Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 16 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652801--18084-2675813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
* JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag W 15, McinekeatraBe 10. Erscheint jeden Dleaatag und Freitag, Bezsgepreia bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. Viertelj&hrHeh 555 Goldmark. AaMandubeaarawat■ werden tu der Wlhnm* der •iaulee» Linder berechnet Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rtwdachau G.m.b.R, BerlinW!5, Meiackestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon! Bismark 7165-70. Postscheckkontos Berlin Nr. 17397. F#r Oeetwreieh; Potfcmerkuaeaunt Wien. Konto Nr. ISO030. Für TicherheeUwrhih Portrporkamauunt Prag, Knote Nr. $9410. Für Feien! Pertiperknnenunt Wanehaa, Konte Nr. 190708. RedaktionsscbluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 16 | Berlin, 26.0.1926 Aa!el|Mprtiss SgerprlLNoapnreßlereÖ« 0,50 G.-M. StelUafMaehe 0.25G.-M. AnxelfcsncUaB: Diemteg and Freitag nachmittag 4 Uhr. י״ב אדר׳ תרס״ו | xxxl JahrB. Dev Zionismus erstrebt Mr das Jüdische Velk die Schaftuna •Hier «ffentUch. rechtlich gesicherten Heimstätte ln Pallstlna. .,Basalar Programm.*• Arthur Ruppin Zn seinem SO. Geburtstag Von Adolf Böhm» Wien. Arthür Ruppin wird am t. März fünfzig Jahre alt. Die zionistische Welt gedenkt an diesem Tage mit herzlicher Sympathie und warmer Dankbarkeit des Mannes, der der Schöpfer des neuen zionistischen Pa* lästinawerkes ist. Uns aber sei dies ein Anlaß, nebst unseren Grüßen und Glückwünschen an den Jubilar, über diesen Führer auf dem Wege zu unserer nationalen Wiedergeburt ein paar Worte zu sagen,, um so mehr, als er selbst in viel zu bescheidener Weise es immer verstanden hat, sein persönliches Verdienst in den Schatten zu stellen. Sein Rücktritt vom Amte, der seinem offiziellen Wirken eine Ruhepause setzt, ermöglicht einen Ueberblick über die bisherige vieljährige unermüdliche Tätigkeit.' Die Laufbahn Ruppins zeigt, daß er stets den gewohnlichen Pfad zum Erfolg verschmähte, immer die schwierigsten Aufgaben suchte und sich, seiner universeilen Veranlagung entsprechend, dabei niemals auf ein begrenztes Gebiet einengen ließ. In jungen Jahren war er Kaufmann. Sobald er aber einiges Geld erübrigt hatte, verließ er diesen Beruf, in dem er große Erfolge errang, und zog an die Universität Halle, um zu studieren. Es war für ihn sehr schwer, sich in eine bestimmte Fakultät einzwängen zu lassen, denn sein Interesse umspannte alle Wissensgebiete. Er inskribierte zwar auf der philosophischen Fakultät, aber er hörte vom frühesten Morgen bis in die tiefe Nacht Vorlesungen auf allen Fakultäten, selbst auf der theologischen. Sein besonderes Interesse galt den Natur- und den Sozialwissenschaften. Das ersparte Geld reichte nicht lange, da kam ihm ein Zufall zu Hilfe, oder besser gesagt, er half sich selbst. Die Universität Jena hatte «§ ־.;Preisausschreiben für eine Arbeit erlassen, welche 'i^::^@aa1ninhing«^yon Naturwissenschaften und .Sozioan '1der׳Konkurrenz׳und erhielt de« ersten Preis von baren 300 Goldmark. Diese Preissthrilt ist 1903 Ämter dem Titel ״Darwitflsitius und Sozialwissenschaft“ (Verlag Gustav Fischer, Jena) erschienen. Er zeigte sich darin als ebenso gründlicher Kenner der naturwissenschaftlichen Entwicklungslehre, wie dfer Soziologie, ln politischen Fragen nahm er