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Jüdische Rundschau · 1924-05-06 · Heft 36 (6.5.1924) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 36 (6.5.1924)
Date
1924-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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J / r\ ך~ 4.-' r ר Jt,, 1־1 r״־r ר. »BsnBsnT?׳. Telephon! Bismarck 7165—70. Postsckeckkoato: BerlinNr. 17392. Für Oesterreich: Postsp*rk*ssen*mt Wien. Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei! I'oslsparkassenamt Prag, Kosto Nr.59410. — Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachnsitttf. — ^BSZSSlZ? תרס״ד אייס Trssxrmvmesx Schaffung einer öffanlileh rechtlich gesichertem IlcImstCtl# ln ן נ׳ trrr״x»*5rc־aE»; £. Pallstlna. ■zsimaa X. Jahr; :xoaa ״Ff ■z-iszna; •יי Saaotar Proßramn.11 Unsere Stellung zu den Nichfziomsten Von Gerhard Hold he im. Die Frage der Gestaltung unserer Beziehungen zu den Nichtzionisten und ihrer verantwortlichen Bcteili* gütig am Aufbau Palästinas hat in der Aufrollung des Agency-Probleins nicht nur den letzten Kongreß heherrscht,, sondern bildet auch jetzt noch den Gegenstand lebhaftester Diskussion und prinzipieller Differenzen innerhalb der zionistischen Bewegung. Liest man die Aeufleningen der Oppositionspolitiker, so fragt man sich, ob da, wo politische Leidenschaft prävalicrt, die radikale Geste zur Schau getragen wird und (leider) mehr oder weniger bewußt persönliche Animosität gegen Wcizmann mitschwingt — ob cs da überhaupt noch einen Sinn hat, mit den Waffen der Erkenntnis und der praktischen Erfahrung zu streiten. Wenn liier im folgenden der Vcrsucii einer Klärung unternommen wird, so ge- Schicht dies weniger, um den Gegner zu überzeugen, als um tms, die wir schließlich ja auch jahrzehntelang den harten Kampf gegen das nichtzionistische Judentum gcführt haben, zu beweisen, daß die von Wcizmanu inauguriertc und von der deutschen Landsmannschaft unterstützte Politik nicht nur sachlich notwendig ist, sondern auch in keiner Weise einen ״Umfall“ bedeutet und etwa gar geeignet wäre, die reine Idee der zionistischen Eracucrung zu verfälschen. Die Frage, ob Artikel 4 des Palästinamandats es der Zionistischen Organisation geradezu zur Pflicht macht, die Mitarbeit auch der nichtz.ionistischcn Juden für die Jcwisli Agency zu stielten, soll hier nicht erörtert werden. Tatsache ist, daß ohne die gemeinsame Anstrcngung des Gesamtjudentums Palästina nicht nufgebaut werden kann. Die Erfahrungen der letzten Jahre mit ihren unaufhörlichen Sorgen um die Deckung selbst des kleinen Budgets und der darauf zurückzufülircndeu permanentcn Krise in Palästina haben es deutlich genug gezeigt, daß die Kräfte' der Zionistischen Organisation für die Kolonisierung Palästinas auch dann nicht geuügen, wenn sic ihre Anstrengungen vervielfacht und den Opfenvillen ihrer Mitglieder aufs AeuBerste anspannt. Die konkrete Leistung, vor die der Zionisnu!s gestellt ist, und auf die er in keiner Weise vorbereitet war, erfordert eben mehr als gute Gesinnung und besten Willen, und es ist keine Schande, wenn mau erkennen muß, daß die Energiequellen eines Teils des jüdischen Volkes nicht ausreichen, um das beispiellose Werk des Aufbaus allein zu vollbringen. Nun steht fest, daß maßgebende und einflußreiche Kreise des bisher abseits stehenden Judentums (über ihre jüdische Bcschaffcnhcit und die Motive ihres Wollcns wird später zu sprechen sein) bereit sind, gemeinsam mit uns die Vornnhvorlung für die Finanzierung und Kolonisierung zu übernehmen. Was noch vor einigen Jahren schlechthin undenkbar schien, daß frühere und oft hartnäckigste Gegner uns Mitarbeit und Bündnis anbictcn und das Wo.