Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 45 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Für Oesterreich! PosUparkaucnamt Wien, Konto Nr. 156030, Für Tschechoslowakei: PoiUparkasscnamt Prag, Konto Nr,59410, — RedaktionsschluO Sonntag und Mittwoch nachmittag. — Uhr. 1P״?tSÜSÄiT ד׳ םיון> תרס״ד XXIX. Jahrpj. Schaffung einer öffentlich > rodit'lct» geskhurten Helmstutta In Palästina. ״Dmelar Programm.'* Die Nachricht von der Einberufung' des Großen Aclions-Comittis 7um 17. Juni nach London sowie des Plans der Exekutive, von der Abhaltung der Jahres- Konferenz in diesem Jahre abzusehen und «an ihrer Stelle den XIV. Kongreß noch im Winter st.attfinden zu lassen, hat sehr überraschend gewirkt. Bereits die Begründung des Beschlusses in dem offiziellen Communiqut:, die auf die Verhandlungen mit den amerikanischen Nichtzionisten über die Jcwish Agency Bezug nahm, ließ erkennen, daß die Zionistische Organisation vor die Entscheidung 1 eitenswichtiger Fragen gestellt ist. Schon aus dem Umstande, daß die Beschlußfassung über diese Entscheidungen der höchsten zionistisclien Instanz, dem Kongreß, übertragen werden soll, ging deutlich hervor, daß im Rahmen der Beschlüsse des letzten Kongresses die geplante Zusammensetzung der Jcwish Agency nicht erzielt werden kann. Die Resolutionen des XIII. Kongresses zur Frage der Jcwish Agency waren durch die Beschlüsse des Großen Actions-Coinitcs von Anfang Marz d. J. ergänzt worden Der wesentliche Kern dieser letzten Enlschücßungen und wohl «auch der darin genannten (nicht veröffcntliehten) Direktiven, wie sie von der zum Studium der Frage eingesetzten A.-C.-Kommission ausgearbeitet wurden, die der Exekutive bei ihren Verhandlungen mit den Nichtzionisten zur Richtschnur dienen sollten, war: die Zionistische Organis«ation sollte weiter die Jewish Agency bleiben, während die Nidrt/innisten in den Council der Agency, einer gemischten Körperschaft mit vorwiegend beratender Funktion, cintrctcn sollten. Die Vermutung, daß ,,die klaren Vorschläge der wichtigsten jüdischen Gruppen über die Form ihrer Bctcili- Rung an der Jcwish Agency״, von denen in dem Conmm* nique die Rede war, mit diesen Beschlüssen des A.-C. nicht in Uebcrcinstimmung zu bringen sind, wird durch das Interview mit Dr. Wciz.mann bestätigt, das wir ln der letzten Nummer ans dem Warschauer ״Haint״ abgedruckt haben. Es hat wenig Zweck, sich wieder einmal bei der formellen Seite dieses Interviews aufzu halten, von dem Dr, Wciz.mann selbst erklärt, cs sei ohne seine Genehmigung al'gcdruckt und stimme in ver׳ scliicdenen Punkten nicht. Die Disziplinlosigkeit mancher unserer Blätter und auch mancher zionistischer Journ.v listen und Politiker scheint unausrottbar zu sein. Wir wollen es ebenso auch dahingestellt sein lassen, inwieweit Dr. Wcizmann selbst durch Außcrachtlasscn der offenbar bei jeder Aeußerung notwendigen Vorsichtsmaßregeln eine Schuld zufällt. Das Weizmann-lnterview im vorigen Jahre, welches so große Aufregung verursachte, und mit dem die Erörterung über die Jcwish Agency überhaupt begann, ist ja noch in Erinnerung. Es ist jedenfalls anzunehmen, daß die tatsächlichen Angaben des Interview׳« über die Stellung der von Marshall geführten amerikanischen Groppe zur Jcwish Agency zutreffen. Unter dieser Voraussetzung kann gesagt werden, daß der von den Amerikanern gemachte Vorschlag nicht nur die sorgfältigste Prüfung und Erwägung durch die zionistischen Vertrctungskörpcrscliaften, wie Exekutive, A.