Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1924)
- Date
- 1924-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Postsparkassenamt Prag, Konto Nr.59410, RedaktlonsschluO Sonntag und Mittwoch nachmittag. — Anzeigen -Vcrvmllun;*: Jüdische Rundschau G, in, b, IL, Berlin W!5, Mclnekt- Straße 10, - Telephon: Amt Bismarck 7165-70 Aox«i1J*npr•!• I 0,30 יי1}יז«!11»ז*קח0א ,411ה«<>$ אGoldmnrk״ SuH*»q* ßpitirh« 0,15 Goldmark״ Für bibrliich• Anraten100% Aulublag. Atitel^rntchlaf'i f)l en •1 «j und F r « H g DicVmlU•* 4 Ukr, Par Zltinicftni» eratrobt lür daa lUdlach« Volk öl® SchratJunq einer Ültcntilch »rechtlich QQiilehnrlen Helmntßtt• In Palästina. ״Dasalar Programm.** חמוו׳ תרס״ד ט׳ וצר״ י. .־ir» ־.. ״■״״״ ■*״ "• XXIX. Jahr*״. Aus London wird uns telegraphiert: Dt, Woiimann, der vom 1. bis zum 4. Juli in Paris weilte, wurde vom Ministerpräsidenten Herfiot empfangen und hatte mit ihm ein Gespräch über zionistische Fragen, Hcrriot zeigte sich sehr interessiert und hat dem Wunsch Ausdruck gegeben, i m Monat August noch, mals Dr. Wcizmann zu empfangen, um dann eine längere Aussprache über die zionistischen' Probleme mit ihm haben zu können. ' jj Unsere kimlüge Arbeit | I. Die neue Parole. I Die zionistische Kolonisation in Palästina, die auf die zahlreichen Besucher der letzten Zeit einen so über• wältigcudci! Eindruck gemacht hat, ist beinahe wie ein Wunder entstanden. Als der Schöpfer dieses Werkes, ‘ Dr. Ruppin, vor 18 Jahren seine Arbeit begann, bctrug das jährliche Budget des Palästinaamtes nur einige;> Tausend Mark. Mit Summen, die uns heute lächerlich klein erscheinen, wurde die Pioniertat der praktischen Arbeit in Palästina, deren Idee auf dem 8. Kongreß im Haag 1907 gesiegt hatte, begonnen. Das große Verdienst t *ן Ruppins ist es, erkannt zu haben, daß diese Kolonisation jj auf drei Prinzipien beruhen muß: Landwirtschaft, II na tionalcr Boden, j üd isclic Arbeit. Seit der f! Gründung von Daganjn und Kineret 11 bis zur 11 Okkupation von Nnhalal und Nuris zieht sich eine j | lange, schmerzensreiche Entwicklung, ln diesen Jahren, f zwischen denen die schrecklichen Ja 11 re des Krieges | j liegen, wurden Erfahrungen gemacht, die uns ein großes j ן Stück weiter gebracht haben. Die ersten Siedlungen j; wurden aus dem Nichts geschaffen. Es gab ein Chaos j ן von Anschauungen, cs gab eine kleine Gruppe von י י zur landwirtschaftlichen Arbeit entschlossenen Männern I l und Frauen. Inzwischen hat sidi die Zahl der Arbeiter I j vervielfacht, die Jahre des Lernens sind nicht tinfnichtbar ,! wrühergegangen, wir haben heute schon eine Elite der landwirtschaftlichen Arbeiter im Lande und wir sehen J etwas klarer, in welchen Bahnen sieb die Entwicklung weiter vollziehen soll. Bei jeder Betrachtung dieser Probleme muß jedoch an einer Grundtatsaebe fcstgehaiten; werden, die leicht vergessen wird: Wir haben Palästina j zu kolonisieren begonnen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen wie ein expansionsbedürftiges Mutterland kolonisiert, sondern wir gehen nach Palästina, weil cs aus alter Schicksafsvcrbumlenheit allein als Land unserer nationalen Heimstätte in Betracht kommt. Wir stehen ferner vor der Tatsache der Eigenart des jüdischen Volkes, das heute ein Volk von Städtern ist und erst unter j | ungeheuren inneren Umwälzungen für den Beruf des < j Kolonisten tauglich gemacht werden muß. Dieser Prozeß , i hat in Palästina begonnen. Wir müssen uns aber klar : j eingestchcn, daß er noch nicht abgeschlossen ist, noch nicht abgeschlossen sein kann. Nicht der Kaufmann, sondern der Prophet steht am Anfang unserer Kolonisafion. Die kolonisatorische Arbeit war bis 1920 nur ein [ Nebenzweig des Zionismus. Im Mittelpunkt stand die | politische und