Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nummer 16 Beilage der Jüdischen Rundschau Berlin, 21.111. 1924 SCIiLOIMALE Erzählung vonTvlcnJahT^loicher Sjuritn Autousieite Uebersetzung aus dem Jiddischen von Salomo Bit tilaum (15 Fortsetzung) DREIZEHNTES KAPITEL 7VLS große Kinder war, cn beide, sowohl A<e!t der Schmied, JL-k. als auch I'Ierxel Kc!le» der Tischler Schloimale ׳ehr lieb: was aber Aselc den Schmied betraf, so wurde das Herz ScUoimale» nicht eo sehr von der Person Asels als von seiner Schmiede angezogen. Die Schmiede sprach zu seiner Seele und erweckte weit süßere und angenehmere Gefühle in ihm als Ascks Philosophien. Bei Herzei Kejles dagegen war 8 Herz anzog, seine Person selber, seinem Gebaren und all seinen :5 bei niemandem sonst in der r seihst so eine Art Schmiede. , ihm. Seine lernfreie Zeit teilte Sch'oima’e. ie nach dem Wetter r ScWo male» md lebte, n er es gerade, der so wie er leibte Launen, alles zusammen, w Stadt war. Herze! Kejles denn ein Feuer glühte und brannte 1 e lernfreie Zeit teilte Sch'o und der Jahreszeit zwischen der Schmiede und Herzei Kejh Im Herbst zum Beispiel, zur Regen- und Morastzeit, oder wenn die Witterung son*t mal häßlich, wenn es raß und kalt war und von allen Seiten blies, wenn der Himmel mürrisch einen verblichenen Bettelmantel von absonderlicher Farbe mit Flecken und Flicken über Flicken grauer, schwarzer und dunkler Wo ken uberzog, wenn »ein finsteres Gesicht jedermann in Schwermut versetzte — dann trieb es Schloimale •״ die Schmiede. Er kletterte hinter irgend einen Haufen im Winkel und saß da still und starr und gedankenversunken und schaute. Der Blasebalg fachte und fauchte, die Kohlen flammten, di Eisen glühten, die Funken flogen — Schloimale war in Zauber geschlagen. Sein Geist entschwebte in wunderbare, ferm "Welten. Herrliche Bilder, schöne Gestalten aus wunderbaren Geschichten und alten Märchen traten hervor — alles wonach sein Herz verlangte. Aus der flammenden Kohl! de* Ofens blickten schwarze, brennende Augen zu ihm heraus. Die aufschießende Feuersäule wurde zu einer hohen Leiter bis in den Himmel hinein und die Funken zu Engeln! die ihr auf- und tuedcrflogen. Klapp-klapp schlugen die Hämrt das glühende Eisen — dort, ah, zerbrechen die Schlösser verzauberten Palästen. Prinzessinnen erwachen aus langem und Schlafe und treten hervor. W 1e schön und strahlend »ind. wie eine unter ihnen g’eich dem Morgenstern her• vorleuchtet — Fradel! Sihloimales Körper saß in emci V/mkel gedrückt in der Schmiede, aber seine Seele atle empor und flog in andere "Welten. wo sie es hell, warn und schon hatte, wo es sproß und blühte, wo gute, wunderb a schone Dinge zu sehen waren. Sehloimnle war ein Schöpfer, er schuf, und lebte voll Wonne in den Welten, die Phantasie erschaffen hatte. War aber der Himmel klar und schien die Sonne, war die Erde grün und die Welt hier schön — dann es Schloimale mit Macht, sich ihr mit Seele und Sinnen hinzugehen. Dann zog es ihn zu Herzei Kejles. de.