einen ziemlich konservativen Standpunkt ein, wenn er auch die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel als wahrscheinlich für eine ferne Zukunft bezeichnete. In seiner theoretischen Haltung ist eine Hinneigung zu den Lehren Rudolf Stammlers unverkennbar. Ruppin machte darauf — nicht das juristische — sondern das philosophische Doktorexamen, gleichzeitig absolvierte er die juristischen Staatsexamina und wurde für kurze Zeit preußischer Assessor. Sein Interesse an jüdischen Fragen War stets lebendig gewesen. Schon seit dem ersten Zionistenkongreß zahlte er den Schekel. Er hatte aber für die rein politische Richtung der damaligen Bewegung wenig übrig und sein Standpunkt war schon zu jener Zeit derjenige der späteren ״Fraktion“ und der ״praktischen“ Zionisten. Sein wissenschaftliches Gewissen trieb ihn an, die Judenfrage gründlieh zu untersuchen, und er veröffentlichte 1904 die soziologische Studie: ״Die Juden der Gegenwart“. Diese Arbeit war quasi sein ״Entreebillett“ für sein praktisches Wirken in jüdischen Angelegenheilen. Der ״Verein für jüdische Statistik“, 1903 durch Dr. Nossig gegründet, der schon ein Jahrbuch herausgegeben hatte, dem aber eine straffe und auslesende Redaktion fehlte, wandte sich wegen Mitarbeit an Dr. Ruppin, der einwilligte, das Büro des Vereins zu übernehmen und auszugestalten, namentlieh durch Herausgabe der ״Zeitschriftfür Demographie und Statistik der Juden“, die unter seiner Leitung die Zentralstelle für die einschlägige Forschung wurde. Ruppin veranlaßte auch die Veranstaltung von Spezialuntersuchungen über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern, als deren Fracht das Büro neue Monographien herausgeben konnte. In seinen Werken hat Ruppin von allem Anfang an bis heute stets dieselben hohen Vorzüge seiner Denk- und Schreibweise erkennen lassen: Vollständige Beherrschung des Materials in all den grandverschiedenen Disziplinen, die er zu behandeln hatte, knappste und klarste Hcrausarbeitung des Wesentlichen, absolute Sicherheit in der Urteilsfällung, dem Aufbau und der des Werkes aus den Notwendigkeiten des , m daß seine Bücher ausnahmslos literarische .~ ,sind. In der ersten Auflage seiner ״Juden der Gegenwart“ war Ruppin noch skeptisch in bezug auf die Möglichkeiten Palästinas, namentlich dessen Fassungskraft, gewesen. So wie er es aber bei seinen soziologischen Arbeiten über die jüdische Frage für notwendig gehalten hatte, an Ort und Stelle Studien über das Ostjudentum anzustellen, so fühlte er sich genötigt, auch Palästina zu besuchen, um die Verhältnisse dort zu studieren und sein Urteil auf Grand seiner Eindrücke nachzuprüfen. Er fuhr, mit einem Studienauftrag der zionistischen Leitung ausgestattet, 1907 zu halbjährigem Aufenthalt nach Palästina. Diese Reise war von grundlegender Bedeutung für seine Anschauungen und seinen ferneren Lebensweg. Er erkannte, daß Palästina größere Möglichkeiten habe, als er von der Ferne geglaubt hatte. In einer längst vergessenen Broschüre ״Die w i r t - schaftliche Lage der Juden in Palästina“ (190S Verlag des jüdischen Kolonisationsvereins Wien) hat er seine Eindrücke zusammengefaßt. Schon in dieser Broschüre hat er neben der Kritik an der Rothschildsehen Administration, die damals Allgemeingut war, die wichtigsten Erfordernisse einer neuen landwirtschaftliehen Arbeit Im Lande angegeben : Bessere berufliche Vorbildung der