organisatorische Tätigkeit. Die zionistische Welt hat sich nicht genügend um die praktische Arbeit ,1 gekümmert und trotz der ungeheuren Anstrengungen ' Dr. Ruppins, zu einem System der Arbeit und aus- I reichender Finanzierung zu gelangen, hat man niemals genügende Mittel zur Verfügung gestellt. So war immer das Dilemma: sollen wir uns im Rahmen der gegebenen i Möglichkeiten halten und rationell kolonisieren, oder aber sollen wir trotz der geringen Mittel Größeres zu schaffen :! beginnen im Vertrauen darauf, daß die vollendete Tat | mich den Anstoß zur Bereitstellung größerer Mittel geben ן wird. Ein kleinlicher Kaufmann hätte das erste getan. | Aber eine Kolonisation, und insbesondere eine so geartete t; wie unsere, kann nicht mit dem Geist eines Kaufmanns II geführt werden. Bei einer solchen Rechnung hätten wir 1 unsere Tätigkeit cinstcllen müssen, und cs ist zweifelhaft, ob die B a 1 f 011 r - D c k 1 a t i o n , ob die 1 4/י Millionen j Pfund des Keren Hajessod, ob die Konferenz 1 im Hotel ״Astor“ jemals zustande gekommen wäre. J Denn alle diese Ereignisse und Leistungen sind letzten i Endes zurückmfüliren auf den ungeheuren Eindruck, den i | die Tatsache unserer geschaffenen Arbeit in Palästina | 1 auf alle Welt, Nichtjuden und Juden, gemacht hat. Diese; j Arbeit hat erwiesen, daß wir den unerschütterlichen . i Willen haben, ein nationales Heim in Palästina aufm-!ך bauen, die Wiedergeburt des Volkes mit all ihren; ן Schmerzen diirclizuführeii. 1 Es ist frivol, den Menschen, die die Palästinaarbeit tej geleistet haben, heute vorzuwerfen, daß die Leistungen!! nicht befriedigend sind, daß die Siedlungen nicht ge- | ' niigend fundiert sind, daß Defizite gemacht werden, daß J das System der Arbeit unrichtig war. Nicht nur die! J Leiter der Kolonisationsarbeit, sondern jeder mit ihr | ] Vertraute und vor allein die Arbeiterschaft selbst kennen die Mängel der heutigen Kolonisation ganz genau. Die | Kritiker sollten zuerst Dr. Ruppins Reden und Schriften ) lesen, sic sollten die zahllosen Artikel und Aeußerungen 1 der palästinensischen Arbeiterpresse verfolgen, uni zu ן erkennen, daß nicht erst die Vergnügungsreise des Herrn | X oder Y notwendig war, um diese Dinge zu entdecken.! An Wissen hat es nicht gefehlt. Aber der ent- | scheidende Faktor ist der, daß seit Beginn I der Kolonisationstätigkcit niemals gcח üij gen de gesicherte Mittel vorhanden wa •11״,!! um die Arbeit nach einem bestimm.ca Dr. Wcizmann hotte in Paris auch Unterredungen mit hervorragenden Persönlichkeiten des französisclrcn Judentums, u. 3. mit L60n Blum, dem Führer der französischen System und Programm durchzuführen und auf diese Weise wirklich brauchbare Erfahrungen zu machen. Die Siedler wurden nienwls so ausgi stattet, wie jede Regierung Kolonisten ausstattet. 111 fruchtbaren Lindern wie Australien und Kanada bekommt jeder Siedler nicht nur ausgezeichneten Boden und Gebäude, sondern volle Ausrüstung an lebendem und totem Inventar. In Palästina wurden unsere Chaluzim auf Sumpfboden gesetzt, der nicht saniert war. sic mußten dort jahrelang׳ in Zelten wohnen, sic bekamen ein Budget, das kaum für die nötigsten Anschaffungen ausreichte und int übrigen zuin Teil verzehrt wurde, trotzdem die Kolonisten allen anderen Aus• gaben den Vorrang vor ihrer eigenen Nahrung gaben. Die größte Schwierigkeit bildete die Unregelmäßigkeit der Eingänge. Oft wurde gerade die für die Land- Wirtschaft wichtigste Saison versäumt, weil das Ocld zu spät kam. Wir brauchen hier nicht die ganze Leidensgeschichte zu wiederholen, die jeder zionistische Arbeiter kennt. Sicher ist, daß auf diese Weise viel Geld verloren ging, aber dies sind eben die Bedingungen, unter denen wir zu arbeiten hatten. Unter diesen Bedingungen