־t Palästina in weitesten Kreisen des Judentums bc• rcitwilligstcs Echo findet, ist Wirklidikeit geworden. Und da kommen ־— in einer Zeit äußerster Bedrängnis •- Menschen aus den eigenen Reihen und suchen das groß• zügige Werk der jüdischen Verständigung zu durch• kreuzen. Sic treten auf 1111 Namen /des unverfälschten Zionismus und fühlen sich als Hüter und Vorkämpfer der nationalen Idee und zwar Männern gegenüber, die immerhin bisher in ihrem Wirken nie einen Zweifel darüber gelassen haben, daß sie in jeder Hinsicht iegitimiert sind, Wortführer des Zionismus zu sein. Sic sagen, es sei ein Risiko, mit Leuten verantwortlich zusanimenzuarbeiten, die unseren Gedankengängen bisher fern gestanden hätten, und ihre jüdische Bewährung in keiner Weise attestieren könnten. Ich glaube nicht, daß von dieser Seite unserer Sache eine ernstliche Gefahr droht, und werde später meine Meinung zu belegen suchen. Aber selbst wenn dem wirklich so wäre, ist cs die Pflicht des verantwortungsvollen Politikers, die Risiken gegeneinander abzuwiigen 11!1d auf jeden Fall den Weg der größeren, ja sicheren Gefahr zu vermeiden. Ohne neuen und bedeutenden Zuwachs an Mensehen und Mitteln ist unser Werk in absehbarer Zeit nicht 711 verwirklichen. Soll immer wieder das Selbstversländliehe gesagt werden, daß die Mächte, die uns die poli* tische Möglichkeit zur Besiedlung Palästinas gegeben haben, Fortschritte unserer Arbeit sehen wollen, und daß im politischen Leben die clausula rebtis sic stantifaus gilt? Als England die Baifour-Deklaration erließ, geschah es unter der Voraussetzung, daß die Juden der Weit fähig und willens «eien, den Aufbau durchzuführen •־־• sicherlich nicht in einer limitierten Anzahl von Jahren, aber immerhin in absehbarer Zeit und mit ständig wachsendem Erfolge. Mag sein, daß die Agencypolitik neue und ungewohnte Wege cinschlägt; wer jedem Risiko ausweicht, ist Ideologe und kein Poli• tiker. Aber kann jemand ernsthaft bestreiten, daß ein Weiterlrotten auf dem früheren Wege die ungleich größere Gefahr in sich birgt־, nämlich die des Zusammenbrnchs der Aktion und damit die Diskreditierung der zionistischen Idee? Zu Herzls und Wolffsohns Zeiten konnte und durfte man ״warten“, denn es gab dam ah keine Baifour-Deklaration und kein Pnlüstinamandat; Uganda konnte und durfte man »blclmcn, denn lucr gmg es in der Tat um den Kern des Zionismus, und eine Ablehnung de» englischen Angebots konnte nach menschlichem Ermessen keinen irreparablen politischen Schaden bringen. Heute ist ״Warten“ gleichbedeutend mit Aufgabe der Aktion, d. 11. mit nationalem Selbst״ mord, und wer in der Stunde der Gefahr ideologische! Betrachtungen anstcllt und das Notwendige, das einzig Notwendige bekämpfen zu müssen glaubt, soll sich nicht, einbildcn, im Namen des Zionismus zu reden, der nie• mnls allein Bekenntnis war, sondern seinem ganzen Wesen nach zur Verwirklichung drängt. * Nun aber kommt das Wesentliche. Ich behaupte nämlich — und es stellt mir immerhin einige Erfahrung zur Verfügung —, daß eine Zusammenarbeit mit «len Nicht/bnislcii auf der Grundlage gemeinsamer Vcrantwortung nicht im mindesten die Verwässerung der zionistisclicn Idee zur notwendigen Folge hat. lX׳m Unbefangenen drängt sieh die Frage auf: Wer sind denn eigentlich die hier so oft zitierten Nichtzionisten? Was kennzeichnet sic außer der Negative, daß sie der Zionistisclicn Organisation nicht angeboren? Haben sic bei ihrem Angebot der Mithilfe am Pnkistmaaiifbm! etwa geheime Nebenabsichten, die dem nationalen Werk gefährlich werden könnten, oder stellen sie sogar ganz offen Bedingungen in bezug auf den Aufbau, die eine irgendwie erhebliche prinzipielle Divergenz erkennen ließen? Das alles sind etwa Fragen, die ein Unbetangencr stellen könnte, der die ״Sünden“ der Nicht/ionisten nicht