Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 65 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,35 Qokbtmrk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, ,vierteljährlich 5.25 Goldmark. Auslandsabonnements werden in der Wibrang der eimeinen Länder berechnet. Nummer 65 I Berlin, 20. VIU. 1926 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis: 8 gcspalt.NoiipAreillezeile 0,50 G.-M Stellengeenche 0,25 G.-M. AazcigensekltiS.' Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr, Telephon ן Bismarck 7165*70 ־. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich; Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen; Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י, אלול. חרס״ו | xxxi. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich י rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina, ״Baseler Programm■«« Zum XXL Delegiertentag: Für einige Tage wird sich in Erfurt das zionistische Leben Deutschlands konzentrieren. Die Vertreter der deutschen Zionisten treten zusammen, um die Sorgen und Aufgaben der Bewegung zu besprechen, und in solchen Momenten wird cs besonders fühlbar, wie groß der Problemkrcis geworden ist, mit dem sich der Zionismus zu beschäftigen hat. Es ist unmöglich, in einer kurzen Tagung den Stoff auch nur annäherungsweise zu bewältigen. Dennoch sind diese Tage des Zusammeniebens und Zusanitnenarbcitens, der anstrengenden und erregenden Nervenarbeit, eine zionistische Kraftquelle, die das künftige Arbeitsjahr mit Energien speist. Zionistische Tagungen sind der Ausdruck des neuen Gemeinschaftswollcns, das der Zionismus erzeugt und durch das er das jüdische Leben so grundlegend umgewandelt hat. Ueber allen Einzelheiten der täglichen Kleinarbeit und des Parteikampfes werden wir uns bei solchen Gelegenheiten immer bewußt, welche ungeheure reale Macht der Zionismus geworden ist. Noch weit ist der Weg zur Verwirklichung unserer Idee einer jüdischen Wiedergeburt. Aber wir sind unterwegs, der Zionismus hat das starre und träge Judentum in Bewegung gebracht, die Lebenskräfte, die wir spüren, geben uns Hoffnung für die Zukunft. Aber unser Ziel kann nur erreicht werden, wenn wir, bei aller ehrlicher Würdigung des Erreichten, nicht in vorschneller Zufriedenheit erlahmen. Der Hauptwert einer zionistischen Tagung liegt nicht darin, daß wir uns gegenseitig sagen, was wir Großes geleistet haben, sondern darin, daß wir uns gemeinsam klarmachen, was uns fehlt, was schlecht und verbesserungsbedürftig ist und welche Mittel wir zu ergreifen haben, um weiterzukommen. Jede zionistische Tagung ist zugleich ein *Akt der Selbstkontrolle. Eine grundsätzliche Aussprache über die Hauptfragen der zionistischen Bewegung und über die Tatsachen. ««serär zionistischen Situation sfell das Verständnis für das besondere Stadium, in welchem heute unsere Entwicklung sich befindet, fördern und die Beurteilung der zibnistisclien Politik auf allen Gebieten erleichtern. Die Bildung einer öffentlichen Meinung ist auch bei uns wie in jeder politischen Gemeinschaft ein Faktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Diese öffentliche Meinung soll jedoch auf klarer Erkenntnis der Realitäten beruhen und nicht von demagogischen Momenten beeinflußt sein. Wir Zionisten besprechen unsere Angelegenheiten offen und rückhaltlos vor der Oeffentlichkeit, wir verbergen weder unsere Schwierigkeiten, noch erlittene Mißerfolge, wie sie bei einem derartigen Werk unvermeidlich sind, wir fechten auch