Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jammer 20 Beilage der Jüdischen Rmidscliau Berlin, 4. IV. 1924 SCHLOIMALE Erzaklung von JVlendaleJvloiclier Sfurim Autorisierte Ueber«etz11ng aus «3cm Jiddischen von Salomo Birnbaum (!•fyrilM 1914 by K11I1M *arV•*». m! J*4U«b«r YarUf• Darlis ZWEITES BUCH ERSTES KAPITEL ÄUF der Ebene. an die neun, zehnWerst von Ärmleuten, .. siebt man schon von weitem eine lächerlich kleine Sied- IvinjJ. Kommt man hm, so erkennt man sofort, dal? das ein jüdisches Stadtlein ist. Ein Wal irzeichen dessen sind der Marktplatz mit den Läden, der Schicbl-Platz, wo sich ein Schiehlchen und ein kleines Beßmeddresch befinden, das Bad und die Mik we — drei Dinge, ohne die das Leben unmöglich ist — so wie die Fische nicht ohne Wasser leben können — sobald nur zehn Juden beisammen sind und beieinander wohnen. T-z heißt das Städtlein. Hier gab es bloß ein paar Dutzend Juden. Zu diesen mehreren Dutzend kam mit Sommerbeginn noch eine Seele dazu — ein fremder Knabe, der den ganzen Tag im Beßmeddrescb saß und lernte. War T-z denn eine Stätte der Thora? Gab es hier denn eine Jeschiwe? Nein und noch einmal nein! Die Juden, die es dort gab, brauchten Erwerb. Kaum war das Gebet beendet, so wurde das Beßmeddresch leer. Der Schiehl-Plotz war öde, keines Menschen Fuß zu sehen, als wenn er ausgestorben wäre. Die Leute liefen gleich auseinander, der eine heim, der andere auf den Markt, jeder an sein Geschäft. Nicht um der Lehre willen war der Knabe aus der Fremde hierher gekommen — er war bloß um des Essens willen gekommen, um bei jedem Bürger' des Städtleins an einem bestimmten Tage der Woche zu essen. Nicht aus freien Stucken war er hierhergekoir.men, sondern die Not hatte ihn getrieben. Seine Mutter Szure. eine Witwe mit kleinen Kindern — ohne irgendwelche Mittel zum Leben, hatte »ich überwunden und ihr liebstes Kind, das älteste unter den kleinen Kindern, in dieses Stadtlein geschickt, da sie auf die Freundlichkeit einiger Bekannter zählte. Schloimäle hieß der Knabe, ein Sohn Rebb Chajems — so weit war es mit ihm gekommen! Die erste Zeit nach dem Tode Rebb Chajems war, wie es bei Juden Brauch ist, die Zeit des Tröstens. Trostspendcn ist ja eine Mizwe und kosten tut sie keinen Pfennig — wer wird sie da nicht erfüllen wollen? In jedermanns Munde springt ein Quell de» Trostes auf. Leute, die sonst keine großen Redner sind, werden beredt. Man verweist auf den Herrgott, versichert, daß man sich auf ihn verlassen könne, .sein sei das Gold und »ein das Silber, ach ja, er sei vertrauenswürdig . . . Jedermann weiß, daß diese Trostworte bloß hohles Gerede sind und den gleichen Bestand haben wie süße Schmeicheleien; trotzdem wirken sie mehr oder weniger, man läßt sich's einreden. Wie weicher Honigteig für ein Geschwür, so waren die Trostworte dem wunden Herzen Szure». Die ,Wunde brach auf und alles, was eich dort angesammelt hatte, was dort lange geschmerzt und gebohrt hatte, das strömte in blutheißen Tränen aus ihren Augen hervor. Bittere Seufzer drangen aus dem Herzen der Witwe und ein Schimmer von Glauben und von Hoffnung stahl »ich hinein. Trost, der Trauernden gespendet wird, iit färbenschimmerndes Gewolke des dahinsterbenden Tage», das nur kurze Weile bleibt. Bald bricht die Nacht herein und stockfinster wird es in der Runde. Szure fühlte bald den bitteren Geschmack der Einsamkeit, des Elends, der Not, welch Unglück es war, eine verlassene, elende Witwe zu sein, welch unseliges Geschick die Kinder getroffen .hatte, daß sie vernachlässigte Vfaisen geworden waren. Und der Schimmer der Hoffnung erlosch in ihr. Wie eine finstere Wolke lag die Waisenschaft auf Schloimale, auf ihm und vollständig m ihm. Der Vater war ihm gestorben und damit die