-C. und Kongreß, notwendig macht, sondern daß seine Annahme als Verhandlungsgrundlage seitens der Zionbtischcn Organisation uns als unbedingt erforderlich erscheint. Man muß sich allerdings darüber klar sein, daß es sich hier um einen sehr schwerwiegenden Be- Schluß handelt. Kommt die Beteiligung der Nichtzionisten «an der Jcwish Agency in der von den Amerikanern vorgcschlagcncn Form zustande, dann ist die Zionistische Organisation nicht mehr allein die Jcwish Agency, sondern sic hat lediglich Vertreter in eine völlig neue Körperschaft zu entsenden (allerdings die Hälfte der Mitglieder), und diese neue Vertretung wird die alleinige völkerrechtlich anerkannte Instanz zur Leitung des Palästina-Aufbaus sein. Es handelt sich also um einen Schritt von ganz außerordentlicher Tragweite. Wir, die wir stets für die gemischte Jcwish Agency cintreten, haben nictn.als die Bedeutung eines solchen Sdirittes verkannt Vielmehr ist nicht nur in diesem Blatte, sondern auch ln einem Referat und in den Diskussionen des deutschen Dclcgicrtcntags in Dresden nachdrücklich darauf verwiesen worden, daß es falsch wäre, sich irgendwelcher Täuschung über die entscheidende Bedeutung der Schaffung einer solchen gemischten Agency hinzugeben. Es ist auch von allem Anfang an betont worden, daß mit größter Wahrscheinlichkeit alle Versuche, durch hundert theoretische, organisatorisch-technische Vorschläge der Zionistischen Organisation die bisherige unbeschränkte Kompctenzfiillc in der neuen Agency zu sichern, mißlingen müssen. Wir haben diese Versuche bekämpft, nicht nur weil ihre Durchführbarkeit uns im höchsten Oradc unwahrscheinlich erschien, sondern weil wir es auch aus moralischen und praktischen Gründen für unzulässig hielten! neue Kreise zur Mitarbeit heranzuziehen! ohne Die A.-C.־S!fz1s§ verschoben Eine nach RedaktionsschluO eingetroffenes Telegramm aus London teilt mit, daß die Sitzung des Großen Aktion•- Comitcs auf den 24. Juni verschoben wurde. Infolgedessen dürfte auch die für den 7t, Juni vorgesehene Sitzung des Zentralkomitees der Z.V.f.D. verschoben werden. ihnen gleichzeitig mit den Verantwortungen und Pflichten auch das entsprechende Maß an Rechten cbmiräumcn. Wie man weiß, war die hauptsächliche Streitfrage das Budgctrccht, das bei Einsetzung einer nicht «allein von der Zionistischen Organisation repräsentierten Jcwish Agency dem Kongreß entzogen wird. Wir haben darauf verwiesen, daß mit der Begründung des Keren Hajessod, an dessen Council zu 50 °/0 ja die Keren Hajessod- Zeichner, also auch in hervorragendem Maße Nichtzionisten tcilnchmen sollten, ohnedies der Anfang zu einer unausbleiblichen Einschränkung des bisher bestandenen Rechtes des Kongresses gegeben sei. Außerdem ist cs ja eine Tatsache, daß gerade in Budgetfragen die zionistische Front alles eher als einheitlich ist. Man kann fast mit Sicherheit annchmen, daß im Falle der Teilnahme von Nichtzionisten an der Aufstellung des Palästina- Etats in den Abstimmungen die Gruppierng niemals ״hie Nationaljuden — hic Nichtzionisten״ sein wird, sondern daß manche zionistische Gruppe mit mancher nicht2ionistischcn und umgekehrt Zusammengehen wird. Es hnndclt sich hauptsächlich um wirtscliaftspolitische und finanzökonomischc Meinungsverschiedenheiten, die bei den ßudgetberatungen die ausschlaggebende Rolle spielen. Die wichtigste Befürchtung der Gegner der gemischten Agency, daß deren nichtzionistischc Mitglieder in national-kulturellen Angelegenheiten die Zionisten überstimmen könnten, hat durch die Reden auf der Palästina-Konfcrcnz vom 17, Februar und alle anderen Acußcningen führender amerikanischer Juden eine durch die einheitliche Gnindeinstcllung dieser Kundgebungen g!5radezu verblüffende Widerlegung erfahren. - Keine Uebcr■ zctigung ist im amerikanischen Judentum heute so all• gemein verbreitet und so unbestritten, als die der Notwendigkeit eines jüdischen kulturellen Zentrums in Pa* liistina. Die Bedenken, die überhaupt noch gegen di«! Schaffung einer nationalen Heimstätte ln Ercz-Isracl geäußert werden, sind rein politische. Es ist schon soweit gekommen, daß die wenigen ausgesprochenen Antizlonistcn in Amerika das geistige Zentrum in Palästina’ gegen das politische der Zionisten ausspielen. Die Gründe (vor allem die aus den zionistischen Anfängen auch uns bekannte Furcht vor einer Kollision der staatsbürgerlichen Rechte mit den nationalen Bestrebungen) sind offenkundig; Es soll in diesem Zusammenhang nicht näher darauf eingegangen werden. Es Ist sehr bezeichnend, daß beispielsweise ein