Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 035 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag W 15, Meinekeetraß« 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.S5 Goldstark. Vierteljährlich 5,25 Goldta&rk. AmiaBdMbooBcmcDU werden m der WUinuU der einielaea Lindei berechnet Nummer 2 Berlin, 8. L 1926 Anzeigen -V erwaltang Jfidische Rundschau G.m-b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Afi*elgenprfti8i8g«fp»JLNo11par*iliEz*ile0t50 G.-M- Stefl«agg§ad1e 0.25G.-M. Ajueiggaielüttßs D10a*t*g aod ffeU8g nachmittag 4 Ubr. Telephon: Btenark 7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oeeterreicti־ Fbetnerbaeseaemt Wien. Koala Nr. 13*030, Fflr TnOaebeeioviüni 1 Poeteyrlteneoenil Fru Keule Nr, MO. Für Petto 1 Po»t«j>erka«enen>t Wertehaa. Kante Nr. I9070&. RedaktionsschluB Sonntag and Mittwoch nachmittag. כ" ב טבת" חרס״ו vvw 1.1..• /Lsk/Ll• Jahrg. per Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich * rechtlich gesicherten Halmstitte ln Palästina. »Baseler Programm«** Streiflichter zur Lage in Palästina Eine Periode des Rückschlags — Bestrafte Uebertreibungen — Einwanderung und Arbeitslosigkeit Pas Ressentiment der Enttäuschten — Aufgaben des Arbeitsdepartments — Entgiftung der Atmosphäre Für allgemeine Zweckrevision — Ein Wort an die Adresse der Histadruth Die Entwicklung fn Palästina geht in schnellem Tempo vor sich. Die Lage ändert sich oft, einmal zum bessern, einmal zum schlechtem. Unsere Aufgäbe ist, von Zeit zu Zeit uns Rechenschaft zu geben. Der ständige Leser der ״Jüdischen Rundschau“ vermag 'sich selbst ein Bild zu machen. Es bedarf aber bei der Fülle des Materials großer Aufmerksamkeit, die Dinge im Zusammenhang zu sehen; sogar in Palästina selbst kommen viele Menschen zu falschen Urteilen. Jede Abschätzung der Lage kann notwendigerweise auch bei großer Vorsicht nur subjektiv sein und in diesem Sinne sind auch die nachstehenden Ausführungen zu bewerten. Das vergangene Jahr war ein Jahr der starken Einwanderung und des Vorwärtsdrängens. Zum Teil aus äußern Ursachen (Wirtschafts- und Finanzpolitik in Polen) kam ein Strom jüdischer Einwanderer ins Land, die beträchtliche materielle Mittel mit sich führten, und auch psychologisch ein neues Element darstellten (״Vierte Alijah“). Es entfaltete sich private Initiative Mi den verschiedensten Gebieten des Wirtschaftslebens und es schien plötzlich die Zeit einer Konjunktur in Palästina gekommen zu sein, wo angelegtes Geld reichiemiti•Gewinn trägt. Bei näherem Zusehen zeigte es sjc# allerdings, daß diese Gewinne nur hei den mit strie ist bisher über die tastenden Versuche ebenso wenig hinausgekommen wie die Landwirtschaft. Das ist selbstverständlich, es kann gar nicht anders sein in einem Land, dessen Wirtschaft völlig neu aufgebaut wird, was eine längere oder kürzere Zeit des Experimentierens auf jedem Gebiete erfordert. Leider — und das ist das größte Uebel unserer Arbeit — ist bei uns jeder kleine Schritt einer Entwicklung so sehr mit Propaganda verwoben, wird so sehr von berufenen und unberufenen Schreiern in der ganzen Wellt ausgebeutet, daß wir selbst in Gefahr sind, den klaren Blick zu verlieren. Die sehr wichtigen und lobenswerten Anfänge kleinerer und mittlerer Industrien in Tel-Awiw wurden so aufgebauscht, als ob Tel-Awiw über Nacht Lancashire geworden wäre. Infolgedessen fühlen viele Zionisten sich enttäuscht, wenn klar wird, daß dem nicht so ist. Man hält dies