Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1926)
- Date
- 1926-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag W 15, Meinekestraße 10. Erscheint Jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, Vierteljährlich 5,25 Goldmark. AsilftBcUaboflnesieats werden to der Währung der einzelnen Linder berechnet. Nummer lt | Berlin, 9. II. 1926 Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. AaidfeapnUi 8 {*•ptit JtespsreiUenll• 0,50 G.-M. SUD •»{**11*11* 0.25G.-M. AueiguäeUnS: Dienstag und Freit*{ n *eh m i 11» g 4 tlhr. Telephon: Bismark 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für 0««twT*ich! P0*l»parka»aet1*mt Wien, Konto Nr. 15*030. Fflr Tschecboslnwn'nt i 1 P0*Up*fk*uen*1nt Prag, Konto Nr. 59410. Für Polen: Poatiparkaiaenamt Warachau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln PalSstina. ״Baseler Programm." Die Spaltung im jüdischen Sejmklub Kampf um .die polnisch-jüdische Verständigung Warschau, 6. Februar. (J.T. A.) Die nach einem langwierigen Kampf der Meinungen vollzogene Spaltung Im jüdischen Parlamentsklub hat in der jüdischen Ocffent- Hchkeit Polens großen Eindruck gemacht. Noch gibt man die Hoffnung nicht auf, daß durch Einwirkungen von außen ein Ausgleich der Gegensätze herbeigeführt und die Einheit de!־ jüdischen parlamentarischen Vertretung erhalten bleiben werde. Abg. Dr. Leon Reich, der das Präsidium des Klubs niedergelcgt hat, erklärte Vertretern der Presse, daß nicht erst die letzten Auseinandersetzungen im Klub ihn zur Resignation bewogen haben. Schon lange habe er den Entschluß zum Rücktritt gefaßt, da trotz gewisser Erfolge im Zusammenhang mit dem polnisch-jüdischen Abkommen die Opposition im Klub nicht abgesclnvücht worden ist. Er nehme das Vertrauensvotum des Klubs für seine Person mit Genugtuung entgegen, er könne aber noch nicht sagen, ob er an der Resignation fcsthalten wird oder nicht. Abg. Dr. Schipper, der mit einer Anzahl Kollegen aus dem Klub ausgetreten ist, erklärte Pressevertretern gegenüber, dieser Schritt sollte der jüdischen Oeffentlicltkeit signalisicre.n, welche Gefahren eine weitere Befolgung der Politik des Klubs in sich birgt. Schipper erklärte: ״Ich und meine Kollegen sind bereit, in den Klub zurückzukehren, sobald die Mehrheit ihre Politik gemäß der katastrophalen Lage der polnischen Judcnheit führt, d. 11. eine entschiedene oppositionelle Taktik einschlägt.“ Warschau, 7. Februar. (J. T. A.) Die Krise innerhalb des Klubs der jüdischen Deputierten und Senatoren dauert an. Die entscheidende Sitzung des Klubs kann infolge der Abwesenheit von Dr. Leon Reich, der jetzt in Wien weilt, erst Ende dieser Woche abgehalten werden. Das Präsidium des Oberrats der Zionistischen Organisatkm ganz Polens hat für Dienstag, den 9. Februar, eine;«?Bifsitzmjg. de$ •Oberrats eiaberüjen,' tun die .Ereignisse Iss früheren Präsidenten und Vizepräsidenten des Äiibs, Dr. Reich und Dr. Rosmarin, aus dem zionistischen Oberrat. Die der Partei ״Hitachduth“ angehörenden Mitglieder des Klubs haben die Parteileitung aufgefordert, darüber zu beschließen, ob die Hitaehduth-Abgeordneten auch weiter dem jüdischen Parlamentsklub angehören oder ihren Austritt aus dem Klub vollziehen sollen. * Zur Vorgeschichte der Spaltung wird berichtet: Warschau, 5. Februar. (J. T. A.) Die Krise innerhalb des Jüdischen Parlamentsklubs in Polen hat ihren Höhepunkt erreicht, eine Spaltung scheint nach der Ansicht eingeweihter Personen unvermeidlich zu sein. Gestern, den 4. Februar, nachts, hielt der Klub, wie wir bereits in der vorigen Nummer kurz gemeldet haben, abermals eine Sitzung ab, um die .Meinungsverschiedenheiten zu klären. Es kam zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen der linken und der rechten Gruppe. Der linke Flügel, der sich aus Anhängern des Abg. J. Grünbaum zusammensetzt, forderte energisch eine oppositionelle Stellung zur