Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 80 (7.10.1924)
- Date
- 1924-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 570 Fressestinint cn!11 einem Aufsatz über eins religiöse Problem in Sowjetkiifllaiul schildert Adolf Ci r a b o \v s k y in der ,,Frank• f 11 r t er Zeitung“ auch die Lage des ruasisehen Judentums. Die Beobachtungen sind der Wiedergabe wert, nu׳:h wenn mau m,1 riehen Urteilen und Anschauungen nicht boistinunt. Mac,5 der l-'cstslcllunff, daU der Antisemitismus in Rußland streu״ unterdrückt wird und daß die Gerüchte über den Einfluß der Juden in der Regierung stark übertrieben sind, fährt er fort: ״Vor allem ist zu betonen, daß viel mehr Juden als inner• halb der Regierung oder innerhalb der kommunistische« Partei (wo sie jetzt zusammen mit der übrigen Intellegctu radikal gesäubert werden! .־innerhalb des Kommunismus stehen. Und hier wird die schon angeführte Zerrissenheit des einzelnen Juden zu einer Zerrissenheit des russische« Judentums überhaupt. Ein Teil, und zwar sicher der grüliere, lehnt doch den Kommunismus entschieden ab, ein an• derer Teil beginnt sich mit ihm abzufinde«. Auf beide Teile aber strömt die antireligiöse Haltung der jetzt führende« Schichten und ihre Gleichgültigkeit der Nationalität gegenüber in dem Sinne ein, daß das Judentum als Nation wie als Religion spürbar /.ersetzt wird. Der moderne Jude ver• fällt ja überhaupt leicht in die Religionslosigkeit. Dieser moderne Typus war bisher in Rußland verhältnismäßig sc!• teil, weil unter dem Zarismus die Juden massiert in den A«Siedlungsgebieten hockten, in einander gekapselt und des• halb natürlich tief in ihre alten Bindungen verstrickt. I Icutc kann der Jude wohnen, wo er will. Aber schon im Krieg ist praktisch der Aiisiedhmgsrayon durch die deutsche und österreichische Okkupaton gesprengt worden. In Rußland erst merkt man, daß die polnischen, litauisthcn, wollivmsehcn und nodolischen Juden, die sieh nach «lern Westen gewendet nahen, mir ein verhältnismäßig kleiner Teil sind; ein viel größerer Teil von denen, die ahwanderten, hat sich hach dein Osten, nicht in letzter Linie, nach Moskau, ergossen, Sic steilen der jüdischen Religion sowohl wie der jüdischen Nation meist ziemlich entfernt gegenüber. Diese nicht nur negn• tiv, weil sie entwurzelt sind, sondern auch positiv, weil sie im Vergleich zu den großen Mächten der russischen Rcvolution und den ungeheuren Möglichkeiten der russischen Ent• Wicklung, im Vergleich auch zu der Weite des russischen Landes, die sie jetzt erst begreifen, ihre eigene Religion und Nation als klein empfinden. So hat der Zionismus, der das winzige und noch dazu entfernt gelegene Palästina mit seinen geringen Möglichkeiten dem Judentum anweisen will, in Zcntralrulilaiid nur sehr wenig Anhänger. Während sich die übrigen Nationalitäten Rußlands unter der Sowjetherrschaft mehr akzentuieren, froh, der zaristischen Bedrückung entronnen zu sein, scheint beiden russischen, Juden der umgekehrte Vorgang einzutreten. Gerade weil der Zarisntus sic noch stärker bedrückte als die anderen, beginnen sie sich heute dem Russcimmi zu assimilieren. Früher schmiß mau sic in Ansiedhmgsravons gewaltsam auf einen Haufen und schweißte sic damit künstlich zusammen, jetzt, wo sie die Möglichkeit haben, sich beliebig aus/ubreiten, lösen sie diese künstliche Geschlossenheit. Die russische