Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 60 (3.8.1926)
- Date
- 1926-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestr&ße 10. Eracheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Auslandsabotmetnenia werden in der Wibnmg der etnzelnea Linder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H.( Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis: 8 gespalt.Nonpareillezeile 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Anzeigenschluß! Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr, Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 392, Für Oesterreich i Postaparkasseaamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Tschechoslowakei: Postaparkasseaamt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparkassenaxnt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag- Nummer 60 | Berlin, 3. VIII. 1926 כ״ג אב׳ חרס״ו | xxxi. jahrg. per Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm." Uscher Ginzberg (Achad Haam) Zum 70. Geburtstag (25. Ab 5686) Dank und Glückwunsch Auf dem Boden Erez Israels wird Achad Haam siebzig Jahre. Er, der Führer der Jungen, der gegen das Bonzentum der ersten zionistischen Periode rebellierte; der gegen die Halbheiten der mit Scheinleistungen Zufriedenen die Forderung nach Ganzheit erhob, nach Ernstmachen; dessen Ruf wie eine Fanfare erscholl im Lager der sich selbst benebelnden Schläfer, wie ein Sturmwind erbrauste im morsch gewordenen Gehölz; er, der ,dem Satan, der Eigenliebe“, den Kampf ansagte und die Lehre verkündete, daß nur ein starkes nationales Gefühl, das auf dem Grunde der Herzen schlägt, daß nur ein zu einem ethischen Ideal gewachsener Nationalismus die unwiderstehliche Kraft haben kann, das Volk zu erwecken zur Befreiungstat; er, der Unerschrockene, Junge, Hellsichtige — er ist jetzt siebzig Jahre alt. Gilt es ein respektvolles Gedenken, ein Verneigen vor dem alten Herrn, der ״seine Verdienste hatte zu seiner Zeit“ usw.? Denn wir — wir haben es ja inzwischen herrlich weit gebracht —? Nicht dieser Art ist der Tribut, den wir Achad Haam zollen. Er ist nicht veraltet, sondern höchst aktuell. Seine Mahnungen und Einsichten gelten heute nicht minder als vor 40, vor 30, vor 20 Jahren. Auch reute noch ist er uns ein Helfer aus inneren Nöten, eine Leuchte im Dunkeln. Noch heute begegnet er uns an jeder Wegkreuzung, uns umzugießen wie Ibsens Knopfgießer; da steht er, wo die Wege sich scheiden, und spricht: Nicht dies ist der Weg! Er sagt aber der schwere; nicht mit äußerem Glanz, aber mit der Wacht der ganzen Seele; nicht der kurze — der lange Weg ist der rechte. Jener ist eine Luftspiegelung; dieser ist voll wegzuräumenden Schutts, voll Fallgruben und Hindernissen, die große Aufgabe, der nur der große Glaube gewachsen ist. Was ist uns Achad Haam? Uns, Westjuden, die — zum Teil dem Judentum sehr stark entfremdet — durch den politischen Zionismus zur Volksarbeit geführt worden sind. Die große Revolution in unserem Leben brachte der Mann, von dem Achad Haam sagte, seine Wirkung beruhe, gegen alle Gesetze von ״Natur und Verstand“, auf dem ״alten Messiasglauben“ an die individuelle Erlöserkraft eines Uebermenschen. Ohne Herzl und ohne politischen Zionismus wären wir nie Zionisten geworden. Die Bewegung hätte uns kaum erreicht, sie hätte das Volk In seinen Tiefen kaum erschüttert. Aber da der Zionismus als einziger Ausweg aus dem Judenelend kommen mußte, war Herzls Auftreten geschichtliche Notwendigkeit. In ihm ist der latente Volkswille Gestalt geworden. Achad Haam war der schärfste Kritiker des politischen Zionismus. Leidenschaftlich verurteilte er die ״oberflächliche“ Bewegung, die Unmögliches — Ueberführung des zerstreuten und herabgekommenen Volkes in ein armes und kleines Land, das ihm mit einem Schlage wieder zum Besitz gegeben werden sollte — anstrebte und das Volk irreführte. Seinem zergliedernden Verstände und unbestechlichen Blick konnte die politische Konzeption nicht standhalten. Erst viel später begriff er, daß hier Außerordentliches vor sich gegangen war. Aber seine Kritik war nicht zersetzend und negativ. Der politische Zionismus, der als kämpferische Bewegung, inmitten allseitiger Attacken, sehr empfindlich war, hat Achad Haam als einen ״Gegner“ angesehen und heftig zurückgestoßen. Seit jener Zeit war Achad Haam