Regierung, nachdem auch die gegenwärtige Regierung Skrzynski keine Neigung zeigt, .die jüdischen Postulate sowie das Abkommen der früheren Regierung mit der jüdischen parlamentarischen Vertretung zu erfüllen. Ferner stellte die Linke einen Mißtrauensantrag gegen das jetzige Präsidium des Klubs, welches seinerzeit das Abkommen mit der Regierung Grabski abgeschlossen hat, ohne darauf bedacht gewesen zu sein, die notwendigen Garantien für die Erfüllung zu erhalten. Der Antrag der Linken wurde mit 17 gegen 13 Stimmen abgclchnt. Abg. Dr. Schipper, der während der An- Wesenheit Grünbautns in Berlin die Führung der Klub-Opposiiiot! inne hat, rief der Klubmehrheit zu: ״Ihr seid Memmen! Wir erklären hiermit, daß •wir aus dem Klub austreten!‘‘ Daraufhin erklärten der Präsident des Jüdischen Klubs Dr. Leon Reich und Vizepräsident Dr. Rosmarin, daß sie ihre Aemter niederlegen, damit eine Spaltung des Jüdischen Klubs vermieden werde und die Einheit der jüdischen parlamentarischcn Vertretung gewahrt bleibe. Ein Mitglied der Klubmehrheit brachte ein Vertrauensvotum für «las Klub- Präsidium ein, welches bei namentlicher Abstimmung angenommen wurde. Die Abgeordneten Dr. Reich und Dr. Rosmarin erklärten, daß sie trotz des Vertrauensvotums auf ihrer Resignation beharren. Daraufhin wurde der Misrachist Abg, Farbstein zum provisorischen Vorsitzenden des Klubs gewählt. Heute, Freitag, den 5. Februar, trat der Oberrat der Zionistischen Organisation Polens zu einer Sondersitzung zusammen, der auch die zionistischen Sejmdeputierten beiwohnten. Es wurden die Ereignisse im Jüdischen Klub einer eingehenden Betrachtung unterzogen und beschlossen, einen letzten Versuch caum «bei Sollte es zu einer Spaltung des Jüdischen Klubs kommen, so würde die Opposition einen neuen Klub unter dem Titel ״Jüdischer demokratischer Klub“ bilden, der im polnischen Sejm eine eigene Politik führen .wird. An der Spitze des neuen Klubs, dem 12 Deputierte und Senatoren angeboren werden, wird J. Grün bäum stehen. (Abg. Grünbaum weilt bekanntlich gegenwärtig in Berlin, wo er der vor kurzem abgehaltenen Tagung der Vereinigung radikaler Zionisten beigewohnt hat.) * Wie uns Herr Grünbaum mitteilt, würde, falls die Spaltung des Klubs irreparabel bleibt, die Vertretung der jüdischen Abgeordneten in den einzelnen Kommissionen nicht geschwächt werden, da beide jüdischen Klubs über die nötige Mitgliederzahl verfügen werden. Das amerikanische Kapital und Palästina Am 16. Januar ist Dr. Georg Halpern, der Direktor des Jewish Colonial Trost und der Anglo-Palestine Company nach mehrwöchigem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten nach London zurückgereist. Vor seiner Abreise veröffentlichte er im ״New Palestine“ folgendes Schreiben•: ״Der Zweck meiner Reise nach den Vereinigten Staaten war, zu untersuchen, auf welche Weise die Verbindung der amerikanischen Banken mit dem Jewish Colonial Trost und der Anglo-Palestine Company gefestigt werden könnte. Natürlich habe ich in erster Reihe an solche Banken gedacht, die der Zusammensetzung ihrer Administration und I vor allem ihrer Kundschaft nach am meisten dafür Interesse haben dürften. Man weiß, daß einige Banken in den letzten paar ,Jahren sich dermaßen außergewöhnlich entwickelt haben, daß sie in! ökonomischen Leben der amerikanischen Judenheit einen wichtigen Faktor bilden. Ihre Depositen, die in zwei Banken je 1Ö0 Millionen Dollar übersteigen, haben eine Höhe erreicht, die, gemessen selbst an denjenigen sehr großer Banken, als recht bedeutend bezeichnet werden muß. Ich glaube, daß die Depositäre dieser Banken zum größten Teil Ostjuden sind. Mein •Eindruck, daß die wirtschaftliche Position dieser Gruppe der jüdischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten sich in den letzten Jahren gestärkt hat und in Zukunft noch weiter stärken wird, ist von Fachleuten bestätigt worden. Die Kundschaft