Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1926)
- Date
- 1926-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652786--17961-2675675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife ל Nr. 1 Die Krisis im indisches Emigratiosswesen Das Präsidium des jüdischen Emigrationsdirektoriums in Berlin lud vor einigen Tagen die Vertreter der jüdischen Presse zu einer Besprechung ein, um sie über die gegenwärtige Lage im jüdischen Emigrationswesen zu informieren. Der Vorsitzende, Dr. K r a i n i n , besprach den Beschluß der amerikanischen Immigrantenhilfsgesellschaft ״Hias“, sich von jeder weiteren Arbeit außerhalb Amerikas fernzuhalten. Dieser Beschluß habe die schwere Krise im jiklisehen Emigrationswesen verschärft, und es müßten alle A11strengungen gemacht werden, ihn rückgängig zu machen. Hierauf hielt Herr W. Latzki-Bertholdi ein instruktives Referat über die aktuellen Probleme der jüdischen Emigration. Man sei in Amerika der Meinung, daß das Wanderproblem nicht mehr aktuell ist, nachdem die meisten Länder ihre Tore gegen neue Immigranten geschlossen haben. Das sei grundfalsch. Das Emigrantenproblem ist jetzt brennender als vor dem Kriege. Noch immer gehen jährlieh etwa 60000 Juden auf die Wanderung. Diese 60 000 machen den Emigrationsämtern mehr zu schaffen, als die Hunderttausende vor dem Kriege, die meist für sich selbst sorgen konnten und ein bestimmtes unbehindertes Reiseziel hatten. Es bestehen große Möglichkeiten für eine jüdische Masseneinwanderung nach den südamerikanischen Staaten (Argentinien, Brasilien, Uruguay, Paraguay, Chile usw.). Diese Länder sind aufnahmefähig, ein Teil derselben hat jedoch, dem Beispiel der Vereinigten Staaten folgend, die Einwanderang eingeschränkt. Es müsse demnach auch eine große politische Arbeit geleistet werden, damit für die jüdischen Emigranten, die durchaus ihre bisherigen Heimatlancier verlassen müssen, Einwanderangsmöglicnkeiten geschaffen werden. In einer Zeit so brennender Probleme der jüdischen Emigration beschloß ״Hias“, sich von der europäischen Arbeit zurückzuziehen. Auch die ICA., die in früheren Jahren viel für jüdische Emigranten getan hat, konzentriert sich jetzt nur auf die Kolonisation. Die jüdischen Emigranten bleiben demnach vollkommen hilflos. Sie sind Freigut, den Schiffsagenten und Schmugglern, die sie ausplündern, preisgegeben. Das Emigrationsdirektorium kann allein diesen Zuständen nicht steuern. Es bildet sich eine Zigeuner-Emigration. Verschlechtert sich die wirt- ■shafiüche und politische Lage in den Ostländern weiter, so wird eine Panik-Emigration einsetzen, deren Folgen nicht abzusehen sind. Die These, daß von jetzt ab nur für die jüdi- *chen Massen in den jetzigen Heimatländern gesorgt werden müsse, ist falsch, in allen Ländem des Ostens geht die Politik der Regierungen und der Gesellschaft dahin, die jüdische Mittelklasse aus ihren bishcrigen Positionen herausztidrängen, sie zu entwurzeln, um einen neuen christlichen Mittelstand zu schaffen. Der Kampf ist unbarmherzig. Die Lage wird immer verzweifelter. Es ist auch ein Ueberfluß an produktiven jüdischen Elementen festzustellen. Der jüdische Handwerker wird verfolgt und arbeitslos gemacht. Die jüdischen Pogromwaisen, die in Polen ausgebildet worden sind, sind arbeitslos; es müssen für sie neue Positionen gesucht werden. Man kann um das Emigrationsproblem nicht herumkommen. Es wird noch lange das jüdische Leben im Osten •beherrschen. Wer seine Augen vor diesem Problem, seinen Möglichkeiten und Gefahren, verschließt, versündigt sich an der um die Lebensexistenz ringenden jüdischen Bevölkerung Osteuropas. Der Nwe1n$ claosns te Joiit Foreip-Conmittee perjeiaeri des Joint Foreign Committee (Englisch-jüdisches Komitee für auswärtige Jüdische Angelegenheiten) lag efn Bericht Lu eien Wolfs über die Völkerbundsentscheidung in der Sache des ungarischen Numerus clausus-Oesetzes vor. Es sei zweifellos, daß der Rat seine Entscheidung als eine nur zeitweilige ansieht. In der Entscheidung wird ausdrücklich bemerkt, daß die Abänderung des Gesetzes ״in nächster Zukunft“ erwartet wird. Wesentlich ist, daß Ungarn sich verpflichtet hat, das Gesetz in Einklang mit den Bestimmungen des Trianon-Vertrages zu bringen. Ke Entscheidung des Völkerbundrates ist insofern für die Juden günstig, als sie ein Diktat vermieden und der ungarischen Regierung Gelegenheit gegeben hat, sich ohne Unterwürfigkeit und mit Würde aus der Affäre zu ziehen. So wird auch ein Aufflammen der Volksieidenschaft in Ungarn vermieden. Aus diesem Grande Ist die Entscheidung als zufriedenstellend zu betrachten, doch wird das J. F. C. den Fall im Auge behalten. 26. Jahreskonierenz der hallSidiscbeii Zionisten Ende Dezember 1925 fand die Jahresversammlung der holländischen Zionisten statt, die von Herrn Van Raalte eröffnet wurde. Dr. Alexander Goldstein, der Vertreter der Zionistischen Exekutive, überbrachte die Grüße der Zionistischen Zentralen in London und Palästina und richtete einen Appell an die Versammlung, die Einigkeit unter den holländischen Zionisten wieder herzustellen, ln der Generaldiskussion sprach im Namen der Opposition Ne hemia de Lieme, der insbesondere das Verhältnis zwischen Parteileitung und holländischem KH.- Kuratorium kritisierte. Van Raalte antwortete der Opposition und schloß mit der Aufforderung, sich mit der Majorität zu vereinigen und an der Arbeit teiizunehmen. Am zweiten Tage der Konferenz gab Franzie Bernstein im Namen der de Lieme-Gruppe eine Erklärung ab, daß ,die Opposition bereit ist, wieder aktiv mitzuarbeiten. Die von der Opposition verlangten Voraussetzungen für den Wiedereintritt in die Organisation werden von der Mehrheit erfüllt werden. Nach der erzielten Einigung wurde der holländischen Parteileitung einstimmig das Vertrauen ausgesprochen. Zum Vorsitzenden wurde Herr van Raalte gewählt. Dr. SchiUowskys JnMIinm Wie schon mitgeteilt, hat sich In Berlin aus Anlaß des 60. Geburtstages des hervorragenden jüdischen Schriftstellers und Denkers Dr. Chaim Schitlowski ein Jubiläumskomitee gebildet. Dieses Komitee hat nun an Dr. Schitlowsky, der in New York lebt, das folgende Telegramm abgesandt: ״Wir begrüßen den mutigen Denker, Gelehrten und Führer moderner jüdischer Kulturbewegung zu seinem 60. Oeburtstage und wünschen ihm Mut und Kraft zu weiterer fruchtbarer Arbeit zum Besten des jüdischen Volkes und der jüdischen Kultur.