Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 80 (7.10.1924)
- Date
- 1924-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bismarck 7165—70, I’ostschcckkonto: Berlin Nr. 17392. t (Ir()«•!»זז«Ich! Poi(»n»1k»«1«n,ml ו1יו׳*י, Konto Nt. 156 0» t FarT.chtchoilav.kilt roitipark.Mintmt »'״{, Konlo Nt. 59 410 ,׳ Hr Pol»! f’o.l.p.rk.M.n•■״( Wanchau Nr. 190 70^ Red«klionsschtuQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. — geaiehertan ם׳ תשרי• תרס״ה Helfnstitie in Palästina. XXIX. Jahrg. ,Baseler Programm.'* Die ISätuipffe im E2־edschas Hussein dankt ab - Mekka von den Wahabiten besetzt Husseins Fall Während die innerpolitische Krise in England nt ihrem Höhepunkt gelangt ist, sodaii die Ausschreibung von Neuwahlen bereits fiir diese Woche erwartet wird, ist ein Ereignis cingctreten, das fiir die englische Politik im Orient von großer Bedeutung werden wird. Der Feldn!g des kriegerischen inncrnrabischon Stammes der Wnliabilen gegen das Königreich Hodschas hat mr Einnahme der heiligen Stadt der Mohammedaner, Mekka, geführt, und König Hussein, der vergeblich bis zum letzten Augenblick auf militärische Hilfe Englands gewartet hat, konnte keine andere Konsequenz ziehen, als abzudankcii. Aus den bisher eingelangten spärlichen Nachrichten ist nicht ersichtlich, ob Hussein auch die Kalifcnwünlc nicdcrgelcgt hat. Aber da die Königskronc fiel, muß wohl auch der Kalifcmnantcl nach. Ohnedies war die Kalifenwürde Husseins stark umstritten und weder in Indien noch in Aegypten, am allerwenigsten natürlich in der Türkei anerkannt. So hat also der kurze Glanz des Hnschimitcnhauscs, das seinen Aufstieg durch den Anschluß an England während des Weltkrieges bc• gönnen hat, ein schnelles Ende gefunden. König Hussein, der ehemalige Scheriff von Mekka, hat bekanntlich seine zentrale Stellung in der arabischen Welt edr Nachkriegszeit dem Umstande zu danken, daß er gewissermaßen als der Träger der Unabhängigkeits- Versprechungen figurierte, die England den Arabern willrend des Krieges gemacht hat. England hat seine Vorpflichtungcn auf die Weise erfüllt, daß e.5 Hussein selbst zum König von Hedschas machte und ihm internationale Anerkennung verschaffte, ferner jedoch auch seine Sülm« Fcisul und Abdullah zu Herrschern in Mesopotamien und Transjordanien cinset/te. Alle drei Fürsten hatten von Anfang an mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ein großer Teil der Araber wollte ihre Herrschaft nicht anerkennen, da man sie als Werkzeuge Englands betrach, tete. Auch in England selbst erhob sich eine Opposition gegen die englische Hnschimitenpoliti. In frischer Erinnerting ist noch der Angriff Lord Raglans gegen Abdullah im Oberhaus, der sich dagegen wandte, daß Enginnd unfähige und verschwenderische Fürsten gegen den Willen der Bevölkerung an der Macht halte und dotiere. Hussein hat im Bewußtsein seiner Schwäche sich bemüht, einen Vertrag mit England zustande zu bringen, er war aber durch innere Einflüsse gegen seinen Willen gezwungen worden, Bedingungen zu stellen, die für England unannehmbar waren. Bekanntlich war auch die Unabluingigkeit Palästinas und die Einsetzung einer nationalarabischen Regierung daselbst eine der für England unannehmbaren Bedingungen. Die Haiipticicc des Verträges war die Schaffung einer arabischen Konföderation, die, gleichfalls durch das Haschimitcnhntis repräsentiert, zunächst Hedschas, Transjordanien und Mesopotamien umfassen sollte. Gegen diese Anmaßung erhoben sich die innerarabischen Stämme, die sich als die wahren Erben Mohammeds betrachten. Aber