Assimilations- Periode setzt ein, hundert Jahre nach dem Westei(, wie ja überhaupt Rußland )Hindert Jahre hinter dem Westen zurück ist Eine ״lebende Svnagoge“ hat sich gebildet als Gegenstück zur ״lebenden Kirche'‘, aber innerlich sehr viel solider als diese und auch längst nicht so patronisiert durch die Regicrung. Das nationale Bewußtsein der Westjuden und natiiriich auch ihr Zionismus sind die Reaktion gegen die oberfl.ichlichen Assimilntionscrschcinungcn von Mitte und Ende dys 10. Jahrhunderts mit ihrer Nichtachtung alter jüdischen Tradition, das Nation,algcfühl der Ostjuden dagegen ist präassimilatorisch, ein gewaltiger Unterschied, der vom Zionismus immer verkannt wird. (? — ״J. R“) Es wird nun entscheidend für die künftige Stellung■ des Judentums in Rußland sein, ob diese Assimilation bis zu den mystischen Grundlagen der russischen Seele vorstoßen wird. Reicht sie nicht so weit, so wird das Judentum eines Tages, wenn die neue, religiöse Bewegung beginnt, wieder isoliert sein." In der ״Frankfurter Zeitung“ bespricht Alfons Paquct das Buch von Leopold Weiß ״Unromantisches Morgenland“. Dieses (im Verlag der Frankfurter Sozietätsdruckerei erschicnene) Buch enthält Rciseschiltlerungcii aus Syrien und Palästina, die vorher in der ״Frkft. Ztg.“ erschienen sind. Wir haben uns schon damals mit Herrn Weiß, der mit einer sympathischen Bewunderung für den arabischen Orient ein bedauernswertes Unverständnis für den Zionismus verbindet, an dieser Stelle ausciiiandergesctzt. Paquct loht Weiß’ talentvolle Schilderung arabischer Städte und fährt dann fort: ״Er erzählt einiges auch von der harten Arbeitswut der kleinen Siedlergrupp cn in Palästina. Warum aber gerade von diesen so wenig, die ihm doch am tiefsten zugänglich sein müßten? Sind hier nicht stille, wachsende Dinge, voll innerer Bedeutung für viele Menschen im Abendlaude? Vollzieht sich nicht in dem großen und entbehrenden Arbcitslcbcn dieser Landarbeiter mehr als nur der, bloße Vorgang mühevoller Kolonisation? Ist hier nicht etwas ganz Demütiges jenseits der Tagespolitik und der von den Stirnniungen halnhctciligtcr Völker abhängigen Schicksale? Ist dort nicht irgendwo auf dem spröden, doch trächtigen morgenländischen Boden der wiedergekehrte Mensch, dessen verzweifelte Entschlossenheit r>icl1 löst in oüier geduldigen, saugenden Ruhe, die sich an ein Fußbreit dieses Landes klammert, tun es nicht mehr zu lassen und nach dem Morgen und Ucbermorgen zu fragen aufgehört hat? Das Urteil des Reisenden über die offizielle Politik und Ideologie des Zionismus ist schonungslos. Es ist sdtr kurz, fast ein Acltsdzucken. _ Gut. Es ist nur, als sähe er hinter dem Allzumenschlichen nicht die Not, die sich in dieser Bewegung ziisanimcnzicht, nicht den Glauben, der 111er trotz allem die bewegende, einigende Hebclkraft ist, die jede Enttäuscht!!!״ auf dem oft für sinnlos erklärten Wege aushält und die ein von tausendfacher Skepsis angegriffenes Volk auf einmal ganz ernst und einfach macht. Wenn die Aufgäbe begonnen hat, ihm Gesetz zu werden, so ist dieses Innere wichtiger als alles Acußcrc.