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Jüdische Rundschau · 1924-05-20 · Heft 40 (20.5.1924) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 40 (20.5.1924)
Date
1924-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ז ן® Seite 204 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40 Die WepcMtlc Anläßlich N .1111 n « I! i r n b .111 m s 60. C! c bu rt s t a g. Von Dr. Rolu-rt Weiß (Wim). Hat sich Nathan Birnbaum midi seit einigen Jahren einem anderen politischen La;:er <lcs jüdischen Volkes an■ geschlossen, seine geistige Nachwirkung im Zionismus blieb bestellen, ja, es hat so;׳,ar den Anschein, als ob die Gedankensaat, die vor Jahren seinem unruhigen, immer mit sich smziifrkdemu Geiste eiilströmlo, mmindir zu den ersten, historisch beständigeren Fruchten ciitgcgeiireiftc. Birnbaum sagt in '״Gottes Volk“ ober seinen Weg: ״Nadidem idi einmal wm bloßen Gcsimu1׳,״t*mnti.malis11uH zur Forderung weit liehen und dann religiösen Wesensjmleiitiiiiis vorgednmge» bin, kam! es mir sdilielilicli nicht verlangen geblieben sein, daß auch lirrijmlini״ des Wesens, einmal vorhanden, dtircii das jüdischnationale Bekenntnis alldu nicht gebannt ist.“ Birnbaum hat diese bitterste i’rkemiinm «11er den modernen Zionismus schon vor vielen Jahren empfangen, sie schuf seine große, freistesßcscliiriilliche Bedeutung für die iinstäte Zeit der Gärung im Volk. Birnbaums politische Ziele liefen in Vielem heute fernab von den Anschauungen der organisierten Zionisten; alier die Kritik, die er als einer der linierten vor Jahren an uns richtete, bat an Wahrheit und Berechtigung nichts eingebiißt Der Zionismus der I icr/I/eit konnte dem jüdischen Volke mir eine politische O r g a 11 i s ,11 i o 11 r [ o r m scbalfcn. Wohl arbeifclon von den ersten Anfängen der Bewegung :111 auch Juden in ihr, welche die Bindungen der liistorischeii, s1ati־>׳matrdigiöse1! Lebensform für vcrbiiiiilicb erachteten, aber weder gcsct/cstrcue Einzelne, nodr ihre Fraktion, der Mis• raclii, waren und sind bis zum heutigen Tafte von geisti- •gern Linfhill auf das innere Werden der Bewegung. Obwohl die Mehrheit im Volke und demgemäß auch die faktische!Mehrheit in der Zionistischen Organisation die Lehren der jüdischen Tradition als Basis jedes jikiisdi sein wollenden Schaffens beachtet wissen will, waren die agileren und politisch routinierteren ״Freigcisiigeii“ und nicht der gcsetzeslreuc, in politischen Dingen sentimental-naive Jude bestimmend für die repräsentative geistige i ialtung des Zionismus. Das historisch vielleicht notwendige, ak'r kulturell verhängnisvolle Zusammen• treffen der Ifaskala-Ausläiifcr mit dem politischen Zionismus llerzlscher Diktion hat das Wiedernufquellen der alten Zionsliebe ermöglicht, hat sogar in unseren Tagen die polnischwirtschaftlichen Grundlagen des dritten Jisclutw geschaffen, liat alle Gebiete des jüdischen Denkens und Lebens befruchtet,!!her gerade dieses Zusammentreffen von 1 Inskala und Zionixiiiiis hat die Lehensinhalte und Lebensformen von Hundert• tausenden der besten Juden en (jodet, ihre innerliche tmd äußerliche Gebärde n.iherte sich der Umwelt, dem Nichtjüdischen, obwohl doch ein jeder sieh formal gewiß zum ׳Nationaljüdischcn bekannte. Herzls unbekümmerte Unwissenheit von der