Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 84-85 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SS 410 / Für Pol •01 Po.l1patkaa1ao.nt w.ritfi.« Nr. IW TM, Rednklionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — תרס״ה כ״ו השרי. XXIX. Jahrs. 0er Zionismus ©rotrobl für eia• IQdische Volk dl« Schaffur»׳! «Ino«• öffcnlilel» recht Heimstatt« In Palästina. ״Baseler Programm.‘* Verschiebung des Dclcgiertentages Der Bundesvorstand der 2. V. f. D. hat in seiner Sitzung vom 22. Oktober beschlossen, den zum 21. Novcm* ber eioberufenen Dclegiertentag wegen der technischen Schwierigkeiten, die sicli aut den plötzlich ausgeschriebenen Reichstagswahlcn ergeben, zu verschieben. Zur Krise in Deutschland Die Auflösung des Reichstages wirft Deutschland in eine neue Krise, die d.ns öffentliche Leben der nächsten Wochen beherrschen wird. Jeder deutsche Bürger hofft, daß cs eine Gesundungskrise sein werde. Der letzte Reichstag war unter der Nachwirkung der abnormalen und zerrütteten Zustände gewählt worden, die durch die Inflationswirtschaft entstanden war. Das reaktionäre Eiement hatte darum in ihm ein außerordentliches Liebergewicht. Die politischen Verhandlungen der letzten Tage vor der Auflösung haben gezeigt, welch verhängnisvolle Folgen diese Zusammensetzung des Reichstages haben könnte: Deutschlands Eintritt in die Völkergemeinschaft wäre bedroht, wenn die Welt die Uebcr/eugnng gewinnen müßte, daß der alte Geist des Junkertums, der Geist der Ueberhebung und des Hasses gegen alles Andersgeartete, mafigebenden Einfluß auf die deutschen Regiennigsgescliüftc bekommen könnte. Es wäre auch eine für alle zivilisierten Völker unverständliche Kultur.schnnde, wenn der Antisemitismus, der wenigstens nach außen wichtigste Programmpunkt der Dcutschnationnlen, der sich auch bisher schon genügend kraß in unserem öffentliehen Leben ausgeprägt hat, nunmehr zur offiziellen Rcgicnmgsmaximc geworden wäre. Der anhebende Wahlkampf wird die Leidenschaften auf allen Seifen wieder aufpeitschen. Es ist klar, daß?amtliche Rechtsparteien!lieht darauf verzichten werden, das antisemitische Schlagwort ausgiebig auszunutzen, weil sic damit auf die Gehirne bornierter Wählcrma&scn zu wirken hoffen. Es darf uns nicht wundern, wenn auch die dcutsclinationalc Volkspartei, die längst jede Tradition, vergangener Vornehmheit fallen gelassen und sich ganz und gar ins Lager vulgärer Hetzpropaganda begeben Imt, schon in ihrer ersten Wahlkundgcbung die antisemitische Wahlparole nusgegeben hat. Jeder feinfühlige Mensch muß de!( nädistcn Wochen, wo sich stupideste Hetze und blödeste Verdrehung der Tatsachen wieder einmal gründlich austolvcn werden, mit peinlichen Gefühlen entgegeusehen. Es ist selbstverständlich, daß die deutschen Juden ihr oberstes Bürgerrecht ausüben und zu den Wahlen gehen werden. Sie werden je nach ihrer wirtschriftlichen Anschauung, die ihnen gemäße Partei unter denjenigen Parteien wählen, die nach eine gewisse Bürgschaft dafür bilden, daß die schwarze Reaktion der Nationalisten nicht ans Ruder gelangt. Die deutschen Juden fordern uneingeschränktes Recht, sich als Bürger und als Juden i!1 Deutschland frei auszulebcn. Wir Zionisten, die von der Notwendigkeit einer schließlichcn Totallösung der Judenfrage durchdrungen sind und daran arbeiten, wir verstehen vielleicht noch tiefer als alle Eemcrstchendcn, wie wenig der maßlose Antisemitismus, den wir in Deutschland jetzt mitcrlcbcn, auch iin Sinne der Deutschen zur Lösung der Judenfrage beitragen kann. Wir scheuen nicht eine ernste und sachliche