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Jüdische Rundschau · 1926-07-02 · Heft 51 (2.7.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 51 (2.7.1926)
Date
1926-07-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Geldmark. Auilendubonaemerts werden in der Wikrung der einzelnes Lieder berechnet. Anzeigen - Verwaltung Jfiditche Rundschau G.m.b.H., BcrlinWlS, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, Nummer 51 | Berlin, 2. Vll. 1926 Attzeigeapreiss 8 gecpaitNoapareilleeef Je 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,/צ O. -M. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Ufer. Einzelnummer 0,35 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392, F8r Oetterreich: Po«t1p»rk*nen*mt Wien, Konto Nr. 1560J0. Fflr Tscheehotiawakei: PotUperkisrerunit Pr»j>, Konto Nr. 59 410. Für Pole«: Postsparkaseenamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ, תמוז- חרפ״ו | xxxi. Jahrg. Dar Zionismus •rslrobt für das Jüdlscha Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.»« Herzl und die Siaaisidee Von Dr. Moritz Bileski*)■ ln der Motivierung des Herzl'schen Zionismus steht neben dem Verlangen nach Ueberwindung des Antisemitismus und neben den! Wunsch nach jüdischer Leistung ein Begriff, der wie eine elementare Leidenschaft in ihm wirkt. Das ist die Idee des Staates. Neben dieser Triebkraft sind die anderen Motive untergeordnete und bescheidene Bundesgenossen. Das Bild staatlichen Lebens, die Möglichkeit, in ihm schöpferisch zu wirken, reizt ihn, nicht als abgeleiteter Zweck für die Bedürfnisse jüdischen Lebens, deren Befriedigung das bestimmte Motiv wäre, sondern an sich, wegen der ihm anhaftenden Farbigekit und Kraft. Alle einzelnen Funktionen des staatlichen Organismus interessieren ihn aufs höchste. Er schwelgt in bunten Einzelheiten, und der Rausch, in den ihn der Staatsgedanke versetzt, bringt ihn zu erstaunlichen Absonderlichkeiten. Er sieht die uniformierte Armee, die uniformierten Beamten, er macht den Wunderrabbi zum Bischof einer Provinz, es gibt bei ihm Studentenverbindungen, Ehren- Zeichen, einen Adel, ein Herrenhaus, einen Fürsten als Spitze der von Anfang an durchorganisierten Staatliehen Verwaltung, ein staatliches Versicherungssystem und BöFsenwesen. Der Mechanismus des Judenstaates wird in immer neuen Einfällen bis in die kleinsten Einzelheiten geregelt. Die Besessenheit Herzls von der Staatsidee ist konzentriert in dem Ausruf: ״Ich sehe alles vom Staat aus an, für uns wie für die anderen! Der Staat muß sein!“ In der Staatsleidenschaft Herzls fließen entscheiden de Vorzüge und entscheidende Nachteile seiner po '•tischen Konzeption i ist nicht mehr Wert beizumessen als etwa seinem Alt- Neuland-Roman. Es sind meist Phantasien, reine Papierpläne, die auf beliebige Verhältnisse anwendbar — oder unanwendbar — sind und auch nicht den Versuch machen, reale Grundlagen — das Land, das Volk — in Erwägung zu ziehen. Und gewiß fehlt ihnen, wie Achad Haam schon gegenüber Alt-Neuland mit berechtigter Schärfe hervorgehoben hat, jede Rücksicht auf die durch die jüdische Geschichte und jüdischen Eigenschaften gesetzten Bedingungen. Aber diese Staatsleidenschaft, die ihn so blind macht gegenüber allem, was da und was möglich und wesentlich ist, ist doch auch eine erstaunlich positive Kraft. Durch sie werden seine stärksten persönlichen Eigenschaften dem Dienst des jüdischen Volkes nutzbar gemacht, und mit außerordeutlicher Wirkung. Er ist seiner Anlage nach ein Staatsmann, ein Meister auf dem Gebiete diplomatischer Leistling. Mit Recht fühlt er seine diplomatische Ueberlegenheit, wenn er