unsere Meinungsverschiedenheiten öffentlich aus; wir glauben, daß durch eine solche Beziehung zur Wirklichkeit unsere Sache nicht geschwächt, sondern gestärkt wird. Nichts schadet so sehr, wie unausgesprochene Mißstände oder verborgene Fehler, die unterirdisch weiterwirken und den gesunden Kern gefährden. Zionismus bedeutet ständige Weiterentwicklung des Volkes und des Einzelnen, ständige Selbsterziehung, ständige Arbeit an der Verwirklichung des gesetzten Zieles. Die Besinnung auf die Notwendigkeit, der Assimilation nicht nur um uns, sondern auch in uns entgegenzuarbeiten, die Beziehungen zum Judentum nicht nur formal, sondern auch innerlich und in realen Lebenstatsachen wiederherzustellen, ist diesmal eine der wichtigsten Aufgaben des Delegiertentages. Unser Delegiertentag fällt in eine Zeit, wo die Gegner des Zionismus sich zu besonders heftigem Angriff vereinigt haben. Ein Kampf gegen den Zionismus hat begönnen, den wir — zumindest in diesen Formen — nicht erwartet haben. Wir haben den Kampf nicht gewollt, denn wir glauben, daß das Judentum heute so viele positive Aufgaben hat, daß eine Konzentrierung der Kräfte im Interesse des Volkes liegt. Aber wir scheuen uns nicht, den Kampf aufzunehmen, und wir verstehen sehr wohl, daß er auch seine guten Seiten hat. Der Zionismus beruht gedanklich auf einer Ablehnung des heutigen Golus- Judentums, das er als das Resultat eines geschichtlichen Zersetzungsprozesses betrachtet. Nicht nur die IJnzufriedenheit mit der äußeren Lage der Juden, sondern auch der Schmerz über die innere Schwächung und würdelose Haltung des Durchschnittsjuden hat uns zu Zionisten gemacht. Die Tendenz der Verleugnung des Judentums war uns unerträglich, und in ihr erkannten wir die Hauptursache der verachteten Stellung des Juden in der Welt. Viele unserer Erkenntnisse, die anfangs leidenschaftlich bekämpft wurden, sind heute Gemeingut geworden. Aus vielfacher Erfahrung kann bestätigt werden, daß der Nichtjude den selbstbewußten Juden weif höher achtet als den Assimilationsjuden. (Erst aus jüngster Tagesordnung Erster Tag. Vormittagssitzung 10—2 Uhr: 1. Eröffnung des Delegiertentages durch den Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. 2. Begrüßungen. 3. Wahl des Büros. 4. Ansprache des Vertreters der Exekutive. 5. Referat des Vorsitzenden der Z. V. f. D.: ״Zionistische Arbeit in Deutschland.“ Nachmittagssitzung 4—8 Uhr: 1. Bericht des Wahlprüfungsausschusses. 2. Generaldebatte. 3. Wahl des Permanenzausschusses. Abendsitzung, Beginn 9 Uhr: Geschlossene Sitzung der Vertrauensleute des Keren Kajemeth unter Teilnahme der Delegierten und Ersatzdelegierten. 1. Referat über die Palästina-Arbeit des Keren Kajemeth. 2. Bericht über die Arbeit des Keren Kajemeth in Deutschland. Programm für das neue Jahr. 3. Aussprache. 4. Neuwahl der Keren Kajemeth-Kommission für Deutschland. Zweiter Tag. Vormittagssitzung 10—2 Uhr: f. Referat Dr. Kanowitz: ״Die zionistische Jugendbewegung in Deutschland.“ 2,, Referat Dr, W 01 f s b e r g: ״Das zionistische Biidpngs- '■"י׳״■* ־ “■׳■•׳• '•■•׳׳•■׳ "w'* 3. Aussprache. Nachmittags 4 Uhr: Geschlossene Sitzung der Vertrauensleute des Keren Hajessod unter Teilnahme der Delegierten und Ersatzdelegierten. 1. Ansprache des Herrn Felix Rosenblüth, Mitglied der Exekutive. 2. Dr. Arthur Hantke, Direktor des Keren Hajessod: ״Die Entwicklung des Keren Hajessod“. 3. Alfred Berger: Bericht über die Keren Hajessod- Arbeit in Deutschland 4. Aussprache. Nachmitta gssitzung 6—81'., Uhr: 1. Referat Dr. Buber: ״Volkserziehung als unsere Autgäbe“. 