Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,40 Goldmark jüdische Rundschau Redaktion und Verlag W 15. Meinekestraße 10. Erscheint fedea Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. Vierteljährlich 5,25 Goldmark. ^startttaaDAOftatsent« werden ta dar Währung der aiaeelaea Länder bereehoel Anzeigen -V erwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H״ Berlin W15, Meinefcestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Ansaigaspfniai 8 guealLNeapmUlMaU• 040 Ci^M. SteUmgMmk• 0.2SG.-M. AnseigcaaeUaB: Dienet«* and PreitaJ naehinittaf 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70, Postscheckkonto; Berlin Nr.!?>392. F«r Oe«t«r reich: PotUs.rhmMaMni Wien. Konto Nr,!86030. F#r TKliacboalawaltei: fw»p«rk,1«enen»t Pr•«, Kernte Nr. 59419. Fftr Palm-. Poeteparfcuaaaaat Warachan, Konto Nt. 180708, Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nammet 35 | Berlin, 7. V. 1926 כ״ג אייר׳ תיס״י | xxxi. jahrR. Oer Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer üffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina, ״Baseler Programm.** Zu dieser Nummer Die heutige Nummer wendet sich an Nicht-Zionisten; sie will deutsche Juden, die nichts oder wenig oder Entstelltes über den Zionismus wissen, anregen, sich zu orientieren. Das ist das erste, das Primitive, das wir von jedem Juden zu fordern das Recht haben: daß er sich informiere, daß er nachdenke über jenen Komplex v״on Tatsachen, Problemen und Forderungen, den wir Zionismus nennen. Wir erheben nicht den Anspruch, daß alle Juden Zionisten werden; wir verstehen, daß in verschiedenen Köpfen die Welt sich verschieden malen kann, und sind weit entfernt, den Gegner zu verachten, der nach reiflicher Erwägung zu anderem Ergebnis kommt als wir. Aber wer sich überhaupt der Beantwortung der Frage entzieht, wer sich selbst täuscht, ,um seine Ruhe und Behaglichkeit nicht zu erschüttern, wer die Dinge nicht sehen will, wie sie sind und sich hinter einer abstrakten Formel versteckt — den aller• dings halten wir für schuldig. Denn sich Rechenschaft zu geben über die Lage der Juden und des Judentums und seine Lebensmöglichkeit ist heute geradezu sittliehe Pflicht jedes Juden. Die deutschen Juden haben sich selbst in Parteien eingeteilt, die miteinander kämpfen. Wir wollen heute jedoch nicht zu Parteien sprechen, sondern zu dem einzelnen Juden. Nicht Vorurteile, nicht Programme, nicht hergebrachte Charakteristik und Etikettierung sollen maßgebend sein, sondern des Menschen Kopf und Herz, seine Selbstprüfung, seine Ueberlegung sollen sprechen. Wir können nicht ein System des Zionismus vor unseren Lesern ausbreiten. Dies würde den Rahmen einer Zeitungsnummer sprengen. Wir wollen nur den Anstoß geben zum Nachdenken, zum weiteren Suchen, zur Beschäftigung mit der großen jüdischen Sache unserer Tage. cn aufrütteln. Deutsche Juden, ihr habt '^^^^^^^^^^^^*'belsplenose' Erlebnlsüe haben die Wirklichkeit an euch herangebracht. Die Welt widerhallt wieder einmal vom Geschrei über die Juden. Dfe Judenfrage, die ihr beseitigt wähntet, ist heute schärfer gestellt als je. Es ist unwürdig und I zwecklos, sie zu leugnen. Zugleich aber wurde in unseren Tagen ein großes Werk begonnen, um das Judentum wieder zu Ehre und Größe zu führen und das Gespenstische von ihm zu nehmen, das ihm in den Augen der Völker heute anhaftet. Der künftige Historiker des Judentums wird unserer Zeit mit Bewundertmg und Staunen gedenken als der Gebirtsstunde | eines neuen Judentums, das sich aus dem Chaos losrang. Er wird aber auch melden, daß es Juden gab, die achtlos und widerwillig an diesem Vorgang vorbeigingen. Wer Ohren