“ Am 25. Dezember tagte in Berlin unter dem Vorsitz des Herrn Leo Bramson der Vollzugsausschuß des Jubiläumskomitees Es wurde beschlossen, in der ersten Hälfte des Januar 1926 in Berlin zu Ehren des Jubilars einen literarischmusikalischen Abend zu veranstalten. Als Redner sind in Aussicht genommen: Prof. Dr. Ludwig Stein, Prof. S. Dubnow, Leo Bramson, der Dichter David Bergelson, Dr. A. Syngalowski, Berl Locker, Dr. Steinberg u. a. nt. Ferner wurde beschlossen, ein Sammelbuch in deutscher Sprache, sowie ein Almanach in jiddischer Sprache herauszugeben, die der Persönlichkeit Schitlowskys gewidmet sein und dessen grundlegenste Aufsätze enthalten sollen. Verhaltung zionistischer Sozialisten in Rnßland Berlin, 29. Dezember. (J, T. A.) Den Verbandsbüros der zionistisch-sozialistischen Parteien in Berlin wird aus Rußland mitgeteilt: Nach einer Tour des Vorstehers der jüdischen Sektion der kommunistischen Partei, Herrn Golde, durch das Gouvernement Cherson sind in mehreren Städten, sowie alten und neuen jüdischen Kolonicn im Gebiet von Cherson Massenarreste zionistischer Sozialisten vorgekommen. Nach einer vorläufigen Feststellung wurden in Cherson 13 Personen, ferner in Nikolajew, Kochawka, sowie in den alten Kolonien Sedeh Menuchah und Nahar Tow und in mehreren neuen Kolonien zahlreiche Personen verhaftet. Ein Teil der Verhafteten, mehr als 30 Personen, wurden in das Chersoner Gefängnis eingeliefert. In Moskau wurden in der Nacht des 16. Dezember zahlreiche Haussuchungen bei des Zionismus verdächtigen Personen durchgeführt; sechs Personen wurden wegen Zugehörigkeit zur zionistisch-sozialistischen Partei in Haft genommen. Verhaftet wurde die gesamte Turinsker Gruppe samt Frauen und Kindern. Ein Teil der Verhafteten wurde bei großem Frost nach den Taiga-Sümpfen verschickt. Die Verhafteten setzten es durch, daß man sie nach Turinsk zurückbrachte; sie wurden aber bald wieder ins Gefängnis gesteckt. Einige Genossen, die seit anderthalb Jahren in einem kleinen Dörfchen der Taiga-Gegend untergebracht waren, wurden plötzlich in eine weitere polare Wüste verschickt, so daß ihre Spur verloren ging. Auch von anderen Verbannten, die von Ort zu Ort geschickt werden, ist die Spur verloren gegangen. Eil poiiisehes Generaiknsolat in Pallstina Warschau, 29. Dezember. ('. T. A.) Wie der J. T. A.- Vertreter zuverlässig erfährt, hat sich die polnische Regierung entschlossen, ihr Konsulat ln Jerusalem in ein Generalkonsulat umzuwandeln. Der bisherige polnische Konsul in Jerusalem, Dr. Hubycki, wurde ab 1. Januar 1926 zu Polens General- Konsul in Palästina mit erweiterten Vollmachten ernannt. Der gegenwärtig in Warschau weilende polnische Konsul in Palästina Dr. Hubyki besuchte in Begleitung des Leiters des Ost-Departements im Warschauer Außenministerium das Büro des Warschauer Palästina-Amtes. Die Gäste wurden durch den Vorsitzenden des zionistischen Oberrats in Polen, Herrn Leon Levite, begrüßt. Hierauf begaben sie sich zum Chaluzim-Heim und den Palästina-Ausstellung. Sie äußerten sich sehr lobend über die Organisation der Palästinaarbeit im polnischen Judentum. Der pallstlceisisehe Legislative Conieil Laut Meldungen der palästinensischen arabischen Presse soll auf Grand von Verhandlungen zwischen Lord PI um er und Kolonialminister Amery wiederum der Versuch gemacht werden, in Palästina eine gesetzgebende Versamm- Jung einzuberufen. Näheres ist darüber nicht bekannt. Pillstineasisehe Zollpolitik In London traf die Meldung ein, daß die palästinensische Regierung die Zölle auf importierte Rohstoffe abgeschafft hat. Auel» die Exportabgaben für palästinensische Produkte sollen teJFfitifaQ •kpmn, E&e offizielle Bestätigung dieser ■Meldung bleibt abzuwarten. Lord Planier in hebrliscbtn Techalknm in Ball! Lord P1 u m e r hat dieser Tage Haifa einen Besuch abgestattet. Neben den verschiedenen industriellen Untemehmungen besichtigte Lord Plumer auch das