Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1924)
- Date
- 1924-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 504 ftJEDISCME RUNDGCHÄO Nr, סל L:1ys:z 235 lUI!::;:i1n Von Dr. Jacques Adler, Leipzig. Unser jüdisches Pakistinawerk setzt zu seinem Gelingen stabile Ztisiändo voraus, Ruhe und Rechtssicherheit nicht mir im Laude selbst, sonder» mich in seiner näheren und weiteren Uiiiuebimg. Demi je lebhafter sieii neben der Landwirtschaft auch Industrie und Hamid entwickeln, umsomehr wird mau darauf angewiesen sein, sich den Bezug von Rohstoffen und den Absatz von Fcrtigfahrikaten in den Nachbarländern zu sichern. Neben der ״Araberfragc“ in Palästina selbst interessiert uns also aud! das Orientproblcm im allgemeinen. Mit diesen Um,׳;eit imissen sich die verantwortlichen b(ihrer der /iomstischcn Bewegung, ebenso alle, denen au einem selbständigen Urteil gelegen ‘!st, dauernd beschäftigen und alle neuen Tatsachen auf ihre Bedeutung liiu prüfen. Gerade durch solch sorgfältiges!;indringen in die Orientproblcmc wiid man der (hi,ihr cnlgehen — der heute leider viele erliegen in diesen Zusammenhängen die wichtigste Frage der zionistischen Politik zu vermuten. Das Hauptproblem der zionistischen Politik ist nach wie vor die Gewinnung der Juden für den Aufbau der Heimstätte in Palästina. ,Was die Araber und die anderen Volker des Orients dazu sagen und hin, ist nur ein Begleitumstand, kann unsere Sache fördern, kann ihr schaden, nicht aber den festen Willen brechen. Dementsprechend sollen wir uns zu den Oricntfragcii stellen. Unter allen Umständen das tun, was im Plaue unserer Aufbauarbeit steht; gleichzeitig aber zu jeder Verständi- 1111״ bereit sein, wo sic sich in annehmbarer Weise bietet, tau soll nicht von den Phrasen Musa Kazim Paschas sich cinschiichtcrn lassen, aber auch nicht die Araber durch kraftmeiernde Redensarten iin Stile J.iboiinskys gegen uns aufbringen. Am wenigsten wird heute über Araberpolitik dort diskutiert, wo man dem Problem wirklich am nächsten ist, in Beih Alpha, Dngania und den anderen vorgeschobenen Punkten unserer Kolonisation. Durch unsere Arbeit werden wir den modus vivendi mit den Arabern erzielen, nicht durch Bajonette. Diese Salze, die auf der Erfahrung eines längeren Studienaufenthaltes in Palästina, Aegypten und der Türkei beruhen, sollten dartun, welche Bewertung dem Problem im allgemeinen zukommt. Nun wird vielfach behauptet, daß die Regeneration der Türkei, die von Angora ausgnig und ihren größten Erfolg in der Ablösung des Friedensvertrags von Sevres durch den von Lausanne erzielte, in verschiedenster Weise den anti/ionisiisclien Strömungen unter den Arabern ׳iörderlicli seL Stimmt das? Zunächst sei untersucht, ob die Türkei heute tatsächlich ,Aejiderungcn im politischen Status des Orients, Aeridcrungen also auch in bezug auf das Palästina-Mandat, herbeizufühfen!vermag. Triftige Gründe gestatten eine negative Feststellung. Die Türkei ist heute ein durchaus erschöpftes Land. Sic siegte zwar im Kampf gegen die Griechen; diese verwüsteten aber auf ihrem Rückmarsch die wertvollsten Landwirtschaftsgebiete Anatoliens. Die Politik ist beute durchaus aut den inneren Wiederaufbau gerichtet, die Ausbildung der eigenen Nationalkultur, die Begründung, einer nationalen ,Wirtschaft, ihre Außenpolitik geht über die Sicherung vernünftiger Grcnzen des türkischen Nationalstaates nicht hinaus; sie kennt im wesentlichen nur das Mossul-Problcm — Abgrenzung gegen das englische Mandatsland Mesopotamien — und das syrische Grenzproblem, wo die Zuteilung des Hafens