überlieferten jüdischen Lehre war und ist geistig für den ,modernen ZiouLs- 11111s bestimmend geblieben. Adolf Böhm hat dies in seiner Geschichte des Zionismus in aller Klarheit betont: ״Zwar hatte dieser (Herz!) von der ,1 leiinkehr zum Judentum‘ gesprechen und in einzelnen Aufsätzen (zum Beispiel ,Die Menorali‘) ein sehr feines Empfinden für den Gcfiihlsinhalt der jüdischen Tradition bezeugt, aber seine Vorstellung war cs trotzdem nicht, die Juden zum Judentum als geistiges*) Sein zuriickzufiihrcn, sondern sie zur Annahme eines bcstimmten politische n*) Planes zu bringen.“ Nathan B i r n - bäum war es, der rechtzeitig die folgenschwere Bedctiiung dieser Unterlassung Herzls und der heute ]»litisch- •wirtschaftlich maßgebenden Zionisten erkannt liat. Daß er es vorzog, anstatt die sellistgenügsamcn Gesetzestreuen in«erhalb des Zionismus aufzurüttcin, m einem anderen politischen Lager zu wirken, hat den mit Sozis )logischer Notwendigkeit sich •ereignenden rückläufigen Prozeß nur verzögert. Die stille Heimkehr zum Historisch-Gewondenca im Volk beginnt, vor Jahren in den Einzelnen, jetzt schon in Gruppen, bald in breitem Strome der ihre innere Leere Erkennenden. Man denke nur an die Wirksamkeit von Nchcmia Nobel, dessen Gestalt mit an der Wcgscheide zwischen der Hcrzlschcn Palästina-Kolonisation und der allein hlstorisehen, kontinuierlichen, nationalreligiösen Zionsbewegung steht. *) Von mir gesperrt. (W.) Heber Blalik Einleitende Worte zu einer Vorlesung über den Dichter und sein Werk. Von Dr. Lazar (iulkowitsch, Lektor an der Universität zu Leipzig. Bei der engen Verbundenheit von Künstler und Werk liegt es nahe, das Leben Bialiks zi! betrachten, ehe wir an sein ,Werk heranlreien. Seine Wiege stand in einem kleinen wolhynlschen Dorfe Radi, wo er 1873 als Sohn eines armen Bauern geboren wurde. Dort verbrachte er die ersten sechs 'Jahre seines Lebens, bis er mit seinem Vater nach einem Vorort von Scliltomir wandcrlc. Schon ein Jahr später starb ihm der Vater, der Knabe wurde der Obhut seines Großvaters anvertraut und blieb in Scliitomir. Dü besuchte er mm den Glieder, wie alle Ghcttokiudcr und lernte mit ihnen die T.lemcnte des jüdischen Wissens, ln strenger Zucht wurde er zu J lause gehalten und wuchs im Staub der alten Bücher «eines Großvaters auf, die allerdings Reine Mumtasic erweckten und ui der Seele des Jungen die jaliriaiisend alte Vergangenheit lebendig werden ließen. Der Zwölfjährige liest schon des 1Jchr.ua Halcvi Kusnri, des Maunonitlcs Morc-Ncbuchim und verschiedene kabbalistische und chassidisdie Werke. Der Dreizehnjährige sehtießt sich mit einem greisen Talnmdistcn in das Belh-namktrasch ein und versenkt sich ganz und gar in das Studium des ialmud. Durch einen Zufall gerieten ihm!einige neuhebräisdic Schriften in die Hände, und so erhielt 1er zum erstenmal Kenntnis davon, daß chic Bewegung in *las erstarrte jüdische Schrifttum gekommen war. Er machte Kicii nach dein Zentrum dieser neu hebräischen Literatur, nach!wo io sin (Ciouv. Wilna) auf und versenkte sich dort in Wie Atmosphäre des TalmiKkstiuiiuins, wie er sie im ״Haiiiathmid“ so meisterhaft geschildert hat. Da fesselten ihn nun die (ieniara und ihre scharfsinnigen Diskussionen, die in lebendigster. Geistigkeit gepflegt wurden. Aus