Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Etnzchmmmcr ojs Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag W 15, MdaekestraBc 10. Erachdnt jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 135 Goldmark, Vierteljährlich 5,25 Goldmark. AnMaadMlMinMawit* wttdaa ia der WUmmj dar •imalaea Lind« bavebaet Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H.t Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismark7165-70. Postscheckkontos Berlin Nr. 17392. F0r OdtlBTfeich s PasUpark aas«a amt Wies, Konto Nr.!56030. Für T«e!1ee110siowakei t P®*tspark1M€n*sit Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polca 5 Postsparkasseaaat Warschau, Konto Nr.!9070S, Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag« Nummer 10 | Berlin, 5. II. 1926 Aasaigaaprali: 8 2e1p.ltNenp1r.UlM.il« 0,50 G.-M. Steil eo£91aehe 0.25G.-M. A1ui|aicU1l1 Dlamt.g and Freitag oaetimiUig 4 Ubr. כ״א שבט׳ תרפ״ו I xxxi. Jmhrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaf (uns elnar Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.** Für Erneuerung der Bewegung Der Monat der Zionistischen Organisation Ijar 5686. (15. April - 15. Mai 1926.) Eine gute Parole Zionisten! Mit dem Beginn der politischen Neuordnung in Ercz Israel sah sich der Zionismus vor die gewaltige Aufgabe gesteht, seine in langen Jahren geistigen Ringens aufgebaute Organisation für politische Erziehung und Propaganda zu einem Instrument des Wirtschaftsaufbaus umzubilden. Die Zionistische Organisation, die Trägerin einer politischen Propaganda, Vertreterin eines sittlichen Erneuerungsgedankens, Repräsentantin einer nationalkulturclien Forderung gewesen war, hatte sich nun in der Grundlegung einer großen Kolonisation, in der Einfügung eines Systems jüdischer Realpolitik in die Zusammenhänge der Weltpolitik, in der Schaffung neuartiger Finanzinstrumente, in der Prüfung und Entscheidung ökonomischer Fachfragen unter schwierigsten Bedingungen praktisch zu bewähren. Die zionistische Bewegung hat in dieser harten Prüfung der Idee durch die Wirklichkeit ungeahnte Kräfte entwickelt. Politische Vertretungen wurden in London, in Palästina, in Genf, in Rom und an anderen Orten eingerichtet. Die hebräischen Schulen Palästinas, — Volksschulen, Mittelschulen und Technikum — wurden von der Organisation übernommen und erweitert. Die Anfänge der hebräischen Universität auf dem Oelbergc wurden geschaffen. Ein modernes und hochentwickeltes Sanitätswesen wurde begründet. Der Keren Hajessod wurde organisiert und der Keren Kajemeth ausgebaut. Das Kolonisations-Budget wuchs im Verhältnis zum letzten Vorkriegsjahre um fast ein Hundertfaches. Mehr als vierzig neue landwirtschaftliche Siedlangen wurden angelegt. Eine Hypothekenbank wurde gegründet. Zahlreiche junge Menschen erhielten eine geordnete Facherzichung für Ihren zukünftigen Beruf, Ein System der Inwaigrätiön Und der Arbeitsversorgting wurde ausgebildet. : diese Leistungen, wie immer man, angesichts der wrlgr Schule des zl0Blstfciiel;^lie'ifsff1«li!,"dffe'־,Begiisteruttg entfacht, die Ueberzeugung fundiert und der Wille gestählt worden war. Aber nur dann werden diese geistigen und seelischen Triebkräfte erhalten und gesteigert werden können,' wenn ihre Quelle nicht versiegt, wenn der zionistische Oedanke und sein Träger, die Zionistische Organisation, ihre lebendige Macht und ihre Größe bewahren. Und nur dann wird sich die Zionistische Organisation in ihrer Wirtschaftliehen Aufgabe bewähren, wenn sie gleichzeitig die Verkünderin einer idealistischen Propaganda, die Vertreterin des nationalistischen Erneuerungsgedankens, die Repräsentantin der nationalkultureilen Idee bleibt, die sie gewesen ist. Zionisten! Es Ist an der Zeit, daß sich die Organisation