in Konstantinopel auf das Gehudel unter ihm, auf die Allerwelts- und Zufallsdiplomaten herabblickt, die in ihm, dem Unbekannten, nicht aus der Karriere Hervorgegangenen einen minderwertigen Eindringling sehen. Er hat die Gabe, seinen Plan so kraftvoll und überlegen darzustellen, daß er die Aufmerksamkeit der ihm erreichbaren Machthaber erzwingt. Er findet ohne Erschöpfung immer wieder neue Anknüpfungspunkte und neue Wege, jede einmal gewonnene Beziehung ist zugleich eine Stufe zu einer neuen, aber auch alte, vergeblich bestürmte Position gibt er so leicht nicht auf. Mit unermüdlicher Hartnäckigkeit macht er seine Versuche immer wieder, er paßt sich den HincLernissen, die ihm entgegentreten, an, ohne von den großen Linien seines Planes abzuweichen. Dieser an Einfällen überreichen Unermüdlichkeit gelingt es wirklich, aus dem Nichts Möglichkeiten, wenn auch zunächst sehr entfernter Art zu schaffen. Und nachdem ihm dies ge- Iungen ist, zeigt sich seine Meisterschaft in der Art, wie er mit diesen Möglichkeiten spielt, die einen benutzt, uni eine neue zu schaffen, so daß das erst ganz dünne Netz sich immer mehr verstärkt und verdichtet, bis es ihm gelingt, ernsthafte Angebote zu erlangen — denen freilich immer noch irgendeine wesentliche Bedingung zum vollen Erfolg fehlt. Er wird mitten im Werk, in dem keineswegs beendeten, aber immer vorwärts getriebenen Versuch, die Unvollkommenheiten zu überwinden, vom Tode abberufen. Die außerordentliche Wirkung der Staatsleidenschaft Herzls wäre nicht zu verstehen, wenn sie nur zu bedeuten hätte, daß durch sie die Energien seiner überragenden staatsmännischen Qualitäten in den Dienst der nationaljüdischen Sache gestellt wurden. Sic hat das Format der zionistischen Bewegung völlig verändert, hat den Zionismus von einem vereinsmäßigen Niveau zu geschichtlicher Bedeutung emporgehoben. Das Pariavolk wird dadurch, daß es unter seiner Führung politisch agiert, anderen Völkern gleichwertig. Für den Teil der Judenfrage, der darin besteht, die Beziehungen des jüdischen Volkes zu anderen Völkern normal zu gestalten, liegt also schon in der Art, wie Herzl das Problem anfaßt, der Anfang der Lösung. Der Staatsgedanke hat ferner — und das erklärt wohl zum größten Teil seine Wirkung — die Bedeutung, daß er den Anschluß des Zionismus an das Zeitempfinden hergestellt hat. Herzls Zionismus ist modern. Für das Europa an der Wende des neunzehnten Jahrhunderts war die Verbindung der Begriffe Staat und Nation eine Notwendigkeit. Die Anwendung dieser Begriffs- Verbindung auf das jüdische Volk war geeignet, die Bcdeutung der jüdischen Nation dem Bewußtsein der Zeitgenossen in eindrucksvoller Form, in ihrem ganzen Gewicht klarzumachen. Eine Menschengruppe, die den Anspruch erhob, einen Staat zu bilden, zeigte damit, daß sie sich unzerstörbares Leben und eine gestaltende Funktion im Leben der Menschheit zutraute. Für Herzls Epoche ist der Drang zum Staat der Sinn und notwendige Inhalt des Lebens der Völker. Der national^ Gedanke, die Idee, daß die Völker durch die ihrem Wesen entsprechenden Leistungen das Lebet! der Menschheit bilden und so als die Träger der menschlichen Gemeinschaft Gelbing haben, wird durch die Forderung des Juden- Staates von Herz! in der dem Bewußtsein seiner Zeit entsprechenden Weise formuliert. Von hier aus zeigt sich ein überraschender Uebergang zu seinem Antipoden Achad Haam. Wenn Achad Haam unermüdlich den Gedanken lehrt, daß nur die kulturell^ dem eigenen litten ־ .,um "*,«*ן■:״/«״:,וי, muß sein!