dein Kreise der Talmudistik zog ihn die ««!hebräische Strömung, die 1״ Achad-Haam ihren Führer sah. Zu ihm ging er nach Odessa und in dem Gedichte "ל צפ1לי^" wurde von Aehad• Die innere Stagnation, <!;'f mangelnde r.ccü-'clie Schwung im Zioni ■1111!.; von heul־׳, ist auf die!:r.schöpfuiig <L s Erbes an 1 icr/Krhcn hi,,eil zurin!.Zufuhren. Heber Ilcr/l IT keiner, der i.rille im Ziimi'.imi111״.;׳ exponierter Stelle Sichenden I1in.m־;:ckommen. Möge ihr politisches und wlrle.chaftlkheu Werk noch so groll;;ein, mögen nie •unter Aufopferung von Leben und Gesundheit mit den Völkern vier Welt um die Sicherstellung unserer! leimslätie gerungen liaben, mögen sie darum midi Auerkeimuiig und Dank der jüdischen Gcsamtnation verdienen — daß sic in diesen kritischen Jahren geistig uns nicht den Weg weisen konnten, von uns Aktivität verlangten, wo ln unserer enl;1!1!c!cn, profanierten Seele trotz nllcr Betriebsamkeit eine entselzliche Leere uns ipiäHc, das ist iiirc historische Schuld, uml darum kommen wir trotz aller politischen und wirtschaftlichen Erfolge nicht weiter. Die Bewegung hat ihren eigenartigen Schwung verloren, weil ihr geistiges Kapital verbraucht ist. Sie kann es nur durch den engsten An• Schluß an den kulturellen Bau der jüdischen, religiösen Vcrgangcnlii it wieder erlangen. Damm isi Birnbaums bittere Kritik tun Hcidenjudcntnm noch inmier wahr wie vor Jahren. Nathan Birnbaum beabsfeniigt noch einmal zu den kulturell-religiösen Zeitfragen vor aller Öffentlichkeit Stellung zu nehmen, da er in der Redaktion der Wiener ui!politischen Monatsschrift ״Me• tiorah“ mit Anfang Juli an maßgebender Stelle mitarbeiten wiid. Ohne j«ditische Schärfe, mit der gütigen Weisheit des Rücksdiammdcu will er zur Inneren Sanmihmg und zur Orientierung am ühcrliefcrten religiösen Werk unseres Volkes aufmfen, Demi wir sind an der Wegschcklc angelaugt; Wir müssen endli.clt einmal von vier Assimilation an das Nicht• jüdische Abschied nehmen und geistig, kulturell dort an• netzen, wo unsere Väter am Bau der jüdischen Ucberliefcrutig .־uifgchört haben. Uns obliegt ein organisches Weiterbauen, nicht aber das Verneinen und Zerstören des Un« wissenden; umsomehr als unsorc Unflihlgkcit, losgelöst von der jüdischen Tradition ein unvermittelt Kulturncucs zu scliaffeii, skh doch sowohl in Palästina wie in der Galuth deutlich genug gezeigt hat. Mag Birnbaum uns politisch völlig entfremdet sein, geistig hat er uns noch übergenug׳ zu sagen. Naclibemcrlutng Wir haben diesem Bekenntnis eines Bewunderers von Nathan Binib.'ium einiges liinzuziifügeu, damit man diese Vcr• öffciitlLdiung nicht mißverstehe. Menschlich und als Juden haben wir gerne hier den wärmsteu Ton für einen so unermüdlichen und bewegten Geist und Menschen wie Nathan Birnbaum klingen lassen. Wir freuen uns seines rüstigen Alters und sind unter den Olnckwünschenden an seinem sechzigsten Geburtstag gewiß nicht die wenigst hcr/lieltcn; denn wo auch immer er heute stehe: sein Wirken hat bei uns und die zionistische Bewegung in ihm tiefe uml notwendige Spuren liintcrlasscu. Sachlich aber denken wir nicht wie der Verfasser des vorhergehenden Aufsatzes. Wir glauben nicht, daß er weift, was für eine Bewandtnis cs mit Theodor Herz! hat; cs fehlt ihm au Gläubigkeit dazu, an