“ — Es ist charakteristisch, daß dem Juden Weiß, dem die jüdischen Dinge in Palästina ״doch am tiefsten zugänglich sein müßten", solches von dem christlichen Deutschen Paquct gesägt werden muß. Paquct empfindet eben normal und vorurteilslos, was dem durch Selbsthaß belasteten assimilatorischen Juden durch seine affekttiven Hemmungen verstellt ist. Irrigation von Jadjur Die Frage, ob der Kischonfluß genug Wasser hat. uin iic Jadjurböden des Keren Kajcmcth zu irrigicren, soll durch!ie an den Ufern des Flusses cingelcitete« Arbeiten ihre Lösung finden. Den Sommer über ist der Kischon ausgctrocknet, doch gibt es an einigen tief gelegenen Stellen des Flulibeites Quellen, deren Wasseransammlung den Moskitos als Brutstätten dient. Deshalb plant man, 2 oder 3 Puinpstationeu zu unterhalten, um dieses Wasser aufztisatigcn. Wenn das so gewonnene Wasserquantuni für eine genügend große Irrigation ausreicht, werden sich die Kosten der Pumparbeit durch den vermehrten Ernteertrag bezahlt machen. Schon jetzt läßt sich als Ergebnis der vorläufigen Pumnuugen feststellen, daß eine beträchtliche Irrigation möglich sein wird. lUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. B0 T/V IVA| JlWk* Jl/Ci: L ä % . n ■j £ £ >: \ ,י *1־411 Zionisüsclicn Vcrclr.lyung Hör BeatscWan«! I« F r .1 n k 1 u r I;un Main Vollisbllduugsheha am Eschenheimer Tor, vom 21. bis 24. November 102) Die genaue Tagesordnung wird rechtzeitig bekanntgegeben werden. Aus den Wahlvorschrülm 1. Sämtliche wahlberechtigten Gruppen müssen ihre Mitgliederlisten mit genauer Adresscnangabo bis zum 24. Oktober«!. J. an das Küro der Z. V. f. D. einschicken, da diese Listen dem Wahlprüfungsauaschuß vorgelegt werden müssen. 2. Die Gültigkeit der Wahlen liiingt davon ab, daß die Gruppen die Landesbeitrüg« für das Jahr 1924 vor Vornahme der Wahlen an das Büro (Postscheckkonto Berlin 8091) abführen. Der Landesbeitrag beträgt für Ortsgruppenmitglieder pro Jahr M. 2. —, für Misrachi- und Hapoül• Hazair• Mitglicder M. 1.—, für Mitglieder dor Jugendgruppen M. 1.—. . 3. Dio Wahlresultate tnüsson dem Büro apä« testen« bla zum 14. Noveu1bor gemeldet nein. Fm der Grit -Tni-acl Die katholische Presse über die Entgleisung des ״Doar Hnj'om“. Die katholische Presse Italiens veröffentlicht ein Schreiben des lalninisdieii Patriarchen von Jerusalem, M::r. B a r I a s s i n a , das sich au die liehen Brüder und Söhne Jesu Christi“ wendet. In diesem Schreiben spricht der la!einische Patriarch von einem ״ruchlosen“ Artikel der hebräischen Zeitung ״Doar Hnjom“, die Jesus Christus mit einem herabsetzenden Namen belegt lütte. (Es wird auf den Artikel des ״Doar llajoin“ über Hanz Herzl's Taufe ««gespielt. Red.). Per lateinische Patriarch schreibt wegen dieses Sakrilegs Zeremonien und Gebete vor. Die ka'hoUschc Presse Italiens versieht die Wiedergabe dieses Schreibens mit Uebcrschriitcn, wie ״Der Hali der Juden in Palästina gegen das Christentum'‘, Ein Teil der Zeitungen spricht von einer ״Entschristlicluing“ der Heiligen Stätten, die durch die zionistische Propaganda begünstigt wird. (Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß alle anständigen Juden in und außerhalb Palästinas die Taktlosigkeit des ״Doar Hajom" auf das schärfste verurteilen. Die Kirche aber brauchte keine Staatsaffaire daraus zu machen. — Amu. d. Red. ״J. R.