Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1924)
- Date
- 1924-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Alfred Lands• berps ״London oder Palästina“ in Nr. 37 der ״Jüdischen Rundschau“, fn diesem Aufsatz, wurde im Anschluß an die Aeußemng Lipskys, der nach seiner Rückkehr aus London die Verlegung der Zentrale nach Palästina fordertc, mit Recht die ansclicincnd ziemlich untergeordnete Frage des Sitzes der Leitung mit dem viel ernsteren Problem der organisatorischen Führung der zionistischen Bewegung in Zusammenhang gebracht. An sich hetrachtet ist die Angelegenheit des Ortes, von dem aus die Zionistische Organisation dirigiert wird, eine rein technische, die lediglich nach Gründen der Zweckmäßigkeit und der praktischen Nützlichkeit zu beantworten ist. Das muß angesichts der unter den Zionisten sehr starken Neigung, alle Probleme stets prinzipiell und ideologisch aufzufassen, mit Nachdruck betont werden. Leider wurde die Frage des Sitzes der Leitung mit dem prinzipielleren Problem der Organisationsfühnmg verknüpft, und man empfing infolgedessen auch den Eindruck, als ob in diese sonst nur praktische, fast geschäftsmäßige Frage gewisse grundsätzliche Gegensätze hincinspiclen und von diesen ihre Entscheidung beeinflußt wird. Es erschwert aber die Diskussion ungemein, wenn von ganz, vcrschiedenen Voraussetzungen aus die Beurteilung der größeren Zweckmäßigkeit des zionistischen Zentrums in London oder in Jerusalem erfolgt. Steht man, um dies nur kurz anzudeuten, auf dem amerikanischen Standpunkt mügliehst weitgehender Autonomie der Landesverbände und möglichst weitgehenden Abbaus des Organisationszentnmis, dann erhält die Frage ״London oder Palästina?“ ein ganz, anderes Gesicht, als wenn man die insbesondere vom deutschen Zionismus erhobene Forderung nach Schaffung einer starken und einheitlichen organir.atorischen Zcntralgcwalt, demnach nach einem Neuaufbau, nicht nach einem Abbau, vertritt. Es ist zwecklos, über die sekundäre Frage des Ortes der Zentrale zu diskutieren, bevor nicht die primäre nach Wesen, Aufgabe und Aussehen dieser Zentrale entschieden ist. Dieser Erörterung kann und darf nicht ausgewichen werden, um so weniger, als gerade die deutschen und amerikanischcn Zionisten sonst in fast allen zionistischen Fragen einig sind, Zusammengehen und hoffentlich auch gemeinsain diese, die mhige Entwicklung der Organisation und die Stetigkeit der zionistischen Führung gewährleistende Politik weiter verfolgen werden. Gerade darum darf das Fortbestehen von Unklarheiten nicht zugelassen werden, sondern cs muß in dieser von den deutschen Zionisten mit Recht als zentral (in jeder Beziehung) empfundenen Frage versucht werden, durch eine sachliche und frucht■ bringende Auseinandersetzung beide gegensätzlichen Auf- •fassungen zunächst genau kcnncimilcrncn und dann zu einer klaren Entscheidung über die Maßnahmen zur Erhaltung bzw. Erneuerung der Zionistischen Organisation in der Zukunft zu gelangen. Um nichts geringeres handelt cs sich; und wir stehen nicht an, diese Frage für eine an Bedeutung dem Problem der Jewish Agency gleiche zu erklären. Unter dem Gesichtspunkt der Klarheit können nun aber diejenigen Aeußerungen Abraham Goldbergs in seinem Artikel ״Warum Palästina?“ (Nr. 42/43 dieses Blattes), die das organisatorische Problem berühren, zumindest nicht als erschöpfend bezeichnet werden. Sic sind auch, wenn inan genauer zusicht, in Bich widerspruchsvoll, Goldberg betont zwar; ״Es soll ein für allemal deutlich gesagt werden, daß die jetzt maßgebenden amerikanischen Zionisten, die bekanntlieh Anhänger der Verlegung des Zentrums nach Palästina sind, absolut Gegner jeder Abschwächung der Bedeutung der Zionistischen Organisation sind. Gerade umgekehrt: die amerikanischen Zionisten sind sich darüber klar, dal! der Aufbau Palästinas nur möglich ist, wenn die Zionistische Organisation stark ist. Es wird daher in Amerika sehr viel Gewicht auf den Aufbau der . Organisation gelegt, welche als eine Vorbedingung für den Aufbau Palästinas betrachtet wird.