Frömmigkeit, am Sinn für das Wunder. Er weift nicht, daß Herzl in dem ganzen groß• artigen Sinn, der in unserer jüdischen Geschichte und Geistigkeit liegt, ein Werkzeug gewesen ist. Werkzeug wie Mosche, wie Josduta, wie die Propheten alle, und von der Not unserer Gegenwart genau so notwendig geprägt Und für seine .Mission zurecht gehämmert, wie jene frülicn Großen fiir ihre Zeit und ihre Aufgaben. Diesen Rang vermögen wir an Nathan Birnbaum nicht zu erkennen. Wir halten ihn für einen der Führer dieser Generation, •licht wie Dr. Weiß etwa für den einzigen. Acliad Ilaani und Buber haben tiefere Wirkung ausgeübt als er und eine viel breitere dazu; Klat/kiu bat den Jüngeren gewiß nicht weniger als Mathias Acher gegeben. Und wir würden cs tief beklagen, aber wir haben zum Glück wenig Grund dazu, wenn in der Tat das religiöse Werden iin Judentum sich in einen ״rückläufigen Prozeß“ vcrwandelte. Wir halten wenig von der Heimkehr zu den alten Formen und Anbetungen und wollen diese Gelegenheit nidit vorüber gehen lassen, cs einmal zu sagen. Wir überlassen diesen Weg in Gelassenheit denen, die Ihre ״innere Leere erkennen“ und nicht stark genug sind, diese Erkenntnis zu er* Haam und Rawnitzki zuerst sein junges Talent erkannt. Nach dem Tode seines Großvaters (1801) betätigte er sich im Holzhandel, der ihn von Scliitomir ans nach verschiedenen Gegenden Polens und der Ukraine führte; daneben gab er als Privatlchrcr Unterricht und war auch gelegentlicher Mitarbeiter des ״Hasehiloach“. Seine Freunde veranlaßten Hin nach einigen Jahren, wieder nach Odessa überzusicdeln. Dort schuf er 1903 nach dem Pogrom wm Kischincw die Dichtung ״בעיר die ihn bald populär machte. 11004 reiste er nach Palästina um! wurde als Volks!lichter gefeiert. 1005 übernahm er ntsamnten mit Klausner die Mcrausgabq der von Aehad- Haan! begründeten hebräischen Monatsschrift ״Haschi* loach“. Später )eitefc er zusammen mit Rawnitzki den Verlag ״Morinh“, der dem Druck und der Verbreitung nriilieliriiisclicr Werke diente. Bialik schuf in dieser Zeit eine ganze Reihe von Volksaktien!, Jugemlr.cliriften Und Gliiestimintieu und übertrug zusammen mit Rawnitzki die hagadisch-taliiiudischc Literatur ins Ncuhcbräischc. Während des Krieges;:ab er in Odessa eine Zeiisclnift ״K c ne 8 s et 11“ heraus, Nach dem Kriege verbrachte er einige Jahre in Deutschland und lebt jetzt in Palästina. Wie tu,•ui sicht, fehlt es diesem 50j;ihrige«: Leben an großen Ereignissen, an Jiberrasciienden Wendungen, Fast könnte man das alltäglich nennen, wenn nicht die Innerlichkeit all seiner Erlebnisse das Fehlen der äußeren Buntheit ersetzen würde. Goethes Wort: ״Wer das Dichten will verstehen, ,Muß in das Land der Dichtung gehen, Wer den Dichter will verstehen, Muß in Dichters Lande gehen,'‘ findet hier keine Bestätigung. Denn so arm da« Land seiner Dichtung und das Land des Dichters ist, so reich ist der Dichter und seine Dichtung an inneren Werten. So primitiv iiiid unbeholfen auch seine Worte sein mögen,, ln ihrer Wir• kung liegt etwas Heroisches, Machtvolles, ein prophetischer Tan, ein geheimnisvolles Rauschen, eine himmlische Stimme, בת־ק1ל tragen, sondern davor flüditen, und zwar In das, was schon die Geitenlionen Moses Mendel:■.