auch die Staatsmänner des Hedschas waren nicht reif für diese Idee, deren Verwirklichung einen großen Schritt vorwärts zur Konsolidierung der arabischen Nation bedeutet hätte. Sie zogen es vor, sich von nationalistischer Unersättlichkeit zu immer weiteren Forderungen verleiten zu lassen. Inzwischen ist es den Haschimitcu nicht gelungen, ihre eigenen Staaten auf feste Füße zu stellen. England scheint immer mehr zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß diese arabischen Fürsten die Chance der Unabhängigkeit, die ihnen gegeben worden ist, nicht zu aufbauenden Leistungen zu nützen verstehen. Noch bevor die sich endlos hinziehenden Verhandlungen über den Vertrag zu irgendeinem Ergebnis gelangt sind, bricht nun das unabhängige Reich Husseins vor dein Angriff seines erbitterten Feindes, des Scheichs Ihn Saud, zusammen. Es jst fraglich, ob Husseins Sohn Ali, der nach unbestätigten Gerüchten die Königswiirdc seines Vaters übernehmen will, sich wird durchsetzen können. .Sollte er anerkannt werden, wird er wahrscheinlich die Politik des Hedschas ändern. Ob die fanatischen puritanischen Wahabiten sich auf ein Zusammengehen mit der Husseinf/iinilie, selbst gegen Konzessionen — z. B. Verzicht auf das Kalifat — einlasscn werden, kann man bezweifeln. Jedenfalls ist vorläufig Vorsicht in der Beurteilung der Lage am Platze, da die Dinge eine überraschende Wendüng nehmen können. Englands Politik in dieser Sache ist nicht ganz durch- 6'ditigund es'wärc auch darum verfrüht, Schlüsse zu ziehen, bevor genaue Nachrichten vorliegen. Das eine kann wohl n>it Sicherheit angenommen werden, daß England die Waffenhilfe, die es dem unabhängigen Königreich Hedstfias verweigert hat, dem Mandatsgebiet Transjordanien gewähren wird. Es heißt, daß die wahabitischen Scharen bereits gegen Amman vorstoßen. Der Angriff dürfte diesmal ernster sein als die vorhergegangenen Angriffe, die v°n englischen Truppen und Fliegern abgeschlagen wurden, Aber den Mitteln der modernen Kriegstechnik Aus London wird vom 4, Oktober gemeldet: König Hussein hat gestern der englischen Regientng, nachdem diese abermals jede Hilfeleistung gegen die Wahabiten abgclehnt hat, augezcigt, daß er seine Königs würde nieder! ege, da er einen Kampf unter Arabern um Mekka für unwürdig halte und vermieden sehen möchte. Ibn Saud, der Führer der Wahnbilen, die bereits in den Vorstädten von Mekka lagern, wird mm kampflos in das Innere der heiligen Stadt einziehen können. London, 4. Okt, Reuter zufolge habe König Hussein den Wunsch ausgesprochen, Hedschas zu verlassen, Die Einwohner von Hedschas haben beschlossen, die Auflösung der H a s c h i in i t c n - Regierung und die Einsetzung einer provi so ri s c h c n ,Regic rung zu verlangen, die von Einwohnern des Hedschas zu bilden wäre. Diese Regierung wäre bereit, den Wünschen der ganzen moslcmitischen Welt zu entsprechen. Sic bcabsichtige nicht, irgend jemand zu bekämpfen und appelliere an die ganze Welt des Islams, die Feindseligkeiten einzustellcn. Die Wirkung ln England Weiter wird der ״V<ass. Ztg.