Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 77-78 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392, Fl)rOsilsrntch: Po,tjp«rlun,n«mt Wi«n,K״n!o Nr. 15« 030 y Für T»ch«ctm.low*11«h l'oilip.Maii.nimt J׳r«t Kon!״ Nr. 50 410 / Fflr Polu: F0il.puk.a1.auBt Wartehau Nr. 190708, Rcdoktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Oer Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die כ״ו אלול׳ חרס״ד Schaffung einer dllonlllch rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina• XXIX. Jakrg. ״Daialor Programm." Rosch-Hasctaah Von Arnold Zweig. An Feiertagen, Ncujuhrstagen gehen andere Volker ״aus sich heraus“: sie werfen Utstvoll und gesteigert ihren Blick in die Welt, sie lassen ihrem Wesen Ausweitung zuteil werden, um es aufzutun für die Fülle des Geschaffenen, und wenn die Lust am Dasein sic überwältigt, die sich Fest und Feier ja als erhobenen Ausdruck geschaffen hat, bricht ihre Kehle in Gesang aus und ihr Körper in Tante. Primilive Völker, Jugcndbündc, die Geselligkeit der Künstler oder die Feiern der heutigen Gesellschaft: so drücken sie alle sich aus; das Außer-sich-scin ihrer Merzen ist die Höhe des Festes. An ihren Feierfngen gehen die Galuth-Juden in sich hinein. Ihre Fest- und Feierstimmung, je echter sie ist, hat den Ernst dessen, der in sich hinab horcht. Lieber sich selbst geneigt, prüft die Seele ihre Verbundenheit mit dem verborgenen Gesetz der Welt, ob es in ihr, wie cs ihr geoffenbart wurde, nicht wieder Wirklichkeit erhalte, ob cs ins Leben des Jahres auch hineinreiche, seine Macht der Vergöttlichung des Alltags nicht eingebüßt li ibc, und ob das Lebensgesetz, welches den Juden, an allen Anderen gemessen, gleichsam gegen den Strich leben läßt, mich Stärkung erfahre, wenigstens an der Gemeinsamkeit mit allen anderen Juden, am cinhcitliehen Rhythmus wenigstens des jüdischen Jahres, an der Versammlung im Lchrhaus, am Gedenken der Toten, am Ton des Schofar überall auf Erden, am einstimmigen Rauschen des lauten Gebets und an den Gesängen, die, auch sie ernst, den Feiertag des Juden heiligen. Und indem sie dies bestätigt finden, beruhigen sic sich. Aber sie sollten es nicht tun. Sic sollten sich wahrhaftig fragen, ob sic dieses Roschhaschanali wirklieh als Neujahr empfinden, als Fest des Neuen Jahres, als Beginn einer neuen Jahresnmde, als Anfang. Nicht daß der Zyklus der Jahresfeste mit ihnen beginnt, sondern ob das Lebensgefühl den Anfang einer neuen lebendigen Epoche verzeichnet. Und zweifellos ist das niciit der Fall. Zweifellos beginnt den Juden das Jahr, in dem sie Bürger■ und Täter sind,, am ersten Januar. Und noch vor kurzem hatten die Juden Rußlands einen anderen ersten Januar als die des Westens. Und ganz zweifellos feiern die Juden das Neujahr ihres Lebensgefiilils in England anders als in Polen, und in Frankreich anders als in Deutschland, und auf der ganzen Erde herrscht hierin die eine Gemeinsamkeit: sie feiern es alle auf die Art der Völker bei denen sie wohnen. Nur in Palästina kann es anders sein. Dort ist als erster Schritt auf einem unüberschätzbar wichtigen Wege das Neujahr der Juden wirklich Neujahr der Juden. Und was bedeutet das? Es ist der erste Schritt zur Vereinheitlichung des Juden — außen und innen, Bc* denken wir doch, wieviel Jahresanfänge der deutsche Jude zum Beispiel im Grunde feiert. Da ist die Wintersonnenwende, die den nach Licht kranken Nordvölkcrit zum Jalires-Anfaiig werden mußte, ungefähr am 1. Januar, einst identisch mit Weihnachten, mit dem die neue Zeitrecliung begann, Dann ist der Frühlingsanfang ein Jahresbeginn — wer will das nicht empfinden? Dazu kommt Pcßnch, das nationale Friihliiigsfcst, mit dem einmal das jüdische Jahr begann, und jetzt Rosch-Haschanah, Immer Anfänge, nieninls ein fließendes Jahresband. Immer nur Einschnitte, keine Kontinuum, Daneben aber und darunter das untintcrbrochen