Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 24-25 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eimehmmmer 0,60 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag W iS, Meinekestraße 10. Erscheint laden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bä der Expedition monatlich 145 Goldmark. Vierteliibrlich 5,25 Goldmark. K*«>*n««*not1a*1s«!>l» «׳•rd«o w d«t *lhron« dar •imelnen linder her»e!1net Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.fL, Berlin W15. Melnekeatr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Atxxd{g«opr«i•: 8 gctp*iLN0*p«m!i*t«U• 0,50 G.-M. St«Ilgtjgg*neh• 0,I5G״~M* ן Antetggmciilnfli Di •n s t«0 and h r i t a 0 n «eh 4 0 י י יוזז Uhr Telephon: Bismarck 7165 — 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für ÜMtorrnteb. Pa,l,j»rk1u»auat Wim Koala Nr. 154 0 JO, Für Tiekacboilowakai: PoiUptrkuMaaat Prag, Konto Nr. 9441a Für Polaa PaiUptrkuMnimt W*r«eh*& Konto Nr. ISO TOS RedaktionsschluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 24/25 | Berlin, 26. III. 1926 י״א ניסן. חיס״י | xxxi. jabrg. Des (isnismu• erstreb* tür das 'üdlache Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Melmstltte in Palästina. ,,Baseler Programm*** Von Knechtschaft zu Freiheit Politische Pessad14xedanken — Das Genfer Dekade — Die Lage in Syrien — Touristensaison in Palästina — Fünf Jahre Keren Hajessod ־־־ Dreißig Jahre Judenstaat - Besinnung auf die Idee — Aeugere Freiheit und innere Knechtschaft — Veni, creator spiritus Berlin, 25. März. Der wundersame Zusammenhang kosmischen Er- Wachens, nationaler Befreiung und menschlicher Erbebung, der das Pessachfest charakterisiert, gibt der alljährlichen Wiederkehr des Frühlings für uns eine symbolische nationale Bedeutung, hebt jedoch zugleich den Bericht über längst vergangenes historisches Oeschehen in die Sphäre der Allgegenwart. Freiheit und Knechtschaft sind nicht Zustände, die ein für allemal einander ablösten, sondern sie sind ewigem Wechsel unterworfen wie der Wandel der Jahreszeit. Der in Knechtschaft Gebannte strebt zur Freiheit, und der die Freiheit errungen hat, steht auf gefährdetem Boden, umlauert von den Gewalten, die ihn zum Knechte machen wollen Immer wieder brechen diese Gewalten in sein Schicksal ein, und ihrer sich zu erwehren, ist seine ewige Aufgabe. Für den Freien gilt das Wort, er sei verpflichtet, sich selbst so zu betrachten, als ob er aus Aegypten gezogen wäre. Die Freiheit, von der in dieser Festnacht gesprochen wird, ist nicht die durch die Distanz von Jahrtausenden getrennte eines großen historischen Tages, sondern die jedem Menschenleben mitgegebene Forderung. Sie muß sich bewähren im Leben der Gemeinschaft Immer wieder wird wiederholt daß Israel nicht aus Aegypten geführt wurde, um nun, der Knechtschaft ledig, hemmungslosen Trieben zu folgen, sondern um wieder -י zu dienen. Nicht der i&iiehe.de* Fronvogts, aber dm.Qabotdf■• •OeWwt.; übernommen, diesen Dienst zu erfüllen. Dies erst schuf die Nation, die trotz immer erneuten Schwankens und Zweifeln® zu der großen Tat fähig wurde, ein Leben in eigenem Lande zu begründen, dessen Sinn die Erfüllung des höheren Auftrages war. Im Anfang war der Geist. Ohne seine Bindung entsteht der Kampf aller gegen alle, der schließlich zur völligen Vernichtung führen muß. Auch dies ist bereits im jüdischen Mythos vorgezeichnet. Die zentrale Idee im Zusammenleben der Völker, für die das Judentum lebte und starb, war die Idee der Gerechtigkeit. Nur wenn