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Jüdische Rundschau · 1926-07-30 · Heft 58-59 (30.7.1926) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 58-59 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 428 JUEDISCHE RUNDSCHAU «־ Nr. 58/59 Die Rettung aus der Krise Von Dr. Wolfgang von Weisl, Jerusalem. Der nachfolgende Aufsatz geht uns von einem der führenden Revisionisten Palästinas und Mitglied des Waad Leumi zu mit dem Appell, ob wir den ,,Mut“ haben, diese ketzerischen Ansichten zu veröffentlichen. Wir haben den Mut; das heißt aber nicht, daß wir uns mit den Ausführungen identifizieren. Wir halten die heutige Situation für so ernst, daß wir jeden, der einen Ausweg zu zeigen verspricht, hören müssen. Nach unserer Meinung sind viele Bemerkungen des kritischen Teiles des Aufsatzes richtig, wenn sie auch nicht als revisionistisches Oeistesgut betrachtet werden können, sondern eher aus der von Jabotinsky seinerzeit am schärfsten bekämpften Ideologie der Brandeis- Simon-Gruppe stammen. Was jedoch die Schlußfolge־ rungen betrifft, so ist bisher auf normalem ״geschäftliehen“ Wege Kapital für Palästina nicht zu haben gewesen, weil die geschäftliche Rentabilität nicht feststeht und das Kapital lohnendere Betätigung findet. Es scheint uns daher, daß auch dieser Aufsatz trotz seines Titels keinen Ausweg aus der Krise zeigt. Red. ״J. R.“ Der Waad Haleumi hat der ernsten Krise, in der sich Arbeiterschaft und Arbeitgeber Palästinas, Handwerker und Künstler, Aerzte und Industrielle befinden, Rechnung getragen: ein ״Trust“, ein Fonds wird geschaffen, der mit den Geldern des Jischuw den Kreditbedürfnissen des Jischuw Rechnung tragen soll: Munizipalitäten, öffentliche und private Persönlichkeiten sollen Kredite erhalten, um die Lage zu erleichtern. Mit tiefer Befriedigung kann dieser Beschluß von allen denen begrüßt werden, die mit mir der Meinung sind, daß die Ursache der Krise nicht im Versagen des Keren Hajessod und nicht im Versagen des für den Keren Hajessod spendenden Volkes, sondern einzig und allein im Versagen unserer Kreditinstitute zu suchen ist. Es ist ein erfreulicher Fortschritt des jüdischen Jischuw, daß er in dieser Stunde der Krise, der schwersten Krise, die Palästina seit 1920 durchgemacht hat, nicht wie bisher ,,erhöhte Spenden“ fordert, sondern Aktien eines Kredit- Institutes zur Zeichnung aufiegt und Verzinsung verspricht. Es ist dies ein Fortschritt — aber leider bleibt der Waad Haleumi auf halbem Wege stehen, indem er diesem neuen Trust eine Form gibt, an der nichts außer dem Namen kaufmännisch ist. Die unheilvollen Fehler, die von der Zionistishen Organisation bei Gründung des Jewish Colonial Trust und später aller Tochterinstitute begangen wurden, wiederholt der Waad Leumi noch einmal, indem er die Aktien in Gründeraktien — 50 für je ein Pfund — und Wähleraktien, sowie gewöhnliche Aktien, zusammen 49,950 Pfund repräsentierend — einteilt und den 50 Pfund des Waad Leumi genau 50 % der Stimmen in der General- Versammlung zubilligt. Das heißt mit anderen Worten: die einen, die Aktienkäufer, geben das Geld und die anderen — die Majorität des Waad Leumi — geben das Geld aus. Die 49 950 Pfund der Aktionäre geben ihnen nicht die Möglichkeit, auf die Geschäftsführung irgendeinen nennenswerten Einfluß zu nehmen (um so mehr, da dieses Kapital ja auf Einzelaktien zersplittert sein wird). Der Aktionär wird zum Beispiel nicht sagen können: ich will nicht, daß man einen Kredit an die Stadt Tel-Awiw zwecks