“ aus London telegraphiert! Husseins Tlironvcrzicht wird in hiesigen politischen Kreisen als eine schwer? Niederlage der Atilknpoll'ik der Arbeiterpartei nufgefaßt, da Hussein stets als stärkster Träger des englischen LiiifinfSrs unter den Arabern galt. Ein langjähriger Kenner des Orients erklärte gestern, durch den Tlironvcrzicht von Hussein sei jeder englische Einfluß auf die Araber hinfällig geworden. Macdonald erklärte im Unlerhaitsc auf eine Anfrage, daß England in den Kampf zwischen dem Heilschas-König Hussein und den W.ihnhilcn nicht cingrclfcn werde. England halte an seiner Politik fest, wonach ein Streit zwischen unabhängigen arabischen Fürsten um den Besitz der Heiligen Städte eine Angelegenheit sei, in welche England nicht ver-, wickelt werden dürfe. Wie verlautet, hat König Hussein an die englische Regierung das Ersuchen gerichtet, ihm Flugzeuge zur Verfügung zu stellen, um die Wahabiten bei Mekka mit den modernen Kricgsmilteln bekämpfen zu können. All König? Unmittelbar vor Rcdaktionsschluft empfangen wir eine Meldung, wonach der älteste Sohn des nbgedankten Königs Hussein, der ״Bürgerkönig“ Hussein Ali, der Emir von Mekka, zum König des Hedschas proklamiert worden ist. Er hat Vertreter zu den Wahabiten entsandt, um mit ihnen über einen Vertrag zu verhandeln. werden auch die tapferen Wahabiten nicht standhalten können. Es bestellt also für Palästina, das durch das vorgelagerte Transjordanien' geschützt ist, keine Gefahr, Aber cs ist anzmiclimen, daß England aus den letzten Erfahrungen Konsequenzen ziehen wird. England wird sich fragen müssen, ob cs weiter seine Mittel zur Verfügmig stellen kann für staatliche Gebilde, die keine große Existenzfähigkeit bewiesen haben. England hat für Hussein und seine Söhne bereits mehr Geld ausgegeben als zur Förderung der jüdischen nationalen Heimstätte, deren Fürsorge ihm durch völkerrechtlichen Akt anvertraut worden ist. Während wir Juden bisher nicht einmal einen Kredit von England zur Lösung unserer produktiven Aufgaben in Palästina erlangen konnten und jedes kleinste Teilchen unseres dem ganzen Lande zugute kommenden Aufbauwerkes schwer bezahlen müssen, wurden für die ganz unproduktiven Ausgaben des liascliimitisciicn Hofstaates viele tausende Pftmcl verschwendet. England wird seinen Landweg nach Indien nicht von den wahabitischen Stämmen bedrohen lassen; aber um ihn zu sichern, bedarf cs einschneidender Veränderungen in der gegenwärtigen Verwaltung. Auch die größten Freunde arabischer Unabhängigkeit werden nicht wünschen, daß Palästina und das Nachbargebict in das Chaos einander bekämpfender Araberstämme hincingcrissen werden. Die letzten Ereignisse zeigen deutlich, daß das Mandat über Palästina eine unerläßliche Not- Wendigkeit ist, unter den heutigen Verhältnissen der einzige Weg, die zahlreichen internationalen Interessen deren Brennpunkt Palästina ist, zu schützen. In Palästina selbst aber ist heute das wachsende jüdische Nationalhcim die stärkste positiv aufbauende und konsolidierende Kraft. Hier werden Werte geschaffen, die das Land zu einem Bollwerk der Zivilisation und des Friedens machen werden. Die englischen Staatsmänner, die unter dem Drucke der Agitation arabischer Effendis diese Tatsache zuweilen übersehen haben und die schon in der letzten Panik in Trans|ordanlen Ein anderes Londoner Telegramm besagt: Der auf das Königreich Hedschas unternommene große Angriff der Wahabiten ist nun zu dem gcwiinsch« icn Erfolg gekommen. König Hussein hat endgültig abgedankt und das Land verlassen, Die Wahabiten sind in Mekka cinge zogen. Sic haben sofort den Haupt« teil ihrer Streitkräfte gegen Transjordanien ge« schickt, um den Emir Abdullah zu vertreiben. Die Be« völkening der Hauptstadt Amman bereitet sich, nach Telegrammen an die britische Regierung, zur Flucht nacljj Jerusalem vor.• Fürsprache lür Hasseln Aus Jerusalem meldet die J.T.A. noch vor dem(, Fall Husseins! 