oft für Bosheit der Gegner, die unsere Erfolge ficrabsctzen wollen. Nun ist ja allerdings die Bosheit unserer Gegner recht groß, aber wir können ihr am besten begegnen, wenn wir uns nicht vorher durch Ucbertreibung Blößen geben. Das, was wirklich in Palästina geleistet wird, ist bereits groß genug, ist bereits ein fast unverständliches Wunder; unsere Volksphantasie kann jedoch von Wundern gar nicht genug bekommen und gerät allmählich in ein Gewebe vag Illusionen, das notwendig zur Enttäuschung führen muß. Palästina unterliegt genau so physischen und wirtschaftlichen Gesetzen wie jeder andere Teil der Welt. Ein so ungeheures Unternehmen wie der Zionismus birgt in sich ungezählte komplizierte Einzel- Probleme, und da wir alle nur Menschen sind, die nicht alle Verästelungen durchschauen und alle Koniplikafionen vorhersehen können, müssen notwendig Mißerfolge eintreten. Diese Mißerfolge sind eine Selbst- Verständlichkeit, sie sind ebenso ein Zeichen der vorvärtsdrängenden Entwicklung wie die Erfolge. Denn wo Leben und Arbeit ist, gibt cs auch Rückschläge; wer etwas wagt,' muß sich bewußt sein, auch verlieren zu können. Aber daß überhaupt g e w a g t wird, das ist das Neue an dieser jüdischen Tat, die wir Zionismus nennen. Wer nichts wagt, sondern sich schlafen legt, dein kann natürlich auch viel weniger passieren. Wenn Uns daher von einer jüdischen Seite, die schon so kraftlos ist, daß sic jede Hoffnung auf lebendige NeuscstaltUHg des Judentums aufgegeben hat, weil sie sich nicht imstande fühlt, etwas zu wagen, dieser oder jener Mißerfolg vorgeworfen wird, so können wir uns gekost darüber hinwegsetzen. Wir wollen uns aber um Unser selbst willen nicht dazu verleiten lassen, unter dem Drucke gegnerischer Agitation etwaige Mißerfolge ibzuleugnen. Wir sollen gar nicht den Gedanken aufvommeii lassen, daß der Mißerfolg dieses oder jenes i'ntcrnclimcns in Palästina irgend etwas gegen den Zonismu’s beweist. Uns selbst gegenüber sind wir!«doch Rechenschaft schuldig, schon um unsere künftige Tätigkeit mit der ständig wachsenden Erfahrung in Einklang bringen zu können. Die Einwanderung des vorigen Jahres hat also /um Teil übertriebene Hoffnungen geweckt. Das lnteresse jener Elemente, die stets den Punkt aussuchen, wo sich am leichtesten verdienen läßt, kann Palästina auf die Dauer nicht befriedigen. Obwohl solche Eiemente breitspuriger auftreten als andere und dadurch in manchem Besucher den Anschein erwecken, als ob sie das Leben beherrschten, muß doch betont werden, daß die große Mehrheit auch der neuen mittelständischen Einwanderung aus Elementen besteht, die durchaus bereit sind, durch ehrliche und sogar harte Arbeit ihre Existenz im Lande zu begründen. Einem Teil dieser Einwanderer ist es auch gelungen, sich schnell im Lande zu verwurzeln. Die erwähnten Anfange der Industrie sind die volkswirtschaftliche Frucht dieser Anstrengungen. Ein Teil allerdings mußte unter der Verschleierung der wirklichen Verhältnisse leiden, die durch das ständige Nachdrängen von Einwanderern erzeugt wird, zumal wenn diese Einwanderer selbst mittlere Kapitalien mit sich bringen. So kam es, daß mancher von den Einwanderern eine Zeitlang von der Befriedigung der Bedürfnisse der nächsten Einwanderungswelle leben konnte, alsbald jedoch das mitgebrachte Geld verbraucht oder festgelegt hatfe, und dann in den Arbeitsbüros der allgemeinen die 'ÄfieitSlösIfÜlt varfrößerp, zumibdiiv’ßin: Wanderung von Kapital