Straßenreparatur mit 35 Piastern Tajpelohn gibt, weil die1 Stadt Tel-Awiw mir nicht pehr kreditwürdig vorkommt, wohl aber will ich, daß P׳etach Tikwah einen Kredit bekommt. Ich will nicht, daß man Baukredite in Tel-Awiw gibt, weil die Kredite nicht kaufmännisch gut sind, ich will aber, daß man den an Arabern verschuldeten Kolonisten von N. N. einen Kredit für Rechnung der neuen Ernte gibt, um sie aus den Fängen der Wucherer zu retten. Mit anderen Worten: der Jischuw sieht eine neue Kreditgesellschaft entstehen, die ihm Dividenden verspricht und er fragt sich: wenn der Jewish Colonial Trust mit 400 000 Pfund, dessen Verwaltungsrat in den Händen des Aktions-Comites ist, keine Dividende zahlt, weil er eben schlecht geführt ist, und wenn dessen Tochteranstalt, die Anglo-Palestine-Company, mit 300 000 Pfund Kapital, keine Dividende zahlt, und wenn die P. L. D. C. — die Hachsharat Hayischuw — mit zirka 75 000 Pfund Kapital, wobei wiederum die berühmten Gründeraktien in der Hand des Jüdischen Nationalfonds und des Keren Hajessod sind (allerdings ohne daß diese deswegen einen effektiven Einfluß auf die Bank- Gesellschaft nehmen könnten), kaum zweimal seit Kriegsende Dividende gezahlt hat, warum soll dann ein Trust von viel, viel weniger Kapital, unter dem direkten sachkundigen Einfluß jener Parteien stehend, die im Solelboneh und im Hainaschbir weiß Gott nicht Beweise großer kaufmännischer Tüchtigkeit abgelegt haben, besser gehen? Warum soll dieser Trust ausgerechnet Dividende bezahlen und gute Geschäfte machen und sichere Kredite geben? Wir glauben, daß der Jischuw den Appell des Waad Haleumi, jeder Jude sei verpflichtet, wenigstens eine Aktie zu diesem Fonds zu zeichnen, nicht sehr begeistert ״ufnehmen wird. Es klingt das verdammt nach den anfängliehen Versprechungen des Keren Hajessod, gegen die — und wir erkennen jetzt, mit wie großer Berechtigung — seinerzeit Br and eis sich empört hatte, weil es trügerische Versprechungen waren. Ihr erinnert euch doch noch daran, ihr Herren von der Majorität des Waad Haleumi, wie es damals geheißen hat: Investionen und Geschenke wird der Keren Hajessod in Palästina machen, von dem Ertrag der Investments werde man möglicherweise den Zeichnern des Keren Hajessod Dividende zahlen . . . Deshalb, wegen dieses lächerlichen Versprechens, deshalb, weil man glaubte, das werde Spender reizen, mehr zu geben, als wenn der Keren Hajessod nur Donations entgegennähme, kam es zum tieftraurigen Bruch mit Brandeis. Wir sehen, wie stattlich die Dividenden sind, die der Keren Hajessod auszahlt. Und was macht heute, sechs Jahre später, der Waad Leumi? Er sammelt Geld, verspricht Dividende und weiß doch ganz, genau, daß man als anständiger Kaufmann das nur dann versprechen könnte, wenn man vorher weiß, wem und zu welchem Zwecke man das Geld zur Verfügung stellen wird. Das aber weiß der Waad Leumi nicht und deshalb ist das, was er macht, nichts anderes als eine Irreführung der öffentlichen Meinung, die nur deshalb nicht strafbar ist, weil sie so ungeschickt ist, daß niemand darauf hereinfallen kann. Eine Bank, bei der die Aktionäre nur die Hälfte der Stimmen in der Generalversammlung haben, Ist eben keine Bank, sondern ein Zedoke-Institut. Nun aber taucht vor uns die Frage auf: ״ Warum entschließt man sich noch immer nicht dazu, vernünftige Banken zu gründen, deren Zweck statutarisch festgelcf't ist und in dereni Verwaltungsrat die Mehrheit der Aktien entscheidet, wie es in der ganzen Welt der Fall ist? Es dürfte doch