“ Schon in dem folgenden Absatz aber wird ebenso ״deutlich“ die Ansicht vertreten, daß ״c i n Zentrum unmöglich ist“. Die Exekutive soll nichts anderes als ein ״Zentrum über den Zentren“ sein. Dazu halte man den in Nr. 40 unseres Blattes wiedergegebenen Leitartikel des ״Jiddischen Volk“ vom 2. Mai! Wir wollen von einer solchen für den deutschen Zionisten schlechthin un• begreiflichen Entgleisung wie der Formulierung: ״Die Palästina-Aemter, die die Ansiedlung von Ghaluzitn und Einwanderern in Palästina ermöglichen, diese sind heute das Organisations-Departement“, ganz abschcn. Und wenn es in dem sicher von einem Führer der anterik,׳mischen Zionisten stammenden Aufsatz heißt: ״Man hat sielt einen Abgott geschaffen in Gestalt des sogenannten Organisations-Departements“, so beziehen wir gern diese ironische Bemerkung auf den von dein deutschen Zionismus seit jeher vertretenen Standpunkt. Ls würde zu weit führen, an dieser Stelle nachzuwcisc», daß die Behauptung des ״Jiddischen Volk“, ״daß das Londoner Experiment unter den bisherigen Bedingungen als entschieden und abgeschlossen betrachtet werden tnuß“, eine starke Uehertreihung darstclit; ferner, daß, wenn man schon in dieser Frage von Göttern und Ab» güttern sprechen will, die unverminderte Zähigkeit, mit der wir an dem starken Organisations-Zentrum festhaltcn, von der Inschrift hcrzulciten ist, die leider bis heute das deal (bzw. Idol) des Organisations-Departement tragen sollte, von der bekannten Widmung: ״Dem unbekannten Gotte“. Jedenfalls ist aus dem Artikel von Goldberg keineswegs ein Abweichen von der im ״Jiddisehen Volk“ nur stärker und radikaler vertretenen Anschaumig über die Bedeutung der Organisations-Zentrale zu erkennen. Das Goldbcrgsche ״Zentrum über den Zerrtreu“ sicht einer leeren dekorativen Fassade verdächtig ähnlich. Es erscheint notwendig, tun Verwechslungen vorzttbeugen, zwei völlig verschiedene Dinge auseinamicr/uhalten. Wenn 1 leir Goldberg betont, daß auch die anicri* knnischcn Zionisten die Stärkung der Organisation wiin■ sehen und ihre Bedeutung nidit ahschwächen wollen, so ist dies wohl eine Selbstverständlichkeit. Audi die anicri־ knnischcn Zionisten werden den Ast, auf dem sie sitzen, nicht absägen wollen und mit Recht einen Vorwurf der Schwächung der Organisation, der fast eine Vcrdächtigung ist, zurückweisen. Die Frage ist nur, wie sic die Stärkung der Organisation erreichen wollen. Von dieser Frage ist wohl zu unterscheiden die des Organ s a t ions-Z cn t rums oder, wenn man will, des Otgnnisations-Departements. Man kann im best«! Glauben die Stärkung der Zionistischen Organisation durch Schwächung des zionistischen 7.cntmn1s erreichen wollen, wie das 11. E. die amerikanischen Zionisten auch wirklich beabsichtigen, da ihnen die letzten Konsequenzen ihrer Absicht vielleicht nicht bewußt sind. Man vormische also nicht wieder einmal die Frage des Ziels u״d Zwecks mit der des Wegs und der Methode. Wir wollen uns heute nur auf die Frage des Sitzes der Leitung beschränken und bei ihrer Betrachtung von jener Auffassung des Organisations-Problems ausgehen, die wir wohl als die deutsche bezeichnen können. Es gilt, in dieser vorwiegend technischen Frage die Vor- und Nachteile, die für oder gegen den einen Ort sprechen, nbzuwägen und danach die Entscheidung zu treffen׳. Leider kann man auch dabei wiederum