Recht an die Stelle von Macht tritt, nur wenn alle einer Idee, die für alle Geltung hat, sich unterwerfen, kann ein Zusammenwirken der Menschen und der Völker, ein Bund der freien Nationen, geschaffen werden, der uns bessern Formen des Zusammenlebens entgegenführt. Der Weg zu diesem Ziele ist noch weit. Als vor acht Jahren die Entspannung nach furchtbaren Qualen der ganzen Menschheit sich näherte, da tönten Worte, die wir als Signale einer neuen Zeit grüßten. Aus all dem Grauen schien ein Morgenrot zu leuchten. Die Losungen der russischen Revolution und die Reden des großen Idealisten Wilson ergriffen die Herzen, die sich nach Befreiung sehnten. Gleiches Recht für große und kleine Nationen, gleiches Recht für Starke und Schwache und Verbündung der Völker zum gemeinsamen brüderliehen Neuaufbau der Welt — in diesen Gedanken erkannten wir uraltes jüdisches Geistesgut. In dieser neuen Welt mußte auch für das jüdische Volk die Stunde der Freiheit schlagen. Wir wissen heute, daß die Botschaft trügerisch war. Der Völkerfrühling ist noch nicht gekommen. w Die Osterglocken der christlichen Welt läuten in diesem Jahre noch nicht den Frieden ein. Wir stehen im Zeichen einer tiefen Depression, die angesichts des Mißerfolges von Genf ganz Europa ergriffen hat. Wir Juden sind von dem Schicksal des Völkerbundes besonders nahe berührt. Nicht nur weil Palästina, wo unser nationales Heim errichtet wird, unter der direkten Kontrolle des Völkerbundes steht, sondern weil überhaupt die Judenfrage nur durch eine internationale Organisation gelöst werden kann. Die Vorgänge der letzten Völkerbundversammlung sind nicht so sehr als Erelgnis bedeutungsvoll, da man den entstandenen Schaden schon wieder zusammenleimen wird, als vielmehr als Symptom für die Innern Zustände des Völkerbundes, die vielen bis dahin noch verborgen waren. Die Neu- Ordnung der gesamten menschlichen Gesellschaft, diese gigantische Aufgabe ist nur zu lösen durch Unter- Ordnung unter den Geist, der allein imstande äst, das ״Pfingstwundor“ der gemeinsamen Sprache zu ver* leihen. Die Mächte des Völkerbundes aber stützen sich bisher keineswegs auf ein allgemein anerkanntes ideales Prinzip, sondern sie verlassen sich lieber auf ihre gepanzerte Faust. Der Völkerbund hat den Charakter einer Zweckvereinigung angenommen, wie sie auch der Wiener Kongreß vor hundert Jahren hatte, der seinem Produkt sogar das Epitheton ״heilig“ gab. Er hat dem Wettrüsten keine Grenze gesetzt, weil er die Herrschaft des allgemeinen Mißtrauens und die oberste Geltung der egoistischen Machtinteressen nicht brechen konnte. Wird jedoch der Krieg nur aus momentanen Zweckmäßigkeitserwägungen unterlassen, dann ist es nicht berechtigt, von einer neuen Zeit zu sprechen. Die alten Mächte sind wieder erstarkt. Vielleicht wird das Genfer Mißlingen zur Besinnung führen, vielleicht werden auch die Völker selbst erkennen, welchen Gefahren sie entgegentreiben. Wir unterschätzen gewiß nicht die Hemmnisse. Wir wissen, daß menschliche Unzulänglichkeit und rein formale Schwierigkeiten der parlamentarischen Zusammenarbeit objektive Momente sind, die auch bei gutem Willen den Erfolg fast unerreichbar machen. In europäischen Parlamenten sehen wir oft völlige Ratlosigkeit und unser Zionistenkongreß, der wegen seiner parlamentarischen Schwerfälligkeit oft geschmäht wurde, bietet uns in kleinem Maßstab ähnliche Erfahrungen wie die gleichfalls aus aller Welt zusammenströmende Versammlung in Genf. Wenn freilich Im Parlament «w zünmg«B P|nltp1*tp-:44«r |dt>puoi|. lisli, j4r.r! Iran«, ' *9a«*«• Vttf CA« *"* IRrlHIwE■* ־ WC1QÖJ KaIU!v ■ GauH 5KIH unaCi kongreß beinahe rehabilitiert da. Hier wie dort müßte der entschlossene Wille za dem notwendigen Ergebnis führen, wenn alle Beteiligten das Bewußtsein behielten, auch zu Verzichten verpflichtet zu sein um der Idee willen. Der Wettbewerb um materielle Ziele und die rücksichtslose Vertretung der eigenen Interessen sind nicht das Merkmal nationaler Freiheit Der Sinn der Freiheit ist die Verantwortlichkeit für das Ganze, die gestaltende Tat Der Völkerbund hat, schrieb der ״Manchester Guardian“, keine unabhängige Existenz. Er äst nur das, was die Regierungen der Welt aus ihm machen und diese Regierungen bestehen aus Menschen von dem gleichen Fleisch und Blut wie die, die den Krieg ge* macht haben. Sich selbst überlassen werden sie stets die Methoden der Vorkriegsdiplomatie in den Völker* bund hineintragen. Der Völkerbund ist nur eine Ma* schine, und wenn die Demokratien der Welt nicht die Treibkraft beistellen, wird sie von denselben Mächten getrieben werden, wie die alte Diplomatie eines mehr skrupellosen als erleuchteten Eigeninteresses. * Auch im mittleren Orient ist der Friede noch nicht eingekehrt Bald vier Monate weilt jetzt der neue französische Oberkommissär de Jouvenel in Syrien, und obwohl man auf die Geschicklichkeit des für Völkerbundsgedanken begeisterten Zivilisten große Hoffnungen gesetzt hatte, war er bisher nicht glücklicher als die Generäle, die er ia der Verwaltung abgelöst hat Er vermochte weder die aufständischen Drusen zur Waffenabgabe zu veranlassen, noch der schwierigen innern Probleme Syriens, die durch die Rivalität der Sekten und durch die von Frankreich durchgeführte Einteilung in autonome Provinzen kompliziert wird, Herr zu werden. Die Drusen, die sich als Exponenten des nationalen Befreiungskampfes fühlen, haben ungeachtet der Kornpromißnelgung syrischer Notabein ein Maximalprogramm als Friedensbedingung gestellt, das Jouvenel brüsk abgelehnt hat und vielleicht ablehnen mußte. Der Ver* such, Wahlen zu einer unter französischem Einfluß stehenden Nationalversammlung durchzuführen, ist gescheitert. Frankreich steht nun vor der Notwendigkeit, den Krieg weiterznführen und wird erheblicher militärischer Kräfte bedürfen, deren Bewilligung in der Heimat ziemliches Mißvergnügen erregen dürfte. Es ist gegenwärtig nicht abzusehen, wann und wie der Kampf zu Ende geführt werden wird. Es ist aber wahrscheinlich, daß Frankreich zu größeren Konzessionen genötigt sein wird, schon weil die Stimmen immer lauter werden, die gegen die französische Interpretation der Mandatsidee Stellung nehmen. Diese Stimmen kommen auch aus England, und die wechseln* den Konstellationen in der europäischen Politik, im Völkerbund usw. lassen kein Urteil darüber zu, inwieweit der Gedanke der englisch-französischen Zusammenarbeit im Nahen Osten, der seit Jouvenels Ernennung immer wieder nachdrücklich proklamiert wurde, noch volle Geltung hat. Die Verhandlungen Jouvenels in Angora sind in London mit Mißtrauen verfolgt worden. Der englisch-türkische Gegensatz ist zwar seit der Mossul* Entscheidung des Völkerbundes in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen, aber noch keineswegs beigelegt. Der Oberkommissär des Irak, Sir Henry Dobbs, sagte dieser Tage, er hoffe, mit Angora zu einer Verständigung zu kommen, um so mehr als der Gedanke eines unabhängigen Kurdistan, der die Türkei beunruhigt