von Alexandrette an das französische Mamiatsiand Syrien tatsächlich eine unnatürliche Trennung dieses _ Platzes von seinem türkischen : Hinterland bedeutet. Für beide Probleme erstrebt die Türkei dne friedliche Lösung auf den Wegen, die im Lausanner; Vertrag vorgczciclinet sind. Sie weiß, daß es sinnlos wäre, , einen Waffengang mit englischen oder französischen Kolonialstreitkräften zu unternehmen. Ein Vergleich etwa mit dem griechischen Feldzug, wo man gegen die geriugstwertige Armee Europas stritt, wäre absurd. Was regelmäßig über iTriippcnzusammcnziclnmgen nnd Bandenkämpfe an der syrischen und mesopotamischen Grenze gemeldet wird, ist; meistens grobe Ucbertreibung rein lokaler Vorkommnisse. ,Wird nun aber die Türkei um Mossul Und Alexandrette, wo sic wirklich. bedeutende Interessen hat, keine neuen Kämpfe entfesseln, in denen sie leicht den kürzeren ziehen dürfte, denn schon erst recht nicht um Palästinas willen, das ganz außerhalb ihres Intcrcsscnkrcises liegt. Würde freilich Frankreich aus Syrien und England aus Palästina hinausgehen, dann könnte cs schon geschehen, daß hier ein türkisches Regime wieder aufgerichtet würde. Da aber beide Großmachte nicht im Entferntesten an solchen Rückzug denken, •; kommt jene Folgerung praktisch gar nicht in Betracht. 1 Es liegt bisher kein Beweis dafür vor, daß die Türkei den J Lausanner Vertrag nicht korrekt erfüllt. Gilt dies schon von!den für sic wichtigsten Hauptpunkten, dann darf ihre Loyali- ן tat mich hinsichtlich eines solchen Ncbenpunktcs angenommen j werden, wie ihn das Verhältnis zu Palästina, oder genauer {noch dessen Auflösung darstcllt. Es handelt sich um Artikel 16 des Lausanner Vertrags, worin die Türkei auf die lindcr verzichtct, die außerhalb ihrer neuen Grenzen liegen, Prleskr 121x1 Prcplielea In Jslea j׳Aus ״Kurze Weltgeschichte״ ,״A sho.i HUstory of the World“) Von HL G. Wells H. O. Wells, einer der wenigen wirklichen Schriftsicher Europas, ist in Deutschland erst letzter Zeit . als das bekannt geworden, was er wirklich ist: einer der großen ernsten Kritiker menschlichen Zusammenlebcns. baite das Unglück־, da er spannend und mit prachtvoll konstruktiver Phantasie zu eriinden und zu erzählen versteht, für einen Unterhaltungsautor gehalten zu werden. Sein Erfolg — ein legitimer Erfolg — sieht bei angelsächsischen Leservölkern ebenso sehr auf seiner sozialistiscii-kulturkritischcn Bedeutung wie auf den glanzenden Fabeln seiner Romane und Novellen. Erst als er, sozialistischer Unierhauskandidat der Iondoner Universität, mit seinem Buch über die Washin-״ 13״*er Konferenz hervortrat (deutsch bei Kurt Wollt, Dle Hoffnung auf Frieden), merkte man auch hierzulande, daß lunler jedem seiner utopischen Romane em warnender und durchschauender Geist am Werke war. Eben ist bei Taucluüiz, Nr. 459S, aber noch nicht dcutr.cn, seine ״Kurze Weltgeschichte“ erschienen, gesenen mit den Augen eines Naturwissenschaftlers und Soziologen, die den Versuch einer wirklichen Geschichte der Menschen auf der Erde darstellt, bei der ßeschrei- . Bong des I laneten ״Erde“ im Weltraum beginnt und mit den Konferenzen nach dem Versailler Vertrag endet — cm Wurf von 250 Seiten in 72 kurzen Kapiteln, nur ein Versuch, aber ein prachtvoller. Wir geben hier eines derjenigen (das XXII.), die sich mit den Juden befassen, uni. m dem l osen des Geschreis, das unsere Vergangenheit zu schänden sich bemühen darf, die : Stimme eines Mannes laut werden zu lassen. A. Z.; Der Untergang Assyriens und Babylons war nur die erste einer Reihe von Katastrophen, die den semitischen Völkerschaften zustoßen sollten. Im 7. Jahrhundert v. Chr. hätte es scheinen können, als ob die ganze zivilisierte Welt imd die Regelung ihr Schicksals dieser Länder den Be-;eilig!eii iibeil.ißt.'