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Jüdische Rundschau · 1926-08-13 · Heft 63 (13.8.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 63 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sinzeinummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Auslandsabonacmeots werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet. Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin Wl 5, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! Postsparkasie&aat Wien, Konto Nr, 156 030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 63 | Berlin, 13. VIII. 1926 Anzeigenpreis: 8gespalt.NonpareiUezetle 030G.-M, Stellengesuche 0,25 G.-M. Anzeigenschluß: Dienstag and Freitag nachmittag 4 Uhr. ג׳ אלול׳ תרס״ו | xxxi. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk dl« Schaffung einer dffentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.•* Von London nach Erfurt Die Lage im Welt-Zionismus — Ergebnisse der A.-C.־ Sitzung — Palästina und Galuth — Aufgaben des deutschen Zionismus — Die Judenfrage in Deutschland Der Delegiertentag׳ der deutschen Zionisten, von dem uns nur noch wenig mehr als eine Woche trennt, fällt diesmal in den Monat, in den seit nun bald dreißig Jahren die großen internationalen zionistischen Tagungen sich zu versammeln pflegen. Es ist ein interessanter Versuch, auch eine zionistische Landestagung einmal um diese Zeit abzuhaltcn, vor dem Beginn des eigent* liehen Arbeitsjahres, das erfahrungsgemäß erst nach den Feiertagen voll einsetzt. Auf diese Weise wird die Arbeitssaison von der technischen Belastung befreit, die eine solche Tagung unvermeidlich mit sich bringt, die zionistischen Reihen formieren sich, und der Impuls, der von der großen zionistischen Manifestation eines Delegiertentages ausgeht, übt seine belebende Kraft für die Herbst- und Winterarbeit. ♦ Seit dem letzten Delegiertentag sind fast zwei Jahre vergangen, ln diesem Zeitraum hat sich in der zionistisehen Welt eine große Veränderung vollzogen. Die eben abgchaltenc Sitzung des Aktions-Comites bedeutet in gewissem Sinne den Abschluß einer Periode, die vor zwei Jahren begonnen hat. Nach einer durch die dritte Alijah erzeugten Krise kam ein Aufschwung, und die Einwande• rung nahm einen vorher nie gekannten Umfang an. Palästina und die zionistische Bewegung waren vor nngeheitre Probleme gestellt und die letzten zwei Jahre galten der Auseinandersetzung mit diesen Problemen. Erst brachte die große Einwanderung mit ihrem Geldzustrom 'eifti 'beispiellose' BaitbÄ־«- gung, das Hinaufschnellen der Bodenpreise mit den bedauerlichen Begleiterscheinungen der Bodenspekulation, eine plötzliche Verbesserung der Lage des städtischen Arbeiters, Steigen des Arbeitslohnes, neue Perspektiven in Landwirtschaft und Industrie. Für Weitblickende war es klar, daß diese Bewegung vieles Positive im Lande schaffen wird, aber schließlich ein Bodensatz zurückbleiben muß, der nicht mehr mit den Kräften der palästinensischen Oekonomik aufzulösen ist. Eine neue Periode der Arbeitslosigkeit ist angebrochen, und es bedarf des regelnden Eingreifens und der planmäßigen Wirtschaft, um die heute im Lande befindlichen Menschen in den Organismus der palästinensischen Wirtschaft cinzuglie* dem. Vor dieser Aufgabe steht der Zionismus im gegenwärtigen Moment. Und in den zwei Lehrjahren, die eben vergangen sind, wurde in! Gelingen und im Mißlingen eine Fülle von Erfahrungen gesammelt, die als wertvoller Besitz dem Zionismus bei seiner künftigen