Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 47 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,30 Goldm&rk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W15, Meinekes traUe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Ainlandjabonncnients werden m der Währung der emselnea Linder berechnet Anzeigen •Verwaltung Jüdische RundschauG.m.b.H., Berlin Wl 5, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. 1 Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Poeteparkasscaarat Wien* Konto Nr. 156030. | Für Taehaehealöwakei: Postsperkasscnenrt Prag, Konto Nr. 59 41®. | F3r Polen: Poslsp.irkaaaetiaint Warschau* Konto Nr• 190708. Redaktionsschluß Sonntag ttnd Mittwoch nachmittag• Nummer 47 1 Berlin, 18. VI. 1926 Aazeigeaprcia: 8 gespzlt-Nonparcillezeile 0*50 G.-M. Stellengesuche 0*25 G.-M. AnreigenscMoJJ: Dien 5 lag und Freitag nachmittag 4 Uhr. | ו׳ תמוז׳ חרס״ו | xxxl Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.*« Dr.י Weiz % mann in Berlin Rede Uber die gegenwärtige Situation Montag, den 11. d. Mts., trat Professor Weizmann aus London in Berlin zu einem zweitägigen Aufenthalte ein. In seiner Begleitung befanden sich die Herren Dr. Eder und Dr. Bcrthold Feiwel. Montag abends veranstaltete Direktor Oskar Wassermann in seinem Hause einen Empfangsabend für Professor Weizmarm. An diesem Abend nahmen hervorragende Vertreter der Berliner Gesellschaff teil. Unter den Anwesenden befanden sich namhafte Finanziers und Politiker. Professor Weizrnann berichtete während des Zusammenseins über die Lage in Palästina und Prof. Einstein über die Entwicklung des hebräischen Schulwerkes. Die Ausführungen Professor Weizmanns und die Darlegungen Professor Einsteins über die Bedeutung der Hebräischen Universität fanden bei den Anwesenden große Aufmerksamkeit. Im Laufe des Dienstags hielt Professor Weizmann mit Professor Einstein eine längere Besprechung über Fragen der Hebräischen Universität ab. * Dienstag abends fand im Saale der Philharmonie der von der Z. V. f. D. und dem Keren Kajemeth veranstaltete Gesellschaftsabend anläßlich der Anwesenheit Weizmanns in Berlin statt. Trotz der Ungunst der Witterung war der Besuch sehr gut. Der Vorsitzende der Z. V. f. D., Herr Kurt Blumenfeld, eröffnete den Abend mit einer längeren Ansprache, in der er die aus London gekommenen Gäste begrüßte und Weizrnann als Führer feierte, der das natürliche Gefühl für die Distanz und die Proportion in der von uns zu befolgenden Politik besitzt. Gerade für uns Juden hat die Person des politischen Führers wie die politische Führung eine besondere Bedeutung. Was andere Völker in Jahrhunderten an politischer Schulung erworben haben, müssen wir uns in kurzer Zeit aneignen. Namentlich der politische Führer muß die Kunst treffen, diese Abkürzung des Weges in sich durchzumachen. Die Frage des Vertrauens in die Führung ist für uns kennzeichnend und es ist ein Beweis für die Echtheit der zionistischen Bewegung, daß sie zu ihren Führern Vertrauen hat. Mit stürmischem Beifall begrüßt ergriff darauf Prof. Weizrnann das Wort und hielt unter gespanntester Aufmerksamkeit nachstehende Rede: Wenn ich mich freue, in Berlin sprechen zu können, möchte ich doch bemerken, daß ich dabei eine gewisse Schwierigkeit empfinde. Es ist nicht leicht, in Berlin zu sprechen. Ich setze voraus, daß Sie alle die Presse lesen. In den letzten Wochen hatte ich Gelegenheit, sehr viel zu reden, viel mehr als mir lieb war. Da das Thema ein beschränktes ist, so muß man sich naturnotwendig wiederholen. Ich habe eine gewisse Angst und Scheu, auch vor Ihnen das Alte zu wiederholen. Ich habe in Jerusalem gesprochen, in Tel-Awiw, in Paris, in Oxford und noch vor einigen Tagen in Genf. Und leider wird alles gedruckt. Auch ein Interview, das ich vor kurzem hatte, wurde abgedruckt. Und nun soll ich armer Mensch wiederum etwas sagen. Deswegen wollen Sie mir verzeihen, wenn Sie aus meinen Worten etwas heraushören werden, was Sie vielleicht schon gelesen haben. Es ist vielleicht nützlich, in breiten Zügen eine Uebersicht über die jetzige Situation in Palästina und im Zionismus zu geben, um eine wirkliche Distanz zu den Arbeiten und den Forderungen der Arbeit zu gewinnen. Dazu kann man vielleicht einen Teil dieses Abends verwenden. Es sind acht Jahre her, seitdem die Arbeit in Palästina in dem Ausmaß begonnen hat, wie wir sie jetzt führen. Wenn man auf die vergangenen acht Jahre zurückblickt, so werden einem drei