Technikum, wo er sich zusammen mit den Schülern photographieren ließ. (Ziko.) Ansiedling sephardlscher Jode■ Jerusalem, 23. Dezember. (P.C.) Eine neue sephardische Siedlung von Juden aus Grusien, der Türkei und Bulgarien hat sich in Saidun an der Eisenbahn Jaffa—Jerusalem niedergelassen. Die Siedlung besteht aus 15 Familien, die über etwas Kapital verfügen und auf weitere Unterstützung durch Darlehen des Keren Hajessod rechnen. Die Landwirtschaftliche Abteilung der Zionistischen Exekutive hat ihnen aus den Mitteln des Keren Hajessod in der letzten Woche EC 300 für Anschaffung von Samen zur Verfügung gestellt und wird weitere größere Darlehen gewähren, falls es sich zeigt, daß der Boden dort Wasser enthält. Gegenwärtig werden dort Brunnenbohrungen vorgenommen. In dieser Woche sind auch 12 Familien grusinischer Juden aus dem Kaukasus eingetroffen. Sie sind sofort nach PetachTikwah geschickt worden. Dort werden ihnen jetzt aus den Mitteln des Keren Hajessod Baracken gebaut und alle Vorkehrungen getroffen, um sie dort anzusiedeln. JahreskoifereiE der jüdischen Stadeiteivereine Im großen Saal der jüdischen Gemeinde zu Berlin fand vorige Woche die vierte Jahreskonferenz der jüdischen Studentenvereine in Deutschland (Ostjüdischer Studentenverband) statt. Der Vorsitzende Dr. M. Goldmann teilte mit, daß auf der Konferenz 16 Vereine mit insgesamt 650 Mitgliedern vertreten seien. Bei der vorjährigen Jahreskonferenz waren 20 Vereine mit 1800 Mitgliedern vertreten. Der Rückgang der ostjüdischen Studentenschaft in Deutschland ist auf die schlechte Wirtschaftslage in den Heimatländern der Studenten, sowie auf die erschwerte Lebenslage und Studiumsmögllchkdt ln Deutschland selbst zurückzuführen. Der Zuzug an Studierenden hat fast aufgehört. Rabbiner Dr. Hildesheimer hielt dann eine Begrüßungsrede, in der er die Leistungen der ostjüdischen Studenten und ihren hohen Idealismus rühmte. Dr. wischnitzer begrüßte die Konferenz im Namen des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der dem Verband in den letzten zwei Jahren mehr als 70000 Mark zugeführt habe, damit der Verband mehreren seiner Mitglieder aie Möglichkeit verschaffe, ihre Studien zu beendigen. Der Hilfsverein werde mit Hilfe anderer Organisationen alles tun, damit die für das laufende Semester erforderliche Summe aufgebracht werde. — Hierauf verlas das Mitglied der Exekutive Herr Schechter Begrüßungsschreiben von den Professoren Einstein, Dubnow, Mittwoch, sowie einer Anzahl Studenten- und Kulturorganisationen aus vielen Ländern. Ansprachen hielten Herr Efsenstadt (״ORT“), Dr. Di jour (״Emigdirekt“), Durczin (Berliner Studentenverein), Steinig (Weltverband jüd. Akademiker), Ide 1 s0hn (״Arbeiterstimme“))Neustadt (,,Neuer Weg“) u. a. m. Prof. Dr. Heinrich Löwe gab dann einen Ueberblick über die Entwicklung der nationalen Bewegung unter der Studentenschaft, worauf Dr. Syngalowski über Studententum einst und jetzt sprach und mit einem Aufruf an die Studenten schloß, an der Kulturarbeit der Gegenwart teilzunehmen und zu helfen, dem jüdischen Alltag Schönheit und Weihe zu geben, (J. T, A.) Breslauer Brief Repräsenlantcnveraammlungcn — Vorträge - Chanukkahfeier des K.K.L. Dr. J. P., Breslau, Ende Dezember. Es ist bereits im letzten ״Brief“ über die Stellung der jüdischen Gemeinde zur jüdischen Schule gesprochen worden. Heute kann man etwas versöhnlicher sprechen. Ke Reprisentantenversammlung vom 19. November