Ansiedlungsbewerber, Einführung gemisdtter Wirtschaft, Heranziehung der Frauen, insbesondere für Milchwirtschaft, Gemüse- und Geflügelzucht, Ausbildung des Kreditgenossenschaftswesens u. a. m. Nach Europa zurückgekehrt, machte er der zionistischen Leitung den Vorschlag, sie möge ihn nach Palästina als Leiter des neu zu schaffenden Palästina-Amtes senden. Zur Bedingung stellte er, daß seine Vorschläge: — Gründüng der P. L. D.C. and Ermöglichung der Entstehung von Tel-Awiw durch ein Darlehen von 300000 Frcs. seitens des K. K. L. an die Baugenossenschaft ״Achuzath Baith“ — angenommen werden, was auch geschah. Im Frühjahr 1908 ging Dr. Ruppin mit Dr. Jakob Thon nach Palästina. Damit begann die Periode der systematischen Palästina-Arbeit der Zionistischen Organisation in Palästina, die Dr. Ruppin bis zum Friedensschluß allein geleitet hat. Ueber diese Arbeit hat er selbst in seinem neueste« Buche ״Die landwirtschaftliche Kolonisation der Zionistischen Organisation in Palästina“, auf dessen Lektüre hier verwiesen werden muß, ausführlich berichtet. Was aber nicht darin steht ist, daß ohne das schöpferische Ingenium Ruppins kaum ein Schritt auf jenem Weg gemacht worden wäre, der schließlich aus den trostlosen Zuständen des damaligen Jischub zu neuen und richtigen Methoden geführt und mit welchen Widerständen er zu kämpfen gehabt hatte. Selbst die Leitung der Zionistischen Organisation stand den Plänen Ruppins kühl gegenüber. Er mußte alles quasi gegen ihre passive Resistenz ja nicht selten gegen offenen Widerstand und völlige Interesseloslgkeit der Zionisten durchführen. Seine erste Schöpfung, die P. L. D.C., war als ein Institut gedacht, das nicht nur die schwierige Bodenkaufstransaktionen vollziehen, sondern auch die Böden parzellieren, die ersten Ameliorationen durchführen und dadurch fertige Oüter schaffen sollte, nach Art des Vorgangs bei der ״inneren Kolonisation“. Ruppin hatte für die P. L. D. C. von Anfang an ein Kapital von 50000 Pfund vorgesehen. In den sechs Jahren bis zum Weltkrieg waren erst, 25000 Aktien za 1 Pfund abgesetzt worden, Das ist ein Durchschnitt von 2500 Pfund im Jahr! Mit solchen Mitteln konnte natürlich die P. L. D. C. nur einen ver* schwindenden Bruchteil ihres Planes verwirklichen. Ruppin hatte auch mit Widerständen in Palästina selbst zu kämpfen. Das Prinzip moderner Verwaltung durch Beamte, die nach festgesetzten Richtlinien Ent- Scheidungen unter alleiniger Verantwortung treffen, war den Chowewe-Zion-Führern in Erez-Israel neu. Sie hatten stets nur als Komitees beraten, entschieden und gearbeitet. Auch war der neue Mann, der ״preußische Assessor“, der nicht aus dem vertrauten russisch-jüdisehen Milieu kam, ihnen ein Fremder. Es steht in Ruppins Buch nichts darüber, wie rasch er sich durchgesetzt hat und wie er bald die oberste jüdische Autorität des Landes, die höchste Instanz geworden ist, der damalige freiwillig anerkannte ״High Commissioner“ des jüdischen Palästina. Insbesondere waren es die jüdischen Arbeiter, für deren Ziele und deren Wert für die nationale Sache Ruppin, der auch den Vertrag über die erste Kwuzah geschlossen hat, allein das richtige Verständnis besaß. Kein Wunder, daß ihm die Arbeiter unbegrenztes Vertrauen entgegenbrachten und auch heute noch entgegenbringen. Ruppin hat aber auch von Anfang an die Notwendigkeit erkannt, Leute mit eigenen Mitteln zur Kolonisation heranzuziehen und den Plan der