2. Aussprache. Der Abend bleibt frei für Sitzungen von Kommissionen und Fraktionen. Dritter Tag. Vormittagssitzung 10—2 Uhr: 1. Referat über ״Innerzionistische Politik.“ Stellungnahme zu den Ergebnissen der A.-C.-Sitzung. Referent: Kurt Blumenfeld. 2. Aussprache über Palästina-Fragen. Einleitendes Referat: Felix Rosenblüth. 3. Aussprache. Nachmittagssitzung, Beginn 4 Uhr. 1. Fortsetzung und Schluß der Aussprache. 2. Anträge. 3. Wahlen. Unmittelbar nach Schluß des Delegiertentages findet eine Sitzung des neuen Landesvorstandes statt. ■MM«■■■ ■«HMl W MUH■ I—■—■I HIWI————SB—BW»M—3 Zeit besitzen wir hierüber eine überaus interessante Aeußerung des bekannten Pädagogen und Soziologen Professor Spranger.) Auf große Teile des nichtzionistisehen Judentums hat diese Tatsache eingewirkt, und das Bekenntnis zum Judentum ist heute in weiten Kreisen viel selbstverständlicher geworden als noch vor einigen Jahren. Die Vertreter des alten Assimilationsjudentums, deren Politik einer Abwehr des Antisemitismus durch langatmige Apologetik völlig zusammengebrochen ist, . suchen nun ihre Position durch einen blindwütigen Kampf gegen den Zionismus zu retten. Ob sie damit jüdische Werte gefährden, gilt ihnen wenig. Aber wir Zionisten lernen mm das unverhüllte Gesicht unserer Gegner wieder kennen. Wir wissen, daß unsere Gegner mächtige Verbündete haben: Indolenz und Lethargie der Juden, vor allem aber die Macht der Trägheit. Aber gerade darum hoffen wir, daß die aktiven und lebendigen Kräfte im Judentum durch diesen Kampf noch stärker zu uns hingezogen werden als bisher. Die Zionisten aber werden aus diesem Kampf lernen, daß die Zeit der Stürme noch nicht vorüber ist und daß es nicht angeht, sich zur Ruhe zu setzen. Der Delegiertentag muß ein Appell an alle Zionisten sein, an die jungen und die alten, sich in verstärkten! Maße zur Mitarbeit zur Verfügung zu stellen. Alle, die schon seit einiger Zeit ״inaktiv“ geworden sind, müssen von neuem in die vordersten Reihen treten. Uns Zionisten leiten keine Partei-Interessen, sondern das Wohl des jüdischen Volkes ist uns oberstes Gesetz. Wir wissen, daß unser Volk nur durch große Anstrengütigen aus äußeren Leiden und innerer Knechtschaft befreit werden kann. Das wichtigste Mittel hierzu, unser zentrales Werk, ist die werdende jüdische Heimstätte in Palästina. Unsere Beratungen über Palästina werden wesentlich gefördert werden durch die Teilnahme einer Anzahl prominenter zionistischer Persönlichkeiten und Freunde aus Palästina, die wir die Freude haben, bei unserer Tagung in Erfurt zu begrüßen. Der Delegiertentag in Erfurt kann die zionistische Arbeit in Deutschland um ein gutes Stück vorwärtsbringen, wenn die Teilnehmer von dem rechten Geiste erfüllt sind. Möge der Geist zionistischer Erkenntnis, zionistischen Woliens und zionistischer Brüderlichkeit über ihm schweben. We Berichte | Die Berichte des Präsidiums der Z. V. f. D. sowie der einzelnen zionistischen Institutionen werden den Delegierten || gedruckt in Broschürenform vorgelegt. iL!