Tätigkeit zugute kommen werden. * Die letzte Sitzung des Aktions-Comites bedeutet einen Fortschritt auf dem Wege zur Konsolidierung unserer Arbeit in Palästina und der zionistischen Bewegung. Die zionistische Politik hat heute ihre klare Richtung, die sich in der vergangenen Periode bewährt hat und nach welcher weiter gearbeitet werden muß. Gestützt auf das moralische Recht der Juden und die Völkerrechtliche Anerkennung ihrer Ansprüche auf Palästina, gestützt auf die organisierte Kraft des sich seiner selbst bewußt gewordenen Volksteiles, und vor allem gestützt auf die große kolonisatorische Leistung der Juden in Palästina, fordert die Zionistische Organisation von der Mandatarmacht eine Verwaltung des Landes, die der Errichtung der jüdischen Heimstätte günstig ist. Dies drückt sich, nachdem durch Englands Politik zunächst im großen die wichtigsten politischen Voraussetzungen im Lande geschaffen wurden, nämlich eine geordnete Verwaltung sowie Ruhe und Sicherheit, vor allem in einer großen Reihe von Einzelforderungen wirfschaftspolitischer Natur aus. Es ist jedoch klar, daß alle diese Forderungen in geduldiger kontinuierlicher Verhandlung mit der Mandatarmacht durchgesetzt werdet! müssen, und daß die von manchen Seiten empfohlene Methode großer demonstrativer Attacken in unserer Situation höchst unopportun und auch unwirksam wäre. Das A.-C, hat sich mit aller Deutlichkeit zu der Politik bekannt, die auch von der großen Mehrheit der deutschen Zionisten für richtig gehalten wird. * Unser wichtigstes Machtmittel ist jedoch das Wachstum unserer Kolonisation im Lande. Das A.-C. war sich darüber im klaren, daß ein Budget von ungefähr einer halben Million Pfund nicht einmal für die dringendsten Bedürfnisse ausreicht. Es war vorauszusehen, daß die Aufstellung eines Budgets von £ 450 000 nicht gelingen wird, und da auf Rechnung des Defizits nur £ 25 000 eingesetzt wurden, so konnte man zu einer -Summe von etw׳a £ 550000 gelangen, wozu dann noch das Spezialbudget der Hadassah tritt, das ja bekanntlich zum großen Teil außerhalb des Keren Hajessod gedeckt wird. Immerhin ist es höchst unbefriedigend, daß von einem Budget von insgesamt £ 668 000 nur £ 170000 für landwirtschaftliche Kolonisation zur Verfügung stehen, während rund £ 500 000 bcrcits von vornherein anderweitig festgelegt sind. Mit diesen £ 170000 kann man die bestehenden Siedlungen nicht in Ordnung bringen, ganz zu schweigen von der Bildung neuer. Die eigentliche zionistische Aufgabe, die Kolonisation, könnte also nur dann um einen betrachtliehen Schritt weiterkommen, wenn über das festgelegte Budget hinaus erhcb'iche Beträge zu realisieren wären. Das A.-C. war sich dieses Sachverhaltes bewußt und hat in einer bisher noch nie dagewesenen Weise sich den Problemen einer Vergrößerung unserer finanz i c 11 c n Mittel zugewandt. Das Referat von R u p - pi n ist dafür ebenso charakteristisch wie die bedeutungsvolle Keren Hajessod-Debattc. Und wenn auch begreiflicherweise das A.