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Jüdische Rundschau · 1926-05-18 · Heft 38-39 (18.5.1926) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 38-39 (18.5.1926)
Date
1926-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag W 15, MeiaekestraBe 10. Enckeint ׳«•den Dienstag und Freitag. Bcrogapreia bei der Expedition monatlich 1,85 Goldnark, Viertaljibrtieb 5,25 Goldnark. \ jftiaadsabeaaemeQis werden in der Wlhrtmg d«r eiiuelaß* Ufcnder bereckacl mmmm₪m₪m₪mmm₪mma₪₪₪₪₪mmgmfmmm₪m₪mmmmm Kummer 38/39 I Berlin, 18. V. 1926 Anzeigen - V erwalttmg Jüdisch« Rtradseha« G.n.b. H., BerlinWl 5, M«tedc«str.!0 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. A,1a1Mrfg«flpr«i•; S £••£*! t*NMp*r «Uccaik 0.5Ö G.-M• ö^SG.־ M. Afixtri je11»eftJail: Hi * * s t » g und Freitag q tekmi t1 g 4 Uhr. Telephon: Biamarck7165—70. Poetecheekkonto: Berlin Nr. 17392. Ffir OMtwniahi F»itomiiiii■—I Wto Etats Nr. ISSOSO. ^fcr T»»l1»tfc»»U»»ato•■ Psehparttaaul 1W Kaete Nr. »410. % Fatol PaitipMfeaaaaaaat Wartoaa, Raak» Nr. 1mm RedaktionasehluB Sonntag and Mittwoch nachmittag. Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer bffentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In balüstina.!!Baseler Programm." aamHaa_MHaaBaanHHaflHanaHnHiMMaHMMMB1aaHMRM^aaHHHHBBHBa^^^^^M^H__^MHBH_MIH1aHHaMH1H1amsHSHnwHHMadMandds1dMHnaRmM1d0 Unus qui nobis ... Ijar vorbei - Politische Sdiawuoth - Weizmanns Politik ־־ Jerusalem und Genf - Organischer Aufbau - Das ״Zentrum״ RW, Berlin, 16. Mai. Der Mount Ijar ist vorbei, nach Tagen der Arbeit rüsten wir uns zum Feste. Noch, so fühlen wir, ist nicht Zeit zu feiern, noch sind wir auf der Wnndcrschaff. Aber die trori reiche Botschaft, die uns Heutigen unsere alte Geschichte bedeutet, dürfen wir hören, da uns der Glaube an Israels Zukunft wieder geschenkt wurde. Unsere f este deuten an, wie unser Volk aus unbeschreiblichen äußeren und inneren Wirren zur Gestalt wurde; ein Sinn, den Mitlebende kaum in seiner vollen Tiefe walmiclunen, liegt in dem leidvollen und ungeordneten Geschehen —• dies ist es, was uns Mut gibt, nicht etwa die Aussicht auf idyllische Beruhigung. Denn diese wahrlich bieten unsere Feste nicht; sie treiben uns in ruhelose Entscheidung, Schavuoth, bei uns im Galuth an der Schwelle des Somniers, ist im Lande Israel das Fest der Erstlinge; zugleich aber die historische Erinnerung an die Donnerwarte, die dem Volk seine geistige Individualität und sein sittliches Ideal gaben. Diese eigentümliche Zweiheit ist bei Schawuoth besonders stark ausgeprägt. Als Frucht menschlichen Miihetis, redlicher Arbeit, sind uns die Erstlinge des Feldes beschieden; aber die Verleihung der ewigen Bestimmung ist göttliche Gnadentat. Im Zusammenwirken beider entsteht Israels Geschick, von unten wird cs gewirkt und von oben. Darum mögen die Tage des Festes diesmal fair uns Zionisten eine Krönung des Monats Ijar sein, den wir der ״Selbst- Besinnung“ und der geistigen Einkehr weihen wollten. Ob uns der Monat Ijar gebracht hat, was wir erwtf|׳li«n* ob er ,als ״Monat der Organisation4׳‘ gelungen ist, Hit sich heute noch nicht beantworten. Nicht in einer plötzlichen Wandlung kann sich solches mani- Testieren, Erst der Kurs der weiteren Arbeit und ihre Resultate werden uns zeigen, ob wir uns die Sache nicht zu leicht gemacht haben. Diese Besorgnis wurde wiederholt ausgesprochen, und verstärkt durch die vielen Aeußerungen, die die zionistische Welt in diesem Monat produzierte und die zum Teil nur eine Wiederholung seelenlos gewordenen alten Gedankengutes waren. Wir können natürlich nicht unbedingt Originalität verlangen, aber die Gefahr liegt in der Selbstbefriedigung durch die Neuverkündung wohlfeil gewordener Wahrheiten, wodurch die Pflichten des Tages gewissermaßen als zweitrangig erscheinen. Wir müssen beides, wir müssen die tägliche Arbeit führen und doch das Ohr für die höhere Stimme nicht verlieren, ״Wir wollen tun und hören!