Punkte klar. Die Lage in Palästina, die allgemeine Lage, ist heute, was immer man auch darüber sagen und denken mag, stabiler als sic im letzten Jahrhundert war. Die Erschütterungen während des Krieges sind fast vergessen und die verschiedenen Teile arbeiten heute zusammen für ein gemeinsames Palästina. Das drückt sich auch in den nackten Ziffern aus. Vor vier Jahren war die Administration Palästinas fast bankerott. Sie mußte zur Durchführung ihrer wirtschaftlichen und sonstigen Aufgaben einen Zuschuß von der britischen Staatskasse erhalten. Sie erinnern sich sicherlich noch alle an die große Agitation in England, die damals gegen uns gemacht wurde und bei der man darauf hinwies, daß der englische Steuerzahler für die Errichtung des jüdi• sehen nationalen Heims zu zahlen hat. Jetzt wäre diese Agitation unmöglich, weil Palästina in diesem Jahre einen Ueberschuß von 1 200 000 Pfund erzielt hat. Es hat die beste Administration nach Aegypten, und ein Teil des Geldes, aus dem der Ueberschuß besteht, ist unser Geld. Infolgedessen sind auch alle politischen Schwierigkeiten geringer geworden, und man kann in der englischen öffentliehen Meinung nicht behaupten, daß der englische Steuerzahler für uns zahlt. Nebenbei bemerkt ist Palästina das einzige Land, das die ottomanische Schuld zahlt Es ist heute ein absolut solventes Land, welches morgen auf dem öffentlichen Geldmärkte einen Kredit erhalten kann. Tatsächlich wurde auch in der letzten Zeit eine Anleihe für Palästina in England vorbereitet, die nur durch den Generalstreik eine Unterbrechung erlitten hat. Noch in dieser Session des englischen Parlaments soll die Anleihe für Palästina beschlossen werden. Diese allgemeine Lage des Landes ist insofern charakteristisch, als Palästina ein Teil ist zwischen zwei Ländern, die sich beide in starker Gärung befinden, nämlich im Norden Syriens, im Süden Aegypten. Beide Länder machen eine schwere Krise durch. Während Syrien heute mindestens 40 (KW Soldaten hat, mit allen Mitteln einer modernen Kriegsführung, während Aegypten voll von Truppen ist und in seinen Häfen englische Kreuzer einlaufen, wird die Sicherheit Palästinas von zweihundertfünfzig Soldaten und etwa tausend Polizisten besorgt. Während der Krise in Syrien gab es keinen einzigen Grenzzwischenfall. Man kann über politische Ereignisse denken wie man will, aber das, was ich Ihnen hier mitgeteilt habe, sind eherne Tatsachen. Das Land ist ruhig, die Sicherheit ist das Maximum dessen, was möglich ist, und der englische Steuerzahler ist vollständig entlastet von irgendwelchen Leistungen für Palästina, im Gegenteil, die früheren Aufwendungen dafür fließen zurück, indem Palästina das zurückzahlt, was es aus der britischen Finanzkasse erhalten hat. So zum Beispiel werden die Kosten drr Eisenbahn von Kairo nach Jaffa aus den Einnahmen Palästinas gedeckt. Das sind trockene Ziffern und Tatsachen, die für sich selbst sprechen. Seit 1919, wo die Grenzen Palästinas geöffnet wurden, ist ein wachsender Strom jüdischer Emigranten ins Land gekommen und heute beziffert sich die monatliehe Einwanderung auf durchschnittlich 2000. Wenn Sie bedenken, daß man z. B. vor drei Jahren ein Schiff, das in Jaffa oder Haifa einlief, nur im Dunkeln ausladen konnte, und daß eine künstliche Unsichtbarmachung der Menschen erfolgte, die ins Land kamen, so werden Sie die heutige Situation besser verstehen. Jedes Schiff bringt Massen von Menschen ins Land und sie sind im Lande bemerkbar. Man braucht keine Mittel mehr, um sie unsichtbar zu machen. Heute beträgt die jüdische B c völkerung Pal ä s t i 11 a s 18 Prozent der Gesamtbevölkerung und sie wächst in einem Maße, wie man es vor vier oder fünf Jahren nicht voraussehen konnte. Das sind grundlegende Tatsachen, die die jetzige Lage charakterisieren und die politische Situation und Arbeit beherrschen. Es gibt zwei Arten von Politik. Eine Politik, die die Volke!