Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Postsparkassenamt Prag, Konto Nr.59410, — Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag, — י״ח סיון׳ חרס״ד XXIX. Jalirg. Der Zionismus erstrebt fllr das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten HoImctHtta Iw Palästina. ״Baseler Programm.** 1er Silz der Exekutive n. Politik ist nicht ausschließlich Sache der Vernunft und des sogenannten gesunden Menschenverstandes. Der sieht oft nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze. Die meisten bedeutenden Staatsmänner teilen zwar mit der großen Menge der ihnen an Fachwissen, an logischer Urteilskraft, dialektischer Begabung, verstandesmäßiger Klarheit und durchdringender Kenntnis des Details oft genug sogar noch überlegenen Politikern den Mangel ganz klarer Voraussicht. Aber wenn sie vor große Ent- Scheidungen gestellt werden, dann f ü 111 e 11 sic aus einem zwar dunkel, aber nicht minder sicher leitenden Instinkt das Kommende und die noch unerkannten wirkenden Kräfte voraus und sic handeln danach. Sic haben im Gefühl, was die andern erst aus mühsam Erarbeitetem kombinieren. Diese divinntorischc Gabe macht das Bcsonder׳' der Politik als Tat aus, im Gegensatz zu der rationalistischen Methode der Politik als Wissenschaft, mit der sie häufig genug verwechselt oder vermischt wird. Schon dadurch wird die sonderbare Erfahrung legitimiert, die einem in politischen Dingen so häufig begegnet, daß nämlich nicht nur in prinzipiellen Fragen, deren Beantwortung ja doch ganz von den Axiomen politischer Ucbcrzcugung abhängt, sondern auch in praktischer Dingen ein starkes Gefühl oder Vorgefühl die ausschlaggebende Rolle spielt. Erst später werden dann die rational zugänglichen Begründungen gesucht, und inan kn..11 häufig beobachten, daß trotz ihrer Schwäche das Festhalten an der ursprünglichen primären Einpfindüng sich späterhin als das richtige erwies: eine neue Abwandlung des Satzes ״primmn viverc, deindc philosophari“. 1 iier liegt auch der Schlüssel zu der fast immer zu konstatierenden Vergeblichkeit und Fruchtlosigkeit politischer Diskussionen. Eine wirklich festgefügte und geschlossene politische Ucbcrzcugung ist auch aus ebendemselben Grunde mir in den seltensten Fällen zu erschultern. Ihre Wurzeln ruhen fast niemals im Bereiche vcrstnndesniiißigvr Uebcrlcnmgcn, sondern in dein Erdteiv:!1 iHstiminter, gefühlsmäßiger, die Eigentümlichkeit und Wcscniid. der I\r on ausmachcndcr Voraussetzungen. Trotzdem wäre es natürlich extreme Uelicrtreihiing, eine Frage wie die der Uebcrsiedlung der Exekutive nach Palästina etwa als Bekcimtnisfrage aufzurollcn. Es soll vielmehr versucht werden, durch vielleicht doch zureichende Begründungen die, wie sich nach dem oben Ausgeführten ergibt, ganz persönliche, beinahe instinktmäßige Ablehnung dieses Planes zu rechtfertigen. Vielleicht ist die Kraft dieser Argumentationen doch groß genug, daß sic auch noch bei der gefühlsfreien Abwägung der Vor- und Nachteile einer solchen Uebcrsiedlung zu wirken vermag. Wir können wieder von der Eigentumlichkeit der zionistischen politischen Position in der Welt ausgehen, die in einem früheren Artikel bereits als die ״Stärke unserer Schwäche“ formuliert wurde: die im Zionismus gesammelte Kraft des in der Zerstreuung einlieblichen jüdischen Volkes. Der Mythos von dem Riesen Aiitäus, der aus der