allmählich jedem Juden klar geworden sein, daß nicht die Tatsache, daß unser״ zionistischen Bankaktien an keiner Börse kotiert und daher auch nicht zu einem Marktwert verkauft werden können, das wahre Hindernis für die Entwicklung unserer Banken ist, sondern jene, von H e r 11 geforderte Verfügung, daß der Verwaltungsrat vom Zionistenkongreß gewählt werden müsse. Mit der Tatsache, daß Aktien unverkäuflich seien, kann sich ein Geschäftsmann, der großzügig ist, nämlich ziemlieh leicht abfinden. Es gibt eine Menge Banken, deren Großaktionäre sich verpflichten müssen, ihre Aktien für kürzere oder längere Zeit zu ״sperren“ und man kann eben sagen, daß aus politischen Gründen die zionistischen Banken, um zu verhindern, daß ihre Aktien in die Hände von Gegnern kommen, den Verkauf generell ״gesperrt“ haben, d. h. die Aktien nicht kotieren ließen. Aber — welches Interesse hat denn ein Bankmann oder ein Kaufmann, Aktien zu zeichnen, die er a) nicht verkaufen kann, b) nicht als Kapitalsanlage betrachten kann, da sie seit Jahren keine Zinsen tragen und nicht einmal große Reserven angehäuft haben und auf die er c) administrativ keinen Einfluß nehmen kann, ob er nun ein Pfund oder 100 000 Pfnnd zeichnet? Daran scheiterten unsere Banken: alle großen Kaufleute sagten, mußten sagen: wenn wir uns beteiligen, dann wollen wir es im großen tun und wollen auch Einfluß auf die Gestion der Bank gewinnen. Nicht um den Gewinn der Tantiemen geht es, aber darum, daß wir — arbeiten wollen, daß wir versuchen wollen, die Bank groß zu machen und sie nicht in der Hand unfähiger Bürokraten lassen wollen, die seit 25 Jahren nichts, aber rein gar nichts geschaffen haben. Und darauf antwortet unsere Organisation, unsere Bank, unser Trust hochmütig: Bitte, wenn es euch nicht paßt, zu unseren Bedingungen das Geld zu geben, dann laßt es eben bleiben. Und — der Jewish Colonial Trust hat es verstanden, seine einzigartig günstige Lage als internationale Bank mit Freunden in der ganzen Welt bis heute unausgenützt zu lassen, denn — und dies ist der Kernpunkt unserer Krise — lieber verzichtet die zionistische Exekutive auf Geld, als daß sie dem Geber irgendeinen Einfluß einräumen würde. Und dies hat aufs schlagendste erneuert bewiesen — der ״Trust“ des Waad Leumi, dieser neueste Versuch, zu schnorren, ohne Verantwortung dem, der das Geld gibt, einzuräumen. So kann man die Krise nicht überwinden, so kann man Palästina nicht aufbaucn. Die Berliner Wahlproteste Wir haben in unserer vorigen Nummer die liberale Erkiärung an die ״ita“ gegen die Beschlüsse der Repräsentanten- Versammlung vom 15. d. M. zum Abdruck gebracht, damit unsere Leser die Anwürfe der Liberalen in deren eigener Dar- Stellung kennenlernen. L>1e ״Jüdisch-liberale Zeitung“ hatte nämlich seit dem 16. Mai ununterbrochen, allerdings nicht in präzisen Angaben, von haarsträubenden Mißbräuchen und Unregelmäßigkeiten geschrieben, und naive Gemüter konnten leicht zur Ueberzeugung gelangen, daß nur glatter Wahl- Schwindel und großangelegter Volksbetrug den Mißerfolg der Liberalen verursacht hätten. In der nachstehend abgedruckten Erklärung des Herrn K a r e s k i, gegen den sich die Hauptvorwürfe der Liberalen richten, wird die liberale Erklärung in der ״Ita“ auf ihre wahre Bedeutung reduziert. Die letzte Numger der ,,Jft#sd1־liberaten Zeitung“ widmet der ReprJsentantenverstomlung vSm 15. d, M. und den eingebrachten Wahlprotesten fast eine ganze Seite und gefällt sich in Redewendungen, die ein deutlicher Beweis von der