zeigte doch eine andere, friedlichere, sachlichere Einstellung. Der Jüdische Schulverein hatte eine Subvention vom Vorstand der Gemeinde erbeten. Sein Etat von monatlich 4000 M. wird nur durch 2000 M. Einnahmen gedeckt. Das Defizit von 2000 M. sollte nun durch eine angemessene Subvention der Gemeinde wenigstens zu einem Teile gedeckt werden. Ke Begründung dieser Eingabe war stichhaltig genug: die Zahl der Schüler wird immer größer, eine Anzahl ostjüdischer Kinder, Kinder zahlender Gemeindemitglicder, gliedern sich schwer in den Unterricht der deutschen Schulen ein usw. Diese Eingabe war seinerzeit vom Vorstand abgewiesen worden. Der Schulverein wandte sich nun an die Repräsentantenversammlung mit derselben Eingabe und konnte sich dabei auf eine Liste einer großen Anzahl angesehener, auch liberaler Gemeindemitglieder stützen. Das Referat in der Repräsentantenversammlung war dem liberalen Repräsentanten Justizrat Kafisch überübertragen worden. Er wandte sich prinzipiell gegen die jüdische Schule. Da aber das neue Reichsschulgesetz mit seiner spezifisch christlichen Einstellung dem Vorstand noch nicht bekannt gewesen sei, beantragte er Rückgabe an den Vorstand. In der Diskussion sprachen die Reprisentanten Frankel, Kober und Jacobsohn. Besondere Jacobsohn verstand es in ebenso warmer wie vornehmer Art für die jüdische Schule einzutreten. Er wandte sich gegen die Auffassung, die immer nur den Antisemitismus mm Maßstab für alle jüdischen Knge machen wolle. Ke Frage der jüdischen Erziehung sei eine Frage der jüdischen Zukunft. Auch er schloß sich dem Antrag des Referenten an, die Eingäbe des Schulvereins dem Vorstand zur nochmaligen Prüfung zu überreichen. Man darf gespannt sein, wie sich der Vorstand entscheiden wird. Aus der übrigen Tagesordnung sei nur kurz erwähnt, daß die Errichtung eines selbständigen Wohlfahrtsamtes der Gemeinde geplant ist, dessen Leitung Bürodirektor Glaser innehaben wird. — Ke RepräsentantenVersammlung vom 17. Dezember brachte wenig Interessantes. Es sei denn, daß diese Repräsentativer- Sammlung auf Antrag Jacobsohn einen auch in jüdischen Parlamenten sonst kaum üblichen feierlichen Anstrich dadurch bekam, daß man gemeinsam die Chanukkahlichte entzündete. — Die kommende Wahl der Repräsentanten dürfte ohne jeden Wahlkampf vor sich gehen. Ke Zionisten würden etwa vier Mandate erhalten, wobei die Wahl von Zio« nisten in den Vorstand durchaus im Bereich des Mögliehen liegt. Ueber die Vorträge, die im Rahmen der Z.G.O. veranstaltet wurden, werden die Leser der ״J. R.“ in den Berichten der Ortsgruppe unterrichtet. Trotzdem bleibt noch manches nachzutragen. Am 8. November hielt Max Brod als Einleitung zum Wintersemester der Freien jüdischen Volkshochscaule einen Vortrag über David Reubem — Wahrheit und Dichtung. Der Vortrag, der eine ungewöhnlich große Zahl von Zuhörern fand, gehörte zu dem Besten, was wir seit langer Zeit gehört haben. Brod versuchte, dem geschichtlichen Hintergrund zu zeichnen, von dem steh die Gestalt Reubenis abhebt: die Renaissance findet die Juden In 1nlrtelaItertlch*geRnechtMer tage."'