“) Dänische Ausgrabungen ln Palästina. Ein Komitee von dänischen Gelehrten hat von der englischen Regierung die Konzession bekommen, Ausgrabungen in der alten Residenzstadt des Königs Saul in Silo in Palästina ausztifiilircn. Das dänische Komitee besteht aus den berühmten Forschern Sk o n d a a r d - P e t c rs c n , Prof, Oestrop, Prof. Buhl und dem Stiftsprobst O e s s i n g. Der Inspektor des dänischen Nationalmuscmns wird die Ausgrabungen, die im Frühjahr beginnen werden, leiten. Das jüdische Konservatorium In Jaffa. Wie die J. T, A. erfährt, hat der bekannte jüdische Komponist, künstlerischer Leiter des Mnsikvcrlages ״Juval", Herr Jacob Engel, die Einladung erhalten, die Leitung des jetzt in Jaffa im Entstehen begriffenen Konservatoriums für Musik zu übernehmen. Herr Engel hat noch keine Zusage erteilt. Er gedenkt wohl, eine Professur an dem Konservatorium noszuüben, konnte sich aber noch nicht entschließen, die Leitung nnzuneltmcn, Herr Engel wird sich in einiger Zeit nach Palästina begeben. Ein neue» Hotel in Jerusalem. Der bekannte Jcrtt safemer Hotelier ßarsky ist soeben aus Amerika zurückgekehrt, wo cs ihm, laut ״Doar Hajom“ gelungen ist, eine Gesellschaft namens ״Palestinc Corporation Hotei“ mit einem Kapital von 600 000 Dollar zu gründen, die in Jcrusaclm ein großes modernes Hotel errichten will. Dieses Hotel soll nach den neuesten amerikanischen Erfahrungen erbaut werden und 240 Zimmer und MO Badezimmer haben, wie auch einen großen Saal für Versammlungen und Konzerte, eine Gartenanlage und Terrassen rings um das Hotel, Tennis- Plätze, Fußballplätze tl. dergl. Eine Röhrcnanlagc soll im Sommer durch die einzelnen Zimmer Kaltwasscr leiten, um eine erträgliche kühle Temperatur zu schaffen. Für eine passende Benennung des Hotels wurde ein Preis von! KM) Dollar ausgeschrieben. Vorschläge sind an das Hotel ״Allcnby“, Jerusalem, zu richten. Das Urteil itn Prozeß gegen die radikalen Arbeiter, Sämtliche angcklagcn jüdischen Arbeiter der äußersten länkcn, die wegen angeblich illegaler Veranstaltungen verhaftet worden sind, wurden frcigcsprochcn. Nur die Herren BI unk und Rubinstein wurden wegen Beleidigung von Polizeibeamten zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. LCtaiicn Eine Strafuntersuchung gegen Minister Dr. Roscnbaum. Der Kownocr Kreischef strengte gegen den Präsidenten des Jüdischen Nationalrates und früheren Minister Dr. Roscnb a u ni die Klage an, weil sich Dr. Rosenbauin an• gcbüch widerrechtlich den Namen Minister für jüdische An gelcgcnheitcn beilegte. Auf dieses Vergehen stellt eine Strafe von 1500 Lit. Wie bekannt, stellt Dr. Rosenbaum auf dem Standpunkt, daß, solange der Staatspräsident seine Demission nicht angenommen hat, er das Recht habe, den Titel ״Minister für jüdische Angelegenheiten“ zu führen und als solcher den Jüdischen Nationalrat cinzubcrufcn. Dr. Roscnbaum richtete a!1 die jüdische Bevölkerung einen Aufruf, in weichem er für das ihm geschenkte Vertrauen dankt und der Hoffnung Ausdruck gibt, daß die Krisis eine vorübergehende bleiben und daß der Jüdische Nationalrat bald wieder aktiv werden wird. Das Pochen an die Tore. Eine große Zahl gelernter und ungelernter Arbeiter in Litauen, überzeugt, in Palästina zum Vorteil des Landes ihren Lebensunterhalt zu finden, haben sieh kürzlich an das zionistische Büro in Kowno 11m Erteilung von Einreisebewilligungen nach Palästina gewandt. Eine Anzahl dieser Arbeiter und Handwerker ist im Besitz von 250 —500 £ und gewillt, Maschinen und Werkzeuge niitzubringcn. Das Büro in Kowno hat dies Ersuchen an die Pakstiiie Zionist Executive weitcrgeleitct Auch für viele Personen im schulpflichtigen Alter wendet man sieh täglich an die zionistischen Behörden, um wegen des Eintritts in die hebräischen Schulen Palästinas In formaUoncn einzuziehen. Kiu Aulnil der Lxrlmlive Es war seit jeher der Wunsch unserer Organisation, {;n Zculialorgau in In hräischer Sprache 7« schaden, das Sp!crl 11u1i.n1• für die g׳-..!:n!e Zioni •tische OrganLalioa irc Leitung, sowie als Zenlrum für unsere nationale Litera,»r m ü.1!ulh dienen sollte. Dk.