wurde Großes geleistet. Aber es ist nicht zu leugnen, daß unsere Kolonien innere Schwächen haben, und in ihrer landvvirlsclialtticlicn Struktur anfechtbar sind. Die Zionisten haben auf exponierten Posten gearbeitet, um dem jüdischen Volk) zu zeigen, was möglich ist. Jetzt.aber müssen sowohl die Zionisten als auch, wie wir hoffen, das ganze jüdische Volk das Verständnis dafür haben, daß mit mehr Voraussicht und System gearbeitet werden muß als bisher und daß die Mittel dafür bercitgestellt werden müssen. Es beginnt eine neue Periode der kolonisatorischen Tätigkeit. Dennoch wäre cs falsch, wenn wir halte schon erklären würden, daß die Zeit des Expcrimcnticrens vorbei ist. Audi wenn unsere landwirtschaftlichen Betriebe technisch und wirtschaftlich richtig ausgestattet und aufgebaut sein werden, dann wird noch eine ganze Reihe von Problemen zu lösen sein, die nur durch Versuche, durch Erfahrung und — durch Verluste :01 lösen sind Wir wollen nur kurz das Hauptproblem erwähnen, das Problem der Rentabilität der Landwirtschaft überhaupt, das heute in, allen KuHurstaaten akut ist. Hierbei spielen viele Fragen, z. B. die Marktvcrhältnissc, die Transportvcrhältnisse, die Welternte, auch politische und handelspolitische Fragen eine große Rolle. Es wird sich 'wahrscheinlich erst auf dem Wege des Experimentes festster,en lassen, welche Bodcnfriiclite zu bauen in Palästina am günstigsten ist. Auch darin wieder unterscheiden sich die einzelnen Bezirke Palästinas von einander, und außerdem wissen wir, daß Irrt ihn er in diesem Punkt immer wieder, begangen werden, auch von Völkern, die Jahrhunderte lange Erfahrungen haben. Wir dürfen also nicht glauben, daß die goldene Zeit der ruhigen Sicherheit für uns bald anbrcclicn wird. Aber trotzdem müssen wir jetzt einen Schritt vorwärts tun. Die Exekutive ist entschlossen, diesen Schritt zu tun, und sie wird vom Aktionskomitee und vom Kongreß die Zustimmung dazu verlangen, Bei der Aufstellung des Budgets für das Jahr 5685 wird zunächst auf die bestehenden Sied- 1 u n g e n Rücksicht genommenwerden. Die Parole, die ausgegeben wurde, heißt: Ko n so ii d i erung des Bestehenden. Die Palästina-Exekutive und der Finanz- und Wirtschaftsrat sind gegenwärtig damit beschäftigt, gründliche Untersuchungen In Palästina zu inaehcn über die Probleme, welche Zuschüsse, bzw. Investitionen jede einzelne Siedlung erfordert, um sclf-supporting zu werden, d. h. wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stellen. Durch Kontrakt mit den Siedlern soll der Beitrag des Keren IHajessed als Darlehen fixiert werden und das Pachtverhältnis zum Keren Knjemeth geregelt werden. ■ Wie bereits gemeldet, wird die Palästina - Exekutive . dem A. C. wahrscheinlich ein Budget Vorschlägen, das sich auf ungefähr £ 381.000 beläuft, vorbehaltlich kleinerer Acnderungen, die vielleicht noch gemacht werden. Dieses Sozialisten, bekanntlich einem der eifrigsten׳ Mitglieder desf Pariser Keren Hajcssod-Komitces. j ל Budget entspricht ungefähr den Einnahmen des Keren׳ Hajessod, besonders wenn wir berücksichtigen, daß cs daneben noch ein Budget für Investments geben soll. Auch in Bezug auf die Einnahmen haben die׳ letzten vier Jahre eine gewisse Erfahrung zutage ge.