kennt und nichts daran weiß, in welch feindlicher Haltung sich jahrzehntelang die Parteien bcgcgnclon. Wir aber wollen uns bemühen, die Dinge vorurteilslos, d. h. so zu sehen, wie sie sich uns heute darstcllcn, die eben gestellten Fragen sachlich und ehrlich zu beantworten und möglichst die Vergangenheit zu vergessen. Bevor wir jedoch das letztere tun, ist cs notwendig, einen kurzen historischen Rückblick zu halten und uns zu fragen, warum denn wohl früher wir und die anderen nur im Lärm des Kampfes uns begegnen konnten, und warum beute auf beiden Seiten Friede und Bündnis verlangt und auch zu verwirklichen gesucht wird. Der Kampf, der bis vor einigen Jahren die Zio• nisten und ihre Gegner in Atem hielt, war — von höherer Warte gesehen, — eine historische Notwendigkeit. Fine Bewegung, deren Programm die Negierung der jüdischen Gegenwart ist, die sich vermaß, das geheiligte Gut der bürgerlichen Emanzipation als völlig ungenügend zu deklarieren und die Jugend in Ideen aufzuzichcn, die in schreienden! Gegensatz standen zu der liberalen Ideologie der Vätergeneration — eine solche Bewegung mußte dem Flaß verfallen, und der erklärten Todfeind- Schaft folgte der Kampf. Je hitziger sich die einen gebärdeten, 11m so nngriffslustigcr und extremer zeigte sieh die Gegenpartei. Politische Leidenschaft auf beiden Seiten verhinderte oft die sachliche Diskussion und gab der. Auseinandersetzung das Gepräge des gegenseitigen Gezänks. Kein Zweifel, daß die Zionisten ebensoviel sündigten wie die andern. Aber bei allem nachtriigliehen Bedauern über die Mittel des Kampfes sind wir noch heute davon durchdrungen, daß schärfste Abgrcnzung damals geboten war, und daß die Politik des Kompromisscs dein Geiste der Bewegung den Todesstoß versetzt hätte. Diesem Radikalismus ist cs zu danken, daß die kleine G nippe der Zionisten trotz ihrer politischen Mißerfolge und ihrer lächerlich kleinen Mittel eine geistige Macht im Judentum wurde, die nicht nur Anerkennung sich ertrotzte, sondern auch die anderen zwang, sich mit ihrer Ideologie atir.clnamlemisetze.11. Diesem Radikalismus vordanken wir unsere Jugend, die in Scharen und meist unter großen Schwierigkeiten nach Palästina geht, um dort den Vortrupp des großen jüdischen Arbeitsheeres zu bilden. Und dieser nämliche Radikalismus ermöglicht uns heute das Bündnis mit den Nichtzionisten. * Diese Nichtzionisten nämlich, deren Bündnis wir jetzt erstreben, haben unter dem Druck der Entwicklung eine große Wandlung erlebt. Nicht alle, aber ein großer und einflußreicher Teil. Und diese Wandlung ist nicht auf die Witterung eines Konjunkttiruinsclilagcs zurückzuführen und demnach als ein taktisches Manöver zu werten (das allerdings für uns sehr gefährlich wäre), sondern sie stellt sich dar als eine wirkliche Veränderung! der Gnindcinstclliing. Die eine Ursache dieser cinschnei• dendcu Veränderung im jüdischen Leben ist das Faktum Palästina. Der Aufbau Palästinas ist in den Augen jener Männer nicht mehr das Wunschbild sonderbarer Schwär• Hier, sondern er ist zu einer sehr realen und — wie sie erkennen — ungeheuer ernsten und notwendigen Sach* geworden. Ls ist interessant zu beobachten, wie insbesondere zwei Argumente in den Acußcningen füh* render Nichtzionisten «ovzohl Amerikas als auch Deutsch» lands immer wiederkehren. S e begreifen, daß Palästina! auf jeden Fall aufgebaut Wird, ob mit ihnen oder ohne sic, und ihr Gefühl engt ihnen, daß sic nicht abseits stehen und das Werk durch ihre Indolenz gefährden dürfen. ״Wenn“ — so heißt cs in der Rede des Richters! Stern in der Marshall-Vrrsarnmlung vom 17. Februar ■—4 ״wenn wir zu dem Schluß kommen, daß Palästina für diejenigen, die hingehen wollen, und zur Ehre des jüdischen Namens aufgebaut werden soll und muß, dann müssen wir dies ordentlich tu n.