Diskussion der Judenfrage, die von dem ehrlichen Willen erfüllt ist, die Wahrheit zu finden. Aber wir verab- *dienen das demagogische Geschwätz derer, die dio Judenfrage als politische Losung verwenden, um dem Volk ihre wahren, reaktionären und seibsüclitigcn Ziele 1ת verschleiern. Das alte Rezept, das schon der Zaris- 1״״* gut gekannt hat, durch das ״Haut die Juden!" die Aufmerksamkeit von eigener Schuld abzufenken, hat sich im Nachkricg.sdeutschland ausgezeichnet bewährt. Man scheint auch jetzt noch nicht darauf verzichten zu können. Noch heute gilt das Wort des Professors Massaryk, das er sprach, als er noch nicht Präsident war: die hielhing der Völker zur Judenfrage ist ein Barometer für ihre Kuiturhohe. Alle deutschen Patrioten können mir hoffen, das Ergebnis der kommenden Reichsb[:s־w,ihicn werde beweisen, daß die Mehrheit des deutschen Volkes die Kulturschande des Antisemitismus ablcbnt. Wer ausländische Zeitungen liest, weiß, wie *ehr heute der deutsche Antisemitismus als Zeichen der Rückständigkeit und Unsachlichkeit des deutschen Denkens betrachtet wird. Gerade für Deutschland wäre es v°n unschätzbarem Vorteil, wenn die Wahlen beweisen würden, daß die Mehrheit des Volkes, nachdem endlich Hd'igc Verhältnisse eingetreten sind und die Bevölkc- [8חוי einer Zeit friedlicher Arbeit entgegenstrebt, ihr ״׳״res Denken zurückgewonnen hat und auch den anti* semitischen Spuk überwindet V! ^יי ץ?׳ךוי ן Ir *m «*.4 ## Presse - Empfang bei Herbert Samuel Jerusalem, 16, Oktober (J.T, A.). Am 14.0ktober Imt ein Empfang der Pressevertreter bei Sir Herbeit Samuel stattgefunden. Der Oberkommissar erklarte, daß seine Amtszeit im Juni 1025 bcc n d e t sein wird. Die Frage, wer sein Nachfolger sein wird, ist — so sagt er — von der Regierung noch nicht in Erwägung gezogen worden. Sir Herbert Samuel kündigte ferner an, daß der Unterstaatssekretär Sir Gilbert C1 a y to n im kommenden Frühjahr seinen Posten verläßt. Im Laufe des Oesprächs sagte Sir Herbert Samuel ferner: die Parlamcntswahlcn in England halten die Durchführung der Palästina-Anleihe auf. Die Durchführung Ist erst möglich, wenn das Parlament das notwendige Gesetz angenommen haben wird. Durch die Wahlen verzögert sich auch die Erledigung der Bürgerschaftsfrage, die nach Inkraft• treten des Latisatincr Vertrages hätte geregelt werden müssen. Das Bürgcrschnftsgcsctz, sagte Sir Herbert Samuel, ist im Entwurf fertig ,nid zur Veröffentlichung vorbereitet. Es verleiht allen Einwohnern ohne Unterschied, Juden und Niclitjuden, nach zwei Jahren L 011 <1 cs an s ״ s 81 gk c i t, das palästincnsischc Ikirgerrechf. Die jüdische Gemeinde- Ordnung ist im Prinzip gebilligt worden, aber auch hier ist infolge der dazwlschenkonuncndcn Wahlen eine Verzögerung möglich. Zum Schluß erklärte Sir Herbert Samuel, die Nachricht, daß Transjordanien durch Palästina annektiert werden wird, sei unrichtig. Transjordanien sei ein Teil des britischen Mandatlandcs. Ueber ein Abkommen zwischen dem Emir Abdullah von Transjordanien und der britischen Regierung, welches die Bedingungen einer transjordanischeil Verwaltung regelt, wind jetzt noch verhandelt. Am 15, Oktober trat Sir Herbert Samuel seine Reise nach Genf an, um der Tagung der ständigen Mandats- Kommission des Völkerbunde* bclniwohnen und über di« Administration Palästinas Bericht zu erstatten, Palästina vor dem WHkcrbnnd Die Tagung1 der Mandatskommission des Völker, b und cs, die zum ersten Male einen Bericht Englands als Mandatarmacht über die Verwaltung Palästinas entgegen, nehmen wird, beginnt am 23. d. Mts. in