״Fälsche MesÄii'e־1-״■-- Sabbatei Zewi, Reubeni, Salomon Moicho — werden die Führer neuer jüdischer Bewegungen. Ihr Sinn kt von der jüdischen Historie noch kaum erkannt Der Rationalist Grätz lehnt sie als ״Schwindler“ ab. Der besondere Sinn RSubenis sei, daß er der einzige unter den ״Messiassen“ ist, der nicht Fasten und Ekstase als einzige Mittel zur Erhebung sieht, sondern der realpolitisch sieht und seinem mystischen Wollen ein realpolitisches Korrelat schafft, indem er mit dem Papst verhandelt und sich als Abgesandten eines jüdischen Reiches ausgibt. Es sei nur noch erwähnt, daß sich die einzige Kopie des Tagebuches Reubenis in der Bibliothek des einzigen jüdisch-theologischen Seminars befindet und daß Max Brod bei seinem hiersein festgestellt hat, daß sich vermutlich auch noch Aufzeichnungen von Salomon Moicho und vier Seiten Originalschrift Reubenis im Seminar befinden. Der Vortrag Dr. J. Heinemanns über ״Wissenschaff und Leben“, den der bekannte Dozent am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar, vor einem kleinen Kreise (im Verein der Freunde des Seminars) hielt, sei hier nur erwähnt. — Hinter verschlossenen Türen und vor geladenen Gästen sprach Sanitätsrat Dr. Pevser vom Verband nationaldeutscner Juden. Der Vortrag brachte nichts Neues. Jede Nummer der ״Mitteilungen“ Naumanns wiederholt die stereotypen Sätze von den ״falschen Freunden unserer Jugend“, den Zionisten und Zwischenschichtlern und den wahren, den Nationaldeutschen. Eine Wiedergabe des Vortrages verlohnt also nicht. In der Diskussion sprachen Jacobsohn und die Mitglieder der ״Kameraden“, Edgar Freund und Martin B r a s cn gegen den Vortragenden. Im Rahmen des ״V e r e in s für jüdische Geschichte und Literatur“ hielt Herr Dozent Dr. Rabin am 28. Dezember einen Vortrag über ״Moses, auf Grund neuer Forschungen und Ausgrabungen“. Der Vortrag versuchte die Historitit des biblischen Moses nachzuweisen. Er stützte sich hierbei auf die (zwar noch umstrittenen) Tafeln von Sinai, die — nach Auffassung des Redners — die Annahme einer recht hohen Kultur zulassen und auch die häufige Erwähnung des Auszugs und des Namens Mose in den prophetischen Büchern. Besonders die letztere Tatsache führte Dr. Rabin als Beweis dafür an, daß im Bewußtsein des Volkes Mose und sein Werk immer lebendig gewesen sind. Der — fast zweistündige — Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Wenn man mit einem freudigen Ereignis schließen darf, so sei noch kurz das Chanukkahfest des Keren Kaj e m e t h erwähnt. Es fand zwar bereits Ende November statt, war aber dennoch erfüllt von wirklicher Chanukkahfreude. Die Stimmung, die in einem ausgezeichnet gespielten und gesungenen Theaterstück und in den vielen anderen Dar- Bietungen zum Ausdruck kam, übertrug sich rasch auf die sehr zahlreich erschienenen Gäste, die selbst die beiden Lcssingsäle nicht fassen konnten. Der propagandistische Erfolg des Festes war ebenso gut wie der finanzielle. Antisemitischer Bubenstreich. Am Weihnachtsabend kam es in der Tauentzienstraße, Ecke Rankestraße, gegenüber dem Hakenkreuzlerrestaurant ״Wilhelma“ zu schweren antisemitischen Ausschreitungen, in deren Verlauf der Rittergutsbesitzer Baron v. Engelhardt, der nach Berlin zugereist ist, anscheinend im Zustand sinnloser Trunkenheit mit den Worten ״schlagt den Juden tot!“ den 74 Jahre alten Gelehrten Dr. Gregorius Itelson attackierte. Er schlug auf den alten Mann solange ein, bis dieser mit erheblichen Verletzungen Im Gesicht auf der Straße liegen blieb und zur nächsten Rettungsstelle geschafft werden mußte, wo er verbunden wurde. Baron v. Engelhardt wurde darauf von der Polizei wegen Trunkenheit und Sachbeschädigung ver* haftet. Dr. Itelson wird wegen der ihm zugefügten Verletzungen Strafantrag stellen.