ganze' Welt. Die ganze Natur, mit Erde und Himmel, Feldern, und Wäldern, mit Sonne, Mond und Sternen, war für ihn tot. Nichts sprach zu seinem Herzen, nichts lache lte, nichts machte froh, nichts lockte die Sehnsucht, nichts zog die Gefühle an, alles war anders, war wie ein Körper ohne Seele geworden. Schloimale »aß einsam den ganzen Tag im leeren Beßmeddresch und wiegte sich mit leiser, schwermütiger Melodie über dem Talmudbande. Wenn er dessen überdrüssig wurde, saß er erstarrt auf der Bank und stierte bewegungslos. Oder *r ging auf den Hof hinaus, wo niemand außer ihm war, *tand gähnend da, stierte »tarr in einer Richtung, ohne zu ■wissen, was und wo er war. Eine kecke, zudringliche Fliege kam summend herbei und setzte »ich ihm auf die Nasenspitze — aber was störte ihn das! Ein Gänserich erschien »1t seiner ganzen kleinen Bande auf dem Schiehl-Hof. •treckte gleich heim Eintritt seinen Hals aus, gurgelte »einen Lohpreisungsgruß in Gänse-Sprache und -Melodie — aber was ging ihn das an. Rinder und Ziegen kamen schon vom Felde gelaufen und wirbelten Staubsäulen auf, die Stimme des Stieres scholl von dem einen Ende des Städtleins his ans andere, auch der Gemeindebock lief in sein Heim. in I die Frauen-Scbicbl — aber Schloimale rübrte sieb nicht 1 Er stand und stand so lange, bis der Scbamme» kam, Vfasser ins UanJfaß goß, das ausgetrocknete Handtuch, das einzige für alle Leute, aufhangte und ihn am Ärmel ziehend erinnerte, daß die Leute bald zu Minclie kommen würden. Beten — das war ein heller Strahl, der durch die Wolken der Schwermut drang und m »einer dunklen, ver— Wanten Seele aufleuchtete. In T-z schöpfte er keine Thora, dafür kam er aber dort auf den Geschmack de» Beten» .... Es war ein chassidische* Beten. In T-z sah er zum ersten Male Chassidim, von denen in Armleuten keine Spur vorhanden war und über welche dort allerlei Gerede umging, häßliche Geschichten verbissener Gegner als über sündige Juden absonderliche Wesen, sinnlosen Sitten und seltsamen Gebeten. Und als er zu ihnen kam, da sali er, daß sie auch Juden waren. Noch mehr, ihr Gehet in Entflammung und Freude entzündete auch seinen Geist und zog sein Herz nach ihnen. Das Gehet war ihm bis jetzt nur Lippendienst gewesen, jetzt wurde es zum Dienst de» Herzen». In »einer Vater- »tadt beschäftigte man eich mit der Thora, den Geboten und dem Gebete nur darum, weil es so geschrieben stand und man »eine Pflicht genau zu erfüllen hatte, so wie ein redlicher Schuldner, der seinen W echscl pünktlich einlöst. Dort war Gott ein zürnender Eiferer gewesen, der sich heim mindesten Anlaß verletzt fühlte und strafte. Hier hei den Chassidim aber diente man ihm in Liehe, Entflammung und Hingabe. Dort stammten die Seelen der Gottcafürchtigcn von dem Eise über den Ezechiellachen Tieren, hier aber kamen die Seelen der Frommen aus der Lobe unter dem Throne Gotte». Die Söhne de* Eises haben beim Dienste ein trauriges und trübes Antlitz, aber den Söhnen der Flamme ist Trauer die schwerste Sunde. Die Hauptsache heim Dienste Gottes ist für sie Freude. .Israel erfreue sich seine* Schöpfer»,‘ entzücke *ich an seiner gewaltigen Göttlichkeit, und fühle zu jed er Weile und jeder Stunde da» Glück, einen 10 guten, barmherzigen Vater und Wcltenherrn zu besitzen. ,,Während de» Gebetes darf man keinerlei Sorge haben, ja nicht einmal die Sorge um die Sünden, die man begangen hat.