Berührung mit dem Erdboden seine Kraft zieht, hat seine Fortsetzung in der Legende von Ahasver, der über alle Länder wandern!miß, gefunden. Jetzt findet er seine Umkehrung. Durch die Loslösung vorn Boden der Heimat ist die nationale Kraft des jüdisehen Volkes gebrochen worden. Sie wurde ahnsvcrisch über die ganze Welt hin zersplittert und zerstreut. Der Zionismus war die Sammlung der Geister in der Zer- Streuung. Er hat das Wunder der Idee vollbracht, die sich de 1 Schicksal nicht beugt, sondern cs an sich preßt, mit ihm ringt und cs überwindet. Aus dieser Berührung des Schicksals unserer Verbannung mit der Idee wuchs uns dieselbe Kraft zu, die uns einst der Hcimatbodcn verlieh. Doch ist diese Spannung der Idee nur eine künstlich-geistige, die durch die natürlichen Kräfte der Heimaterde abgelöst werden muß. Selten lebt ein Mensch streng und ausschließlich in der Idee, ohne bald zu verbrennen. Um wieviel rascher aber erst ein Volk! Aufs Politische übertragen, ist immer wieder von Station zu Station unserer Fahrt die Frage zu stellen: sind die Kräfte in den beiden politischen Kraftzentren Palästina und Diaspora größer oder geringer? Könpcn wir uns sclion auf das eine stützen, in das — dies ist ja der Sinn unserer ganzen Anstrengung — wir allmählich die Energie der jüdischen Diaspora einströmen lassen? Und es gilt, gerade weil cs sich um das Ziel unseres ganzen Strcbcns handelt, doppelt vorsichtig bei der Beantwortung dieser Frage zu sein, weil zuviel Wünschen und Hoffen eine verderbliche Beschleunigung herbeiführen kann. Vergleichen wir nun unsere heutige politische Position in Palästina und deren Möglichkeiten mit der entsprechen den Lagerung in der Diaspora und deren Möglichkeiten, dann ergibt sieh folgendes Bild. Zunächst nach außen England, der Wcltpolitik zu: in Palästina ist die höchste »oUüßche In&taas der. .Oberiaonunissar, Er ist jedenfalls eg Auf den 22. Juli Die Exekutive hat, wie ein offizielle» Communiqu6 mlttellt, im Einvernehmen mit dem Präsidium de» A.-C. beschlossen, die fllr den 24. Juni angesetzte Sitzung de» Aktion» - Comitfi» auf den 22. Juli za vorscliloben. Für diese neuerliche Verschiebung waren eine Reihe von zwingenden Gründen maßgebend. Der wichtigste Grund lag darin, daß die Mitglied•r der Exekutive und des A.-C. in Palästina »ich außerstande erklärt haben, am 24. Jani in London za »ein, da ■ie durch dringende Pflichten im Lande fcstgehalten werden. Da die Sitzung jedoch die Aufgabe hat, ein Budgat für da■ nächste Jahr fettzusetzen, könnte ohne Teilnahme der Palästinenser die Sitzung ihre Aufgabe nicht erfüllen, und 0■ hätte wahrscheinlich kurz darauf eine neue Sitzung des A.-C. einberufen werden müssen, wa» einen erlieblichen Verlust an Zeit und Geld zur Folge gehabt halte. 16 Mitglieder des A.-C. und der Exekutiv« hielten in Palästina eine gemeinsam»! Versammlung ab und forderten telegraphisch die Verlegung dar A.-C.־Sitzung. Dazu kommt noch, daß ein erheblicher Teil von anderen A.-C.-Mitgliedern gleichfalls mitgeteilt haben, daß sic am 24. Juni nicht eintreffen können. Obwohl die Londoner Exekutive wegen der Dringlichkeit der schwebenden Fragen eine frühere Abhaltung der Sitzung gewünscht hätte, mußte sie sich doch den Tatsachen beugen und hat nunmehr die Sitzung auf den 22. Juli verlegt. Diese Sitzung wird nicht nur die Frage der Jewish Agency bezw. der Einberufung des XIV. Kongresses behandeln, sondern auch das Budget für das kommende Jahr aufzustelien haben. * * Die Sitzung des Zentralkomitees der Zion i s 1 is c 11 c n V e r c i 11 i gu 11 g f ü r De 111 s cli 1 a 11 d, die wegen Verschiebung der A. C.