Genf. Herbert Samuel ist bereits in Genf cingefroffcn. Auch Weizmann befindet sich bereits in Genf. KalhoIIzfsmas and die Tagung der Mandatskommission Die katholische Nachrichtenagentur ״A g e n ec d e Rome‘* verbreitet im Zusammenhang mit der Genfer Tagung der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes eine Mit• tcilung, in der es heißt: Die wichtigste Frage der Session ist die Paläst in an, die zum ersten Mal von der Kommission im Detail besprochen werden wird. Es ist dies die erste Versammlung der Korn* missfon nach dem Inkraftrcten des Lausaner Vertrages. Da• raus erklärt sich, warum vor der Tagung der Mandats• koinmisskm, in der der Italienische Repräsentant, der Marquis Alberto Tcodoli, den Vorsitz führt, in den zionistischen Zentren, insbesondere in London eine Tätigkeit entfaltet wurden die darauf hinziclt nicht allein die Kreise der Jewisli Agency zu verteidigen, sondern auch diese Kräfte, wenn möglich, zu verstärken. Katholische Kreise sind indessen eben, *falls in 11 de in ganzen Komplex von Problemen b e s c h ä f 11 g t, die aus der Situation in Palästina sich ergeben, Probleme, die infolge der Spannung zwischen Juden, Arabern und Christen, nicht aulhörcii, heikel und dornig zu sein. Palästinas Anteil an der Yorkrlegssehuld Jerusalem (J.T.A). Laut einer ln der arabischen Zeitung ״M eraat-cl •Shcrk“ veröffentlichten Mitteilung wird der paÜLslineitsischc Anteil an der ottomanischen Vor• kriegs-Staatsschuld vier Millionen Pfund betragen. Die Summe Jst Innerhalb zwanzig Jahren zu begleichen. Die• selbe Zeitung teilt mit, daß Transjoidanicns Schuld-Anteil 380,000 Pfund beträgt. * Ein Appell Bialila an Weizmann Am 30. September fand ln Tcl-Awhv ein feierlicher Empfang Weizmanns durch den Zionistischen Klub statt, der durch eine IkgrülUmggsansprnclic Chaiin Naclunan ■Blallks ansgezeichnet war. BLilik führte etwa folgendes aus: ״Scliolcm Aleichein behauptet, daß jeder Jude zwei ״Päckcl“ habe. Beweis: man frage einen Juden, was sein Piickcl macht, *0 antwortet er mit der Gegenfrage, welches Piickcl man eigentlich meine. Das schwere Piickcl, daß unser Präsident trägt, kennen alle, die an der Aufbauarbeit teiihaben. Wir haben mit dem Präsidenten initgclittcn und initgcfuhlt, wenn wir uns bewußt wurden, daß das Piickcl zu schwer für seine Schultern wurde. Aber meine Herren, cs hat sich nur um eine Bürde g< handelt; die zweite Bürde hat weder auf ihm noch auf der Zionistischen Organisation gelastet. Diese zweite Bünlc ist die Kulturarbeit. Es Ist allen bekannt, welche Rolle diese Arbeit bis heute!111 Zionismus gespielt hat Sie hat als Dekoration gedient und zumeist pflegte man von Ihr am letzten Tage der Kongrcßvciliandlungcn zu reden, in einer Zeit, wo die Teilnehmer müde und abgespannt waren. Jetzt will k׳h gerade nur von diesem Piickcl reden. Ich spreche in aller Namen, wenn ich behaupte, daß es die höchste Zelt ist, das Problem der hebräischen Kultur 111 den Vordergrund zu rücken. Man beginnt allmählich zu empfinden, wie verderblich die Geringschätzung war, mit der wir dieses Problem behandelt haben. Solange unsere Bc* wegung klein war, haben die Einwanderer allein die Träger der iwbräischon Kulturarbeit sein können und die Gefahr war nicht groß. Wer waren die Menschen, die in der Zeit bis vor vier Jahren den JIsclmw gebaut haben? Alle waren sic Träger der modernen hebräischen Kultur. Sic waren durchtränkt mit dem Geiste der hebräischen Sprache und war.cn erzogen in den Ideen unserer größten Schriftsteller von Smolensky bis Achad Ha,am. Alle Einwaifdcrcr waren Menschen