hat, der höre! Der Zionismus hat viele Gegner. Durch ihre regsame Tätigkeit ist sein Bild entstellt, sein Wollen verzerrt, seine Anhänger werden verleumdet und verunglimpft, sein Werk ist bagatellisiert worden. Wir wollen heute nicht, oder doch nicht in erster Reihe, polemisieren. Wir wollen nur darstellen, was unsere Anschauung ist, wie unser Programm zu verstehen ist, was unserer Tätigkeit zugrunde liegt Der Leser soll unsere Sache ernst nehmen und sich seiner eigenen Stellung bewußt werden. Er soll seinen Blick nicht durch gefärbte Brillen, die andere ihm umhängen, trüben lassen. Wir wollen die Mitarbeit, die Hilfe, die Solidarität aller Juden. Der Zionismus ist berechtigt, sie zu fordern. Kein Jude ist berechtigt, sich auszuschließen. Die Zionistische Organisation hat den Monat Ijar als Werbemonat bestimmt Die große und schwierige Tagesarbeit im Prozesse der Regeneration des jüdischen Volkes gönnt uns kaum die Muße, zu anderen Juden, die abseits stehen, zu sprechen, und darum verstehen wir einander immer weniger; in diesem Monat nun wollen wir uns frei machen von der Ueberlast dieser Arbeit und versuchen, die Kluft kleiner zu machen, von neuem zu Allen Worte der Verständigung zu sprechen. Diesem Zweck dienen unsere Versammlungen, unsere Reden und Schriften, diesem Zweck gilt auch die heutige Nummer der ״Jüdischen Rundschau“. Kommt in unsere Versammlungen, leset unsere aufklärenden Schriften, stehet uns Rede! In gemeinsamer Bemühung wollen wir uns klar werden über Wesen, Sinn und Aufgabe des Judentums unserer Tage. Unser Ziel ist nicht der Bruderfeampf, nicht der rums, die Ueberwmdung seiner heutigen8 Stagnation, seine Erhebung zu einem. frei lebenden, fruchtbar und schöpferisch sich entfaltenden Organismus. Das Leben jedes Juden wird dadurch unermeßlich gewinnen. Die Schlacken des Ghetto, die wir durch die Emanzipation abzustoßen glaubten und die uns in Wahrheit noch heute anhaften, werden dann von uns abfallen. Eine neue Art Jude-Sein hat begonnen. Schon das Streben nach jenem Ziel hat uns verwandelt. Aber die Arbeit ist groß und der Weg ist schwer. Sie erfordern die Kräfte aller Juden, die an das Judentum glauben. Darum treten wir heute wieder an die Oeffentlichkeit des deutschen Judentums mit unserer Forderung. Sokolow in Sfiialrika Die zehnte Konferenz der südafrikanischen Zionisten. Kapstadt, 30. April. (Eigenes Telegramm.) Gestern fand hier in der großen Stadthalle ein großartiger Empfang für Nahum Sokolow statt; gleichzeitig die feierliche Eröffnung der X. Zionistenkonferenz der südafrikanischen Landesorganisation. Die gesamte südafrikanische Presse bczeichnet die Veranstaltung als einzig dastehend in der Geschichte der Judenheit Südafrikas. Der Vice-Pretti'.er T i e! m a n R o o s , der Wehrminister Colonel C r e ß w e 11 und der Oppositionsführer General Smuts würdigten die Bedeutung des Zionismus und rühmten die Führerpersönlichkeit Sokolows. General Smuts sprach eine volle Stunde; er schilderte die Vorgeschichte der Balfour-Deklaration, an der er selbst Anteil hatte und wandte sich dann scharf gegen diejenigen Juden, denen der Palästina -Aufbau gleichgültig ist Schließlich ermahnte er die Zionisten, dem Führer Sokolow die Loyalität zu bewahren. Der Bürgermeister von Kapstadt, der den Vorsitz führte, hielt eine Ansprache an den Ehrengast Sokolow, der Generalgouverneur, sowie Premierminister Hertzog sandten in warmen Tönen gehaltene Begrüßungsschreiben. Dem Empfang wohnten noch andere Minister, Parlamentarier, ausländische Konsuln, jüdische und nichtjüdische Notabein bei. Vom Dache der Stadthalle wehte die zionistische Flagge. — Von jüdischen