auf sich selbst und die Quellen ihrer Kraft besinnt. Wir dürfen nicht in selbstvergessener Hingebung an die dringendsten Aufgaben des Augenblicks vom Kapital der Ideen und der Begeisterung zehren, das sich in der Zeit der Vorbereitung und der reinen Verkündung der Idee aufgespeichert hatte. Aber es ist an der Zeit, daß auch der Fonds der Herzen und der Geister erneuert wird! Es ist an der Zeit, daß der Zionist, der für Keren Hajessod arbeitet und opfert, der für Keren Kajemeth wirkt und spendet, wieder höre und tief in seinem Herzen begreifen lerne, daß der Zionismus gekommen ist, um das jüdische Volk aus Unfreiheit und Erniedrigung zu erlösen, daß er gekommen ist, um der Erneucrung des jüdischen Menschen und der jüdischen Kultur willen — und daß es keinen Ersatz für Zionismus und keine Abschwächung seiner Wahrheiten geben kann. Zionisten! Die Executive der Zionistischen Organisation wendet sich hierdurch an die Landes- und Sonderverbände, an die Mitglieder des Actions-Comitccs, an alle die, die der Sache Zions treu und ergeben sind, und ruft sie auf, den Kampf für die Ausbreitung der zionistischen Lehre in Klarheit und Reinheit wieder aufzunehmen. Eroberung der Geister ist die Losung! Propaganda hat für uns immer mehr bedeutet als nur Werbung neuer Mitglieder. Indem wir zu anderen redeten, sprachen wir zu uns selbst, zu unserem eigenen Gewissen, zu unseren Freunden und Anhängern. Indem Wir andere belehrten, festigten war uns selbst im Glauben an die Wahrheit der Lehre. Eine Propaganda dieses Sinnes soll wieder begonnen werden, eine Verkündigung, die zugleich von anderen fordert und uns selber verpflichtet, die andere lehrt und uns selbst erinnert, eine Propaganda der Erweckung und der Selbstbesinnung. Zionistische Propaganda, die Arbeit für die Stärkung und Erweiterung der Bewegung, kann nicht an eine bestimmte Zeit gebunden sein. Dennoch wollen war, daß der Neubeginn einheitlich und gleichzeitig in der ganzen Welt erfolgen soll. Wir bestimmen daher den Monat Ijar 5686 (15. April — 15, Mai 1926) zum 1,'' Ille zionistische ::Arbeit' vorwiegend in' den' Dienst der, Werbung und der Belehrung gestellt werden, ln großen Volksversammlungen und in kleinen Kreisen, vor dem Alter •und vor der Jugend, vor Männern und vor Frauen, überall soll das zionistische Programm verkündet und begründet werden. Die Organisation soll durch neue Mitglieder erweitert, ihr Selbstbewußtsein soll gestärkt, die Kenntnis und das Verständnis der zionistischen Lehre soll vertieft und gefestigt werden. An alle geistigen und politischen Führer des Zionismus ergeht der Ruf, sich in den Dienst der Aktion zu Stellen. Sie mögen vor ihrem Beginn In besonderen Konferenzen zusammentreten und mögen Inhalt und Methode der zionistischen Propaganda von neuem erwägen und bestimmen. Aber sie sollen vor allem an ihrem Platz sein, wenn die Aktion beginnt, wenn die Bewegung sie braucht. Zionisten! Rüstet Euch zum ״Monat der Zionistischen Organisation”, rüstet Euch zum Werbekampf für die zionistische Idee! Die Executive ier Zionistische! Organlsatira London-Jerusalem, 1. Februar 19% — 17. Schebat 5686. Die Not io Osteuropa Warschau, 31. Januar. (J.T. A.) Der europäische Joint-Direktor, Herr Dr. Bernhard Kahn, der gegenwärtig in Polen weilt, besuchte den amerikanischen Gesandten in Warschau, Statson, und berichtete ihm über die verzweifelte Wirtschaftslage der Juden in Polen. Herr Dr. Kahn erbat die Unterstützung des Gesandten für die große Hilfsaktion, die die amerikanische Judenheit jetzt zum drittenmal zugunsten ihrer Brüder in Polen eingeleitet hat. Der Gesandte versprach seine weitgehende Unterstützung. Kischine w, 31. Januar. (J.T. A.) Der Oberrabbiner von Beßarabien, Abg. Zirelsoti, veröffentlichte