ß* Nachstehend geben wir den Hauptteil des Berichtes des Präsidiums wieder: ' f In unserer ,Ärbät ■wälteatfdit^Birichfcricriode wurde die Einwirkung allgemeiner Faktoren fühlbar: der Zustand der Weltorganisation, die Entwicklung Palästinas, die europäische und insbesondere die deutsche Wirtschaftskrise, der verstärkte Kampf nichtzionistischer jüdischer Verbinde gegen das Palästinawerk und gegen die zionistische Idee. Die inneren Verhältnisse in der zionistischen Wel torganisation waren nicht befriedigend. Die letzten Kongresse hatten in der Frage der Exekutivbildung versagt. Eine von der Organisation und von Palästina als oberste Autorität anerkannte Leitung der Wirtschaft fehlte. Das Organisationsdepartement war nur formell besetzt. Das Interesse der Kongresse war ausschließlich auf Fragen der Verwaltung und der Verwendung eingegangener Gelder gerichtet; Fragen der zionistischen Bewegung, ihres Ausbaus, der Erweiterung ihrer Möglichkeiten wurden nicht mehr erörtert. Die Flügelgruppen und zahlreiche Vertreter zionistischer Landesverbände traten auf den Kongressen als besondere Gruppen mit bestimmten wirtschaftlichen Forderungen und Programmen aut. Sie fühlten sich in erster Linie als Anwälte von in Palästina bestehenden Parteigruppierungen. Der allgemeine Zionismus im eigentlichen Sinne, den wir mit Entschiedenheit zu vertreten bemüht waren, vermochte keine Wirkung innerhalb der Weltorganisation auszu&ben. Gaben früher die Kongresse den Landesverbänden wichtige Anhaltspunkte für ihre Tätigkeit, so brauchte nacli den letzten Kongressen jeder Landesverband einige Zeit, 11m die Kraft für erneute zionistische Arbeit in seinem Territorium zu finden. Wir erkannten früh, daß die zionistische Arbeit im Gaiuth nicht geringerer Aufmerksamkeit bedarf als die Arbeit in Palästina, und waren sowohl auf den Kongressen wie auf den Sitzungen des A. C. bemüht, diesem Gedanken Gehör zu verschaffen. (Wir glauben, daß in den letzten Monaten Fortschritte in unserem Sinne erfolgt sind. Die Ijaraktion hat das Gefühl für die Organisation in einer Reihe von Landesverbänden gestärkt. Die Neubesetzung des Organisationsdenartemenls mit unserem Freunde Felix Rosenblüth gibt uns die Hoffnung, daß die von ihm bisher geleistete Arbeit mit größerer Wirkung fortgesetzt werden wird, und die letzte Sitzung des A. C. zeigte uns, daß der Gedanke einer neuen ideologischen Fundierung des üaluth/ionismus auf Verständnis stieß.) Die Entwicklung Palästinas im Jahre 1924 und der ersten Hälfte des Jahres 1925 war durch die sogenannte 4. Alijah gekennzeichnet. Auch in den Zeiten der Hoch- Stimmung und der wirtschaftlichen Hausse waren wir uns des Ernstes der durch die neue Masseneinwanderung geschaffenen Situation bewußt. Wir täuschten uns nicht darüber, daß nur durch außerordcnt'iehe Maßnahmen und sehr große öffentliche Mittel eine wirkliche Produktivierung dieser neuen kleinbürgerlichen und mittelständischen Elemente erfolgen könne. Wir vergaßen nie, daß Palästina ein Kolonisationsland ist und daß eine starke Einwanderung händlerischer Elemente ohne wirtschaftliche Erschütterungen kaum ertragen werden kann. An den dauernden Erfolg der Privatinitiative dieser im allgemeinen sehr wenig bemittelten Elemente vermochten wir nicht zu glauben. Wir waren uns darüber klar, daß auch hier nur durch Bereitstellung großer öffentlicher Mittel, d. h. durch Verstärkung des Keren Hajessod und Keren Kajemeth eine Eingliederung in das palästinensische Wirtschaftsleben erfolgen kann. Vor allem aber wiesen wir immer wieder darauf hin, daß die Verstärkung der landwirtschaftlichen Bevölkerung und Er- Werbung neuer ländlicher Böden entscheidend für die Verwirklichung unserer zionistischen Ziele bleibt. In der zweiten Hälfte des Jahres 1925 begann die Krise in Palästina, die bis heute andauert, deren Wirkungen in der zionistischen Arbeit aller Länder spürbar wurden.