die Beobachtung machen, daß eigentlich nur die Mitglieder der Leitung, die die Arbeit in London, ihre Schwierigkeiten, Not- Wendigkeiten und die Gegebenheiten der Personen und Verhältnisse schon aus jahrelanger Erfahrung genau überblicken können, in der Lage sind, ein wirklicli snclivcr׳ ständiges Urteil abzugeben. Es ist nicht richtig, daß, wie früher bei anderen Diskussionen, die Exekutive bzw Mitglieder derselben für ihre Person nicht selbst daran tcilnclmien. Sie brauchen ja kein letztes Votum nbzugebcti, aber cs wäre doch erfreulich, wenn sic nach beiden Richtungen hin auf Vorteile und Hindernisse aufmerksam machten, die ihnen aus ihrer unmittelbaren Erfalming ersichtlich sind. Die bisher einzig vorliegende offiziöse״ Acttßerung des ״Haolain“ war nichts als eine sehr kurze Begrüßung der Diskussion. Es wäre viel wichtiger, zu erfahren, wie eigentlich z. B. Dr. Weiz• mann oder andere Mitglieder der Exekutive über die Frage denken. Was liier im folgenden ausgefiihrt wird, stellt nichts anderes als unsere ganz persönliche Stellungnähme dar, zu der wir, nachdem die Diskussion schon eine Zeitlang dauert, nach nochmaliger sorgfältiger Uchor* Prüfung der Gründe und Gegengründe gekommen sind. Wir haben hierbei, wie dies dem Ausgangspunkt unserer Ucbcrlegungen entspricht, das gesamte Problem zunächst, vielleicht zu einseitig, unter dein Gesichtspunkt der organisatorischcn Erfordernisse betrachtet. Diese Einseitigkeit erscheint 11ns aber, wie dargclcgt, notwendig, da wir nach wie vor die Bedürfnisse der organisatorischen Arbeit für entscheidend und allen anderen vorangehend halten, Es muß zugegeben werden, daß eine Entscheidung für oder gegen Jerusalem oder London, ans diesem Gesichtswinke! gesellen, schwer zu treffen Ist. Für Jerusalem spricht in einem sehr starken Maße die psychologische Wirkung eines Organisations-Zentrums in Palästina. Die Vertreter der Organisation sind ganz anders legitimiert, wenn sie aus Ercz Israel kommen, als wenn London sic entsendet. Heute repräsentieren sic nur die zionistische Bewegung und hängen somit,von der manchmal großeren, manchmal geringeren Autorität ihrer Leitung lind des Vertrauens zu dieser ab. Kommen sic hingegen aus Palas tim und sprechen sic itji Namen der Notwendigkeiten de« Landes, dann steht die Wie unzerstörbare Auto״ rißt Ercz Israels hinter ihnen, die nicht von Schwankengen der Politik und des Tages beeinflußbar ist. Insofern war die von Schmarja Levin auf dem XII. Zionistenkongreß bereits erhobene und in •den letzten Jahren in Deutschland insbesondere von Kurt Biumenfcld vertretene Forderung nach Schaffung eines propagandistischen Zentrums in Jerusalem, das die zionistischen Propagandisten und Abgesandten aushiklet und in die Galuthläudcr entsendet, sehr richtig. Wir halten das Beispiel der Ueber- Siedlung des Nationalfonds-Hauptbüros nicht für maßgebend. Es ist sehr schwierig, festzustellen, ob die gesteigerten Einnahmen des N.-F. wirklich auf die Verlegung seiner Zentrale, oder nicht vielmehr auf seine erhüllte Propaganda, die ihm durch stärkere Verwendung agitatorischer Kräfte ermöglicht wurde, ztirüekzuführcn ist. Organisatorische Arbeit ist in erster Reihe, das muß immer fcstgchalten werden, eine Frage der Menschen, und erst in zweiter Linie eine solche der lmponderabilien. Eine Exekutive in London, der genügend Kräfte zur Verfügung stehen, wird immer mehr erreichen, als eine menschenarme Leitung in Jerusalem. Daher ist cs allerdings ein Gesichtspunkt, der Berücksichtigung ver« dient, wenn Ooldberg darauf verweist, daß es leichter sein wird, Menschen für die Exekutive zu bekommen, wenn diese in Palästina ist. Wir lehnen es aber ganz entschieden ab, eine zionistische