hatte, endgültig aufgegeben ist. England will nunmehr an die Ausführung einer großen Bewässerung herantreten und gleichzeitig werden die Oelquellen von Mossul unter die Bohrmaschine genommen werden. Durch den hierdurch geschaffenen Wohlstand hofft England, auch die Araber zu gewinnen. Eine Ermutigung der türkischen Agressivität durch Frankreich würde dieses Programm stören. Jouvenels lange angekündigter Besuch bei Lord Plumer soll Im April endlich stattfinden. Vielleicht wird bei dieser Gelegenheit mehr besprochen werden als bloß die Frage der syrisch-palästinensischen Grenzregelung. Die Sicherung gegen Einflüsse aus den» Norden hat der französischen Position in Syrien bisher wenig geholfen; ob Frankreich vom Süden auf dMrtt JfeMfa.'-lP11"» s.cheint. uns. zweifelhaft Da das liäilamandät spezifische internationale .,Aufgabe zu lösen hat, sondern lediglich aämftroifmwmi Beistand für die Bevölkerung sichern soll, wird eip Weg gefunden werden müssen, diesen Zweck zu erfüllen, ohne die nationalen Aspirationen der Syrer zu verletzen. Palästina ist von den Vorgängen im Norden, auch wenn es zu einem neuen Kriege kommen sollte, nicht direkt betroffen, leidet aber durch die Unterbrechung der wirtschaftlichen Beziehungen nicht unerheblich. Die Ruhe des Landes ist nach den Erklärungen des Oberkommissärs gesichert, und am 1. April soll Palästina und Transjordanien militärpolitisch zu einer Einheit verbunden werden. Durch die Verhandlungen Claytons wurde die Grenze gegen die Wahabiten festgesetzt, und die neue Lage des Gesamtgebietes erfordert nach Ansicht Lord Plumers eine militärische Reorganisation. Dies war die Wurzel der viel erörterten Gendarmerieplane, deren Durchführung allmählich vonstatten geht. Lord Plumer hat die Delegierten des Waad Leurni empfangen und mit ihnen über ihr Memorandum gespiochen. Es scheint festzustehen, daß, obwohl der odiose Erlaß annulliert wurde, praktisch dennoch aus Zweckmäßigkeitsgründen nur wenige Juden in die Grenzkorps Aufnahme finden werden. .* Zu Pessach streifen unsere Gedanken seit Jahrhunhunderten nach Jerusalem. Was vordem nur blasse Erinnerung war, hat jedoch heute konkrete Formen angenommen. Die Pessachfahrt nach Palästina ist in der ganzen jüdischen Welt Uebung geworden. Nicht allen freilich ist es vergönnt, diese Reise zu machen, doch wird sie in steigendem Maße die Sehnsucht jedes Juden werden. Pessach bildet den Höhepunkt der Touristen- Saison. In diesem Jahre allerdings wird der Besuch weit hinter dem vorigen Zurückbleiben. Der Wirtschaftliehe Zusammenbruch des polnischen Judentums, die Wirtschaftskrise in Mitteleuropa haben den Touristenström aus diesen Ländern stark zusammenschrumpfen lassen. Daß dies ein materieller Verlust für das Land ist, braucht kaum erwähnt zu werden. Es ist zu hoffen, daß der Zustrom aus den überseeischen Ländern den Ausfall wenigstens teilweise wettmachen wird. Ein Vergleich mit dem Vorjahre kann allerdings nicht angesteilt werden. Denn das zentrale Ereignis, das Massen aus aller Weit anzog, war die Eröffnung der Universität. Wir alle wissen, daß es auch heute noch kühn ist, von einer ״Universität“ zu sprechen. Trotzdem können wir mit Befriedigung den ersten Jahrestag der Gründungsfeier begehen. Denn in diesem Jahre hat das Institut, aus dem sich einmal unsere Universität entwickeln soll, in aller Stille und Redlichkeit gearbeitet, die Grundlagen befestigt, langsame Fortschritte gemacht; , es ist Pionierarbeit, die von den Forschern und Helfern