weitcrgclicnde Treiben der Welt des Tuns und Woliens, der Arbeit und der Erfolge. Gesondert also die geistige Sphäre, die Sphäre der Besinnung, von der Alltagsphäre, der des Wirkens, und jene gespalten noch in sich, fortwährend skandiert von Rissen immer neuer Gliederung, während diese ununterbrochen dahingeht, folgeiivoll und in Wirkung nur sie. Jene aber, die stets geteilte, den Juden auch jüdisch umfassend, währeud die andere ihn mit allen Bewohnern dieses Landes gcnicinsain umklammert — und alles, was gilt und bindet, in ihrer aktiven und entgeisteten Lebendigkeit auffängt. Ist das nicht ein Abbild der jüdischen Seelcnlngc überhaupt? Und lohnt es nicht, darüber nachzudenken, am Feiertag, wenn man in sich geht? Der Mensch ist als ein Eines und Ganzes angelegt. Und seine Spaltung begann an dem Tage, an welchem er sich entschloß, eines für recht zu finden und etwas anderes z.u tun, weil cs vielleicht nicht recht aber nützlich war; an dem er seinem Wesen Leistungen abzwang, die ihm eigentlich wider die Natur gingen, und als er sich, vom Sinn für das Geistige aus dem bloßen Naturreiche herausgehoben, zwischen den hohen Geist und die eigenen ungereinigten Triebe eingeklemmt fand. Aber in unserer jüdischen Auffassung vom Menschen finden wir Hinweise für den Ausweg. Gott schuf den Menschen besonders, nicht ward er mit anderen belebt. Gott gab ihm eine Seele, nicht viele’ Er schuf ihn aus einer Materie,״ nicht DIo nächste Nummer der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU“ erscheint wegen der Feiertage erst Freitag, den 3. Oktober. Die Jcwlsli Aflcncy var dein VOlkcrbuudc London (J.T, A.) Wie die J.T.A. erfährt, werden im Oktober dieses Jahres zum ersten Mal Rcpräscnteilten der Jcwisli Agency (der zionistischen Organisation. — Red.) an der Tagung der Permanenten Mandats-Kommission des Völkerbundes tcilnchmcn und über die Arbeit der Jcwish Agencv in Palästina Bericht erstatten, — Herbert Samuel wird, wie wir bereits berichtet haben, Anfang Oktolier selbst in Genf cintrcffen, um der Tagung der Permanenten Mandats-Kommission des Völkerbundes beizuwolincn und seinen Bericht über die Administration in Palästina zu unterbreiten, Dr. Welzrnann In lialieu Ain 18. September ist Dr. Wci zmann in Begleitung Colonel K i s c h s und Leonhard Steins mit dein Dampfer ״Erpcria“ von Genua nach Palästina abgcrcist. Wcizmann bat seine Durchreise durch Italien dazu benutzt, einige Stunden in Mailand und in Genua bei den dortigen Zionisten zu verweilen. Er traf auch mit jiidisclien Persönlichkeiten zusammelt, die sich für den Aufbau Palästinas interessieren. Die zionistischen Repräsentanten aus Rom, Florenz und Triest begaben sich nach Mailand und Genua, um Wcizmann zu begrüßen. Einstein In Wien Die ״Wiener Morgenzcitung“ berichtet am 23. September: ״Montag, den 22. September, traf Professor Albert Einstein in Wien ein. Er wurde von den Vertretern des Palästina- Aufbuufomls empfangen und stattete sodann dem Präsideuten des österreichischen Palästina-Aufhaiifonds, Oberrabbincr Dr. Cliajes, und dem Präsidenten der cistcrreirhischcn Zionistischen Organisation, Oberbaurat Ingenieur Robert Stricker, seinen Besuch ab. Professor Einstein ist lediglich zu dem Zweck nach Wien gekommen, 11m für den Aufbau des jüdischen Nationalhelmcs in Palästina tätig zu sein. Alle anderen von einem Teile der Wiener Presse an seinen Wiener Aufenthalt geknüpften Vermutungen sind Kombinationen und entsprechen nicht den Tatsachen. Profcssor Einstein dürfte bis zum 21. September seine Mission beendet haben und beabsichtigt dann nach Innsbruck zu reisen, um an dem dort stattfindenden Naturforscherkongreü tcilzunchmcn.