geradezu ein odioser Name, ״Achadhaamist“ war eine Beschimpfung; seine Lehre wurde lächerlich gemacht, indem man sie mißdeutete und entstellte, und bis heute sind die Schlagworte und Fehlurteile, die sich an seinen Namen knüpfen, nicht auszurotten. So mächtig ist in einer Bewegung die einmal ausgegebene Parole, die Hunderte nachsprechen, ohne sie zu prüfen, schon um sich innerlich von der Unbequemlichkeit eines Auseinandersetzung heischenden Gegenspielers zu befreien. Achad Haam selbst wendet sich an einer Stelle gegen die Etikette, die man der Alliance angehängt hat und zerpflückt mutig die populären Vorurteile; jeder hat schon erlebt, wie schnell man oft Menschen und Erscheinungen einreiht oder als Ketzer verdammt und wie schwer diese Urteile, deren Begründung die meisten gar nicht mehr kennen, später zu korrigieren sind. Der politische Zionismus ist über seine Irrtümer hinausgewachsen, unmerklich nahm er Elemente von Achad Haams Lehre in sich auf. Nach dem ersten Ungestüm folgte eine Periode der Erfahrungen, der Erkenntnis der Wirklichkeit. Und nun zeigte sich, daß der Gegner von einst Helfer und Freund wurde. Denn er, der kein Mann der ״Tat“ war, war ein Führer zur Erkenntnis in einem Augenblick, wr0 das Bewußtsein des Zionismus irre geworden war. Jetzt zeigte sich, daß seine Kritik nicht negativ, sondern produktiv war. Denn nicht aus Feindschaft hat er die Fehler der Palästina-Arbeit seit 1889, die Irrtümer des politischen Zionismus seit 1897 unermüdlich angeprangert. Aus innerster Anteilnahme, aus Liebe zum Volke, aus dem Glauben an die Kraft der Wahrheit hat er geredet. Es ist eine falsche Liebe, die Schlechtes schön färbt. Wer Zion wirklich liebt, der darf mit unbestechlichem Blick die Fehler und Unzulänglichkeiten der dortigen Versuche sehen, ohne darum die Sache zu verlassen. Es ist nicht wahr, daß die Liebe blind macht, hat die Rahel einmal geschrieben; sondern daß sie alle Mängel sieht und dennoch liebt, das gerade macht ihr Wesen aus. Achad Haam ist die repräsentative Figur jener Bewegung, die sich mit einem viel schöneren Wort als es das heutige ״Zionismus“ ist, Zio ns liebe nannte. Wie vielsagend ist dieses Wort: Ein Liebender kann nicht verzichten, das jüdische Volk kann von Zion nicht lassen. Aber das Volk ist schwach und entartet, es ist zermürbt und keiner starken Gefühle fähig. Darum besteht der erste Schritt, der entscheidende Schritt, das Um und Auf der neuen Zeit, darin, diese Liebe in den Herzen zu wecken, die Herzen wieder zu beleben, auf daß sie fühlend werden und wieder eingedenk ihrer großen Liebe, die allein die Erfüllung ihres Ich bringen kann. Nur wer in diesem Gefühl an den Aufbau des neuen Lebens herangeht, ist gegen Enttäuschungen gewappnet. Die Uebereifrigen und Betriebsamen, die ohne diese große geistige Macht auskommen zu können wähnten, und lieber die Linie des geringeren Widerstandes gingen, indem sie an die ״Eigenliebe“, die Hoffnung auf materiellen Gewinn, appellierten, sie sind in eine Sackgasse geraten; sie müssen sich besinnen, um zu verstehen, daß ״nicht dies der Weg“ ist. Dann brauchen sie nicht zu verzweifeln. Erez Israel kann die Sammlung der Zerstreuten im buchstäblichem Sinne nicht bewerkstelligen, die Galuth ist das Schicksal unseres Volkes. Aber in einem geistigen Sinne wird Erez Israel die Zerstreuten um sich sammeln. Das Zentrum jüdischen Lebens, das dort entsteht, wird auf alle Teile des Judenvolkes seine Kraft ausstrahlen; es wird immer mehr Juden an sich ziehen; es wird jenes Nationalgefühl erzeugen, das heute noch nicht vorhanden, aber die Voraussetzung großer Taten ist. So wird allmählich das nationale Heim erwachsen. Aber um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es der äußersten Anstrengungen; es bedarf vor allen eines starken Gemeinsinnes und der Erkenntnis, daß das Judentum, der jüdische Geist, in Gefahr ist, unterzugehen. Nicht den Einzelnen kann Zion retten, nur das Volk als Ganzes. Die Triebfeder des Zionismus kann daher nicht das Privatinteresse des Einzelnen sein, sondern nur das Gesamtinteresse des Judentums. Der Vertreter des ״geistigen Zionismus“, wie man Achad Haam nannte, ist aber nicht etwa ein weltfremder Büchermensch. Er ist ein Mann von eminent praktischem Blick. Gerade die wirtschaftliche Seite des Palästina- Werkes hat er