17er oberste mohammedanische Rat hat an Ibn Saud , den Sultan von Nejd und Anführer der Wahabiten, ein Telegramm gesandt, ln welchem Ibn Saud im Namen des Islam und de* Arabertums beschworen wird, den Krieg gegen Hussein einzustellcn und die Entscheidung über die bestehenden Streitpunkte einem Schiedsgericht zu übertragen. Der mohammedanische oberste Rat teilt der Pal. Tel.-Agent* ferner mit, daß er an das indische Kalilatskomitce ebenfalls ein Telegramm nbgcschickt hat, mit dem Ersuchen, sich diesem: Appell anzusehließen. Das indische Kalifat-Komitee lut telegraphisch geantwortet, er habe König Hussein telegraphisch aufgefordert, auf das Kalifat zu verzichten wwf die Frage dem im März in Kairo zusammcntrctcndcn mohant* mciiamschcn Weltkongreß zur Entscheidung zu überlassen. Abdullah will seinem Vater helfen. Emir Abdullaü von Transjordanien hat an Herbert Samuel das Ersuchen crichtet, ihm zu gestatten, eine transjordanischc Armee nach cm Hedschas zwecks Unterstützung seines Vaters, des Köm® Hussein, gegen die Wahabiten zu entsenden. Ei wird mit« geteilt, daß der Emir nach Jerusalem kommen wird, tun Herbert Samuel persönlich seine Bitte zu unterbreiten. (Diese Nach-* rieht ist offenbar durch die Ereignisse überholt. A. d. Rj d. ״J. R.״) Aach AMallah and Fclsnl gehen? Nach einer Meldung aus Kairo vom 4. Oktober* heißt es, daß am 3. Oktober, 9 Uhr abends, König( Hussein und seine beiden Söhne Fcisul und Abdallä ab« gedankt haben. Hussein äußerte die Hoffnung, daßl der panislnmitischc Kongreß hn nächsten Frühjahr ihn nun Kalifen wählen wird. Inzwischen beabsichtige trt sich nach dem Irak zu begeben. י Die Nachricht von der Abdankung Abdullas und Fcisuls ist bisher nicht bestätigt. Zeit immer mehr zur rechten Einsicht kamen, werdet! vollends durch den gegenwärtigen Zusammenbruch des Vasallen im Hedschas darüber aufgeklärt werden, welche große Bedeutung der jüdischen Kolonisation in Palästina zukommt. Denn die Juden werden nicht nur ein Element der Stabilität sein, sic werden auch eine vermittelnde Rolle zwischen Okzident und Orient spielen können, Die Araber haben die Juden, die mit friedlichen Ab« siebten ins Land kommen, mit den Arabern in Freund« Schaft leben wollen, und denen imperialistische Tendenzen naturgemäß völlig fern liegen müssen, nicht zu fürchten. Dje Juden können die Brücke des Vertrauens hcrstellcn. Die palästinensischen Araber werden durch die Vor* gange in den Nachbarländern auch darüber belehrt werden, daß die Unabhängigkeit im politischen Sinn nicht immer ein so erstrebenswertes Out ist. Viele haben ihre Unabhängigkeit nur dazu, um sic zu verlieren. Während die unabhängigen arabischen Gebiete östlich des Jordan* seit Jahren immer wieder Schauplatz blutiger Kämpfe sind, genießt Palästina die Segnungen des Friedens, An diesen! Frieden sind alle Bewohner Palästinas, Juden wie Araber, in gleicher Weise interessiert. In der Sorge für das Wohlergehen des gemeinsamen Landes kann sich eine enge Solidarität zwischen Juden und Arabern in Palästina hcrausbildcn. Voraussetzung dafür ist nur, daß jedes der beiden Völker die nationale Bewegung des andern anerkennt und respektiert. Die Araber sind heute politisch gespalten, die einzelnen Stämme bc* kämpfen sich gegenseitig, aber cs wäre ein Irrtum, wenn wir daraus den Schluß ziehen wollten, daß die nationale Bewegung der Araber ein Faktor von unter« geordneter Bedeutung ist, mit dem man nicht zu rechnen braucht. Nur wenn wir die arabischen Mitbürger alt Nation achten, ebenso wie wir cs von ihnen beanspruchen, wird sich allmählich der Weg finden lassen, der uns beide zusammenführt, im Dienste des Landes. . 4 . ׳ •׳. R.W I jf j; ji if 1f 11 j! 1 i