“ — dies ist ein Schawuothwort, das wir auch aus seinem großartigen Zusammenhang herausreißen und auf unsere kleine Zeit ainvenden können. Tun: das ist das Jahrzehnte erfordernde Werk des Aufbaues der nationalen Heimstätte, deren Erstlinge wir heute sehen. Hören: das ist die Besinnung auf den ewigen Sinn der Wiedergeburt unseres Volkes, die Bereitschaft zum Empfang des Rufes, der wie ein Imperativ ״Du sollst“ heute an jeden Juden ergeht. * Wenden wir uns der Betrachtung der politischen Welt zu, so erkennen wir, wie scl1wcr.es wird, die Folgen des Kriegswalmes zu überwinden. Fast überall ist Verwirrung. England hat eben eine schwere Erschütterung durcligeniaeht, die nur ein Symptom dafür ist, daß sein System seine Menschen nicht mehr ernähren kann; ist auch der erste Anprall vorbei, das Problem selbst heischt Lösung, und deren Entwicklung hat kaum begonnen. Erwähnenswert ist, daß zwei Persönlichkeiten in den Vordergrund getreten sind, zu deren Gerechtigkeitssinn und Unparteilichkeit das größte Vertrauen besteht: Sir Herbert Samuel und Lord Reading, beide Juden. Mit den hergebrachten Methoden ist der heutigen Situation nicht beizukommen. Auf der anderen Seite Europas sehen wir Polen, das Land mit der größten jüdischen Bevölkerung, im Bürgerkrieg; soll das Blut nicht umsonst geflossen sei«, dann muß der polnische Staat, der sich nun konsolidiert, seine Grundlagen revidieren im Geiste der Freihcitlichkeit um! der Toleranz, die auch den nichtpolnischen Nationalitäten des Staates volle Gleichberechtigung im Sinne demokratischen und aufbauenden Zusammenlebens gewährt. Die Juden sind stets ein staatsbejahendes und loyales Bevölkerungselcment in Polen gewesen, aber sie müssen ihre Lebensrechte fordern. Während die ״Studienkommission“ in Genf berät, gehen die blutigen Kriege in Marokko und Syrien weiter. Dias ohnedies schon geborstene ״Prestige“ Europas erfordert offenbar dieses intransigente Vorgehen, das immer mehr Menschen und Mittel verschlingt. In Syrien allerdings hat Jouvcnel jetzt eine ״nationale Regierung“ eingesetzt, aber es ist fraglich, ob die revolutionären Syrer sic anerkennen werden. Auch in Niederlage der Liberalen Jüdische Volkspartei: 8 Mandate Bel den Wahlen zur Jüdischen Gemeinde Berlin haben die Liberalen ihre Majorität verloren. (Näheres im Innern des Mattes). Aegypten spitzt sich infolge der bevorstehenden Wahlen die Situation wieder zu. Die Welt ist von Unruhe und Sorgen geschüttelt. Und wir Juden haben unsere speziellen Sorgen und Nöte. Und müssen uns bei unserer Arbeit immer wieder orientieren, um nicht den Blick für das Ganze und die Proportionen zu verlieren. » Durch die großen politische« Reden, die Dr. W e i z - mann vor seiner Abreise aus Palästina in Jerusalem und in Tel-Awiw gehalten hat, ist mit einem Male die politische Diskussion im zionistischen Lager wieder entbrannt. Die Erörterung, die in der palästinensischen Presse begonnen htt tt»S w«hl bald die ganze zjptlstisehf OeWentlichkeR erfassen wird, Ist eine Fortsetzung der Debatten des letzten Kongresses über die Grundlagen unserer Politik. Schon auf dem Kongreß und nach dem Kongreß ist an Werzmann Kritik geübt worden, weil er *sich zu dem Grundsatz