so prominenter amerikanischer Jude wie Felix Warburg ein hohes Interesse gerade an der jüdischen Universität in Jerusalem und ihrer judnistischcn Abteilung nimmt, und dieses Interesse durch seine neuerliehe Spende und den besonderen Zweck, für den!4c gewidmet ist, bekundet hat. Auch der verbissenste Gegner der Teilnahme von Nichtzionisten an der Agency wird kaum behaupten können, daß die amerikanischen Juden durch solche Förderung der mit Ercz-Isracl verknüpften Hoffnungen auf die Wiedergeburt des Jüdischen Geistes nur ihre spezifisch amerikanischen Vor- Stellungen von diesem realisieren wollen. So erscheint ein Argument, das eine große Rolle in den zionistischen Diskussionen gespielt hat, als hinreichend widerlegt. Was nun die Befürchtungen über den iindcmokra'Ischen Charakter der gemischten Agency anlangt, so freuen wir uns, festst eilen zu können, daß auch diese Sorg«: bei unseren demokratischen Freunden anscheinend ziemlich gewichen ist. Wir führen dafür als Beweis die folgenden Stellen aus einem Artikel Jizchak Grünbaums•, an, der im ״Haint״ vom 28. Mai erschienen Ist: ״Die Amerikaner wollen nicht bloße Ratgeber sein, sondern sie wollen sich an der ganzen Arbeit beteiligen und die ganze Verantwortung tragen. Sie haben deshalb einen Plan vorgesehenen, der uns noch ganz neu ist: Einberufung eines Lamlcskmigrcsscs in Amerika, der 40 Vertreter zu einer Konferenz entsendet, die ihrerseits die Exekutive der Jcwish Agtncy wählt. An dieser Konferenz haben sich noch zu beteiligen 35 Vertreter anderer Länder und 75 Vertretei׳ der Zionistisehen Organisation. So lautet jetzt der amerikanische Vorschlag. Er kommt den Forderungen der Opposition viel näher als alle bisherigen Kompromißvorsehiägc, die wir ausgeklügelt haben, um schneller die neuen Krähe ״ ׳heratmizichcn". Auf dem XIII, Kongreß habe ich I in Namen der Opposition einer, ähnlichen Plan vorgeschlagen; er wurde aber abgclehnt, , , und statt dessen,wurde eine verdrehte, verwickelte Resolution angenommen, die unsere' geschworenen Kompromiß- und Friedensstifter niiRgescluvitzt haben. Die Tagungen des A,-C״ die nach dem XIH. Kongreß itattfanacn. > mußten Mittel und Wege suchen, tim aus dieser Resolution wieder herausnikommen; sic gaben Kommentare auf Kommentare bis zu dem allerletzten Vorschlag, der aber doch nicht von den Amerikanern akzeptiert worden Ist, Man wollte stets schneller die Menschen ״heranziehen", rascher die Institution schaffen, die uns die Last de» Aufbaus unseres Landes .־!!!nehmen sollte; man fürchtete, mit unverschämten Vorschlägen zu kommen, mit zu großen Plänen, mit demokratischen Einhalten■, man suchte Mittel* wir man die notwendigen Menschen hcran/iclicn, wie man ihnen d!c Macht übergeben könne, ohne sic za* übergeben, wie man die Organisation auftosen und sic doch bestellen lassen könne, wie man auf die souveräner» Rechte des Kongresses zugunsten einer neuen Körper•« Schaft verzichten solle, die nicht auf dieselbe dem»- kralische Weise gewählt wird wie der Kongreß und de facto niemandem verantwortlich ist, und wie man doch dem Kongreß die Vertretung vor dem Völkerbund lassen könne. Dies alles nannte man den kürzesten Weg. In Wirklichkeit aber drehte man sich wie in einem verzauberten Rad und cs wurde kein Schritt vorwärts gemacht; man näherte sich mit keinem Schritt der Gründung der Jcwish Agcncv in ihrer neuen Form. Jetzt sind au diese ״ausgeklügelten", faulen Kompromißvorschläge in nichts zerronnen. Die Amerikaner, die diesem ganzer» Problem viel ernster, viel aufrichtiger gegen- (ibertraten als die englischen No fabeln, haben selbst vorgeschlagen, den Weg zu bcschrcitcn, den wir, die Opposition, stets tür den einzig möglichen gehalten haben, solange nicht ein jüdischer Weltkongreß einberufen werden kann. Die Exekutive und die Majorität de« A.