Achusoth (Pflanzungsgesellschaften) dafür entworfen. Das Palästina-Amt wurde unter seiner Leitung eine Art Ministerium. Agronomen, Techniker und andere Fachleute wurden herangezogen, ein Auskunftsdienst eingerichtet und, was bei Rappins besonderer Vorliebe für den Gegenstand nicht wundernehmen kann, genaue statistische Aufnahmen durch Zählungen veranstaltet* Im Jahre 1911 veröffentlichte er eine zweite Auflage seines Buches ״Die Juden der Gegenwart“. Sie war gegen die erste völlig verändert. Zunächst war die Anlage eine ganz neuartige. Der erste Teil zeigte die Wirksamkeit der dissoziierenden Kräfte, die die Jüdeaheit zur Auflösung bringen, in eindringlicher, soziologisch-statistischer Darstellung, der zweite das pp» diese wegung. Hatte man nach dem ersten das Gefühl: Jasciate ogni speranza, so brachte der zweite die Peripetic, den Schicksalsumschwang, die Katharrsis, die Reinigung und Befreiung. Den Zionismus stellte er so als eine natürliche Reaktion des jüdischen Lebenswillens auf jene auflösenden Tendenzen dar, als sein Ziel (unter den damaligen politischen Umständen) bezeichnete er die Schaffung eines jüdischen ״Kristall!- sationskerns“ mit der Landwirtschaft als ökonomischer Basis und dem Hebräischen als nationaler Sprache. Zum erstenmal erschien Dr. Ruppin am XI. Zionistenkongreß (Wien 1913) vor der zionistischen Oeffentlichkeit, um in einem groß angelegten Referat die Grundlinien seiner Arbeit darzulegen und gegen die sehr scharfe Kritik der ״Politiker“ zu verteidigen. Er prägte darin das Wort von der ״Ueberalterung“ der vorzionistischen Kolonisation, legte die Notwendigkeit der Anlage der nationalen Formen dar, namentlich zur Heranbildung eines Stammes tüchtiger landwirtschaft- Iicher Arbeiter, er sprach von der Notwendigkeit des landwirtschaftlichen Kredits und sagte: ״Ohne Agrarkredit keine größere Kolonisation, aber ohne vorhergehende Kolonisationsarbeit ist auch kein Agrarkredit möglich.“ Wir befinden uns heute noch genau in demselben Zirkel, da wir noch immer keine konsolidierten Wirtschaften haben. Ruppin hat durch seine vielfach angefochtene Tätigkeit bis zum Kriege jedesfalls den Weg zur neuen Aera gebahnt. Er mußte ihn erst durch tastende Versuche finden. Heute denkt kaum jemand mehr daran, welche Leistung er durch die Inaugurierung der neuen Kolonisation vollbracht hat, obzwar ohne diese auch der politische Erfolg nicht errungen worden wäre. Während des Krieges wurde Ruppin, obwohl er deutscher Staatsbürger war, von Djemal Pascha ausgewiesen, durfte aber in Konstantinopel bleiben. Djemal wäre es natürlich sehr unangenehm gewesen, einen so genauen Kenner der Landesverhältnisse und scharfsinnigen Beobachter in seiner Nähe zu haben. Er beauftragte Ruppin, um ihn abzulenken, eine Arbeit über die Wirtschaft Syriens zu schreiben. Dank dieses offiziehen Auftrags konnte Ruppin sich alle amtlichen Quellen erschließen. So entstand 1917 sein Werk: ״Syrien als Wirtschaftsgebiet“, das inzwischen neu aufgelegt wurde, ein Buch, das von allen Fachleuten als das beste über diesen Gegenstand anerkannt wurde. Es ist eine wahre Fundgrube für das ganze einschlägige Material. Palästina ist darin als ein Teil des damals türkischen Syriens behandelt. Auch heute noch kann keine ökonomische Arbeit über Päy|* lästina ohne Zuhilfenahme dieses Werkes geschrieben» werden. Die FüJle des knapp und übersichtlich;!SiliSililS.,.., י♦;. # 4#.: ,י