“ , . ׳ t ׳ ״Nie wieder Kriefj“-Ktinilßclninnert in PalSstlna Jerusalem. (J.T.A.) Im Zusammenhang mit der sechzigsten Wiederkehr der Gründung der Ersten Internritionalc sind am 20. September, in ganz Palästina In 11cbräischcr und arabischer Sprache Proklamationen verbreitet worden, in welchen die arncitcudc Klasse des Landes aufgefordert wird, sich der von dem Amsterdamer Internationalen Gewerkschaftsbüro aiisgegebcncii ״Nie wieder Krieg“-Parole anzusclilicßcn. Für Sonntag, den 21. September, wurde der Generalstreik im Zusammenhang mit der Nie wieder Krieg- Kundgebung'proklamiert, ln den Betrieben ruhte die Arbeit. Nach einer weiteren Meldung verliefen die am 21. Scpteinbor in Jerusalem, Jaffa und Haifa stattgefundenen ״Nie wieder Krieg“-Kundgeb1111gcn ohne Störung. Es wurden Reden für den Frieden in hebräischer und arabischer Sprache gehalten. Der am Tage vorher angesagte Generalstreik wurde widerrufen. Die F.limardrronfl im Anglist Die Zahl der nach Palästina cingcwandcrten Juden überstieg im August den höchsten bisher erreichten Mouatsrckord. Die Verlautbarung der offiziellen Ziffern wird noch einige Zeit brauchen, aber die von der palästinensisch-zionistischen Exekutive laut den Berichten der auswärtigen Palästina•• Armier verfaßte Zusammenstellung ergibt, daß die Gesamtzahl für den August 2000 übersteigt. Hierbei sind noch die vielen Touristen nicht mltgercelinet, die sich In Palästina nach einer Möglichkeit umhin, hier ansässig zu werden. Die Einwanderer kommen nach wie vor zumeist In Familiengruppen. Solcher waren im Augüst nach der vorläufigen Schätzung 181׳. mit 1700 Köpfen. 1734 waren Aschkcnaslm und 593 Scfardim. Wie in den Vormonaten stellte auch diesmal Polen mit 9110 Juden das größte Kontingent. Dann folgen: Rußland mit 356, Griechenland mit 260, Litauen mit 137, Rumänien und Irak mit je 145, Nordamerika mit 77, Kurdistan mit 57, Türkei mit 50 usf. Dem Berufe nach waren: 179 landwirtschaftliche Arbeiter, 51 Zimmcrlcmte, 38 Schlosser, 33 Näherinnen, je 28 Schneider und Weber, 24 Maurer, je 17 Gerber und Elektriker, 25 Schuster, 16 Bäcker, je 15 Mechaniker und Goldsclimiede, 12 Fleischhauer, 10 Maler. Dann folgen die Vertreter aller möglichen Erwerbszweige, einschließlich 3 Doktoren der Philosophie und 2 Rabbincr. aus viele״, und auf einmal, in einer Stunde des Paradieses, nicht nach und nach — 60 lehrt unsere Lehre, Der Jude in Palästina hat nur ein Neujahr und ein Friihlings'fest — und das ist ein Außen, das ins Innere wirkt, weil es aus dem Inneren stammt. Es ist ja doch nicht festgclegt, auf welchem Wege die Einheit des Menschen zustande kommen muß — wenn sie mir zu- Btaiidc kommt, sie, einziges Mittel zu wirklichem Wirken und wirklichem Leben das sic doch ist. Wer gespaltcnen Wesens arbeiten und leben muß, der bedarf des Krampfes, übermäßiger Anreizung und beständig zusammengebisscner Zähne, und erreicht doch nur ein Bruchteil dessen, was mit der halben Kraft der gelassene und ganze Gesunde vor sich bringt,; Auch der Kalender kann Lehren aussprechen, wenn man iür seine Rede Ohren 'hat,und!Geduld,'urtd M!uL Politische tajahrsMracMung ,Von Robert Weltsch. Wenn ich am heutigen Tage nach längerer Abwesen,!:cit wieder die Leitung dieses Blattes übernehme, so ist es ein willkommenes Zusammentreffen, daß wir gerade jenes Fest begehen, das in höherem Maße als andere Tage des jüdischen Jahres dazu bestimmt ist, ein Tag de* Sammlung, Rückschau und Umschau zu sein. Der tiefe Sinn dieser religiösen Besinnung und Rcchcnschaftsable. gung soll nicht geschmälert werden, wenn wir versuchen, auch in unserer Sphäre, die niedriger liegt als die dem Kern des Menschen erfassende religiöse, Umschau zu hallen und Rechenschaft abzulegen. Das jüdische Volk ist heute ein Faktor der Geschichte geworden, cs lebt nicht mehr in der geistigen ,Welt allein, sein Leben in den politischen Welt ist heute bereits unbestreitbare Tat■ Sache, Dieses Ziel des Zionismus ist erreicht, aber e• legt dem jüdischen Volke auch erhöhte Verpflichtungen! auf. Wir leben heute als winziger Bestandteil In einer großen