allmählich abnahm und die allgemeine Wirtschaftskrise Mittel- und Osteuropas auch Palästina in ihren Bereich zog. Ebenso wie der Bcginn der vierten Alijah zum Teil auf Ursachen zurückging, die außerhalb des Landes lagen, so auch ihr Abebben. Die Lage in Polen entwickelte sich so katastrcphal, daß für die meisten Leute kaum mehr die Möglich!.. A bestand, wenigstens einen Teil ihres Vermögens nach Palästina liinüberzuretten. Dazu mag jedoch als eine weitere Ursache der Verlangsamung der vierter Alijah die angedeutete Tatsache treten, daß in vielen Kreisen, die sich übertriebene Erwartungen bezüglieh der wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas gemacht hatten, eine gewisse Enttäuschung herrscht. Wir haben hier die verblüffende Wiederholung einer Erscheinung, die in der Geschichte des Zionismus bereits einmal — wenn auch in kleinerem Umfange da war, vor etwa 35 Jahren. Die Schriften Ach ad Haams aus jener Zeit sind bis heute von einer außerordentlichen Aktualität geblieben. Erst unter dem Eindruck der Erlebnisse der letzten Jahre vermögen wir wieder abzuschätzen, welcher Mut und welche unbestechliche Wahrhcitsliebe dazu gehörte, der ganzen offiziellen zionistisehen Front den unpopulären Ruf ״Nicht dies ist der Weg“ entgcgenzuschleudern. Achad Haams Kritik der Lage in Erez Israel um das Jahr 1890 liest sich wie ein erleuchtender Kommentar zur heutigen zionistischen Situation. Es ist ein großes Verdienst des ״Jüdischen Verlags“, daß er die Werke dieses großen zionistischen Lehrers in neuer hebräischer und deutscher Gesamtausgabe herausgegeben, und dadurch der heutigen zionistischen Jugend, die zu sehr in einem Zionismus des praktischen Erfolgsmaßstabs aufgewachsen ist, zugätiglieh gemacht hat. Es ist kein gutes Zeichen für die Lebendigkeit zionistischen Denkens, daß die Bedeutung Achad Haams bis heute in den weitesten Kreisen nur durch das völlig mißverstandene und mißdeutete Schlagwort vom ״geistigen Zentrum“ charakterisiert wird, womit angedeutet werden soll, daß Achad Haam keine ökonomische und politische Entwicklung Palästinas für nötig halte, was natürlich eine völlige Verzerrung seiner Lehre darstcllt. Genau wie zu Achad Haams Zeiten wird heute offenbar, daß die bloß materielle Anziehungskraft Palästinas nicht genügen kann, um die Kräfte zum Aufbau der nationalen Heimstätte auszulösen. Nur die, die im vollen Bewußtsein der Schwierigkeit, aber auch im vollen Bewußtsein der ideellen und historischen Bedeutung der Sache nach Palästina gehen, nur die vermögen auf die Dauer etwas zu schaffen. Wir stehen heute wieder wie vor dreißig Jahren am Ende einer Periode, in der die ökonomischen Komponenten unserer nationalen Wiedergeburt zu sehr überschätzt und die morafischen unterschätzt worden sind. Dies ist ein Moment der Selbstbesinnung, der, wie wir glauben, keine Ein- Schränkung unserer ökonomischen Arbeit zur Folge haben wird und kann, jedoch uns wieder zu einer richtigen Proportion in der Betrachtung des zionistisehen Gesamtproblems zurückführt. Die Einwanderung hat in den letzten Monaten sich beinahe auf der Durchschnittshöhe des vorigen Jahres gehalten. Sie hat sich jedoch in ihrer Struktur außerordentlich verändert. Der kapitalbesitzende Mittelstand bildet nur einen kleinen Bruchteil der Einwandernden, aber auch das Chaluzelement, der Typus des kräftigen und leistungsfähigen Arbeiters ist nur schwach vertreten. Die Hauptmasse bildet jetzt die sogenannte