bekannt hatte, daß, unsere Politik nicht auf Illusionen aufgebaut sein darf. Wir müssen, so meint er, den Realitäten ins Auge sehen, um stets die richtigen Schritte abmessen zu können. Wer auf schmalem Bergesgrat vorwärtsschreitet, darf nicht nach Wolkengebilden blicken. Diese an das eigene Lager gerichtete Mahnung wird von manchen Seiten als Verzicht auf unsere wesentlichen Ziele, zugleich als Schwäche gegenüber der englischen Regierung gedeutet. Auch die Kritik, die an die letzten Weizmannreden anschloß, bewegt sich in diesen Gedankengängen. Manche palästinensischen Zeitungen nennen seine Reden eine ״Enttäuschung“. Man hatte erwartet, von dem Führer ein stärkendes und ermutigendes Wort zu hören und empfing nur eine nüchterne Darstellung der schweren Lage, eine Mahnung zur Geduld und zur Besonnenheit. Weizmarm hat es verschmäht, Versprechungen zu machen, deren Einhaltung fraglich ist, und er hat es auch an der großen Geste der Entrüstung über die Regierung fehlen lassen. Wenn wir Weizmanns Reden nach dem von der Presse veröffentlichten Text, für dessen absolute Genauigkeit allerdings keine Bürgschaft besteht, auf uns wirken lassen, so empfinden wir das tiefe Mitleben und Mitleiden, die innige Verbundenheit mit dem wirkliehen Geschehen in Palästina. Die Schwere der Verantwortung lastet auf ihm. Es wäre ein leichtes, mit ein paar optimistischen Phrasen oder mit geballter Faust sich den Beifall der Menge zu verschaffen. Dies jedoch gestattet nicht der Ernst der Stunde. Weizmann hat die Situation auseinandergesetzt wie sie ist, und er hat den Jischuw, der gerade in den letzten Wochen eine große politische Kampagne mit Versammlungen und Resolutionen geführt und dabei den Blick für die Wirklichkeit fast verloren hatte, vor Ucbcrspannungen gewarnt, die notwendigerweise einen Katzenjammer nach sich ziehen müssen. Wenn Weizmann dabei sagte, daß die Mandatarmacht im ganzen großen das Ihrige tut und das jüdische Volk noch lange nicht das Seinige getan hat, so wird durch diesen Satz der Blick der Juden für die wirklichen Machtverhältnisse geschärft und daran erinnert, daß nach außen nur gefordert werden kann, wenn im Innern unzweifelhafter Wille zum Werk da ist. Keineswegs aber sollte damit gesagt sein, daß die Zionistische Organisation oder die zionistische Exckutive mit der Haltung der Mandatannacht in allen Einzelheiten einverstanden ist. Die diesbezügliche Reuter■ Meldung ist mißverständlich. Dr. Weizmann hat in seinen Reden eine Reihe von Beschwerdepunkten aufgezählt, die die rioaistische Exekutive als Jewish Agency auch vor dem Völkerbund vertreten wird. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß Dr. Weizmann der englischen Regierung gegenüber die jüdischen Forderungen mit dem größten Nachdruck und mit aller Würde vertritt, schärfer vielleicht als mancher seiner Kritiker in seiner Lage täte. Die Reden in Jerusalem und Tel-Awiw sind jedoch nicht für Downing Street gehalten worden, sondern für den Jischuw, der zu politischem Denken und Handeln noch erzogen werden muß. Der Jischuw bedarf eben in seiner oft übermenschlich schweren Position auf den Außenposten der Hilfe von Kräften, die nicht unter seinem unmittelbaren Einfluß und nicht unter dem schweren Druck des palästinensischen Lebens stehen. Es ist die harte, wenn auch undankbare Pflicht des politischen Führers, offen seine Meinung zu sagen, auf die Gefahr hin, die eigene Popularität aufs Spiel zu setzen. Um den Gegensatz zu verstehen, bedarf es einer Ueberprüfung des Begriffes zionistischer Politik. Was wir bis zur Balfour-Deklaration