* Palästina selbst wird im Lausanner Vertrag nicht weiter besonders bchamkit. Interesse haben nur noch die B1.siimmun!’!'n über die Aufteilung der alten otto maniarhcii .Stasi ׳;sdiulil. Der Anteil Palästinas wird sich nach dem Vi.'fluUiiis hestimmen, in dein i!1 den Finanzjahren 1010/11 mal Hi 1/12 Palästina zu, den Gesamt-Staatscmnahmcn des gan/eii Tiiiki ,dien Reiches (in den durch den Balkankrieg gescbuifencn (iren/en) beitrug. Diese SchiiUlcurcgcluiig sollte durch den Verwalhuigsrat der ״Dette Publique Ottomane“ binnen drei Monaten nach dem Inkrafttreten des Lausanner Vertrages 1!ureh״efül1rt sein. Man mühte also bald von den Ergebnissen hüivn. Gegen die Entscheidung des Verwaltung!;- rat(- sieht den Beteiligten der Appell an ein Schiedsgericht des Völkerbünde 1 offen (Artikel 47 des Lausanner Vertrags)• Es mag hier auf Grund persönlicher Erkundigung in Konsfaiitinnpci noch bemerkt sein, daß die Alarmu.idirichteii, die türkische Reqieaim; greife widerrechtlich in die Befugnisse der ״Dctlc Publique" ein, keineswegs zuSreffen. Die Türkei hat ledig lieh in Ausübung ihres unbestrittenen Auf׳:,Iditr,rechts über jene l'innnzbclidrdc gewisse Mißbräuche abgestellt, insbesondere den viel zu grollen und viel zu teuren Vcrwaltungsapparat im Interesse de» türkischen Sleuct/atiiers vereinfacht. Wir sehen also, daß die Türkei —- neben ihrer vertragliehen Verpflichtung zum Desinteressement — als reiner Nationalstaat heute auch tatsächlich keinen Wert mehr aut das amlersnationalc Palästina legt und selbst, wenn sie das täte, gegenwärtig und noch auf lange Zeit hinaus nicht die Machtmittel und nicht die Kraft zur Durchführung von Angriffspf/incii besitzt. Die Sorge ist also unnötig. Das zeigt sich auch, wenn wir das heutige Verhältnis der Türkei einerseits zu den Arabern, andererseits zu den Juden betrachten. Mag die intransigente Richtung unter den Arabern sich heute oft und gern auf den großen Bruder Mustafa Kemal berufen, so stellt doch uimveifelliaffc fest, daß kein einziger palästinensischer Araber ernsthaft Lust hat, unter türkische Herrschaft zurückzukehren. Ebenso kann von Freundschaftsgefühlen der Türken für die Araber — gelegentliche unverbindliche Sympathiebektmdiingcn, die nur die Engländer ״ärgern“ sollten, ändern nichts daran — nicht die Rede sein. Hussein von Hcdschas ist tmd bleibt für die Türken der Mann, durch dessen Handlungsweise der Krieg in Arabien verloren wurde. Auch der Islam ist heute kein besonders starkes Band mehr zwischen den beiden Nationen, seitdem die Türken das Kalifat beseitigt und ihren Staat konsequent verweltlicht haben. Schließlich ist auch der kulturelle und zivilisatorische Unterschied zu bedenken. Was die Stellung der Türken gegenüber den Juden und ihren Problemen betrifft, so kann bezüglich des Zionismus selbst mir ihr absolutes Desinteressement festgcstcllt werden. Die Türken sind auch nicht judcnfcindlich, wohl aber extrem nationalistisch orientiert, was sich in scharfen Maßnahmen gegen die ausländischen Kultureinflüssc wie auch ln der Bchandlung der nationalen Minderheiten schlechthin äußert. Gegen den Auslaiidseinfluß richtet es sich, wenn man von den jüdischen Schulen die Abschaffung der französischen Unterrichtssprache und statt dessen die Einführung entweder des Hebräischen oder des Türkischen verlangt. Die Bevorztigung der ״echten“ Türken bei dpr