‘ So sagt der heilige Rabbi Jixchok Luria. Im chas.udiachen Bethause lernte Schloimale sein Gehet zu einem Flehen um Barmherzigkeit und zu einer Ergießung seiner Seele zu machen. Besonders wurde er von dem Hymnus ergriffen, der voll verzehrender Sehnsucht und Liebe zu Gott 19t und den sie vor dem Beten sprachen: Freund meiner Seele, barmherziger Vater meinl Zieh mich, auf daß ich tu den Willen Dein! Laß eilends wie den Hirsch mich zu Dir ziehn» Um an der Stätte Deiner Pracht zu knien. Es sei mir süßer Deine Liebesglut Al» jeder Honigseim und köstl ich Gut. O Schöpfer Du und Quell der Weltenpracht! Die kranke Seele lechzt voll Liebesmacht. Mein Herr, o heil sie ganz, , Zeig' Gnade ihr und Glanz! Mein süßer Gott, laß Deine Huld »fe heilen Dann wird eie stark in ewiger Freude weilen. Barmherziger, laß Dein Erbarmen lind Hermcdertraufeln auf Dein teure» Kindl Wie lange lecliz' ich schon nach Deiner Pracht, Wie lange sebmaebt* ich schon nach Deiner Macht! Das ist'», was ich im tiefsten Herz begehr* 1 Erbarme Dieb, verbirg Dich mir nicht mehr! Enthülle Dich, o trauter Herr der ,Welt, Und hüll' in Frieden mich wie in ein Zelt. Erstrahlen Deiner Ehra wird die Erde weit, Wir werden jubeln Deiner Herrlichkeit. Begnade uns, so wie cs einst geschah. Schick Deine Liebe schnell! Die Zeit ist da! Aber Schloimale» Seele lag in so tiefer Schwermut, daß das Gebet, dieser belle Glanz nur für eine Weile in ihr erstrahlte. Den übrigen Tag lang »aß Schloimale niedergedrückt und verschlafen wie ein Lebmkloß da. Es gab aber Zeiten, da Schloimale» Herz wach war. Siedcndbciß rann es 111m über den Leib und sein Gesicht brannte. Eine fette, rote Wange und ein geschlossenes, blindes Auge schien vor ihm in der Luft zu schweben. Die Wa nge und das Auge gehörte der Tochter des Mannes. bei dem er sein Nachtlager batte — einem dicken, drallen, festen, breitknochigen Mädel. Schloimale batte das Mädchen überhaupt nicht beachtet. Wa» ging es ihn an, daß sie auf einem Auge blind war? Zum Unglück aber erfuhr er einmal, daß man sie zu seiner Braut machen wollte — und das brachte ihm viel Herzeleid. Von da an erschien ihm manchmal ihre Gestalt und er war vor Kränkung ganz außer »ich! Hatte, er denn nicht Leide» genug, daß ihn auch noch diese Not traf? Und dann kam ihn Fradel fn den Sinn, die schöne, die liebe. Das Bild des blinden Frauenzimmers und die süße Gestalt Fradel» schwebten vor »einen Augen — da lohte seine Leidenschaft auf und das Blut schoß ihm in» Gesiebt. Manchmal befiel Sobloimale eine Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Städtlein, nach allem, was in ====zs==r==========.^^ jenen guten Jahren geschehen war und was er gesehen hatte. Er saß allem an seinem Talmud, fern den Menschen und der Weit — seine ,Welt war in seiner Seele, er war voll Sehnsucht und Traumen. Da» ganze Städtlein Armleuten, seine Mauser, seine Menschen, seine ganze Umgebung stiegen wie Leichen aus dem Grabe und kamen nacheinander in seine Träume. Da war der Jahrmarkt. Da war die Schmiede mit ihrem Blasen und Fauchen und ihren Feuersaulcn, da war sein lieber Asek mit seinem ledernen Schurz bei der Arbeit oder in seinem Schabbes-Gewand, wie er den Leuten vorpbdosopbierte. Da war l lcrzel der Tischler, mit »einer Geige und seinem Bilde .Rabbi J 013ae\ Da war »ein Freund Ben-Ziecn, Ilerzel» Sohn. Da war ein Durcheinander von Bekannten, Geflügel, Rindvieh, die Truthenne, und mittendarein die Gluckhenne mit ihren Küchlein. Da waren Korn- und Weizenalircn, die miteinander flüsterten, ihre Köpfl ein beugten und ihm süße Fclddufte zutrugen. Da war in seinem Stolze der alte, bejahrte Wald mit dem Chor seiner Singvogel, der ihn mit roten und schwarzen Beeren bewirtete. Auch die Sonne, die hohe Fürstin, winkte ihm herzlich vom blauen Himmel hernieder, flößte ihm Verlangen und Sehnsucht nach den schönen Bergen und Tälern ein. Und wenn ihn die Sehnsucht so ergriff, dann fuhr er mit einem Male auf, lief erregt aus dem Beßmeddresch und machte eich eilends auf den Weg nach seiner Heimat. Aber mitten auf dem Vf ege fiel ihm da» Elend ein, das cs zuhause gab. Die arme