sinnlosen Wut der Liberalen über den drohenden Verlust ihrer Alleinherrschaft sind. Die liberale Mehrheit hat es nicht verstanden in Schönheit zu leben, nun kann sie auch nicht in Schönheit sterben. Die Zuschrift des Herrn Kareski lautet: ״Die in der I. T. A. veröffentlichte Erklärung der Liberalen (siehe Nr. 57 ds. BI.) bedarf eiliger Richtigstellungen: Die Behauptung, daß der Gemeindevorstand Erklärungen gegen die Rechtmäßigkeit der letzten Reprüsentantenversammhing abgegeben hat, ist unzutreffend. Zunächst ist fraglich, ob er zu einer derartigen Erklärung überhaupt berechtigt war. Herr Justizrat Makower war jedenfalls weder beauftragt noch befugt, eine derartige Erklärung abrugeben, und hat lediglieh für sich privatim gestochen. Charakteristisch für die liberale Mentalität ist jedenfalls, daß es den Liberalen unbedenklich erscheint, wenn Repräsentanten, die ihr Amt ausdriiekiieh niedergelegt haben, noch monatelang später über Ausgaben der Gemeinde beschließen, daß sie aber der Repräsentantenversammlung das Recht zu einer politischen Kundgebung bestreiten, wenn zwei Repräsentanten die Einladungen zur Sitzung um einige Stunden verspätet erhalten haben. Daß meine Betätigung im Wahlkampf den Liberalen nicht sympathisch war, ist mir bekannt, konnte mich aber neturgemäß nicht veranlassen, auf eine Darlegung meines Standpunktes während des Wahlkampfes zu verzichten. Da ich aut eine liberale Interpellation vor der Wahl ausdrücklich erklärt habe, daß ich mir durch den Auftrag, die Wahl durchzuführen, den Mund nicht verbinden lassen würde, stößt also die liberale Erklärung in dieser Beziehung offene Türen ein. Die Berichtigung zu dem Wahlvorschlag der Jüdischen Volkspartet ist vor Schluß der Annahmefrist eingegangen. Für die Rechtzeitigkeit ist es unerheblich, ob die Erklärung beim Büro der Gemeinde oder bei mir einging. Für die Aufstellung der Wählerliste und ihre Prüfung trägt der Wahlkommissar überhaupt keinerlei Verantwortung, da er mit dieser Angelegenheit nichts zu tun hat. Die Listen sind nach den Satzungsbestimmungen durch die Repräsentantenversammlung genehmigt worden. Ein in den Satzungen vorgesehenes Einspruchsverfahren ist seitens der Liberalen nicht angewendet worden, so daß nachträgliche Einwendungen völlig unwirksam sind. Wenn in dem Artikel des liberalen Blattes über die letzte Repräsentantenversammlung (ein ״Bericht“ wird vorsichtigerweise den Lesern unterschlagen) behauptet wird, ich hätte wahrheitswidrig den Liberalen vorgeworfen, daß sie sich durch die Eintragung in die Wahlliste erst beschwert gefühlt hätten, als ihnen das Wahlresultat bekanntgeworden war, so verbietet mir die Meinung, die ich von dem Verfasser dieses Artikels habe, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Ich beschränke mich diesbezüglich lediglich aut die Feststellung, daß für alle, deren geistiges Fassungsvermögen und deren guter Wille ausreichte, um meiner Rede zu folgen, es außer Zweifel stand, daß meine Bemerkung sich gegen die liberalen Mitglieder des Gemeindevorstandes und gegen die liberale Fraktion •der Repräsentantenversammlung richtete, und daß die wahrheitswidrigen Behauptungen bestimmt nicht aut meiner Seite liegen. Fest steht jedenfalls, daß noch niemals bei jüdischen Wahlen in Berlin eine so vollkommene Wählerliste wie diesmal bestanden hat, und wenn es trotz des Aufwandes von 50 000 M. für diesen Zweck nicht gelang, alle Fehler zu vermeiden, so deckt sich das leider mit dem Schicksal aller Wählerlisten. Es ist richtig, daß