Verwandteneinwanderung. Zahlreiche Einwanderer des vorigen Jahres haben ihre Familien nicht mitgenommen, da sie sich erst eine Existenz gründen wollten. Nun lassen sie ihre Familien nachkommen. Auch viele Arbeiter, landwirtschaftliche sowie städtische, mußten in letzter Zeit Angehörige zu sich nehmen, wodurch in einem Teil der landwirtschaftlichen Kwuzoth ein ernstes Problem entstanden ist, aber auch für den städtischen Arbeiter eine schwere Lage, zumal er keine ständige Arbeit hat und in Krisenzeiten der Gefahr der Arbeitelosigkeit ausgesetzt ist. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine solche Einwanderung von .Jiaftem.״Werte J ist; Es^ist ^efegii falsch, sich nur von feienden «TliÄen'uwl m die Qualität und nicht die Quantität der Einwanderer im heutigen Stadium das entscheidende Kriterium ist. Palästina Ist noch kein Zufluchtsland für Emigranten; so traurig dies angesichts der verzweifelten Lage des jüdischen Volkes ist, wir dürfen uns doch die Wahrheit nicht verhehlen. Palästina kann in absehbarer Zeit ein solches Zufluchtsland werden, wenn von den Pionierarmeen aller Kategorien die Wirtschaft so aufgebaut ist, daß sie auch ein größeres Maß inaktive! und unproduktiver Elemente miternähren kann. Heute ist die Stunde der Aufbauenden. Und der Prozeß des Aufbaus selbst geht unvermeidlich in Wellenlinien vor sich. Gegenwärtig sind wir in der Periode eines Rückschlags und wir sind verpflichtet, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Als eine solche Konsequenz betrachten wir, so schwer es uns fällt, eine Einschränkung der Einwanderung. Im vorigen Jahre rechriete man mit einer Jahreseinwanderung von 40000 Seelen und man stellte schon Berechnungen an, wann eine jüdische Majorität im Lande erzielt sein wird, wenn die Einwanderung in derselben Progression zunimmt. Auch dieses Rechenstück gehört in das Gebiet der Illusionen. Auch hier können wir das Wunder, das wir ohnedies schon vollbringen, nicht noch zehnfach übersteigern. Daß ein Land von der heutigen wirtschaftlichen Kapazität Palästinas einen ständigen Einwandererstrom von 10 000 Menschen aufnehmen und verdauen sollte, scheint uns ein Ding objektiver Unmöglichkcit. Diese Unmöglichkeit zu verschleiern durch künstliche Erhaltung dieser Einwanderermasse mit Hilfe von aus dem Ausland mifgebrachteu oder im Wege der verschiedenen Unterstützungsfonds in das Land fließenden Gelder kann nur für kurze Zeit gelingen, um darauf die Krise um so stärkex fühlbar zu machen. Die Gesetze des organischen Werdens einer neuen Ge- Seilschaft lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Darum glauben wir, daß es kein Grund zur Entmutigung ist, wenn sief! herausstellen sollte, daß in diesem Jahre nicht 40 000, sondern nur '20 (WO Seelen nach Palästina einwandern werden. Wir müssen vielmehr erkennen, daß solche Schwankungen notwendig und unvermeidlich sind, ln allen Einwanderungsländern der Welt hat es von Zeit zu Zeit Krisen gegeben, und dabei ist zu bedenken, daß die meisten andern Länder um ihrer großen natürlichen Reichtümer willen aufgesucht wurden, die, solange sie nicht im Monopolbesitz sind, jedem Einwanderer größere Möglichkeiten gewähren als Palästina. Trotzdem gab es überall auch Stillstand und sogar Auswanderung, und die Länder haben sich doch entwickelt. Es kann nicht genug betont werden, daß auf viele Jahre hinaus die zionistische •Aufbauarbeit von Einzelcnttauschungen aller Art ständig begleitet sein