“ Und in der• selben Rede ist zu lesen: ״Die Welt hat den Juden eine Chance gegeben, und sie wird das Ergebnis da» nach beurteilen, was die Juden mit dieser Chance tun. Und wir dürfen nicht versagen, denn dann würde die Welt dem Juden sagen: Was wir immer gesagt haben ist wahr, ihr seid keine aufbaucncle Kraft, ihr habt weder das Blut noch die Seele von Pionieren, ihr seid nur kleine Geschäftsleute und Händler, ihr seid die Parasiten, die ran fremden Kulturen leben, aber ihr könnt nichts aus eigener Kraft von Grund auibaucn.“ Derartige Zitate ließen sich beliebig vermehren. Wir. sehen deutlich, wie das Verständnis dafür wächst, daß cs sich beim Palästinaaufbau um eine gemeinsame jüdische Sache bandelt, und, wie cs auch kommen!nag, die nichtjüdischc Welt für den Ausgang des Unternehmens das Judentum als Gesamtheit verantwortlich machen wird. Und man beginnt immer starker die Richtigkeit unserer These zu begreifen, daß allein die schöpferische jüdische Leistung berufen ist, den Anti•• s e m i t i s m 11 s zu überwinden. Aber nicht nur auf der Erkenntnis der Notwendigkeit beruht die Bereit- Willigkeit zur Mitarbeit. Immer wieder zeigt sich bei der Keren Hajessod-Arbcif, wie Menschen, die uns bisher ganz fern standen und oft erklärte Gegner unserer Sache waren, fortgerissen werden von dern Tatwillen, der in der zionistischen Bewegung lebt. Der Keren Hajessod in Deutschland verdankt seine Erfolge dem Rad?- kalismus, mit dem seine Unterhändler die Steucrpllicht vertreten. Man glaubt gar nicht, wieviel Terrain wir dadurch gewonnen haben, daß die andern sahen, weiche Summen wir ans eigener Kraft aufbrachten und mit welchem Ernst wir die für kaum durchführbar gehaltene Maaßcrforderung durchzuführen suchten. Hier nämlich zeigte es sich zum ersten Male, daß nicht die radikale Phrase herrschte, sondern daß wir auch da Opfer zu bringen bereit waren, wo der Mensch sich am empfind- Heilsten zeigt. Und dann und rar allem die Clialiiziuth! Dieser stürmende Drang nach Produktivicrung und Gcsunduug des jüdischen Lebens, dieses Streben nach persönlicher Verwirklichung, das Phänomen', daß Mensehen ein Leben der Unsicherheit, der Entbehrungen, der Fieberkrankheiten eintauschen gegep gesicherte Möglichkcitcn hierzulande — es ergreift die verstocktesten Gemüter und bewirkt ihre Innere Umstellung. . * Diese Männer, die nicht nur durch die Bemühiin* gen unserer Mitarbeiter, sondern durch die Kraft der Tatsachen gewonnen wurden und nun ihrerseits die Forderungen des Keren Hajessod anderen gegenüber erheben, sei es, daß sie an leitender Stelle des Keren Hajessod Tätig sind, sei cs, daß sie als Neugewonnene! in ihren Wohnungen Gescllschaftsabcndc arrangieren, um ihre Bekannten für Palästina zu interessieren h diese Männer, die wir in gemeinsamer Arbeit kennen( und schätzen gelernt haben, eine! durchaus würdig, gleichberechtigt mit tms für den Aufbau zu wirken. Sie ver* dienen kein Mißtrauen, obwohl sic «ich weiter Nicht- 7kmisteu neunen. Es Ist spaßig zu schon, mit welch gckünstelten Konstruktionen oft zu begründen gesucht wird, warum inan trotz alledem der Zionistischen Organisation nicht angeboren könne. Wir aber könnten uns mir freuen, wenn wir recht' viele Menschen dieser Art in unseren Reihen hätten. Was Deutschland betrifft, so kennen wir diese Dinge aus eigener Erfahrung. Aber auch in Amerika; scheint cs, wie die Protokolle der Marshallkonlerenz zeigen, ähnlich zu liegen. Gleichviel, ob die Juden alsl Volk, Stamm oder Glaubensgemeinschaft apostrophiert werden, ob Differenzen in der Auffassung des Galuth« Problems! voriiegen, das eine ist sicher! In bezug auf

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