-C. nicht einen neuen Plan aus dem Aermei schütteln konnte, und zunächst der Versuch der Erweiterung der Jewish Agency unter Einsatz der ersten Männer, über die wir verfügen, erneuert werden soll, so :, ,.XP« .,dieser 1: Sitpng, einen entscheidenden feindruck erhallen und das Bewußtsein, welche Anspannung der Kräfte notwendig ist, war noch nie so deutlich. Dieser psychologische Faktor ist auch ein überaus wichtiges Element unserer Bewegung. Es ist allerdings ein Gebot der Aufrichtigkeit, die schmerzliehe Erkenntnis auszusprechen, daß wir in Deutschland wahrscheinlich kaum imstande sind, nennenswert auf diese Vergrößerung der Mitte! einzuwirken. Die Ent- Scheidung liegt in dieser Hinsicht bei unsern amerikani sehen Gesinnungsgenossen, die nun schon seit Jahren die Hauptlast zu tragen haben. Wir nahmen mit Freude die Erklärung der Amerikaner zur Kenntnis, daß die Aussichten der Geldaufbringung in Amerika günstig sind, und daß sie für das kommende Jahr mit einer beträchtlichen Steigerung der Einnahmen rechnen. Diese Erklärung war es, die vor allem das A.-C. ermutigte, ein höheres Budget aufzustellen. Diese Stimmung ist aber auch maßgebend bei der Beurteilung der größeren Perspektiven einer auf den Erfahrungen der fünfjährigen Vorbereitungszeit aufbauenden Kolonisation. I * Nichts wäre aber falscher, als angesichts dieser ungleichen Verteilung der finanziellen Verantwortungen die Bedeutung des europäischen Zionismus für die Gesamtbewegung zu unterschätzen. Der Zionismus ist eine untrennbare Einheit; jedes seiner Glieder muß gesund und kräftig erhalten werden, und das Versagen oder Erschlaffen eines einzelnen Teiles muß er am ganzen Leibe spüren. Gerade der deutsche Zionismus, der auf dem europäischen Kontinent die am weitesten nach Westen vorgeschobene große und fest organisierte zionistische Gruppe darstellt, wird stets innerhalb der Bewegung seine eigentümliche Bedeutung behalten. Der deutsche Zionismus hat stets pflichtbewußt innerhalb der Gesamtbewegung mitgearbeitet und die Verantvvortungen übernommen, die ihm auferlegt wurden. Wir haben die Genugtuung, daß in der letzten Sitzung des A.-C. nach längerer Pause wieder zwei deutsche Zionisten in leitende Zentralämter berufen worden sind. Felix Rosenblüth, dessen organisatorische Qualitäten den deutschen Zionisten bekannt sind, wird in der Ausgestaltung des Organisations-Departements ein außerordentliches Arbeitsfeld haben, und Dr. Hantke, der zu gleichen Rechten mit dem in jahrelanger Keren Hajessod-Arbeit bewährten, alten zionistischen Kämpfer Leib Jaffe die Geschäftsführung des Keren Hajessod übernimmt, erhält nicht nur eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, sondern hat auch die besondere Freude in Erez Israel wirken zu können. Bei dieser Gelegenheit ist es uns ein Bedürfnis, des Mannes zu gedenken, der in jahrelanger stiller und selbstloser Arbeit den Keren 1! lajessod geschaffen und allen nicht geringen Widerj ständen zum Trotz zu seiner heutigen Höhe gebracht hat. Dr. Bert hold Feiwel, der nunmehr aus der mit ihm so eng verbundenen Arbeit ausscheidet, hat es immer abgelehnt, von sich reden zu machen. Aber es ist die Pflicht einer Bewegung, die etw׳as auf sich hält, Treue um Treue zu erweisen und wirkliche Verdienste anzuerkennen. Hoffen wir, daß Dr. Feiwel ein neues fruchtbares Arbeitsgebiet und den Platz in der Bewegung findet, der ihm gebührt. « Der deutsche Zionismus hat einen weiten Weg hinter sich und der Delegicrteiitag ist eine stattliche Heerschau geworden. Dennoch müssen wir gestehen, daß wir erst am Anfang stehen. Die Organisierung des Volkes zu politischem Wollen ist eines der wichtigsten Ziele des Zionismus. Nur ein starkes, an sich selbst glaubendes und seine eigene Situation voll erfassendes Galuth-Judentum kann die psychologischen, politischen und materiellen Voraussetzungen für den Aufbau der jüdischen Heimstätte schaffen, und kann empfänglich sein für die neuen Werte und Kräfte, die ihm aus Palästina Zuströmen. Ein Judentum, das