unter ״Politik“ verstanden haben, war nicht eigentlich Politik im gebrauchliehen Sinne, sondern Propaganda. Unser Ziel war, die Judenfrage als internationales Problem vor der politisehen Welt atifzurollen, die Lage des jüdischen Volkes klarzumachen, um dadurch die Welt von der Notwendigkeit der zionistischen Lösung zu überzeugen. Auch heute noch besteht diese Aufgabe politischer Propaganda für uns weiter. Bei ihr kommt es vor allem darauf an, die Idee der jüdischen Regeneration und die wohltätige Wirkung der Lösung der Judenfrage in reinem Licht zu zeigen. Die Methode dieser ״Politik“ war die Proklamation,״ ׳ihre Mittel waren und sind Versa 111mhingen, Resolutionen, Presse. Ganz anders liegen die Dinge im heutigen Palästina, wo wir ein realer Faktor der Landespolitik, ein Teil der Bevölkerung sind und wo im politischen Kampfe Interessen gegen Interessen stehen. In der Welt unserer politischen Propaganda gibt es keine entgegengesetzten Interessen; im heutigen Palästina jedoch handelt cs sich um konkrete Maßnahmen, die von allen Seiten betrachtet werden müssen und deren Durchsetzung mehr von der Triftigkeit des Arguments im Zusammenhang der ganzen Situation und vor allem von den realen Machtmitteln abhängt als von der lauten Stimme, mit der die Forderungen vorgetragen werden. Darum ist in jedem einzelnen Falle eine Prüfung der Gesamtsituation und die Abwägung von Imponderabilien erforderlich, wenn man die riehtigen politischen Schritte tun will. Es wäre ein Fehler, sich zu verbergen, daß die palitische Gesamtsituation heute für uns ungünstig ist. Die Welt steht im Zeichen einer beispiellosen Reaktion. Ungeschminkter als je treten die ,Mächte mit ihren eigenen Interessen auf den Plan und verfolgen deren Durch- Setzung׳ mit List und Gewalt. In einer solchen Zeit ist das hauptsächliche Mittel, das uns zur Verfügung stellt, der Appell an das Gewissen der zivilisierten Welt, relativ inachtlos. Mau hat auch gelernt, moralische Angriffe mit moralischen Gegenhieben zu parieren. Die Unterscheidung von echt und falsch ist so schwer geworden, daß allgemeines Mißtrauen Platz gegriffen hat. Große Worte sind abgebraucht. Protestvcrsammlungen der verschiedensten Nationen gegen die Greuel in ihn111 ־ Lande verlaufen wirkungslos und unbeachtet. In einer solchen Zeit ist cs ratsam, mit dieser Waffe sparsam umzugehen, um sie nicht vorzeitig;,b/ustnmpfen. Je mehr Protcstversamniluugeii wir veranstalten, desto wertloser werden sie. Mit Recht hat Arlosoroff einmal von einer ״Protest-Inflation“ gesprochen. Das bedeutet natürlich nicht, daß wir Rechtsbeugungen hinnehmen sollen. Wir sollen dagegen bei jeder dafür kompetenten Instanz Einspruch erheben. Wir sollen unseren Apparat, der heute etwas schwerfällig funktioniert, verstärken und aktivieren. Aber weint ein Rcsehw־erdefall auf die Spitze getrieben werden soll, dann muß man sehr genau abwägen, was aufs Spiel gesetzt werden kann. Mit anderen Worten: Wenn etwa durch eine intransigente Forderung ein Bruch mit der Mandatarmacht, riskiert werden soll, dann müßte der l all so klar liegen, daß nicht nur wir von unserem Rechte überzeugt sind, sondem auch ohne weiteres annehmen können, daß die Öffentlichkeit Europas und vor allem der Mandatarmacht sich für uns entscheidet. Wenn etwa unser Auftreten Konsequenzen hätte, die in England alarmierend wirken müßten, dann könnte sehr leicht der Teil der englische!» öffentlichen Meinung, der ohnedies gegen das zionistische Experiment voreingenommen ist, die Oberhand

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