Mutter darbte und arbeitete über ihre Kraft hinaus, um nur irgendwie da» trockene Brot herauszuschlagen. Die armen Kinder litten und hungerten, wurden mager und hager. Die Wirklichkeit besiegte die Phantasie und nahm ihm den Mut. Er blich plötzlich stehen, die Tränen strömten aus seinen Augen und er kehrte langsam und gesenkten Kopfes ins Beßmeddresch zurück. Aber einst zur Slicches-Zeit war seine Sehnsucht ungeheuerlich und seine Phantasie blich Sieger. Die Vergangenbeit erschien ihm, die Feiertage, da» ganze Treiben, das es da zuhause gab. Er sab die Zeit der Ungeheuern Tage, die Dorfleute, die in die Stadt gefahren kamen, den ganzen Tumult, der jetzt herrschte. Er sab Szikkes, da» fröhliche Fest, das Bauen der Laubbutte und da» Sitzen in ihr; auch die Nächte de» Waaserschöpffestc», da Groß und Klein nach jedem Psalme »ang und tanzte. Und dann die Umzöge mit den Toire» und mit den Fahnen, um den Balemraer herum. Jeder bekam eine Lide und Honigkuchen — das war Szimches-Toire. Als er sich das alle» vorstellte, erfaßte ־ ihn so heftiges Verlangen wie noch nie und in *einer starken Sehnsucht stürzte er außer sich aus dem Beßmeddresch, in dem eine traurige Stille herrschte wie in einem leeren unbewohnten Hause, seine Beine »türmten wie von selbst auf dem Wege, der heim führte. Seine Phantasie besiegte jetzt die Wirklichkeit, sie trug ihn auf ihren Adlerflügela und brachte ihn ins Hau», zu der' Mutter, schweißbedeckt, keuchend, atemlos. Mutter und Kind schauten einander bei der Begegnung an und ihre Tränen strömten. Es waren bittere Tränen, die eine notleidende arme Mutter und ihr heißgeliebtes, in die Fremde verschlagenes Kind vergossen, als es schwach, müde, hungrig aus dem Elend um ihre Htlfe kam. Sie, die Mutter, weinte — wie wehe war es der Mutter, die ihr Kind nicht an ihrem Tische halten konnte, und wie wehe war es dem Kind, da» gekommen war, um der armen Mutter den letzten Bissen au» dem Munde zu reißen. ZWEITES KAPITEL IE Phantasie Schloimale», die ihn aus T-z fortgerissen hatte, schwand sofort nach seiner Ankunft wie ein Rauch dahin und die bittere Wirklichkeit enthüllte sich ihm 1'n ihrer schrecklichen Macht. Seine Träume verflogen und er sah »ich einsam und elend. Wie wehe ist dem Unseligen zumute, der nie in seinem Lehen eine frohe Stunde hatte, der sein Lehenlang einsam und elend wie ein Stein und fremd in derV?eit war. Aber trotzdem ist es noch viel schlimmer al» das Leid der Fremdheit, die Qual der Entfremdung, Außer der Bitternis, welche das Fremdsein in sich trägt, hat das Fremdwerden eine noch größer« Schärfe — eine fürchterliche Bitterkeit, die sich immer mehr verschärft, da man das Elend mit der glücklichen Zeit in der Vergangenheit vergleicht. Und das war die Einsamkeit Schloimale»! Das Haus, in dem er einstmals so gut gelebt hatte, sah verwahrlost und öde aus. Dort wo zu Lebzeiten »eine» Vaters Menscbenlärm geherrscht, wo man Versammlungen über Stadtangelegcnb eiten abgebaltcn, wo am Scbabbea und Jontew in jedem Winkel die Freude geleuchtet und gestrahlt, wo man Thora-Wirte und göttlich-jüdische, herzrührende Gesänge vernommen batte, da war es beute still und traurig wie auf einem Friedhof. Die Wände trauerten, jeder Winkel weinte, verwaist war das Zimmer des Vater«, alle» war voll Elend und Einsamkeit. Niemand von den früheren Besuchern war zu sehen. Bekannte, Freunde, die Leute zum Festtagswunsch waren verschwunden. DieMutter, die Witwe, seufzte, die kleinen Kinder, die Waisen, darbten und in alle Winde verstreut waren die alteren, verheirateten Kinder. Hsndfaffi WaaiergefüS für di« rituelle Reinigung der Hände. —י Toirs 1 Tboraroll«, — Lite: Aufruf zur Tbor». — Szimebes-Toirsi Der Abschluß des Lsubhüttenfeste». (Fortsetzung folgt.)