bei der amtlichen Ermittlung der Wahlergebnisse di: amt'.'clieu Prololcolic für drei Bezirke fehlten. Es wurden aber nicht, wie die Liberalen behaupten, Ziffern, die von Mitgliedern der Jüdischen Volkspartei genannt wurden, dem amtlichen Resultat zugrunde gelegt, sondern die telephonischen Meldungen, die die amtlichen Bezirkswahlleiter am Wahlabend dem amtliehen Hauptwahlbüro übermittelt hatten. Im übrigen haben sich zwei dieser Protokolle nachträglich aufgetunden, so daß die absolute Richtigkeit der telephonischen Meldungen festgestellt werden konnte. Es ist richtig, daß in einem Bezirk am Wahltag Personen, die nicht ln der Wählerliste standen, in diese nachgetragen wurden. Es handelt sich jedoch hierbei um einen Vorgang aut liberaler Seite und ein von dem volksparteilichen Vertrauensmann dieses Bezirks vorbereiteter Wahlprotest ist lediglich auf meine Intervention hin unterblieben. Jedenfalls sind alle bei dieser Wahl vorgekommenen Unregelmäßigkeiten, selbst wenn sie in vollem Umfange bewiesen werden könnten, geradezu Bagateilen, gemessen an dem Protestmaterial bei der Landesverbandswahf Im Vorjahr. Hier sind nachweislich in einer Reihe von Lokalen Hunderte von Wählern zur Aus- Übung ihres Wahlrechts nicht in der Lage gewesen, obwohl sie stundenlang vor dem Wahllokal auf der Straße gewartet hatten. Es sind nachweislich an 12 000 Wahlberechtigte keine Wahlkarten verschickt worden; es sind nachweislich in manchen Bezirken mehr Stimmen abgegeben worden, als Wähler ihr Wahlrecht ausgeübt haben; in einem Bezirk z. B. 90 Stimmen mehr. Entscheidende Instanz bei dieser Wahl war der Berliner Gemeindevorstand, der auf Grund eines schriftlich formulierten Antrags des Referenten, Justizrat Makower, zu der Ent- Scheidung kam, daß die Gültigkeit der Wahl an* erkannt wird ״trotz der Triftigkeit der Proteste und der außerordentlich schweren Be* denken gegen die Anerkennung der Wahlen mit Rücksicht auf die Kompliziertheit der Beweiserhebung, mit Rücksicht darauf, daß die schwersten Verstöße nicht auf das Konto Außenstehender, sondern auf die mangelhafte Wahlvorbereitung und die Druchfiihrung der Wahlen durch die Wahlvorsteher zu buchen sind, daß ferner eine Wiederholung der Wah. len auf Abneigung weitester Kreise stoßen, infolgedessen dazu führen würde, daß eine weitgehende Wahlenthaltung eintreten würde, endlich mit Rücksicht darauf, daß die Rückwirkung erneuter Wahlen auf die nichtjüdische Bevölkerung nicht unbedenklich erscheinen müsse“. Das haben dieselben liberalen Gemeindevorsteher im Vorjahr entschieden, die jetzt wegen zum Teil lächerlicher Formalitäten, die entweder bedeutungslos sind oder aber, wie beispielsweise die ungenaue Veröffentlichung der Listen der Jüdischen Volks- Partei und der Konservativen Partei, höchstens diese beiden Parteien benachteiligt haben können, die Wahlen kassieren wollen. Wenn die Liberalen schreiben, daß sie im Interesse jüdischer Würde ihre Protestgründe bisher in der Oeftentiichkeit nicht mitgeteilt haben, so ist dazu zu sagen, daß sie das bisher auch nicht getan haben, denn ihre Erklärung enthält die nach ihrer Meinung ausschlaggebenden Formalverstöße überhaupt nicht. Die ganze Erklärung ist vielmehr dazu bestimmt, den Eindruck zu erwecken als ob die Proteste sich in der Hauptsache gegen den Wahlkommissar richten. Nun stehe ich auf dem Standpunkt, alles verstehen, heißt alles verzeihen. Ich nehme den Liberalen daher dieses Ablenkungsmanöver nicht übel. Daß Parteien geschlagen werden, kommt bei allen