nicht an sich glaubt und sich aufzugeben wünscht, hat keine Veranlassung, tätig in sein Geschick einzugreifen, und der neue Lebenshauch, der aus dem Lande der Verjüngung herüberweht, müßte dem den Tod herbeisehnenden Patienten unwillkommen sein. Es wäre aber falsch, anzunehmen, daß eine deutliche Scheidung in diese beiden Schichten in der jüdischen Welt vorhanden ist. Die Bewußtwerdung des Judentums ist ein dynamischer Prozeß, und innerhalb der judenheit "gibt'es uiizfhlige Ueberfinge. Eine der interessantesteii* Erscheinungen der Entwicklung der fetzten zwanzig Jahre ist der überwältigende Einfluß, den der Zionismus und das zionistische Denken, die zionistische Problemstellung durch Aufrollung der Judenfrage, auf die Anschauungen seiner Gegner gehabt hat. Immer stärker hat sich der Trieb zu positivem Judentum und jüdischer Betätigung durchgesetzt, und selbst in Kreisen, die heute noch programmatisch die Assimilation verfechten, sehen wir, wenn auch oft nur sehr schwach, Tendenzen eindringen, die auf eine Stärkung des Judentums hinwirken. Dieser Prozeß geht langsam, aber es ist Aufgabe des Zionismus, ihn zu beschleunigen und zu seiner letzten logischen Konsequenz zu treiben. Die Wirklichkeit ist dabei unser stärkster Bundesgenosse. Die Tatsachen des Lebens sprechen heute so laut, daß selbst die Sirenenklänge des assimilatorischen Schlummerliedes sie nicht zu übertönen vermögen. Gerade in Deutschland manifestiert sich jedem Denkenden die Problematik des jüdischen Seins in ihrer ganzen Schärfe. Vor drei Jahren hatten wir eine richtige akute Pogrombewegung in Deutschland, heute sind mildere Formen an der Tagesordnung, aber die wahre Lage enthüllt sich darin nicht minder. Die Tatsache einer Wesensverschiedenheit von Juden und Nichtjuden kann heute nur von ganz Blinden oder aber von unaufrichtigen Opportunisten geleugnet werden. An immer neuen. Beispielen zeigt sich das völlige Unverständnis unserer nichtjüdischen Mitbürger für das jüdisehe Phänomen, und dieses Unverständnis wird noch gesteigert durch die zudringlichen, mit Mißtrauen aufgenommenen assimilatorischen Identitäts-Erklärungen. Die zionistische These, daß durch eine Normalisierung der Lage der Juden in der Welt in der Form eines für alle Welt sichtbar daliegenden zentralen jüdischen Gemeinwesens viel von der unheimlichen Gespensterfurcht beseitigt würde, die heute die bestimmende Macht in der Haltung gegenüber dein Judentum bildet, beginnt ihre Richtigkeit schon heute, wo kaum die ersten Anfänge dieser Situation vorhanden sind, zu erweisen. Ein Zustand voller Aufrichtigkeit zwischen Juden und Nichtjuden kann erst durch einen richtig verstandenen jüdisehen Nationalismus geschaffen werden, der seiner selbst bewußt, Distanz hält und' Respekt fordert. Es bedarf wohl keiner Betonung, welche Erleichterung dadurch auch für den ganzen Staat bewirkt würde. Der Fall H a a s, dessen Einzelheiten jetzt bekannt werden, ist ein gutes Beispiel dafür, in welcher bedrohlichen Weise die ganze Staatsmaschinerie durch die antisemitische Wahnidee geheimnisvoll wirkender Judenkräfte in Unordnung gebracht werden kann. Die Lösung der Judenfrage ist demnach auch ein eminentes Staatsinteresse, und es ist selbstverständlich, daß national empfindende Juden um so wertvollere Staatsbürger sein werden, je freier sie sich auch in seelischer Beziehung fühlen können. Man sollte meinen, daß es eilt leichtes sei, diese evidenten Wahr-

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