politischen Welt, die noch immer chaotisch zerrissen ist, aber nach neuen Gestaltungen des Völker■ lebens sucht. Noch ist die Atmosphäre geladen mit vielen Konflikten und an den verschiedenen Stellen der Erd- Oberfläche tobt der Krieg, der beinahe schon zur ge■ wohnten Begleiterscheinung geworden ist. Heute, uw nur einige Beispiele zu nennen, wird in China, am afrikanischen Riff, im Hcdschas erbittert gekämpft, dia verschiedensten Interessengruppen bedienen sich oft unwissender Werkzeuge zur Erreichung verborgener Ziela und ganze Völkerschaften sind das Opfer. Gleichzeitig aber reift das Bewußtsein, daß heute der Krieg sicM selbst bereits ad absurdum gcfülirt hat und jeden Sinr* verloren bat, mich den, eine Entscheidung über Machtfragen zwischen Völkern zu sein. Es muß eine neue Form des Zusammenlebens der Völker gefunden werden, und mögen uns die heutigen Versuche oft noch zaghaft und klein erscheinen, so ist doch unverkennbar* daß d'esc Tendenzen, getragen von den Massen der Völker, immer mehr erstarken werden. Die Erkenntnis dringt durch, daß die• Ucberspannung des Nationalismus zu einer allgemeinen Vernichbing führen muß, aus der •auch' der sogenannte Sieger keine Früchte beimtrngen kann« Der Nationalismus als politisches Prinzip muß über- 'wunden werden und muß einer Gemeinschaft der Völker! weichen. Das jüdische Volk ist durch den Nationalismus des vergangenen Jahrhunderts zum politischen Lebe« erweckt worden. War auch der jüdische Nationalismus! notwendigerweise bisher anderer Art als der nationale Machthunger anderer Völker, so dürfen wir doch nicht so blind sein, nicht zu sehen, daß manche Ersehet■ mingcn in unseren eigenen Reihen auf ganz gleichen psychologischen Grundlagen beruhen, wie bei Anderen Völkern, wenn ,sie auch in der Realität sich nicht in gleicher Weise auswirken können. Es ist daher an de« Zeit, zu erkennen und nuszuspreehen, daß das zionlstäche Ziel nicht im Zeichen eines absoluten Nation,!- lisrnus erreicht werden kann. Wohl ist es richtig, daß( ohne die Wiedergeburt des nationalen Gedankens di« zionistische Bewegung nicht möglich gewesen wäre. Dia Besinnung auf das Judesein, auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke, die Verantwortung vor den Gesdhlechtern der Vergangenheit und der Zukunft, die bewußte Ein- Stellung in den Prozeß des Werdens des Volkes, die Be* schwörting der schöpferischen Kräfte uralten Blutes und die Herstellung des Zusammenhanges mit jüdischem Wcsen und Wirken, — das alles bildet die seelische Voraus- Setzung des Zionismus. Dies allein ist die treibend« Macht in dem schweren und opferreichen Ringen unsere*( Voltes um die Neugestaltung seines nationalen Lebens!, Diese positive Seite des Nationalismus soll noch deutlieber, noch klarer empfunden werden als bisher. Zugleich aber müssen wir verstellen, uns abzugrenzen• gegen einen Nationalismus der nichts ist als schrankenloser Ego* isrnus eines Volkes, das nur sich selbst sieht und nicht*( sonst. Es ist ein großer Irrtum, anzunehmetr, daß nur ein solcher Nationalismus, der bei den meisten Völkern Patriotismus heißt, die wahre Tugend des Bürgers ist, Falscher Patriotismus wird leicht von der denkträgea Masse bejubelt, aber er führt zum Verderben des Volkes, Wenn man sich dagegen wehrt, auch andere Völker, mit denen man zu tun hat, in ihrer Realität zu sehen, sie zu verstehen und mit ihnen als gleichberechtigten und respektablen Faktoren zu rechnen, dann führt dies« Kurzsichtigkeit, diese Enge des Horizonts und des Her. zens, zu Situationen, die schwerste Uebcrrasehungen und Enttäuschungen bringen können, denn die Welt geint weiter ihren Weg und kümmert sich nicht darum, wi« wir sie vorstcllen und gern machen möchten. Der Zionismus kann nicht im Zeichen des Natlona. iisiiius allein verwirklicht werden. Der Zionismus kan« 'rtur verwirklicht ,werden im Zeichen der Ueberwindung