Besetzung von Acmtem und auch noch auf andere Weise bringt nicht nur eine gewisse Zurücksetzung der Juden, sondern auch der Griechen, Armenier, Bulgaren, ja sogar auch der mohammedanischen Kurden und Albanier mit sich. Die Juden werden dabei noch als ״loyale" Minderheit und daher besser als beispielsweise die Griechen behandelt. Ucbrigcns sind die Mindestrechtc der Minoritäten im dritten Abschnitt des Lausanner Vertrags fesfgelegt. Die Erklärung des Freitags zürn gesetzlichen Ruhetag entspricht der obligatorischen Sonntagsruhe in den christlichen Ländern; sic richtet sich in Konstantinopc! übrigens kaum gegen die Juden, vielmehr hauptsächlich gegen die Griechen. Die Forderung, daß in allen Schufen auch Türkisch gelehrt wird, ist eine Selbstverständlichkeit, wenn auch die Art ihrer Durchführung pädagogisch oft sehr anfcchtbar ist. Die Einschränkung der Rechte des Oberrahblnats geschab gleichzeitig mit Maßregeln gegen das griechische Patriarchat tmd die mohammedanischen geistlichen Oberbchörden; sic gehören dem Kapitel ״Verweltlichung des Staates“ an mit der Fraucn-Emnnzipation und der Aufhcbiuig des ״Sehcriats“ des mohammedanischen religiösen Zivilrechts, als äußerster Konsequenz. Antisemitismus ist den Türken, deren hervorragendste Führer heute oft ״Dönmchs", Abkömmlinge islamisiertcr Salonikicr Juden, sind, durchaus unbekannt, cs sei denn, daß er heute durch junge Leute cingoschlcppt würde, die auf den mitteleuropäischen Hochscliti'cn die Hakciikrcuzcrci kennen lernen. Davon ist aber praktisch nicht viel zu befürchten, da die Juden In der Türkei au Zahl gering sind und die religiöse und nationale Bruchlinie im Lande ganz anders verläuft, Mohammedaner , auf der einen, griechische und armenische Christen auf der anderen Seite. von semitischen Herrschern regiert werden sollte. Sic bcherrschen das große «assyrische Reich, sie hatten Aegypten erobert; Assyrien, Babylonien und Syrien waren semitisch und hatten Sprachen, die untereinander wechselweise verstündlich waren. Der Handel der Welt lag in semitischen Händen. Tyrus und Sidon, die großen Hafenstädte der phönizischcn Küste, batten Kolonien ausgestreut, die schließlieh in Spanien, Sizilien und Afrika größer wuchsen als die Mutterstädte. Karthago, vor 800 v. Chr. gegründet, war zu einer Bevölkerung von mehr als einer Million angewachsen. Es war für einige Zeit die größte Stadt auf der Erde. Seine Schiffe gingen nach Britannien und in den Atlantischen Ozean hinaus. Sic können möglicherweise Madeira erreicht haben. Wir haben bereits verzeichnet, wie Hiram mit Salomon zusammenarbeitete, um auf den! Roten Meer Schiffe für den arabischen und vielleicht für den indischen Handel zu bauen. Zur Zeit des Pharao Nccho umsegelte eine phönizischc Expediiioii ganz Afrika. Zu jener Zeit waren die arischen Völker noch Barbaren. Nur die Griechen waren dabei, auf den Ruinen der Kultur, die sie zerstört hatten, eine neue zu errichten, und die Meder waren daran, in Zcntralasicn ״furchtbar“ zu werden, wie eine assyrische Inschrift sic nennt. 800 v. Chr. hätte niemand prophezeien können, daß noch vor Anbruch des Jahres 300 v. Chr. jede Spur semitischer Herrschaft durcit arisch sprechende Eroberer wcggcwischt sein würde, und daß überall die semitischen Völker entweder Untertanen oder Tribuipfiichtige oder ganz und gar verstreut sein würden. UebcraU, ausgenommen in den nördlichen Wüsten Arabiens, wo die Beduinen unveränderlich der nomadischen Lebensweise anhingen, der alten Lebensweise der Semiten, bevor Sargon I. und seine Akkadier hinabstiegen, um Suinmerien zu erobern. Aber die arabischen Beduinen waren auch niemals durch arische Herren besiegt worden. Nun, von all diesen zivilisierten Semiten, die in diesen fünf creignisvollcn Jahrhunderten geschlagen und überrannt wurden, hielt nur ein einziges Volk zusammen und klammerte Wir dürfen die Türkei als Faktor des . oricntpoütischt״ Milieu!'