dieser Banken hat für Palästina das stärkste Interesse. Neben dein allgemeinen Interesse dieser Kreise an Palästina haben viele von ihnen dort Verwandte, oder sie sind durch Bodenbesitz oder Beteiligung an Unternehmungen direkt am Lande interessiert. Der Geldverkehr von Amerika nach Palästina und in gewissem Grade auch von Palästina nach Amerika erreichte Summen, die an sich ein Geschäft bereits verlockend machen. All diese Umstände haben bei diesen Banken eine vertieftere Kenntnis und Beachtung der ökonomischen Entwicklung Palästinas mit sich geführt. Zu meiner Freude habe Ich für meine Ansicht, daß solche Banken ln ständig steigendem Maß an der ökonomischen Entwicklung Palästinas teilnehmen sollten — innerhalb ihres Bankgescliiftsrahmens natürlich — Verständnis und Sympathie gewonnen. Ich hoffe, ich habe diesen Banken klargemacht, daß sie, wenn sie die nötige Vorsicht walten lassen, dasselbe Maß von Sicherheit für Kreditoperationen in Paläs t i n a haben können wie bei irgendeiner anderen ausländischen Transaktion, und daß an der Tatsache gar nichts Ueberraschendes sei, daß Palästina, wie jedes andere Land der Welt, sich dem amerikanischen Geldmarkt zuwende. Ich zweifle nicht, daß die angeknüpften Verbindungen sich weiterhin festigen werden. Ebenso wie die amerikanischen Juden bei der großen Sammeltätigkeit für palästinensische Fonds eine entscheidende Rolle spielen, werden sie auch jetzt zwei feilos sich an den rein geschäftlichen Unternehmen in Palästina in stärkerem Maß als bisher beteiligen. Niemals war es mir so klar wie jetzt, daß Palästina für die große Masse der amerikanischen Judenheit ein ökonomisches Faktum ist, und daß sie bereit ist, in dieser Richtung an dem Aufbau Palästinas teilzunehmen. Das starke Interesse, das sidi in den palästinensischen Investierungen zeigt, die Sicherheit, die man in sie setzen kann, wie z. B. in die Fonds der Allgemeinen Hypothekenbank für Palästina, ist daher leicht erklärlich. Die Ueberzeugung, daß die amerikanischen Juden ihren in Osteuropa lebenden Verwandten wirtschaftlich dadurch am besten helfen, indem sie ihnen beistehen, sich in Palästina eine Existenz zu gründen, wird immer verbreiteter. Mit besonderer Freude konnte ich die Tatsache feststellen, daß die Zahl derer, die über die Verhältnisse in Palästina persönlich Auskunft zu haben wünschten, mehr und mehr steigt. Ich wünschte, so viele wie nur möglich gingen im Frühjahr von ihnen nach Palästina, um die Investierungsmöglichkeiten zu untersuchen. Ich zweifle nicht, daß dies zu einer vitalen Kräftigung der Geschäftsverbindung Amerikas mit Palästina führen würde.״ Der ״Monat der Zionistischen Organisation“ Die Exekutive der Zionistischen Organisation teilt mit: Herr Felix Rosenblüth wurde von der Exekutive eingeladen, die Leitung der ״Monat Ijar-Aktion“, (״Monat der Zionistischen Organisation“) zu übernehmen. Die Einwanderung im Jannar liu Monat Januar 1926 sind nach Palästina 2100 Personen . eingewandert. Die dritte Front Der russische Volkskommissar für Bildungswesen Lunatscharski sprach zu Beginn seines Berliner Vortrags davon, daß man im neuen Rußland sich dessen bewußt sei, daß das erjjlgbtc Ziel einer Umwandlung der Gesellschaft mir dilfh gleichzeitigen Kampf auf drei Fronten erreicht werden kann. Neben die politische Front und die ökonomische tritt als die dritte gleichberechtigte, wenn auch vielleicht nach außen nicht so exponierte Front die Kulturarbeit. Die hier sehr treffend charakterisierte Situation gilt auch für den Zionismus. Auch für uns ist rieben der politischen Arbeit, die die äußern Voraussetzungen zum Aufbau der jüdischen Gemeinschaft zu erfüllen hat und neben der Wirtschaftliehen Aufbauarbeit,. die die realen Grundlagen für das neue Leben schafft, die kulturelle Arbeit von besonderer Wichtigkeit, denn sie soll die Bahn frei machen für die geistigen Lebenselemente