“ — sin<L diese beiden Anschauungen nicht im Grunde sehr verwandt, wenn man» davon ausgeht, daß dieser Staat — nicht die Voraussetzung, sondern — die entscheidende Form eigener Leistung und eigenen Wesens ist? Die Anpassung an das Zeitbewußtsein verlieh der Herzl’schen Formulierung des jüdisch-nationalen Gedankens die große Schlagkraft, belastete sie aber von Anfang an mit der Gefahr, daß sie fortschreitender Erkenntnis und der von ihr bestimmten politischen Praxis nicht gewachsen sein würde. Gerade ,der Staatsbegriff ist zum wichtigsten und eindruckvoll steil Inhalt der Krisis des modernen politischen Denkens geworden. Ist die Verbindung zwischen Nation und Staat wirklich so wesensnotwendig, wie Herzl mit ־seiner Zeit glaubte? Ist dem Staat, der in früheren Epochen auf Grund kirchlicher oder dynastischer Zusammenhänge konstituiert wurde, dessen Gestaltung auch durch Geographie und Wirtschaft bestimmt wird, in der Nation wirklich der ihm von Natur und vom Gedanken bestimmte Inhalt gegeben? Oder ist die Nation nur eine mögliche, nicht aber eine wesensnotwendige Grundlage der Staatsbiidüng, kann sie in dieser Eigenschaft von anderen gesellschaftlichcn Zusammenhängen abgelöst tverden? Muß die Nation, wenn sie ihr Leben sichern will, die Bildung eines eigenen Staates anstreben, oder kann es ihr genügen, wenn ihr, nachdem ihr der territoriale Zusammenhang gesichert ist, der sie als Schicksalsgemeinschaft erhält, bestimmte Sphären freien Lebens garantiert werden, und sie im übrigen eingeordnet an größeren Gemeinschaften teilnimmt, deren Existenz auch für ihr Leben förderlich sein kann (ähnlich wie die moderne Forschung unter Jellineks Führung für den einzelnen Bürger Freiheits-Sphären im Staate festgestellt hat, die auch dieser respektieren muß, trotzdem er sie selber geschaffen hat)? Diese Fragen treten heute nicht nur in der Theorie dem Gedanken des Nationalstaates in den Weg, sondern sie zeigen ihre Wirkung bereits in beachtenswerten Andeutungen der politischen Praxis. (Minderheitenrechte, Entwicklung der Kolonialpolitik durch das Mandatssystem, schließlich die Einrichtung des Völkerbundes als Ganzes, aber auch andere Vereinigungsformen, in denen Aber den Staat hinaus gegriffen und er aus seiner isolierten Unumschränktheit in Zusammenhänge hineingezwungen wird). Die Forderung: ״Der Staat muß sein!“ kann keineswegs mehr mit Selbstverständlichkeit erhoben werden. Fast scheint es, daß die Leidenschaft fflr den Staat, die für Herzl besonders, aber auch für seine Zeit als Ganzes charakteristisch war, verdrängt wird durch einen Skeptizismus gegenüber dem Staat, dessen mannigfache AeuGerungen eine tiefe Begründung durch Kelsen «־halten haben, indem dieser *) Bruchstücke aus einem Aufsatz üb« ״Herzls ßoiitik“. die tatsächlich als solche aufgefaßte Uebergerson, den Riesen Staat, wieder als bloße Fiktion, als Hilfskoostruktion erklärt, die nur von Gnaden des menschlichen Geistes besteht. Diese Anschauung ist durchaus geeignet, den Staat aus dem Mittelpunkt der Betrachtung gesellschaftlichen Geschehens zu verdrängen und auch seine Bedeutung als notwendige Form des Lebens der Nation zu erschüttern. Herzls große Leistung ist, daß er das jüdische Volk zu einheitlicher Leistung unter den Völkern zusammenfaßte, und es so wieder als Subjekt in die Welt der Politik einführte. Der Zionismus hat, seiner geistigen Tradition entsprechend, die Aufgabe, sein politisches System in Uebereiustimmung zu halten mit den Fortschritten des menschlichen Geistes — nicht zuletzt deswegen, weil nur durch eine Entwicklung der Politik zu neuen Methoden das jüdische Volk zu einer ernsthaften Größe in der Mechanik der menschlichen Gesellschaft gemacht werden kann. Gerade Herzl hätte