., in dein sich unsere Palästina-Arbeit .abspielt, nicht vernachlässigen; Uebcrraschungen sind liier indessen einstweilen nicht’ zu erwarten. Scl־.laÖ der |ü:!!scl־ea \7cUUiIs!1<m!crcnz 0' Die Jüdische Wtlthi!!!.konteren7. wurde am 20. August f geschlossen. Ucber die letzten Vcrhandlungstage ist noch / zu berichten: Die Konferenz nahm unter großem Beifall!׳ eine Resolution an, in der der Exekutive der Dank für die f wahrend ihrer Amtszeit geleistete Arbeit ausgesprochen wird. Die Sejm-Deputicrle Frau Rosa P o m c r a n z - M e 1 z«r (Polen )hielt ein Referat über das Kindcrhufswcrk; lic!f L a t z k y - B a r 111 o 1 d i über Emigration. Herr Leo C h a. 8 a 110 witsch legte noch einmal mit allem . Nachdruck Ver- Wahrung gegen die Möglichkeit ein, daß zwischen dem Ver« einigten* jüdischen Emigrations-Komitee und der lea em Abkommen über eine Vereinigung der Arbeit zugunsten der jüdischen Flüchtlinge staltliiidc. Der Vertreter der Agudns Jisroef, Herr Professor El«l«r (Wien) hielt ein Referat über die Hilfsaktion für die notleidenden intellektuellen Klassen in Rußland. Dm Lage der jüdischen Studenten in Rußland schilderte i rofessor Eisler ah grauenvoll und unerträglich. Wenn nicht schnelle und ausreichende Hilfe kommt, stehen die jüdischen Studenten und die jüdischen Intellektuellen in Rußland vor der Gefahr des re4losen Untergangs. Dr. Oskar Cohn (Berlin) referierte sodann über das Problem ״Hilfe durch Arbeit'. Der Redner behandelte das Problem des Wiederaufbaus des indischen Lebens in den osteuropäischen Ländern in eindrucKsvoilcr Weise und legte dar, daß das jüdische Volk den Mangel eines eigenen Staates durch vereinte freiwillige Tätigkeit der ver* schicdenen jüdischen Bcvölkcrungsschichten ersetzen könne. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee sprach sodann über die Wichtigkeit der Aufbauarbeit zum Unterschiede von philanthropisdicr Tätigkeit. Dienstag, den 26. August, wurde die wichtigste Frage der Wclthilfskonfercnz, und zwar die Schaff unfeines Welt, verbandes für jüdische soziale Hilfe zur Sprache gebracht. Namens der Exekutive referierten die Herren Motzk i n und J c f r o y k i 11 über den Wcltvcrband. Die Beratungen über diesen Antrag dauerten zwei Tage und schlossen mit der Annahme der Vorschläge der Exekutive. Die Wahlen in die Exekutive hatten folgendes Ergehnis: Leo Motzkin (Paris), I. Jefroykin (Paris), B, Latzky (Berlin), H. Sliosbcrg (Paris), W. Tcmkin (Berlin), Alfred Klee (Berlin), Alfred Berger (Berlin), Friediand (Berlin), Chajcs (Wien), Anitta Müller- Cohen (Wien), Prof. Dr. Eisler (Wien). Oberrabbiner Dr. Wcyl (Paris), Dr. Jochclmann (London), Dr. Brutzkus (Berlin), Dr. Oskar Cohn (Berlin). ln der nächsten Nummer werden wir die wichtigsten Beschlüsse der Wclthilfskonfercnz veröffentlichen• t- 4• Der Vertreter der amerikanisch-jüdischen Emigrantcn-Hilfsgcsellschaft ״Hias“, Herr Benjamin, teilte unter großem Beifall der Delegierten mit, daß die ״Hias“ ihr Tatigkcitsfcld beträchtlich zu erweitern gedenke. Insbesondere ist die ״Hias“ bereit, in Zusammenarbeit mit der Zionistischen Organisation ein Werk der Unter- Stützung der jüdischen Emigranten, die nach Palästina reisen wollen, in die Wege zu leiten. Die Konferenz beschloß, eine Delegation nach den Vereinigten Staaten zu entsenden, die die Aufgabe haben soll, das dort erschlafftc Interesse für die Hilfsarbcit zugunsten der ver* clendetcn Massen in den osteuropäischen Landern durch entsprechende Aktionen wieder anzuregen. Die Beendigung der Konferenz verzögerte sich infolge j!