einen Aufruf an die Juden in Rumänien und in der ganzen Welt mit der Bitte, den hungerleidenden Juden in Beßa r a b i e n zu Hilfe zu kommen, in dem Aufruf heißt es u. a.: Tausende erloschene Augen lebendiger Skelette blicken auf euch und warten auf eure Hilfe. Die Zahl der Hungernden wächst täglich. Helft, rettet! — In diesem Monat wurden im Hunger-Rayon 11271 Personen unterstützt. Speiseanstalten für 2029 Kinder wurden errichtet Warschau, 1. Februar. (J.T.A.) Dr. Kahn und Dr. Schweizer sind aus Warschau nach Berlin abgereist. Vor seiner Abreise bestimmte Dr. Kahn, daß den Kreditbanken, die sich als Instrument des jüdischen Aufbaues bewährt haben, ein Kredit von weiteren 200 000 Dollar aus den Mitteln der Foundation zugeführt werde. Ferner stellte Dr. Kahn 50000 Dollar für Speisung der verelendeten Schulkinder in Warschau, Lodz, Wilna und Bialystok, 22000 Zloty für die Waisenhilfe im Monat Januar und 15000 Dollar für den Gesundheitsschutz der Gesellschaft ״Tos“ zur Verfügung. Dr. Kahn sandte an den Präsidenten des Joint Distribution Committee in Amerika, Felix M. War bürg, ein Telegramm, in welchem er die ungeheuere Not unter den Juden Polens schilderte und darlegte, daß schnellste Hilfe not tut und daß vor allem den Kreditgenossenschaften, die ein vorzügliches Instrument der Hilfe und des Aufbaues sind, weitere Kredite gewährt werden müssen. Verlegnng des Keren Bajesiod-Hsaplbfiros ueh Jcrnsalem London, 3. Februar. (J.T. A.) Die zionistische Weitexekutive hielt eine Sitzung ab und beschloß, alle Vorbereitungen zu treffen, d@ß das Hauptbüro des Keren Haj e s s o d , sowie das hebräische ZentraJorgan der Zionistischen Organisation, die Wochenschrift ״Haolam“, spätestens Ende August d.J. von London nach Jerusalem überführt werde. Lloyd George and der Antisemitismus London, 2. Februar. (J.T.A.) Die Bemerkung Lloyd Georges über den Austritt Sir Alfred Monds aus der Liberalen Partei, daß Mond den Weg eines berüchtigten Mitgliedes seiner Rasse (Judas) gegangen ist, hat natürlicherweise überall Aufsehen erregt. In einer Erwiderung auf eine Begrüßung der Liberalen in Shrewsbury führte nun Lloyd George aus: ״Ich kommentiere immer mit Hinweis auf gewisse Exemplare; jede Rasse hat ihre Exemplare, auf die ich gelegentlich hinweise. Nichts erfüllt midi mit größerer Verachtung, als wenn ich sehe, wie gewisse Zeitungen aus meiner Kritik über ein gewisses Mitglied der jüdischen Rasse antisemitisches Kapital zu schlagen sich bemühen. Das ist alles, was ich über diese Angelegenheit noch zu sagen hätte.“ Die Gemeiide-Aoloioniie ii Litauen Kowno, 1. Februar. (J, T. A.) Eine Abordnung der Kownoer Jüdischen Gemeinde erschien beim Innenminister und ersuchte ihn um Verlängerung der Amtsdauer der bisher auf demokratischer Grundlage bestandenen autonomierten jüdischen Gemeinden. Wie es heißt, ist die Regierung nicht willens, diesem Ersuchen Folge zu leisten; es besteht die Absicht, den autonomen Gemeinden einen Termin von höchstens sechs Monaten zwecks Liquidierung einzuräumen. Eine besondere Kommission wird eingesetzt werden, die die Liquidation der j ii d i s c 11 e n Gemeinden überwachen soll. Das Manifest, das die zionistische Executive Soeben herausgegeben hat, und mit dem sie einen ״Monat der Zionistischen Organisation” proklamiert, wird in weitesten Kreisen der zionistischen Welt dreier Kontinente nicht nur freudigen Widerhall wecken, sondern beinahe wie eine befreiende Tat begrüßt werden. Die zionistische Bewegung, seit Jahren in die Realitäten und Alltagssorgen des Aufbauwerkes in Palästina verstrickt, dürstet nach einem Wort, das über den Einzelheiten des Getriebes den einigenden Sinn des Zionismus wieder hervorleuchten läßt. Leugnen wir nicht, daß die übermäßige