Wahlen vor. Eine Partei, die ihrer werbekraft vertraut, zieht aus einer Wahlniederlage die Folgerung, daß es an der richtigen Politik oder an der genügenden Arbeit gefehlt hat, und versucht, bei kommenden Wahlen die Wähler zu einer Revision ihres Urteiis zu veranlassen. Soweit reicht offenbar weder die liberale Selbstkritik, noch das Vertrauen zu der Kraft ihrer Argumente, und deswegen braudien sie einen Sftndenbodc. Ich bin bereit, aneb wäterfti» diese Ralle zu spielen, und zwar in um so größerem Umfange, je stärker die Abwanderung der Wähler aus dem liberalen Lager sich vollzieht. Ein Wort noch über die jüdische Würde, die angeblich es bisher nicht erlaubt hat, die Gründe des Wahlprotestes der Oeftentiichkeit mitzuteilen. Ein etwas merkwürdiger Standpunkt; die jüdische Würde verbietet es, über diese Dinge die jüdische Oeffenflichkeit zu informieren, sie gestattet es aber, bei den nichtjüdischen Behörden mit diesen Protestgründen gegen die Entscheidung der Wähler anzukämpfen, und sie verbietet nicht einmal, diese Dinge im deutschnationaleu ״Berliner Lokalanzeiger“ zu erörtern. Weich wundervolles Feingefühl!“ Kareski. Der Zionismus ii Oesterreich Wiedereintritt der Freien Zionistischen Vereinigung in die österreichische zionistische Landesorganisation. Wir erhalten folgendes Kommunique: Der zwischen der österreichischen Landesorganisation und der Freien Zionistischen Vereinigung bestandene organisatorische Konflikt wurde im Sinne des Ijar-Aufrufes der Zioristischen Weltexekutive im gegenseitigen Einvernehmen giltlieh beigelegt. Die Freie Zionistische Vereinigung wird im Rahmen der zionistischen Landesorganisation ihre zionistische Tätigket im vollen Umfange aufnehmen und innerhalb derselben für ihre Anschauungen wirken. Das zionistische Landeskomitee für Oesterreich hat diesen Entschluß mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Ein blödes Machwerk Seit einiger Zeit wird in Berlin ein Film unter dem sensationellen Titel .,O i e Stadt ohne Juden“ nach einem Roman von Hugo Bettauer gezeigt. Ich habe den Film nicht gesehen und werde ihn auch nicht sehen, aber nach allen Berichten scheint dies ein so erbärmliches Machwerk zu sein, daß unsere Leser davor gewarnt werden m ii s s e n. Die Veranstalter spekulieren offenbar auf eine möglichst rege Beteiligung des jüdischen Publikums, weil doch durch den Film, ebenso wie' durch den ihm zugrunde liegenden Schundroman, gezeigt werden soll, daß eine Stadt ohne Juden nicht existieren kann, daß also, wenn die Juden auswanderten, sie von den zurückbleibenden Nichtjuden zurückgerufen würden, weil sonst alles verödete. Diese plumpe Demonstration einer alten assimilatorischen These von der Unentbehrlichkeit der Juden wird mit einem solchen Aufgebot von Geschmacklosigkeit und Blödsinn bewirkt, daß es ein gutes Zeichen für das Berliner Publikum ist, daß es dieses Machwerk ausgepfiffen hat. Wenn Verfasser, Veranstalter und Mitschuldige dieses Films Juden sind, dann werde׳! sie zweifellos zur Förderung des Antisemitismus erheb'L'h beitrage׳. Es muß dagegen protestiert werden, daß man auf diese Weise durch Karikierung ernster Dinge Geschäfte zu machen versucht. Es gelingt hoffentlich nicht. — O - ״Genf und London“. Am Donnerstag, den 5. August, spricht Chajim Arioso roff nach seiner Rückkehr von der A.-C.-Sitzung, in Berlin über ״Genf und London“. Beginn 8*4 Uhr abends, im Sitzungssaal der Z. V. f. D., Meinekestr. iv. Hapoel Hazair.

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