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Jüdische Rundschau · 1924-09-19 · Heft 75 (19.9.1924) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 75 (19.9.1924)
Date
1924-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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7 ״*ע ך״יץן1§ך״״״״ן ך-—׳l 1 11 ן 1 ן 0.J 7 ׳.J V, r ך׳ י—י «■ן Redaktion und Verlnj! W 15, Mcinekcstraß* 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, Vierteljährlich 5,25 Goldmark. wtrdea in dar Wlbnipg dar aliualnan Llndar barachna(. ans: Numsucr 75 Berlin. 19. IX. 1924 Anzeigen -V crwaltu ng: Jfidlacho Rundschau G. m. b, II., Berlin W 15, Mcincke* »■traßc 10, — Telephon! Amt Bismarck 7165 — 70 Anr.e!j!«np»i!*1 R£«spaU,Nonpareille0,30 (#!!*»!׳ Goltlmurk. Sl«iUn* <««tal1• 0,15 Goldmark. 1׳Ür habrXiiciia Antaigan 100% AulichUg, ArsEP1j'en*ck!uU1 Dienstag und 1• r # 11 י i nacbmittag 4 U h r. Efnziptmtmmer 0,33 OoMmnrk י׳.^ ך־"' “1 r ־׳> / ג r נ / Telephon: Bismarck 7165—70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. F<lrO*1l«rrtlch!l,o>Un>rlsM«n*mt Wl«n, Konto Nr. 1S60M / FürT«rhed10,lnw*k.l1 P01l«p*rk*,״n*ral Fr•(, Kost״ Kr. 59110 / Für Po!«a1 P01Up<1rk*1i*״mt W»ucb»» Nt. 190 70n - RedaktlonsschluO Sonntag und Mittwoch nachmltUg. - ^׳■'Sil”*! כ׳ תרס״ד XXIX Jahr{ oar llonlsmus erntrobt fflr da» JHdlicha Volk «*l« Schaffung elnor Offantllth . roctiUlch goslcharlon, OiolmsSatio ln Palästina. ״BasQler Programm.‘״ 9 jfQli * \ ( l! 'י [ i! 1 QtjS Xi c ־.. {׳ 1׳״p^ •ך ןי*ץי I O ךך 0m ין s>חהזחיוה)) וך, David Wolffsohn , . Von Max Nordau, Nach dem Tode Wolffsolms gab das damals noch im Haag befindliche 11 auptbüro des.Jüdischen Nation alfonds als Somlcruummcr seiner Zeitschrift ״tircz Israel“ eine Wolffsolin-Nuinmcr heraus. Wir entnehmen dieser den folgenden Artikel, der den meisten unserer Leser wohl noch unbekannt ist. Während ich, ein Flüchtling von Haus und Heim, getrennt von allen, die mir teuer sind, bangen Herzens auf den über die Länder und Grenzen hcrüberschallcnden Donner der Kanonen horchte, brachte mir ein hiesiger Freund, der den Jewish Chronicle empfangt, in den ersten Oktobertagen die Nachricht, daß David Wolffsohrt vierzehn Tage vorher gestorben war. Sie schmetterte mich nieder. Sic ließ mich einen Augenblick lang sogar die ungeheuren Ereignisse vergessen, deren entsetzte Zeugen wir sind. Ich wußte, daß mein armer Freund schwer leidend war. Er war es ja seit Jahren. Aber gerade vor dem Ausbruch des Krieges hatten die Nachrichten besser gelautet. Und seitdem hatte ich nichts von ihm hören können, da cs zwischen Deutschland und Frankreich, keine Postverbindung mehr gab. Er war nun mehr als vierzehn Tage tot, und ieli ahnte es nicht. Briefe und Telegramme von Freunden in Holland, England, der Schweiz, Oesterreich, Deutschland, die mich von Wolifsolins 1 linscheiden unterrichten wollten, gelaugten zum Teil erst nach fünf Wochen, zum Teil gar nicht an mich. Und in den Tageblättern, die mir hier zugänglich sind, fand ich kein Wort über das Traucrercignis. Sie nennen jeden Leutnant von sechs oder sieben fremden Heeren, der im Felde geblieben ist, aber für einen großen Juden, den die Welt vorzeitig verloren, haben sie keine Zeile übrig. Wir allein beweinen unsere Toten. Umso heiliger ist unsere Pflicht, um sie zu trauern, sie zu ehren, wie sie cs verdienen. Wenige Worte will ich