praktische Arbeit uns innerlich stark verbraucht hat. Wir haben eine Zeitlang ״praktisches Tun” überschätzt und das Wort fast verachtet. Worte sind in den letzten zehn Jahren hcrabgewiirdigt worden. Aber heute ist wieder eine Situation, wo ein Wort eine Tat ist. Von allen Kundgebungen, die die Executive seit dem Kriege erfassen hat, ist dieses Manifest vielleicht die eindrucksvollste. Es gibt eine gerechte, unüberhebliche Ab- Schätzung des in Palästina praktisch Geleisteten, das in Anbetracht aller Umstände sehr beträchtlich ist, obwob! es den Anforderungen der Sache noch lange nicht genügt. Zugleich aber bringt das Manifest klar und un* zweideutig zum Ausdruck, daß alles in Palästina Geschaffenc nur möglich war durch die Auswirkung jenes Fonds an zionistischem Enthusiasmus, der durch den Gedanken der Erneuerung des Judentums, durch das Bewußtsein der Unerträglichkeit und Upmoral des Jicutigen jüdischen!■ebgi^ dj^|Fr4eti rgyofatipdi|eü; pe rte« «tter flblerzali w»»■ S* bewegt. Seit langer Zeit wurde von verschiedenen zjonistischen Seiten, u. a. auch an dieser Stelle, die Belebung der Zionistischen Organisation — als wichtigste Voraussetzung des Gelingens auf allen Gebieten unserer Arbeit — gefordert. Die Kundgebung der Executive beweist, daß nun auch die oberste Leitung der Bewegung sich diesen Gedanken zu eigen gemacht hat. Wir halten es für selbstverständlich, daß die Landes- und Sonderverbände der Parole folgen werden und die Vorbereitungen für den geplanten ״Monat” unverzüglich treffen werden. Die Executive hat in einem ausführlichen Rundschreiben an die Landes- und Sonderverbände eine Reihe von praktischen Anregungen für die Ausführung gegeben. Der ״Monat der Zionistischen Organisation” wird eine große Demonstration der Einheit unserer Bewegung auf der ganzen Welt werden. Freilich müssen wir uns dessen bewußt sein, daß organisatorische Maßnahmen nur ein erster Anfang, nur ein äußerer Rahmen sind. Worum es geht, ist nicht so sehr die äußerliche Verstärkung der Organisation als vielmehr die Erneuerung der Bewegung. Wir unterschätzen nicht die Wichtigkeit der Gewinnung neuer Mitglieder und neuer Schekelzahler, wir haben alles Verständnis für den zionistischen Gedanken einer Organisierung der Volksmassen in einem politischen Verbände. Aber ein solches Gebilde müßte leblos bleiben, wenn es nicht von einem starken Geiste erfüllt ist. Das Primäre am Zionismus ist seine geistige, seine moralische Macht. Die Freiheitsidee des Zionismus meinte den Bruch mit dem gedankenlosen Dahindämmern, das den Fäulnisprozeß der Assimilation gefördert hat. Der Zionismus ist die Besinnung• auf das eigene Ich, auf das Wesen des Judentums, auf die Volksseele, die in uns schlummert. Er ist die Antwort auf die erlebte Problematik unseres Jude-Seins. Das Judentum im Ghetto lebte in unangefochtener Sicherheit seiner Gemeinschaftsexistenz; das Judesein war damals nicht problematisch. ln der darauffolgenden Epoche der Emanzipation hat man sich der Attribute des Judeseins schnell begeben, schuf sich jedoch einen Ersatz in der selbstgefälligen Sicherheit des jüdischen Bürgertums des liberalen Zeitalters. Erst als diese Sicherheit erschüttert wurde, erst aLs es Juden gab, in deren Seele der Abgrund der jüdischen Existenz sich auftat, erst aus dieser großen, heiligen Unsicherheit, die ein Sich-sclbst-beruhigen in Illusionen verwarf und sich rückhaltlos die bittere Wahrheit gestand, konnte der Zionismus entstehen. Aber die Gründung der zionistischen Partei, ein dreißigjähriges Parteüeben, brachte uns in dieselbe Situation, in die alle derartigen Bewegungen naturnotwendig geraten müssen. Wir haben eine Organisation ansgebaut, wir haben Realitäten in Palästina geschaffen, wir haben bereits kon-