des neuen Gemeinwesens, ohne die das jüdische Volk nicht leben kann. In einer Be- Ziehung jedoch liegt für uns die Position gerade auf der dritten Front viel kritischer als bei irgend einem andern Volk. Bei uns handelt es sich hier nicht nur um einen Ausbau der Erziehung, etwa um einen Kampf gegen das Analphabetentum wie in Rußland, sondern es handelt sich um eine geistige Umwandlung, die ohne stärksten Willenseinsatz und ohne klare Besinnung unmöglich ist. Der Kampf, den wir hier zu führen haben, richtet sich gegen übermächtige Gewalten, die in uns wohnen und die durch den Prozeß unseres Lebens selbst in immer stärkerem Strome in uns hineinfluten. Wir Juden, Zionisten oder nicht, die hier in nichtjüdischer Umwelt leben, erliegen in weitem Ausmaß der Assimilntion. Wir Zionisten haben erkannt, welche Sumpfbluten dabei gedeihen, und wir haben uns zur Wehr gesetzt gegen die Lüge, die aus politischem oder gesell• Opportunismus die Assimilation als volschiede zwischen Juden und Niehtjuden nach aufieh hin verwischen will, eine oft würdelose Anbiederung ethisch bemäntelt. Wir haben die Assimilation als G e s i n n u n g überwunden. Dies hätte vielleicht genügt, wenn die Judenfrage so wie Hcrzl es sich vorgestellt hat, mit einem Schlage gelöst worden wäre. בים dies nicht möglich war, und die Mehrzahl der zum jüdischen Volkstum Zuriickgckehrten auch weiterhin unter denselben äußern Bedingungen lebten wie bisher, genügt Gesinnung nicht mehr. Denn das Leben ist eine stärkere Wirklichkeit, und von allen Seiten wirkt es unmerklieh und unbemerkt gegen unser lebendiges Judentum. Wir wissen, daß im Galuth ein Volljudentum nie möglich sein wird, daß wir hier stets eine kulturelle Mischung darstellen werden. Wir können uns vom Kultur- und Geistesleben des Volkes, in dessen Mitte wir leben, nicht fernhalten, und wir wollen es gar nicht. Wir verdanken diesen Kulturen außerordentliche Bereicherung, und wenn wir es dennoch ablehnen, uns in mehr als staats politischem Sinne einfach Deutsche, Franzosen usv. zu nennen, so geschieht dies aus Aufrichtigkeit und Einsicht in die wahren Wesensbeziehungen, nicht aber aus einer Abkehr von der von uns aufgenommenen Kultur. Wir glauben, daß wir ohne Verwischung der nun einmal vorhandenen geschichtlich begründeten Unterschiede, bei reinlicher und offener Anerkennung der Scheidung, besser und ehrlicher miteinander leben und auch in einem gewissen Sinne mehr für einander leisten können. Wir wissen, wie Buber einmal sagte, daß wir in höherem Maße als andere Völker eine Mischung sind; aber wir wr011en nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Mischung sein. Zur Abwehr der Assimilation genügt nicht eine Gesinnung; am allerwenigsten in der zweiten Generation. Es gilt auch die kulturellen Inhalte des Judentums wieder dem Bewußtsein zu erobern. Der Zionismus ist in seinem Ursprung hervorgegangen aus dem geistigen Kampfe, den der Einbruch der europäischen Bildung in die bis dahin in engster Beschränkung, abgeschieden von de» übrigen Welt, nach ihrer eigenen Tradition dahin lebend" jüdische Gemeinschaft erzeugt hat. Die Auflehnung gegen die Erstarrung, die Sehnsucht nach umfassenderem, reicherem Leben, schuf aus Elementen der aufklärerischen Haskala und der alten inbrünstig gehegten Zionsromaatik allmählich die nationale Bewegung des Judentums, die dann um die Jahrhundertwende durch Henri ihre entscheidende politisch-organisatorische Form bekommen hat. HerzI verlegte für eine Zeit das Hauptgewicht an die politische Front; die Nachkriegsjahre verwiesen uns mit unseren Hauptkräften an die ökonomische Front; gleichzeitig aber fühlen wir heute die Folgen der Sclnvächimg, die durch diese Kräfteverschiebung gerade der dritten Front zuteil geworden ist. Der erste Aufstieg des Zionismus war begleitet von einer Blüte der nationalen hebräischen Bewegung; ebenso wie der Zionismus geltet