-C. haben sich stets gefürchtet, mit so einem Vorschlag zu den Kreisen zu kommen, die man ״heranzichcn‘‘ wollte, damit sie keinen Schreck kriegen vor den Massen, vor dem Getümmel von Kongressen, vor der Volkshcrrschaff, und sie haben nun erlebt, daß eben diesen Vorschlag Marshall und seine Freunde gemacht haben. Zelt haben wir auf diese Weise sicherlich nicht gewonnen. Aber wir haben in dieser Sache die Initiative aus den Hiindcn verloren. Nicht die Zionistische Organisation ruft in Amerika den Kongreß für Palästina und die Jcwish Agency ein, sondern die Gruppe um M a r $ h a 11. Ich weiß: man wird mir sagen, jetzt, wo Marshall mit seinen Genossen schon beistimmen, kann man dies tun, aber früher konnte man cs nicht. Man kann die zionistische Bescheidenheit in diesem Fall nicht hoch genug einschätzen. Ich glaube aber, daß man gleich von Anfang׳ an MarshaU und seine Gruppe für den Gedanken eines Kongresse» für Palästina und die Jcwish Agency in Amerika gewinnen konnte; dann wäre dieser Kongreß vielleicht schon zur Tatsache geworden lind wir könnten arbeiten zugunsten von Kongressen in anderen Ländern \md hätten uns das Durcheinander und den inneren Kampf in der Organisation erspart. Es ist klar, daß der jetzige Plan der Amerikaner noch der weiteren Ausarbeitung« und Vervollkommnung bedarf. In allen Ländern una vor allem bei uns in Polen müssen solche Vcrsnmmlungen cinberulcn werden. Die Frage der Proportion der Vertretung der verschiedenen Länder hat durch den amerikanischen Beschluß sicherlich noch keine Antwort gefunden. Die Proportion muß eine gerechte sein. Und die amerikanische Judcnhcit wiegt trotz ihrer ungeheuren Verdienste für die große jüdische Allgemeinheit in der ganzen Welt doch nicht schwerer als alle anderen zusammen. Dies sind aber alles Kleinigkeiten, die gewiß nicht die Verwirklichung des Planes stören werden. Viel wichtiger ist die Frage, ob wir auf den Palästina- Weltkongreß verzichten, vor dem die Exekutive der Jewish Agency verantwortlich ist. und der laut Beschluß des XIII. Zioiiistcnkongrcsscs alle Rechte und alle Pflichten des Zionistenkongresses und der Zionistischen Organisation übernehmen soll, die aus dem Mandat folgen, und ob wir diese Organisation, die auf Grund des neuen Planes entstehen wird, bloß als Ausgangspunkt betrachten und sie noch nicht dem Völkerbund und der Mandatsmaeht anmeldcn. Das ist die Frage, die das A.-C. auf der nächsten Sitzung zu behandeln nahen wird. Wenn man in bezug auf sic nicht zu einer Ucberein- Stimmung gelangen wird, wird wirklich als einziger Ausweg bloß ein außerordentlicher Kongreß bleiben. Denn hier handelt cs sich in Wirklichkeit schon um Sein oder Nichtsein der Zionistischen Organisation und des Zionlstcnkongrcsscs, und cs wird kein Platz mehr sein für verdrehte Komproinißbcschlüssc." Wir sind gern bereit, Herrn Grünbaum und der Fraktlon der zionistischen Demokratie zuzugcstchcn, der nmcriknnisebe Vorschlag stelle einen Sieg ihrer Prinzipien dar. Wir nehmen zwar an, daß auch sic nicht behaupten wollen, dieser Vorschlag sei etwa unter dem Einfluß ihrer Gruppe zustande gekommen und entspringe nicht ausschließlich der eigenen Initiative der Amerikaner. Uns interessiert hauptsächlich das größere Vertrauen, das Herr Grünbaum jetzt zu den amerikanischen Niditzionisten liegt. Der Abgrund, von dem immer früher die Rede war, scheint also doch iibcrbrückbar zu sein. Und wenn unseren Freunden soviel an der Bestätigung der neuen Mitglieder der Agency durch demokratische Auslese- Methoden liegt und diese selbst nichts dagegen haben, sich einer solchen Prozedur zu unterziehen, so wäre das eine für alle Teile befriedigende Lösung. Wir halten allerdings nach wie vor diese sogenannte demokratische Wahl für eine bloße Form. Man frage irgendeinen amenkanisclien Juden, ob die heute durch die öffentliche jüdische Meinung anerkannten Führer des amerikanischen Judentums nicht auch bei jeder demokratischen Wahl mit einer ganz überwältigenden Majorität gewählt werden würden. Wir hielten es und halten es nach wie vor für eine sclrädlldie Prinzipienreiterei, wenn man aus dieser Forderung ein Objekt des Kampfes machen oder gar die .Teilnahme nichtzionistisclicf Kreise an der^enc^