-Sitzimg für den 6. Juli einberufeil worden war, mußte infolge der neuerlichen Verschiebung der A.C.-Sitzuug ebenfalls verlegt werden. Sic findet am 30. und 31. August statt. Für die Sitzung sind zwei Tage vorgesehen, und cs sollen auch die Vorsitzenden der Ortsgruppen zur Teilnahme eingeladen werden. Näheres über die Tagesordnung wird noch bekanntgegeben. nicht zu umgehen. Ist aber nicht schon der Pinn der Arab Agency" ein ernstes Warmingszeichcn für die bei dem Streben nach U11- und Ucberparteilichkcit gar nicht verwunderliche Neigung des High Cominissioucrs, zionistische Organisation als jüdische Vertretung mit palästinensisch-arabischer Executive als arabischer Vcrtreüing glcichziisctzcn? Unvermeidliche Folge der lieber- Siedlung’der Exekutive: sic übernimmt die Rolle des Waad Lctiini. Aus der großen, weltumspannenden, die jüdische Volksgcsamtlicit in allen Ländern vertretenden zionistischen Organisation wird nach den uncrforschliehen Wegen des bürokratischen Instanzcnzuges die Interessenvertretung des z. Zt. in Palästina lebenden winzigen Bruchteils des Wcltjudcnhuns. Die besondere Art und Stellung der palästinensischen Judenschaft existiert als etwas Geistiges und Ideelles nicht in den Akten. Für die Bürokratie aller Länder gilt noch der schöne Satz: qtiod non gst in actis, non cst in mundo. Da gilt zunächst und vor allem die Frage der Kompclenzen. Eine geradezu liebliche Aussicht eröffnet uns die durchaus niclrt von der Hand zu weisende Möglichkeit, daß uns das Kolonialamt oder das englische Kabinett in einer für beide unangenehmen Angelegenheit, in der wir uns direkt an sie wenden, an die zunächst zuständige Stelle, die palästinensische Landes- Verwaltung, verweisen. Das ist nicht einmal im Widerspruch zum Mandat, sondern in vollster Ucbcrehistiimnung mit ihm. Wie aus dem Artikel über die Jewish Agency licrvorgeht, soll diese der Landcsvcrwaltung bcratend zur Seite stehen. Es braucht Wer nicht neuerlich nusgefülirt zu werden, daß weder die Analogie zwischen jüdischem Volk und palästinensischen Arabern noch die zwischen zionistischer Organisation und der Partei des palästinensisch-arabischen Kongresses statthaft oder gcrecht Ist. Sic ist cs ebensowenig wie eine Gleichstellung des Sclbstbcslimniungsreciitcs der Araber in Palästina mit dein Lcbcnsrccht des jüdischen Volkes, als welches der jüdische Anspruch auf Palästina aufzufassen ist. Aus den interterritorialen und dadurch starken zioriistischeu Weltorganisation wird durch die Verlegung ihres Zentrums nach Palästina zwangsläufig eine palästincnsische Linder,partei, zu deren unangenehmsten moralisehen Verpflichtungen ein palästinensischer sogenannter ״Patriotismus“ geliwcn kann, der mit dem jüdische« Patriotismus vorläufig durchaus niclrt Identisch ist, sondern ilun manchmal geradezu entgegengesetzt sein könnte. Nach der iiinerpolitiscflicn Seite gischen, ergibt sich die Unzutriigiichkcit der geplanten Uebersied.ungsmaßnahme aus dem inv vorangegangenen Aufsatz t>creits behandelten Verschwinden jeder Distanzierung. Die Exekutive wird gezwungen sein, trotz des