(!lins mit ihren Wcltgc'ülilcn nicht vrieinen konnte. Damit bejahen wir nicht etwa die irreligiöse Vcrbramulicit des modernen ״freigeif.tigcn“ Durch. schnittsLnien, der weder von der Ext,lenz religiöser Werte noch von der ganzen Sphäre, in der der Glaulm und das GöUlkiie sirli abspielt, eine Ahnung zu haben fällig ist. Daß wir allen Glück wünschen, die sich ihre« Kindcrglanbcn ins Manne*- alter und weiterhin haben erhalten können, ebenso wie jeden*, der von innen äicr die Glut einer wahrhaften Religiosität in die alten Riten strömen lassen kann, und daß wir eine gcschlö'senc Gestalt des Jüdische!» in der tradiüonstrcuen L'orimmg des Lebens sehen, wird man uns glauben. Wer in alten Geleisen glaubt, Ist gegen jeden Zufall gesichert. Sein Haus kann niemand umwerfon; jeden Stein, den Menschen oder das Geschick dagegen schleudern, muß ihm zur Stärkung seiner Mauern dienen. Alter darum, um der übernommenen Sicherheit willen, einem ganzen Volke und seinem Weg unbekannter Form entgegen, die alte Form der Anbetung als Ideal anf/cigen, das kann nicht sein. Die ungeheure religiöse Entfremdung des Westjuden und die kommende uml im Werden begriffene des Ostjuden, muß ihren Sinn gehabt haben und kann nidit zum Irrtum gestempelt werden dadurch, daß man um jeden Preis in eine L'|xx־i1e vor iiir zu rück geht. Man kann religiöse Lebensstilen, denen einmal in ganzen breiten Votksteilcn die Innere Erfülltheit abhanden gekommen ist, einer Jugend dieser Volkslcile nicht mehr als Form um ihrer selbst willen als Wunschbild hinstelleii. Fs gibt kein religiöses l’art pour l'art (cs gibt auch kein dichtendes). Wer Tcfülin kgt, um sich jüdischer zu fühlen, wer mit dem Machsor an den Feier• tagen eine Judaislcrtuig an sich vornimtut, wer die Hawdobh als reine l'ormel jüdischer Zugehörigkeit an« Ende eines künstlich konstruierten Sabbats stellt, der degradiert diese geistigen Ding«, die I luudcrttausemJeii noch heute erhaben sind und einem ganzen Volke einmal erhaben waren, zu einer nationalistischen Demonstration pro domo, ohne mehr davon zu haben als das Gefühl persönlicher Sicherheit. Damals, in jener endgültig »!)gelaufenen Epoche waren diese Forme« jedoch Gefäße eines lebendigen Glaubens: man schützte sich gegen Blitzschlag durch Gebete und nicht durch Blitzableiter, sicherte sieh und die Seinen gegen Schicksahssclihige durch Wohltim an dm Armen und einen redlichen Wandel und nidit legte man Versicherungspolicen in seinen Schreibtisch. Man bedurite all der kleinen bösen Tricks nicht, mittels derer eine neue Orthodoxie heute den Sabbath mit dem modernen Leben zu vereinen hofft, und wenn man den Schöpfungsbericht des Buches Bcrcschith las, so glaubte man Um wörtlich und andächtig und entbrannte gegen jeden, der ihn mit der Lehre weltlich-heidnischer Wissenschaft vereinen wollte. Die merkwürdige Liaison zwischen jüdischer Orthodoxie und poti• tischcin Liberalismus lag damals dem Juden mcilcnfcm. Eine aufgeklärte Umwelt des Nichtjudentums und eingebettet in «ic ein konservatives Judentum, das wäre den Zeitgenossen rcligiöser Epochen völlig unverständlich gewesen. Darum wenden wir uns bei dieser Gelegenheit ausdrücklich gegen den Versuch modern erzogener junger Juden, das Gefühl der Unsicherheit und Richtungslosigkcit den geistigen Fundamenten des