Rednern sprachen Rev. Bendor , Mitglied des Parlaments, der Präsident der Zionistischen Organisation Alexander, Abrahams, Rabbi Mirvisch, Dr. Hindes u. a. m. Die Redner versprachen, daß die südafrikanische Judenheit für den K. H. die möglichsten Opfer bringen wird. Sokolow sprach zweimal und wurde mit unbeschreiblichem Enthusiasmus empfangen. Es wurde ihm eine hebräische Ehren ad resse der südafrikanischen Judenheit überreicht Im Exil kann das Judentum nicht regeneriert, kann m durch Reformen und philanthropische, Bemühungen hörhstens rur Abtrünnigkeit gebracht werden. Und das wird keinem, Reformator und keinem Tyrannen gelingen. Moses Heß (1862). Die sittliche Jndennot Von Max Nord au. Die sterblichen Ueberreste Max Nordaus wurden «einem letzten Wunsche entsprechend von Paris nach Palästina überiührt und, einem Telegramm aus Tel- Awiw zufolge, am 4. d. M. daselbst unter Massenheteiligung von über 20 000 Menschen zur letzten Ruhe beigesetzt. Der Jude des Westens hat die Emanzipation als wirkliche Befreiung gedeutet und sich beeilt, aus ihr die letzten Folgerungen zu ziehen. Die Völker bedeuten ihm, daß er Unrecht habe, so unbefangen logisch zu sein. Das Gesetz richtet großmütig die Theorie der Gleichberechtigung auf. Regierung und Gesellschaft üben eine Praxis der Gleichberechtigung, die aus dieser einen Hohn machen, wie die Ernennung Saticho Pansas zum glänzenden Posten eines Vizekönigs der Insel Barataria. E>er Jude sagt naiv: ״Ich bin ein Mensch und nichts Menschliches erachte ich mir als fremd.“ Ihm tönt die Antwort entgegen: ״Gemach, dein Menschentum ist mit Vorsicht zu gebrauchen; dir fehlen der richtige Ehrbegriff, das Pflichtgefühl, die Sitflichkeit, die Vaterlandsliebe, der Idealismus, und wir müssen dich deshalb von allen Verrichtungen fernhalten, die diese Eigenschaften voraussetzen.“ Das ist die sittliche Jud en no t, die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht. Der emanzipierte Jude ist haltlos, unsicher in seinen Beziehungen zu den Nebenmenschen, ängstlich in der Berührung mit Unbekannten, mißtrauisch gegen die geheimen Gefühle selbst der Freunde. Seine besten Kräfte verbraucht er in der Unterdrückung und Ausrottung oder mindestens in der mühsamen Verhüllung seines eigensten Wesens, denn er besorgt, daß dieses Wesen als jüdisch erkannt werden möchte, und er hat nie das Lustgefühl, sich ganz zu geben, wie er ist, er selbst zu sein, wie in jedem Gedanken und Gefühle, so in jedem Ton der Stimme, in jedem Augenlidschlag, in jedem Fingerspiel. Innerlich wird er verkrüppelt, äußerlieh wird er unecht und dadurch immer lächerlich und für den höher gestimmten, ästhetischen Menschen abstoßend wi: all« Unwahre. (Aus der L Kongreßrede, 1897.) Zionistische Orientierung Von Kurt Blumenfeld. Das Wort ,Judenfrage“ war, als der Zionismus et zuerst in die Oeffentlichkeit warf, Zauberformel. Di« neue, erregende Problemstellung beunruhigte die jüdische und die allgemeine Welt. Die jüdische Gesellschaft empfand schon die Behauptung von der Existenz dieses neuen Weltproblems als Bedrohung. Der Zionismus versprach in seinem politischen Programm die Lösung der Judenfrage. Das zionistisch« Programm wirkte überall, wo die Juden schon «nige Zeit an europäischer Entwicklung teilgenommen hatten, auf jeden zwingend, der anerkannte, daß die Juden eine nicht nur durch die Religion miteinander verbundene Menschengruppe sind. Es machte kaum einen Unterschied, ob ein Jude in Berlin im Jahre 1897 er« klärte, er arbeite an der Entwicklung eines lebendigen Judentums mit, oder ob er sagte, es gibt eine jüdische Schicksalsgemeinschaft, einen jüdischen Stamm, oder gar ein