Wolffsohn in die Gruft nachrufen, die sich über seinem Sarg geschlossen hat, ohne daß ich eine Scholle Erde auf ihn hinabwerfen konnte; wenige, aber aufrichtig gefühlte. Ich werde mich von Ueberschwang fernhalten; es hätte dem Freunde, der uns genommen wurde, tief mißfallen, denn er war einfach und bescheiden, und das Bewußtsein seines Wertes artete nie in Selbstüberschätzung aus. Es ist nicht meine Absicht, den Platz abzumessen, den David Wolffsohn im Zionismus eingenommen hat, oder die Gedanken und Taten zu umschreiben, die seine siebenjährige Leitung der Geschäfte unserer Organisation kennzekhnen. Ich könnte cs nicht tun, ohne Kritik zu üben, ohne in Lob Vorbehalt zu mischen, ohne Tagesfragen zu streifen und Empfindlichkeiten der Lebenden zu berühren, und dies Alles will ich vermeiden. Kein fremder Ton klinge in meine Klage um den Toten: meine Trauer bleibe gesammelt und werde nicht durch die Betrachtung der Aufgaben des Zionismus und der verschiedenen Methoden ihrer Losung abgclenkt. Die großen schöpferischen Geister, wie Moses, die einen Menschenstaub zu einem Volke kitten, ihm seine Geschicke bis in eine unabsehbare Zukunft bereiten, ihtn die Lebensideale, den Daseinsmilt und die Kraft der Selbstbehauptung geben, nehmen einen besonderen Platz in der Geschichte ein. Sie bleiben einsam, überragend, jedem Vergleich entzogen. Gleichwohl müssen sie Nachh%er haben, denn das Volk kann der Führung nicht entralcn, und das Vermächtnis des Großen will gepflegt und verwaltet sein. Hcrzl war eine Mosesnatur. Wolff- Sohn würde cs als Liisicrung empfunden haben, würde man ihn neben den Urheber der zionistischen Kongresse und Organisation haben stellen wollen. Aber er war der Jo sc hu a dieses Moses und das ist für ihn wahrlich des Ruhmes genug. Wolffsohn hatte eine der schönsten Eigenschaften eines ganzen Mannes: Er war vorbehaltloser Bcwundc- Bing und selbstvcrgesscnder Hingabe fähig. Er blickte bi Hcrzl mit einer an Andacht und Schwärmerei gren- *enden Verehrung auf, machte sich willig zum Diener seiner Pläne und Absichten und fand seine volle sittliche u״d geistige Befriedigung darin, in nie ermüdender Gpferfretidigkcif, dem geliebten Führer alles zur Vcr- *iigimg zu stellen, was er au Kraft und Vermögen, an Energie in der Vollstreckung tieferfaßter Weisungen, an Ucbung und Gewandtheit in praktischer Organ»• Rationsarbeit, an Klugheit, Geschicklichkeit, Welt- und Menschenkenntnis besaß. Er war die Verkörperung jener Nibelungentreue, die der Germane als die heroische Tugend seines Stammes anspricht, und die er ■sicher nicht so hoch bewundern und so laut preisen würde, wenn sic unter den Scinigen nicht so selten wäre. Bei uns Juden ist sie ungleich häufiger, und Wolffsohn ist ihr schönes Beispiel. Hcrzl würdigte die unbedingte Ergebenheit seines Gefolgsmannes und dankte sie ihm durch volles Vcrtrauen. Er weihte ihn in seine geheimsten und letzten Pläne ein. Er enthüllte vor ihm ohne Scheu auch die verschleierten Chimären, die er anderen, auch nahen Freunden, nie hätte zeigen mögen, um in ihren Augen nicht als ein seltsamer Träumer zu erscheinen. Er machte ihn zu seinem Testamentsvollstrecker, zum Vormund seiner Kinder, zum Empfänger und Bewahrer seiner Trg büclKr, auT di: die Oeffentlichkeit heute n:ch keinen Anspruch erheben darf. Und als er verschwand, da if IV fand Wolffsohn sich plötzlich an