-er Wunsch ist vor kurzem er. füllt worden und cs winde unsererseits keine Mühe gescheut um unserem Zciitralorgmi, dem 11 a o 1 a 111, die ständige Mg! arbeit der besten unserer Schriftsteller um! Publizist«! zu Kichern. Wir halten für den liaolam in allen Ländern mul besonders in Erez Israel, ständige Korrespondenten (>e! woiincn, welche unsere Zeitung mit Nachrichten aus erster Quelle versehen. Wir freuen uns, fcstsP'U-ii zu können, daß es uns ge״ Iuugen ist, den Ha 01 am auf würdige Wiisc auszugcstalun. Unseren Freunden in allen 1.,! idern fallt nun die Aufgabe nt dafür zu sorgen, daß unsere Muhe nicht vergeblich ist. Wir halten es für die Pflicht aller Zionisten, dem Haolam Leser und Inserenten zu werben, denn mir auf diese Weise kann man dem Blatte die materielle Grundlage schäften, die ihm zu seiner Existenz und Entwicklung unentbehrlich ist, demselben Maße, in dem der Leserkreis des Blattes wächst, wird auch die Vergrößerung und Ausgestaltung der Zeitung vor sich gehen. Wir wenden uns daher an alle Zionisten mit dem Appell, n allen Orten, wo immer Zionisten leben, eine energische Propaganda zugunsten des Haolnm in Angriff zu nehmen und wir haben die sichere Ucbcrzcugiing, daß, wenn alle Zionisten ihre Pflicht erfüllen, und wenn cs ihnen nur ge• lingt. die bisherigen Leser zu Abonnenten zu machen, damit die Voraussetzung für eine wesentliche, innere und äußere Ausgestaltung des Plattes geschaffen wird. Abonniert den Haolam, verschaffet ihm Abonnenten und Inserenten — dies ist das Gebot der Stunde, dem sich kein Zionist und kein Liebhaber der hebräischen Sprache entziehen darf! Für die Exekutive der Zionistischen Organisation. Louis Lipsky, Mitglied der Exekutive. London, Ende Elul 56SL Vortrag Schmarja Lev tu Sclimarja Lcvin, der alte Liebling der deutschen Zionisten, ist am letzten Sonnabend wieder am Vortragstisch in Berlin erschienen. Lcvin war jetzt ein Jahr in Palästina, er hat seinen Wohnsitz nach Tcl-Awiw verlegt, der Traum seines Lebens ist in Erfüllung gegangen. Nun kommt er, der Apostel, mit der Botschaft des neuen Werdens aus dem Lande, um wieder zu den Juden der Diaspora zu sprechen, zu wecken und zu werben. Er, der übcrsprudclndc, leiden- .schaftlichc Meister des Wortes, leidet an der Unzulänglich• keit aller Worte, wenn es gilt, von Palästina 7.u erzählen. Der Titel seines Vortrags ״Kanu man die Wahrheit über Palästina sagen?“, den manche vielleicht anders aufgefaßt hatten, will andeuten, daß diese Wahrheit zu sagen ein allzu kühnes Unterfangen wäre, wozu die menschliche Kraft nicht ausreicht — denn cs gibt kein adäquates Ausdrucksmittel für soviel Schönheit, Leben, Glück und Schaffen, cs sei denn vielleicht die Musik. Aber Schm.arja selbst vermag doch, was er für unmöglich hält: Er gibt seinen Hörern ein deutliches Gefühl von dem, was er in Palästina geselten und erlebt hat. Aus dem Glanz seines Blickes, aus dem Zittern seiner Stimme, aus der Glut seiner Seele empfängt