־ der Erde führen, die sich auf reale Ziffern und Kräfte stützen. Diese Politik ist für uns unmöglich. Die grundlegende Tatsache in unserer Politik ist, daß wir die Gerechtigkeit unserer Forderungen verständlich zu machen suchen. Darin liegt etwas Erhabenes, aber auch etwas ungeheuer Schwieriges. Es ist außerordentlich schwer, sich in der heutigen Welt auf sittliche Forderungen.zu stützen. In dieser Beziehung ist das Gewissen der Welt schwer zu wecken, und wir können in dieser Hinsicht die Welt nur sehr langsam erziehen. Wir müssen aber die Tat- Sache verzeichnen, daß das Verhalten der meisten Völker Europas und Amerikas heute viel positiver gegenüber unseren Forderungen ist, als dies vor Jahren der Fall war. Diese Wandlung ist eingetreten, weil man heute unsere Leistungen in Palästina kennt und das fällt ins Gewicht. Menschen, Regierungen und sonstige Machtfaktoren, die noch vor vier Jahren negativ unserer Arbeit gegenüberstanden und sie nur als ein gewagtes Experiment ansahen, rechnen heute mit der Tatsache, daß das jüdisch-nationale Heim in Palästina auf fester Grundlage steht und eine immer größere Entwicklung nehmen wird. Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht die Schwierigkeiten und Schattenseiten der jetzigen Situation vor Ihnen verschweigen. Im Gegenteil, ich halte es für wesentlich, daß wir die Schwierigkeiten unterstreichen und sie ins richtige Licht rücken. Die erste Schwierigkeit besteht in der Kleinheit des Landes. Palästina ist ein kleines Land und es besteht aus einigen fruchtbaren Tälern und vielen unfruchtbaren Hügeln. Unsere Siedlungstätigkeit hat sich naturgemäß auf die Täler geworfen und dort ist sie auch erfolgreich. Sie war erfolgreich über alle Erwartungen. Wenn Sie heute nach Palästina kommen, so können Sie sofort sehen, daß alles, was mit der Landwirtschaft zu tun hat, von der letzten Krise unberührt war, sich normal entwickelt und in manchen Gegenden geradezu als Muster für andere Länder gelten kann. Ein Beispiel, das ich schon bei anderen Gelegenheiten angeführt habe, möchte ich auch hier wiederholen. In Petach Tikwah leben auf 21 000 Dunam heute 7000 Menschen von ihrer Hände Arbeit. Nicht allen geht es gleich gut, aber alle haben eines gemeinsam: sie hoffen, sich zu befestigen. Es gibt kaum ein Land in Europa oder Amerika, wo eine so intensive Wirtschaft existiert, wie in diesem Winkel Palästinas. Ich sehe keinen Grund, warum das, was heute in Petach Tikwah bereits besteht, nicht verfünffacht oder verzehnfacht werden kann. Ich bin überzeugt, daß dieses Beispiel eine Anregung sein kann, um jüdische Kapitalkräfte für eine Betätigung in Palästina heranzuziehen. Die Küste von Jaffa bis nach Haifa kann von ähnlichen Siedlungen bedeckt werden. Das Beispiel ist deswegen interessant, weil Petach Tikwah noch im Jahre 1918 beim Anfang unserer Arbeit fast eine halbe Ruine war. Es gibt noch weitere Beispiele für diese These, daß alles, was mit dem Lande zu tun hat, sich normal entwickelt, und alles, was mit der Stadt zu tun hat, schwere Krisen durchmacht Der heutige Jischuw Palästinas ist in seiner Gesamtheit keine Funktion Palästinas, sondern Polens oder Litauens. Es folgt daraus, daß die Basis unserer Siedlung, d. h. die landwirtschaftliche Kolonisation, ausgebaut und verstärkt werden muß. Demgegenüber steht aber als ein fast unüberwindliches Hindernis die Kleinheit des Landes. Wenn wir noch zehn Jahre in dem Tempo wie bisher arbeiten, so wird es fast kein Land mehr geben, das wir für die Landwirtschaft erschließen können. Es nützt nichts, mit großen Phrasen an den Völkerbund oder an die englische Regierung heranzutreten, um Landreserven von ihnen für die jüdische Kolonisation zu verlangen. Solche Landreserven in größerem Ausmaße gibt es nicht. Es gibt zwei Landstrecken, die wir vielleicht zum Teil erhalten können, eine im Norden und die zweite ganz im Süden. Während das Land im Norden eine intensive Bodenkultur ermöglicht, ist das beim südlichen Land ausgeschlossen. Ich weiß nicht, wieviel zehntausende Familien auf dem verfügbaren Raume noch angesiedelt werden können, aber schließlich wird die obere Grenze erreicht sein. Daraus folgt, daß wir eine andere Politik führen müssen. Während in Palästina in bezug auf den Boden ein Druck herrscht, gibt es in den Nachbarländern sehr viel Land, das nicht nur fruchtbar, sondern auch bewässerbar ist. Transjordanien z. B. ist fast zweimal so groß wie Palästina. Es ist notwendig, in der öffentliehen Meinung Englands, Europas und der Araber, auf die es ankommt, ein Verständnis dafür zu schaffen, daß unsere kolonisatorische Tätigkeit über den Jordan hinaus gehen muß. Dazu bedarf es einer Erziehung der Juden, der Araber und auch Englands. Ich weiß, daß es nicht leicht ist, aber wahrscheinlich leichter als die Besiedlung der Terrassen von Dilb, die man zu fruchtbarem Boden machenwill. Ich möchte sagen, daß die friedliche Art unserer Arbeit und Siedlungstätigkeit in Palästina den Weg zu dieser Politik angebabo* hat Wem wir auch