| einer im Pcrmanonzausschuß entstandenen Krise in den Ver* f liaudlungcn mit den Vertretern der Verbände ״Ort“ und {:# ״Ose“. Diese in der Aufbauarbeit tätigen Verbände forderten, daß ihnen von den der Wclthilfskonfercnz zufließenden Geldern J ein fester Prozentsatz zugesichert werde. Sollte diese Forff derung nicht bewilligt werden, so seien die Verbände entu schlossen, unabhängig von der Wclthilfskonfercnz Sammel- B Aktionen für ihre Aufbauzwecke zu veranstalten. Die Auscinandcrsetzungcn über diese Frage nahmen einen ganzen Tag in Anspruch. Die Mehrheit der Delegierten, insbesondere die der amerikanischen Organisationen, traten für eine Zentralisierung der Sammlungen ein. Die Delegierten der ״Ort" und der ״Ose“ beanspruchten ferner für die aufbauenden Organisationen, die als Sonderorganisationen innerhalb der Wclthilfskonfercnz existieren sollen, die Hälfte der Sitze in der Gesamt-Exekutive. Dieser Antrag wurde mit Stimmen׳• mehrheit abgelchnt und es wurde beschlossen, daß die Mit• 1 glieder der Exekutive von der Gesamtheit der Delegierten ge* I wählt werden sollen. sich an seine alten Ucbcrlicfcrungcn, das war jenes kleine I Volk, die Juden, die von Cyrus dem Perser heimgesandt I worden waren, um ihre Stadt Jerusalem aufzubauen. Und I sie waren fähig, das zu tun, weil sie in Babylon diese» I ihr Schrifttum, ihre Bibel gesammelt hatten. Es sind nicht I so sehr die Juden, die die Bibel machten, als die Bibel, 1 welche die Juden machte. Durch diese Bibel liefen gewisse Oedankengänge, verschieden von den Ideen der Völker rund um sie, sehr ermutigende und aufrecht erhaltende Gedanken* gange, an welche sic sich 25 Jahrhunderte hindurch von Mühsal, Abenteuer und Unterdrückung klammem sollten. Die leitende dieser jüdischen Ideen war die, daß ihr Gott unsichtbar und entfernt sei, ein unsichtbarer Gott in einem Tempel, nicht von Händen geschaffen, ein Herr der Recht• ,׳, lichkcit (Rightcousncss) über die ganze Erde. Alle andere» 1 Völker hatten nationale Götter, verkörpert in Abbildern, | welche in Tempeln lebten. Wenn das Abbild zerschlagen 1 und der Tempel cingccbnet war, verschied auch der Gott I Aber dies war eine neue Idee, dieser Gott der Juden, ln 1 , den Himmeln hoch über Priestern ■und Opfern. Und dieser I Gott Abrahams, so glaubten die Juden, hatte sic zu ihrem | besonderen Volke erwählt, um Jerusalem wieder herzustellen j und zur Hauptstadt der Rechtlichkeit auf der Erde zu machen. | Sie waren ein Volk, verzückt von ihrem Sinn für ein« I gemeinsame Bestimmung. Dieser Glaube durehtränktc sie I ganz, als sie nach der Gefangenschaft In Babylon nach 1 Jerusalem zurückkehrten. I Ist es ein Wunder, daß viele Babylonier, Syrer usf. In 1 den Tagen ihrer eigenen Zerstörung und Unterjochung, I und später viele Phönizier, welche faktisch dieselbe Sprache י sprachen, und eine Fülle von Gebräuchen, Gewohnheiten, Neigungen und Ucbcrlicfcrungcn gemeinsam hatten, durch J; diesen begeisternden Kult angezogen wurden und in seine J Gemeinschaft und seine Verheißung aufgenommen zu werden | trachteten? Nach dem Fall von Tyrus, Sidon, Karthago und | den ph&nizischcn Städten Spaniens verschwinden die Phönizier I , plötzlich aus der Geschichte, und ebenso so plötzlich finden § i י י 1־