Forderung in erster Reihe unter dem Gesichtspunkte der nun einmal gegebenen Verhältnisse, denen man Rechnung tragen müsse, und der zu berücksichtigenden persönlichen Wünsche von Zionisten zu betrachten. Dieselben Menschen, die für Palästina bereit sind, müßten, wenn die Notwendigkeit es erfordert, cs auch für London sein. Keinesfalls aber kann die Berücksichtigung dieser menschlichen Gegcbcnhcitcn bei 'Entscheidung der Frage irgendwie in den Vordergrund gerückt werden. Wir glauben umgekehrt auch, daß es möglich wäre, die sehr großen technischen Schwierigkeiten, die die geographische Entfernung einer in Jerusalem domizilierenden Exekutive mit sich bringen würde, zu überwinden. Audi liier sind nidit die Ver* hältnisse, sondern der Geist und Wille, der sic meistert, entscheidend. Der wesentlichere Einwand, der gegen die Verlegung zumindest des Organisations-Zentrums nach Palästina spricht, ist von Nachum Goldmann (Nr. 46 47 d. Bl) bereits zum Teil hervorgehoben worden. Es ist die Schwierigkeit, in unmittelbarer Verbundenheit mit einem das Letzte im Menschen so stark ergreifenden und es völlig beherrschenden Aufbauwerke Zeif, Ruhe und Disposition für eine Arbeit außerhalb dieser Aufgabe zu finden. Die Forderung der Stunde und des Augenblicks ist in Palästina so drängend und drosselnd, daß ein Zionist, wenn er nicht sehr kühlen Blutes und überlegenen Geistes ist, sich ihr einfach nicht entziehen kann. Notwendig folgt daraus auch die Minderbewertung, die niedrigere Rangordnung organisatorischer Arbeit gegen* über der kolonisatorischen in Palästina. Die Unglück* selige Erscheinung der letzten Jahre, daß die Organisationstätigkeit gegenüber der politischen so stark zurücktrat und auch im Bewußtsein der Zionisten an Bedeutung verlor, wird sich in Palästina in einem weit höheren Maße wiederholen. Zuletzt kommt dort das Organisatorischc. (Man merkt das leider auch in der Kolonisation und in der Politik, die das organisatorische Element viel* fach vermissen fassen.) Zieht man ferner die großen Nöte des Tages in Betracht, wie sie in den nächsten Jahren hoffentlich zwar nicht wiederkehren werden, die man aber doch als mög« lieh vornussetzen muß, dann wird es wohl cinlcuchten, daß eine wirklich umfassende organisatorische Arbeit in großem Stil unter dem Zwang der augenblicklichen Not- Wendigkeiten sicherlich nisammensclmimpfen und verkümmern muß. Noch eines ist zu erwähnen, was alle Kenner der palästinensischen Wirtschaft immer wieder der Beachtung empfehlen, das aber auch für die hier bctrnchtctc Frage1 gilt. Das jüdische Palästina ist, nach der Zahl seiner jüdischen Bewohner gerechnet, nicht größer als irgendeine Mittelstadt. Jerusalem Ist sogar nur eine jüdische Kleinstadt. Man kann cs■ Infolgedessen geradezu als unvermeidlich annehmen, daß die notwendigen üblen Folgeerscheinungen des Lebens in dieser kleinstädtischen Enge und Nähe sich auch auf die Arbeit der Exekutive werden übertragen müssen. Es wird die Distanz fehlen, die so notwendig ist, ebenso für den einfachen Zionisten, wie für die Mitglieder der Leitung, was deren Ucbcrsicht und Horizont anbetrifft. Die Sncltc wäre einfachcr, wenn die Distanzierung, die keine räumliche zu sein braucht, schon durch eine günstigere finanzielle Lage gegeben wäre. In normalen Staaten, auch ln demokratischen, bringt sie die amtliche Stellung der Regierung mit sich. Sic hört auf, wenn die Not alle Unter« schiede vergessen läßt, Würde und Respekt Infolgedessen notwendigerweise zum Teufel gehen. Leider waren wir ln den letzten Jahren oft genug in dieser Situation und auch insofern war die zionistische Bewegung revolutionär und höchst demokratisch, allerdings in einem anderen Sinn all I