sich gegen ein Versinken des Zionismus in Reaktion — Rückständigkeit hinter dem Geist der Zeit — gewehrt. Für Herzl sind Autonomie und Selbstschutz unverrückbare Forderungen. Die Bedeutung des Selbstschutzes ist für ihn so groß, daß er jede Kolonisationsarbeit ablehnt, bevor nicht seine rechtlichen Forderungen erreicht sind. Er will ״nicht die Erwerbung von Ländereien, sondern eines Landes“. Er wird nicht müde, zu erklären, daß Kolonisationsarbeit ohne die Möglichkeit des Selbstschutzes wertlos sei. Die Möglichkeit der An- Siedlung kleinerer jüdischer Gruppen interessiert ihn nicht. Sie ist ״Infiltration“, ״wohltätiger Zionismus“. Er denkt an Massenwanderung, die — so meint er auch in seiner bescheideneren Zeit — Millionen umfassen in* Bewegung setzen, erklärt er mitten in einer Zeit stärkster Stagnation seiner Arbeit, nachdem große Hoffmmgen auf Konstantinopel zerflossen sind). Aber diese Massensiedlung ist unmöglich ohne Selbstschutz, der daher untrennbarer Bestandteil der neuen Form des Zionismus ist. Massensiedlung und Selbstschutz, d. i. nach seiner Definition politischer Zionismus. Die in der Geschichte der Bewegung als ״politisch“ bekanntgewordene zionistische Richtung hat es unter Berufung auf Herzl als die Aufgabe des politischen Zionismus angesehen, gewisse weitgespannte politischrechtliche Formulierungen zu erlangen. Aber hier ist offenbar ein Mißverständnis. Die rechtliche Formel allein ist für Herzl, trotzdem er ihre Bedeutung so sehr in den Vordergrund rückt, (vergleiche am deutlichsten den Satz: ״Ein Land, das nach öffentlichem Recht dem Judenvolke gehört, das aber bis zur letzten Parzelle grundbücherlich im Eigentum von Nichtjuden ist, bedeutet die Lösung der Judenfrage“) nicht entscheidend. Herzl kannte die Bedeutung wirtschaftlicher Kräfte — er selbst wollte eine wirtschaftliche Potenz, das jüdische Geld, als hauptsächliches Operationsmittel benutzen. Er wußte sicher auch, daß die armselige Rolle der Rechtsbildung gerade in politischen Verhältnissen, sich in seiner Zeit (heute ist es kaum anders) darin erschöpfte, geschaffene Tatbestände zu sanktionieren, daß sie aber kaum jemals dazu berufen war, neue Lebenstatsachen zu schaffen. Auch Herzl wußte, daß es auf Realitäten ankam. Die rechtlichen Begriffe waren für ihn nur von Bedeutung, weil sie verbunden sein sollten mit Zugeständnissen sehr realer Natur. Diese Realitäten sollten — nach Herzl — nicht durch Kolonisationsarbeit geschaffen werden, aber sie waren durchaus geeignet, als politische Tatsachen die Entwicklung des von ihnen betroffenen Gebietes zu bestimmen. In der Tat ist das der Kern des Herzischen ״politischen“ Zionismus — wenn wir den Mißbrauch mitmachen wollen, in einer Bewegung, die sich mit Recht in dem umfassenden, planmäßige Bewegung gesellschaftlicher Kräfte bezeichnenden Sinne des Wortes politisch nennen darf, die Anhänger ganz bestimmter politischer Methoden als ״d i e“ politischen zu bezeichnen — daß die Kolonisationsarbeit nicht begonnen werden darf, bevor nicht eine jüdischer Hoheit gehorchende Wehrmacht sie zu schützen imstande ist. Wir wissen heute, daß Herzls Möglichkeiten, das Kolonisationswerk in einem beträchtlichen Maße zu fördern, aus diesem Grunde abgelehnt hat Aber liegt nicht hier ein entscheidender Irrtum der Herzischen Politik? Der Großherzog von Baden hat einen zentralen Punkt getroffen, als er schon in der ersten Unterredung mit Herzl fragte, ob es nicht wichtiger sei, zunächst einmal hunderttausend Juden anzusicdeln, als die politischen Ziele zu verfolgen. Wir können uns, nach dem

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