starken Willens, weiterhin Wcltpolitik zu treiben, sich in die kleinen! innerjüdischen Streitigkeiten und in den Krakcci (anders kann man es wohl nicht bezeichnen) mit den verschiedenen arabische.i Gruppen und Grüppchcn einzulassen, Die Verhälttvissc in Palästina sind ja noch alle überaus eng, und klein und der Olaubc, man könne sich ihnen mit einem gewissen Energieaufwand entziehen, also sich ganz aua der palästinensischen Tagespolitik herauslösen, ist nichts als eine vollkommen abstrakte und haltlose Theorie. Das Leben wird sich ah stärker erweisen. Ist Politik wirklich, w׳ic wir dies einmal formulierten, die Kunst der Voraussicht, des Fernblicks (statt des Augenblicks) oder, vielleicht nach dem eingangs Angeführten noch richtiger, die Kunst des Vorgefühls, dann verstellt man erst das in dieser Beziehung große Glück der Entfernung zwischen London und Jerusalem zu schätzen. Es ist eben ein großer Unterschied zwischen jüdischer Politik in Palästina und zionistischer Politik. Und vielleicht ist die leider bestehende politische Unzulänglichkeit des palästinensischen Judentimis und dessen Vertretungen vor allem aus der zu großen zeitlichen und räumlichen Nähe zum Aufbau und der Enge der Verhältnisse viel eher erklärlich als aus anderen Ursachen, z. IT dem stärkeren Hervortreten niclitpolitisclier Interessen, dem Mangel an Führerpcrsötdichkcilcn irsw. Jedenfalls schrecken auch die Spuren der Auseinandersetzungen zwischen Palästina-Exekutive und Waad Lcutni oder die Kämpfe in der Asscfath Haniwcharitn. Hinzu kommt die propagandistisch vielleicht erlaubte, politisch jedoch gefährliche, weil zu schädliehen Ucbcrtreibungcn und Ucberspcinnungcn verführende Aufbauschung der werdenden jüdischen Heimstätte als eines bereits vorliandcnen jüdischen Commonwealth. Der Sinn für die Realitäten in der Politik wird durch solche hypostusicrcndc Betrachtungsweise nicht gerade gefördert. Vielleicht macht die Luft Palästinas weise. Vorläufig! macht sic jedoch vielfach auch unpolitisch. Die Belege für diese Beobachtung anzufiihrcn, kann man sich wohl ersparen. Es Ist, wie übrigens bemerkt sei, durchaus kein Tadel oder Vorwurf, wenn dies vom Jischuw gesagt wird. Der Zionismus in der Diaspora, der den Ausgleich dazu durdi ein Uebcrinaß von Politisieren schafft, wäre viel eher zu tadeln. Doch würden wir uns gar nicht scheuen, dem Jischuw auch eine unangenehme Wahrheit zu sagen. Die fcuillctonistisclic Sucht־ bedin» gungsloser Verhimmelung erscheint uns bei einer im Werden begriffenen und dalvcr notwendig mit Mängeln behafteten Gemeinschaft doppelt widerwärtig. Noch unzählige Gründe praktischer und psychologi* scher Art könnten vorn politischen Standpunkt gegen die Uebcrsiedlung der Exekutive geltend gemacht werden. Auch die eifrigsten Anhänger der Uebcrsiedlung spüren, daß in den politischen Folgeerscheinungen die Hauptschwäche des Planes liegt. Sie wollen daher London nicht ganz aufgeben, sondern dort eine Art politischer Exposiiur errichten. Dar, Ist allerdings ein Ausweg, der — wenn man die heutige Position der Exekutive betrachtet — geradezu als eine boshafte Erfindung mißverstanden wer« den könnte. Aus Mangel an Kräften und Mitteln bleibt auch von den politischen Plänen das meiste unausgeführt, vor allem die nun schon lang genug geforderte großzügige politische Aufklärung»• und Propagandatätigkeit*