durchschaut. Schon vor 35 Jahren zeigte er die Gefahren der Bodenspekulation, der Subventionswirtschaft, der Unrentabilität. Klar sprach er aus, daß von der Erreichung einer produktiven, ihre Menschen ernährenden Wirtschaft die Existenz der Siedlung abhängt. Diese fünf Jahre vor Erscheinen von Herzls ״Judenstaat“ geschriebenen Aufsätze ״Wahrheit aus Palästina“ dünken uns an manchen Stellen wie Berichte vom gestrigen Tage. Eine geradezu verblüffende Parallelität zwischen jener Krise und der heutigen springt in die Augen. Und wir verstehen besser, warum diese Krise auch heute kommen mußte. Sie ist vor allem eine Krise des zionistischen Bewußtseins. Im Taumel der Ereignisse, fortgerissen von übertriebenen Wunschvorstellungen, gedrängt von dem Ansturm einer aus den Fugen geratenen Zeit, hat der Zionismus eine Zeitlang den klaren Blick für die Wirklichkeit verloren. Viele, die die Hoffnung günstiger Konjunktur und nicht der Entschluß, durch eigene Arbeit zum Aufbau des nationalen Zentrums beizutragen, nach Palästina geführt hat, sind enttäuscht. Der Zionismus hatte vergessen, daß überstürzte Entwicklung zu Rückschlagen führen muß. Achad Haam, der schon 1920 den übertriebenen Auslegungen der Balfour-Deklaration entgegengetreten ist und gezeigt hat, was ist — und dies ist wahrlich noch genug —, kann uns heute wieder ein Helfer sein, zum Wesen des Zionismus zurückzufinden. Das heißt nicht etwa, daß wir unsere Tätigkeit einschränken sollen; aber «faß wir wissen sollen, ein Mißerfolg einer bestimmten unter falschen Voraussetzungen -arbeitenden ^Etewmndererwdle' ist nichLtin-MItefolg'des Zionismus. Der Zionismus ist der unerschütterliche Wille zur Wiederaufrichtung Zions, zur Wiedergeburt des Judentums. Er geht seinen Weg unbeirrt weiter, er ruht und rastet nicht, er wendet sich an das Gewissen jedes Juden um des Judentums willen. Er kann nicht mit einem Schlage sich verwirklichen, er ist ein schwerer, langsamer, Geduld und Glauben heischender Weg. Achad Haam ist der Lehrer einer ganzen Generation von Zionisten geworden. Zunächst in Rußland; die heutigen Führer der Bewegung, die Erbauer des jüdischen Palästina, sind fast durchweg seine Schüler. Aber auch in Westeuropa hat er gewirkt. Im letzten Jahrfünft vor dem Kriege hat seine Lehre in Deutschland auf die jüngere Generation starken Einfluß genommen. Den fast völlig Entjudeten erschloß sich eine neue Welt. Ke Gedanken der nationalen Erziehung, der Kulturarbeit usw. sind von da her in den mitteleuropäischen Zionismus eingedrungen, nachdem sie schon zu Herzls Zeiten — z. B. in der ״Fraktion“ — in kleinerem Kreise anerkannt waren. Er hat unseren, der heutigen Generation, Zionismus entscheidend mitgeformt. Wir haben sein Wort auch dort zu respektieren, wo wir ihm nicht folgen können. Seine Art zu denken, geschult an der positivistischen Evolutions-Philosophie des vergangenen Jahrhunderts, ist uns Heutigen oft fremd; und seine Abgrenzung des Judentums, gegen die sich Berdiczewsky und Brenner ebenso wie später S. J. Hurwitz wandten, ist auch vielen von uns zu eng uni anfechtbar. Wir sehen sein Werk mit kritischen Augen; aber wir wissen zu schätzen, was er uns gegeben hat. Und wir glauben, daß er auch der neuen Generation, die nach uns kommt, und die ihn viel zu wenig kennt, etwas zu sagen hat. Sein Werk ist eines der besten Erziehungsbücher zum Zionismus, das wir besitzen. Die Jugend soll danach greifen, und daraus den Glauben an das Volk und an Zion schöpfen. * Die ״Jüdische Rundschau“ ist das Organ des deutschen Zionismus. Darum ist es Pflicht, zu vermerken, daß nicht alle deutschen Zionisten zu Achad' Haams Lehre sich bekennen, nicht alle seine Tat so einschätzen, wie es hier geschehen ist. Es sei uns zugute gehalten, wenn wir an diesem Festtag für den Teil sprechen, der in Achad Haam den Lehrer und den Führer aus dem Labyrinth unseres nationalen Seins verehrt. In einem Punkt aber glauben wir die Gefühle aller zu vermitteln: Wenn wir dem Manne, dessen ganzes Sinnen und Trachten der Wiedererweckung seines Volkes galt, Dank und Glückwunsch überbringen. Möge er noch ein großes Stück Weges mitgehen bei der Verwirklichung der Idee, für die er gelebt hat, und mögen seine Augen schauen, wie Stein auf Stein sich fügt zu dem Bau, der einst die jüdische Heimstätte sein wird. Robert Weltsch.