Lebens gegenüber so schnell als möglich loszuwerden, um sich mit der verführerischen Macht der Kirche — und die Aguda-Orthodoxic ist eine Kirche, nur ohne die bezaubernde« und tiefen Embleme der katholischen — gegen dieses HinausgcstcUtscin ins Unbekannte zu wappnen. Wer vorne steht, muß tapfer sein, und wer vorn hiiigcstellt ist ohne Tapferkeit, der entschließt sich leicht zu ״nick• läufigen Bewegungen". Aber auch dagegen ist gar nichts zu sagen; mau muß nicht tapfer sein, und geistige Tapferkeit einer schweren, rätselhaften und gefährlichen Situation gegen• über, die das Unbekannte in sich birgt, ist eine ebenso seltene Begabung wie jede andere. Nur darf man aus dem Rücktritt zum traditionellen Judentum, der ein Phänomen der Schwäche ist, nicht das Auswahlprinzip einer Elite machen. Und da wir wissen, daß das und nichts weniger heute im Werke ist, legen wir hiermit nachdrücklich tmd aus Herzensgründe Protest dagegen ein. Die heut junge Generation hat wenig Blicke in sielt hinab, selten Psychologie und dafür den ״Glauben“. Uns andere« aber werden Auscrwählte immer verdächtig sein, die sich selbst dazu ernennen. Ocfüht der Leere? Aber wer es hat, der ertrage es! Er nehme es ganz an sich, er häufe es in sich an — BLaük gehört ein eigener Stil, der zwar nicht die hebritische Sprache tim ganz neue Wortbildungen bereichert, jedoch zweifellos durch Wortverbindungen eine Fülle neuer AusdrocksmftgUdikcitc« erschlossen hat. Die Leistung von Mcndclc Mo eher Sefarlm auf dem Gebiete der Prosa hat in der Poesie Bialik vollbracht; er hat durch das lebendige Gefühl die toten Worte des alten Hebräisch zu neuem Leben erweckt und mit neuen Worten zu einer or• gallische« Einheit verbunden. Es würde uns kaum gelingen, ein Bialiksches Gedicht zu zergliedern, wie wir etwa die Gertankenlyrik Schillers aiialysieren können. Man hat seinen Grundton mystisch, phan• tastisch genannt und aus seinem Leben Stützpunkte für diese Auffassung zu gewinnen versucht. Alle solche Versuche bleiben irgendwie am Acußerlichcn haften. Wir geben El ja sch ew (Bai Machschowes) recht, wenn er die 11 a u p t c i n f 1 üsse einmal (wie schon andere vor ihm) in den Werken des Achad-Haam, dann aber vor allein in der Berührung mit dem ta I mud 1 scheu S ch ri f t tum erblickt. Wie aber diese Eindrücke in Bialiks Diehtcrsccle Gestalt gewonnen haben, das 6cl1cint uns von der bisherigen Bialik-Litcratur nicht recht erfaßt worden zu sein. Es kann sich nicht darum handeln, irgendwelchen einzelnen Beeinflussungen nachzuspüren und ihr Fortwirken aufnizeigen; denn der Dichter formt von einer höheren Warte aus alle seelischen Eindrücke zu einen» neuen individuellen Bild. Er sammelt gleichsam alle Lichtstrahlen, die (lut treffen, in einer Linse und gibt sie als neues Bild, als sein Bild wieder. Der Schlüssel zur Erkenntnis Bialiks und seine Einstellung zu den Gegebenheiten, die er vorfand, scheint uns in folgendem zu liegen: Im Talmud sah er eine ungeheure Kraft des Judentums, aber eine schlummernde Kraft, die ungenutzt blieb und brachlag. 1ניצר ארד־?1לא קל“^ח 3,עד4 ל{צח• *ütpn - ףזצר ״Er hat Im Talmud die Gefühle der Seele gefesselt, Für Immer sie drin versperrt.“ (Ucbertragung von Ernst Aiülicr,).

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