t Vorhalten. Wir üben an uns selbst Kritik und begnügen uns nicht, selbstgefällige Erklärungen abzugeben, wie es bei Tagungen anderer jüdischer Richtungen vorkommt. Daß wir diese Selbstkritik treiben und vertragen, ist ein Zeichen unserer Kraft. Es gibt für uns keine Befriedigung. Wir wissen, was wir schaffen, sind ״vorletzte“ nicht ’ ״letzte“ Dinge. Wir stehen ihnen kritisch gegenüber und können auch ganz illusionslos die Wirklichkeiten und Möglichkeiten abschätzcn, weil in uns die große Utopie lebt, die Vorstellung von den letzten Dingen, die unser eigentliebes Ziel sind. Das verleiht unserem Tun jene elementare leidenschaftliche Kraft, mit der wir an die Realitäten des jüdischen Lebens herangellen. Die Erörterungen des Delegierteniages in Erfurt sind ein Rückblick auf unsere Arbeiten in der vergangenen Zeit und eine Beratung über unsere nächsten Arbeiten. Er wird Kunde geben von dem, was wir leisten, aber auch von all dem, was an unerfüllter Sehnsucht in uns lebt. Wir wollen die objektiven Voraussetzungen schaffen, damit das Leben neuer jüdischer Menschen mit neuen moralischen und menschlichen Qualitäten ersteht. Wir freuen uns über die Teilnahme, die unsere Tagung in Erfurt findet, und danken allen Erschienenen, daß sie unserer Einladung gefolgt sind.