* fördert und im Einklang mit ihr soll nun gehandelt! werden. j Die zionistisch ()Öffentlichkeit, die in kurzer Zeit die Einzelheiten des Budgets erfahren wird, soll wissen, daß dies ein Konsolidierungsbudget ist Mit anderen Worten heißt das, daß mit diesem Betrag das! Bestellende gesichert werden soll, aber wir bekommen auf diese Weise keine neuen Einwanderer und keine neuen Siedler ins Land. Trotzdem müssen wir die zwingende Logik dieser neuen Parole anerkennen. Es entsteht nun ein neues Problem, nämlich das, übet׳ die jetzigen Möglichkeiten hinauszugehen durch einen neuen großen Impuls der gesamten Arbeit. Dies wird das Problem der Bildung und Betätiping der JewisH Agency sein. 4 R. W. (im ״Haolam“). ג Der II,13rcz für Samuels Verbleiben Anläßlich der Reise Sir Herbert Samuels nach London und der im Zusammenhang damit verbreiteten Gerüchte von seines bevorstehenden Demission veröffentlicht Gücksohn in ״Hairer" einen überraschenden Leitartikel. Bekanntlich ist ״Haarcz" das B1 a 11 d e r O p p o s i t i o n gegen Herbert Samuel. Nunmehr, da die Möglichkeit seines Rücktritts bcsteht, bittet ״Hanrez״ Sir Herbert Samuel, auf seinem Posten zu bleiben. Zwar bekämpfe er sein System, aber der Vorteil seines Systems sei doch der, daß es eben ein System sei, und es sei Aufgabe Samuels, dieses System zu Ende zu führen, das er begonnen hat Jeder Nachfolger Samuels werde nur die äußere Hülle übernehmen — das Zurückwcichcn und Verzichten auf Kosten der Juden — aber die Imponderabilien Samuels, seineTreucund Ergebenheit an das Wesen des Prinzips des nationalen Heims könne er keinem andern vererben. Samuel trage die Verantwortung für die Vollendung des von ihm begonnene« Systems und müsse auf seinem Platze bleiben. Bialik über die Chaluzim ״Das jüdische Volk muß seine ganze Tatkraft aufwenden,um zu erzielen, daß die Zeit des Pionicrtums in Palästina, die wir mitcrlcbtcn, möglichst lange fortdauert,“ erklärte Ch. N. Biaük in einen! Interview, das er vor seiner neuen Reise nach Europa einem Vertreter des Keren Hajessod gewährte. ״Ich sehe keine andere Möglichkeit, Palästina jüdisch zu durchdringen, als die Einwanderung neuer Chaluzim und deren Arbeit Ih re Arbeit bildet, wie ich glaube, nicht mir den wirksamsten Beitrag *um Aufbau des Landes, sondern gibt zugleich den größten moralischen Impuls für eine völligeUm- Wertung des jüdischen Lebens, nach innen und außen, ich weiß nicht, wie lange diese Opferbereitschaft anhalten kann und ob cs überhaupt möglich ist, das Pioniertiinj von heute ah eine dauernde, auch für die kommenden Geschlechter gütige Arbeitsform zu betrachten; doch selbst als ein vorübergehender Zustand ist die Wirkung dieses Pionicrtums überwältigend. Unser Volk muß seine ganze Aufmerksamkeit darauf konzentrieren, dieses Heldcnzeitalter auszudehnen, die Kraft unserer Jugend zu stärken, auf daß sie m ihrem schweren Kampf mit den schweren Bedingungen des Landes stamlhaltcn kann. Wenn Enttäuschung und Kummer über die Chaluzim Macht gewonnen, wäre zugleich der Niedergang unserer ganzen Rcnaissancebcwegung besiegelt. Heute sind die Chaluzim der belebende Geist im Räderwerk der Wiedergeburt, die Dampfkraft, die clektrlsche Triebkraft der ganzen zionistischen Bewegung. Aut dem ganzen Erdenrund gibt cs wohl kaum noch einen Ort, wo solch eine Jugendgemeinschnft wirkt, durchdrungen von einem solchcn Ocist eines hohen Idealismus und bereit, sich selbst aut dem Altäre ihres Ideals als Opfer darzubringen, nicht ah Helden des Augenblicks, sondern mit nie endender Ergebenheit, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Wäre der Zionismus da, nur um der Welt zu ze i• gen. daß diese moralische Kraft iin jüdischen Volke steckt, eine Kraft, die sich in dieser erstaunlichen Gestalt enthüllt, wahrlieh, er hätte genug getan 1“ In der ln Paris erscheinenden Zwelwochenschrilt der russisch-jüdischen Emigranten. ״Jewreska Tribun a“, he* spricht ein russischer Besucher des Palästinafilms, der Im Pariser ״Trocadero" aufgeführt wurde, die zionistischen Leisiungen in Palästina und erklärt, daß ihn, den nichtjüdischen Russen, der Ocist und die Leistungen der Palästina-Arbeit mit Neid erfüllen. Insbesondere rühmt er den in Palästina entstehenden neuen Menachen• typus. . .