der Hörer die Einwirkung Ercz-lsracls. Es wäre ein kindisches Beginnen, Lcvins Rede wiedergeben zu wollen. Denn bei ihm ist alles Gefühl, Impression, Fülle an Gedanken und Details, Bildern mul Gleichnissen, durchstrümt von dem Temperament des genialen Propagandisten, zur unmittelbaren Wirkung bestimmt. Er spricht von dem Wunder der erwachenden Sprache, von der Schönheit des Landes, von dem Werden des Volkes. Land und Volk sind ein Paar, die Sprache ist ihr Kind, an dem sie beide hängen, die Verbindung ist unlöslich und ewig. Auch für Lcvin ist die Sprache das Lieblingskind, sie verbürgt die Existenz des Volkes, bei ihr verweilt der Redner am längsten, sic ist ihm das Zentrum des ganzen historischen Prozesses, dessen Träger wir sind, Im Bewußtsein haben wir schon die nationale Heim- Stätte, das macht die Menschen frei in Palästina, hundertprozentig frei, auch wenn noch viele äußere Hindernisse entgcgcnstchcn. Das Puhlikum, das der fast zweistündigen Rede aufmerksam lauschte, jubelte dem Redner 7״ VorlrSge über Constantia Brunner Wir erhalten folgende Zuschrift mit der Bitte um Ver• öffentlich ung: Constantin Brunner ist unserer Zeit kein völlig un• bekannter Name. Man hört hin und wieder im Tone hoher Bedeutung von ihm reden. Man weiß von seinem Citri -,mswerk, von seiner Schrift über ״Juden und den Judenhaß“, und von seinem neuen Werk über ״Liebe, Ehe, Mann und Weib“. Am wenigsten weiß man von seiner Lehre, der ״Lehre von den Geistigen und vom Volk“, die doch allen Werken zugrunde liegt und so eins ist mit ihnen, daß alle Büchernamen nur Abschnitte in dem einheitlichen unzerreißbaren Lebenswerk des Mannes bilden. Dieses Werk entsendet einen Weckruf mitten in die Fried* hofsriihc, in der das geistige Leben der Zeit erstorben scheint. Einen Weckruf vor allem an die denkenden Menschen geistiger Natur, denen ihr eigentliches und bestes Leben aus Mangel an Widerhall verkümmert. Sie werden zur Besinnting nufgerufen und zur Verteidigung gegen die Oiftluft der allgemeinen Bildung mit ihren kalten inhaltslosen Worten. Die alte ewige Wahrheit des geistigen Lehens, das nicht gelernt werden kann, wird ihnen gezeigt und die neue Wahrheit, daß dem geistigen Denken ein anderes Prinzip zugrunde liegt, als dem Denken der Allgemeinheit. Brunner gibt uns die Lehre vom besonderen Denkprinzip in geistigen Naturen,die ihnen zur Klarheit, Freiheit und Gewißheit ihres Lebens hilft. Man fürchte sich aber nicht vor ,,Philosophie". Wahr« Philosophie kennt nicht die dunkle Begriffsverwirrung, die man unter dem Namen der Philosophie gewähnt Ist, sondern ist jedem zugänglich, der die Kraft _una den Willen in sich hat. Wahre Philosophie erschöpft sich nicht in ferner Spekulation, sondern führt zu den höchsten Interessen des eigenen Lebens. Um diese geht es bei Constantin Brunner. Unsere Vorträge wollen die zwingende Kraft und Bcschwlngtheit seiner Gedanken, seine Hcrzcnsvvärmc, sein großes Werk der Erkenntnis und Liebe zu den Menschen bringen, für deren Sache er kämpft. Berlin, 3, Oktober, Dr. Fritz Blankcnfcld. Dr. Ernst P i n n e r. (Wir verweisen auf das Inserat in der heutigen Nummer.) Ein arabischer Dichter für den Keren Hajessod. Der bekannte arabische Schriftsteller Asis Dornet hat, einer Jerusalemer Meldung zufolge, sich bereit erklärt, eine Pro• pagamlatourncc durch Europa für den Keren Hajessod zu unternehmen.