der vordersten Stelle. Er war lange Jahre hindurch der Mann im Schatten gcwesen. Jetzt stand er im grellen Sonnenlicht, dem sein Vordermann ihn bis dahin entzogen hatte, und diese Helle, dieser Glanz erschreckten ihn. Denn jede Ueberhebung war ihm fremd und widerwärtig, er kannte seine Begrenzungen und war von edler, rührender Bescheidenheit. Er mußte, ob er wollte oder nicht, beiin Tode Herzls die Geschäfte des Zionismus weiterführen, da sic nicht im Stiche gelassen werden durften; aller der Gedanke, in aller Form die Führung zu übernehmen, der riclilige Nachfolger Herzls zu werden, ging ihm nicht ein. Als er im Mai 1905 mit Dr. Katzeneisohn, Dr. Bodenheimer und anderen Freunden zu mir nach Karlsbad kam, wo ich schwer krank eine Kur gebrauchte, und mit einer Heftigkeit, der zu widerstehen ich damals fast zu schwach war, in mich drang, an die Spitze der Bewegung zu treten; da sah ich ihn buchstäblich aus der Fassung geraten, als ich ihm zurief: ״Aber Freund, was ist das für Verirrung 1 Sehen Sie denn nicht, daß Sie, Sie allein, der Berufene, der vorbcstimmte Vcrwalucr, der natürliche Testaments- und selbst Intestaterbe Herzls sind?“ Es bedurfte langer Ucbcrrcdung, che er sich entschließen konnte, sich meinen Beweisgründen zu fügen. Selbst als der folgende Kongreß meine Meinung durchaus teilte und ihn nach Vorschrift zum Präsldeuten des Engeren Aktions-Comitds wählte, hatte er sich innerlich noch nicht nun Gefühl der Rechtmäßigkeit seiner Führerschaft emporgerungen, und er wollte sidi immer nur als einen Statthalter für die Zeit der Erlcdigung des Hochsitzes anschcn. Als Führer, das zu sagen, wird mir gestattet sein, bewährte er sich glänzend innerhalb des Rahmens, den er vorgefundeu halle und den zu erweitern oder gar zu sprc'ngen er sich streng untersagte. Neue Gedanken wollte’ er in den Zionismus nicht cinfülircn. Dafür bestand nach seiner Ueberzcugung keine Notwendigkeit. Die überlieferten waren ausreichend, um Ihm die großartigsten, fruchtbarsten und schwierigsten Aufgaben zu stellen. Was er wollte, ■das war, das Geschaffene zu erhalten, das Begonnene auszubaucu’, der Organisation eine gesicherte materielle Unterlage zu geben, und wenn möglich, die immer scharfer hervortretenden Gegensätze innerhalb der zionistischen Gesamtheit — ich verabscheue das Wort Partei für unsere Gliederung — zu mildem oder gar ausznglciclicn. Das war sein Programm, dag nt beurteilen hier nicht meine Absicht ist, danach han. dolle er und seine meisten Punkte verwirklichte er glück, lieh oder brachte sie der Verwirklichung näher. Das ist ein Werk, das ihm einen unvergänglichen Namen in der Geschichte des Zionismus sichert. Doch höher als sein Werk steht mir der Mann, Er war durch und durch echt. Nichts an ihm war Schein, war auf den Glanz berechnete Täuschung. Wo man klopfte, da klang reinen Schalles das volle, gediegene Edelmetall. Er war alles durch eigene Arbeit geworden. Er verdankte nichts der Gunst des Zufalls, alles seiner Tüchtigkeit, Ausdauer und Ehrenhaftigkeit. Aber ich gehe nicht so weit, zu sagen: er hat vom Hause nichts ins Leben mitbekommen. Irdische Güter fand er freilich bei seiner Geburt nicht vor, und er mußte sich jeden Pfennig selbst erwerben, er erfreute sich indes dennoch eines reichen Erbes: der angestammten Eigenschaften, die ihm als sicherer Besitz von den Vätern vermacht wurden. Er