des Geistes und des Buches und nur die wenigsten kannten die hebräische Sprache nicht. Unser Präsident hat vorartsgcschcn, daß Palästina be■ rufen ist, eine große Rolle im jüdischen Leben zu Spieler»,, und daß die?icmis'Hche Bewegung eine Volksbewegung weiden wird. Er hat darum rechtzeitig die Arbeit mitgenommen, die Grenzen der Organisation zu erweitern, damit sic fähig werde, alle Schichten des Volkes zu umfassen. Die Einwanderung hat sich vergrößert, und Ins Land strömen Menschen, die wir nie erwartet haben. Möglicherweise sind diese Menschen zu früh ins Land gekommen! Das Land kann namentlich ln kultureller Hinsicht diese große Einwanderung nur schwer verdauen, und wir werden uns der Folgen jener Gerling- Schätzung bewußt, die wir JO Jnlue lang für die hebräische Kultnrbcwogung gehabt haben und für die Lehren Achad Haanis, der rechtzeitig vorausgesehen hat, daß einst der Tag kommen wird, an dem das, was die politischen Zionisten für eine Art Obstruktion gehalten haben, da! realste Problem werden wird. Heute müssen wir dafür büßen, daß wir nicht den Boden für die Zelt vorbereitet haben, die jetzt g*e־ kommen ist. Die hebräische Sprache und Kultur machen gegenwärtig In Palästina eine Krise durch. De neuen Einwanderer haben keine Ehrfurcht vor dem Hebräischen und in Tcl-Awhv hört man die verschiedensten fremden Sprachen. Anstatt aber die Kulturtätigkcit m vergrößern, wird sie von der Exekutive beschränkt. Der Wand Halasdion, der Wächter der hebräisehen Spraclibcwcgung, oimc die alle materiellen Erfolge wertlos sind, bekommt keine Unterstützung von der Organi•' sation. In dem Mittelpunkt unserer Arbeit müssen jetzt die Be• Strebungen zur Förderung unserer kulturellen Aufgaben gestellt werden. Andernfalls wird unsere gesamte Arbeit wertlos sein. Wenn das Volk nicht genügend Verständnis für Kulturwcrtc hat, so muß cs gezwungen werden, di« Bedeutung der hebrnäischcn Kultur zu erkennen. Auch in Kulturfragen ist oft eine Diktatur notwendig. Dr. Weizmann möge die Last dieser Aufgaben auf sich nehmen, und wenn sic ihn1 Im Oolua nledcrdrücken sollte, 80 wird *ein Rücken in Palästina wieder gerade gestreckt werden. De Kulturarheit muß um jeden Preis im gleichen Umfange wie die praktische Tätigkeit fortgeführt werden. Wenn der Präsident der Organisation die Fahne der hebräischen Kultur im richtigen Augenblick entfalten wird, dann erst wird die Frage der Erlösung richtig gestellt sein. Ich wünsche unserem Präsldeuten, daß er die Parole für die Kulturarbeit Im richtigen Augenblick ausgebe.“ In seiner Antwort betonte Weizmann, daß die Forderung der Entwicklung der hebräischen Kultur 1m Lande auch von eminenter politischer Bedeutung sei. In Genf könnte man uns vielleicht sagen, daß in Palästina in allen möglichen Sprachen gesprochen und gesungen wird, nur nicht hebräisch; und ein derartiger Einwand wird sehr schwer wiegen. Bel allem, was Im Land geschieht, muß man sich vor Augen halten, daß die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf uns gerichtet ist. Unser Tun wird beobachtet mit, Teleskopen und Mikro- 8kopen. Der Redner appellierte an die Anwesenden, sich ernst mit dieser Frage z.u beschäftigen. Zum Schlüsse bcrührte Dr. Weizmann die allgmcine politische Lage de« Zionismus und der Aufbauarbeit In Erez-isracl Eine JescWwah 11t TeMwIw Tel-Awiw (J.T. A.) ln einer im Hause des Rah■, b'mcrs Ah ron ton abgchaltcncn Versammlung wurde di« Errichtung einer modern ausgestatteten Jcschlwah In Tel•, A w i w beschlossen. Ein Komitee wurde eingesetzt, das de« Beschluß durchführen soll. י־