jüdisches Volk. Er war ein Revolutionär in den Augen der überwältigenden Mehrheit, die von den Zionisten mit dem Wort ״Assimilanten“ bezeichnet wurde. Diese Mehrheit hatte wenig dagegen, daß man ihr assimilatorische Tendenzen vorwarf, sie hielt sich selbst für entjudet, war überzeugt, daß der Antisemitismus eine vorübergehende Erscheinung ist, bemühte sich um die Zugehörigkeit zur nicht jüdischen Gesellschaft und trauerte nur den Zeiten nach, in denen man selbst dea Begriff der ״paritätischen“ Vereine noch nicht kannte. Die Judenfrage wurde zum Weltproblem, Die Gegner des Zionismus lehnen heute nur noch das Wort von der jüdischen Nation ab. Sie haben sich inzwischen angewöhnt, sich selbst für gute Juden zu halten, und sie beschäftigen sich mit der Judenfrage, sogar mit technischer Geläufigkeit. Eine ganze Literatur ist entstanden, in Zeitschrift«« "ua|' •in Monographien wird dal ftwweriäf In 'IÄ#:*P§li1 aufgelöst. Es gibt eine jüdische Statistik, man spricht über die Soziologie des Judentums. In den neutralst«! und harmlosesten jüdischen Vereinen, in denen nur über jüdische Vergangenheit, niemals aber über jüdische Gegenwart gesprochen werden durfte, werden heute anstandslos jüdische Tagesfragen erörtert. Echte Probleme sind zwar meist unlösbar, und die Menschen können sich immer aufs neue mit ihnen ab״ geben, ohne befürchten zu müssen, daß durch eine endgültige einmalige Antwort solch ein Problem für alle Zeit als erledigt betrachtet werden muß. Aber dea Problemen widerfährt es, daß sie ungelöst in die Eck« gestellt werden, wenn man sie eines Tages nicht mehr als so brennend und so schmerzhaft empfindet. Die Judenfrage war akut zur Zeit der unerhörten Frage- Stellung und der unerwarteten Aufroilung durch dea Zionismus; mit der chronisch gewordenen Krankheit beschäftigen sich auch diejenigen, die der ersten Problemstellung fassungslos gegenüber standen, in sehöner Gewißheit, mit den liebevoll erörterten Leiden uralt za werden. Auf die leidenschaftliche Spannung einer glutvollen Morgenröte folgte ein beruhigter Morgen. Die jüdische Gesellschaft hat iB den letzten dreißig Jahren ein anderes Aussehen erhalten. Die letzte andsemitische Weltwelle, die den gesellschaftlichen Ausschluß der Juden anstrebte, hat ihr Ziel erreicht. Die Jude« haben sich in Wahrheit mit ihrer neuen Situation ab׳• gefunden, die ihnen noch ga« nicht recht zum Bewußtsein gekommen ist. Sie leben heute ganz im eigenen Kreis: sic sind in Deu׳s111־׳and jüdisch organisiert, sie führen das grundsätzlich so entschieden abgelehnte Sonderleben. In der Wirtschaft und in der Politik gibt es allgemeine Zusammenhänge; im übrigen lebt man in bemerkenswerter Isolierung. ,,Verkehren tue ich nur mit Juden, bei den anderen bin ich nur zugelassen“, konstatierte selbst Walter Rathenau kurz vor seinem Tode ohne anklagende Betonung. Auch die durch Familientradition und Reichtum einflußreichste Schicht hat sich nach langem Zögern zum Anschluß an spezifisch jüdische Organisationen entnrblossen. Kurioserweise bleibt sogar den Anhängern des nationnldeutschen Dr. Naumann nur der jüdische Verein als die Form übrig, in der sie sich durchzusetzen hoffen. Der chronische Charakter der Judenfrage macht eine sorgfältig beobachtete Lebensdiät erforderlich. Jeder muß wissen, was er ohne Gefahr denken und sagen darf. Aufregungen sind in jedem Falle zu vermeiden. So ist das Ziel aller Beschäftigung mit dem eigenen Judentum die Banalisierung des jüdischen Lebens geworden. ,,Zwar ist noch nicht alles so. wie wir es wünschen, aber ein Fortschritt ist doch nicht zu verkennen. Es wird von Tag zu Tag besser, und wenn wie auch nach