war ein stolzer Sohn unserer Edelrasse. Er war ein prächtiger Jude. Er hatte wenig Schulwissen erwerben können, doch ein sonnenklarer Verstand, seine Klugheit, sein rasches, sicheres Urteil, füllten die Lücken seiner formalen Bildung aus, und die Buchgelehrsamkeit, für die er keine Verwendung gehabt hätte, ersetzte) sclbstgewachscne Weisheit. Er war in der bescheidensten Umgebung aufgewachsen, fand aber in seinem ange. borenen Takt, natürlichen Feingefühl und stets gegenwärtigen Bewußtsein seiner persönlichen Würde die adelige Sicherheit des Auftretens und der Bewegung, -die ihn später in den vornehmsten Salons an seinem Platze sein ließ und ihn befähigte, mit Männern, die auf den Höhen des Staates und der Gesellschaft stehen, weltmännisch, wie ein Gentleman mit Gentlcmen zt# verkclircn. Das schönste und rührendste an ihm aber war sein Herz, sein jüdisches Herz. Er konnte keilt Leid sehen, ohne es mitzufühlen, kein Uglück, ohne cs lindern zu wollen. Seine Wohltätigkeit war nicht die konventionelle Bewegung der kühlen Reichen, die zwar mit immer offener Hand, doch ohne ßemütsanteil spenden. Das köstlichste an seinen Gaben war׳ die Wärme, die innige Brüderlichkeit, mit der er gab. An seiner Fratf hing er in rührender Liebe; sein reines edles Ehclebcn erinnerte an die häuslichen Idyllen der Patriarchen. Seinen Freunden war er der sicherste, zuverlässigste Freund. Und seinem Volke war er in leidenschaftlicher Zuneigung ergeben. Nichts stand ihm so hoch wie die Ehre seines Volkes. Nichts ersehnte er so heiß wie das) Glück seines Volkes. An nichts glaubte er so begeistert, so felsenfest, wie an die Zukunft seines Volkes. Dieser Glaube gab ihm einen unerscbütterlidicn sittlichen Halt, seinem Leben einen über das Einzeldasein weit hinausweisenden Sinn. Daß er so vollständig im Judentum aufgehen konnte, erhob den einfachen Mann hoch über sich selbst, gab seinem Wesen reichste Entfaltung und sichert seinem Namen dauerndes Andenken in seinem Volke, Madrid, den 4. November 1914. Welffsohni Selbstblograpble Den Aufforderungen einiger jüdischer Zeitungen folgend, verfaßte Wolffsohn nachstehende Selbstbio graphic. Die cingcklamtncrtcn Stellen sind von Wolffsolin im Manuskript gestrichen. Ein von Wolffsohn hcrgestcllter Auszug dieser Biographie Ist, vor zwei Jahren In der ״J. R.“ erschienen. Ihrem liebenswürdigen Wunsche nachzukommen, Ihnen biographische Notizen zu schicken, fällt mir schwer, da meine Biographie kein besonderes Interesse für die Oeffentlichkeit bietet. Sic zerfällt in zwei Teile: Zionismus und Persönliche*. Das Zionistische kst mit der zehnjährigen Geschichte unserer Bewegung eng verknüpft und die Daten, die meine bescheidene Arbeit betreffen, können von der Gesamtgeschichte unserer gemeinsamen Artaeit kaum losgelöst werden. Der persönliche Teil meiner Lebensgeschichtc hingegen enthält nichts, waa über das Niveau des Allcrgcwöhnlichstcn hinausrngen würde. Es ist die einfache Geschichte eines Mannes aus dem jüdischen Volke, aus dem jüdischen Ghetto. Ich bin im Jahre 1856 in dem kleinen Städtchen D 0 ז b I a n y, Gouv. Kowno, Provinz Litauen, Rußland, hart an der deut• sehen Grenze gelegen, geboren. Meine Eltern waren arme, fromme Leute, Mein■ seliger Vater, Isaac, war ein Talmudgelehrter, der •ein ganzes Leben dem Lernen und Lehren

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