*s< Haus und Wirtschaft Dorfgeruch atmeten und den frisch! Duft des Feldes ausstromten, desien Wesen und Leh< seinem Herzen mehr als das aller andern Leute in der Stadt entsprach. Denn wo war es sonst erhört, daß sieh ein lud« ein städtischer Bürger mit Geflügel und Vieh ahgah, Ochsci Pferde hielt und einen Bauern, den Trochim, zur Bestellung der Felder und einen Hund auch noch obendrein hatte? Ein Jude — ein Stadtbürger, der nicht mehr als den Marktplatz und das Bcßmcddresch zu kennen hat — sollte Schahhea-Nachmittag mit seinem Kind spazieren gehen, 1 «ein Schläfchen zu halten?! Schloimale wurde im Hause Herzei Kejles heimisch und mit seinem Sohn Ben-Zieen, dem früheren Schüler Rcbb Chajems, innig befreundet, sie liebten einander grenzenh Ben-Zieen vereinigte in sich das Land- und das Stadtkind. Er war :n den kleinen schwarzen Zeichen zuhause und konnte Gemure lernen, »her er hatte leine Lust dazu und gab »ich lieber mit der Wirtschaft im Hau» und auf d< Felde ah. Er war von Natur aus gut und schweig׳am, sprach wenig und nur in Andeutungen und tat viel. Sckloimale verstand ihn ohne Worte. Ben-Zieen saß z..B. einem Sommertag auf seinem Balkon. Die Sonne »engte fürchterlich. Zu seinen Füßen lag der Hund, auf dem Bauche »usgestreckt. »eine Flanken flogen vor Hitze. Von Zeit Zeit hob er plötzlich den Kopf. riß das Maul auf — und flipps war die Fliege drin! An seiner Seite saß die Hem mit ausgelreiteten Flügeln, unter denen sich die Schnäbel der kleinen Küchlein vernehmen ließen. Sie genossen jetzt die Ruhe, nachdem sie eo viel gelaufen waren und im Mut ge• pickt hatten Der Marktplatz war leer, lein lebendes V/1 auf ihm zu erblicken. Da» Vieh war ja auf der Weide, die Kinder in der Schule, und die Großen gähnten 1m Haus oder im Laden und lechzten nach einem Schluck kalten Wassers. Eine Katze kletterte an einer ,Wand empor und blich mitten drm stehen, drehte den Kopf nach hinten, schaute, sann und überlegte, was sie tun« oh »ie weiter hinauf oder wied! hinunter sollte. — Schloimale schlich wie ein Käuleia aus dem Hause, nachdem er das Stückle,־n Talmud für den Vater schnell ein wenig gelernt hatte und losgeworden war. Da stand er nun voll Sehnsucht. Seine Augen schauten immer wieder dahin, wo der Himmel niederstieg, wo »ich eine dünke1grüne L'nic hoher V/ipfel erstreckte, *— Er erblickte Ben-Zieen und mit emem Sprunge war er neben ihm. Ben-Zieen gab ihm nen Wmk, bewegte ein bißchen die Nase, stand auf und!achte sic!, auf den Weg. Schloimale mit strahlendem Geliebt intcrJrein. Beide schwiegen und verstanden einander! Sie ingen zu einem großen Spaziergang au» dem Städtlein. Unterwegs ging Ben-Zieen vor der Stadt zu ihrer Scheuer, um nach dem gehäuften frischen Heu zu sehen. Da frisch und erquickend kühl und der Duft des Heues rann einem durch alle Glieder. Die beiden Freunde ׳arfen sich hin, streckten sich längelang aus, lagen und :hauten zu. wie die Schwalben aus- und einf'ogen, und witachernd ihre Nester unter dem Strohdach umkreisten. Oflene gelbe Mäu'chen junger, nackter Schwälblein •treckten sich ihnen ersenheiichend entgegen. Die Freunde verließen die Scheuer und kamen an die offene Ebene. Felder mit allerlei Getreide erstreckten sich :1t in die Länge und in die Breite. Von ferne sah e» wie 1 Gemälde aus! V/cK-rötlich blühender Buchweizen, rings einen Rahmen goldgelben V/’eizens gefaßt. Blaue Blumen Korn ergötzten die Augen. Gottes Geschöpfe flogen und rangen und tanzten und summten einem die Ohren voll. Ben-Zieen betrachtete ein ihnen gehöriges Haferfcld und war ihr zufrteJcn. Dann ging er weiter und Schloimale hinterrem. Beide waren rot wie Krebse, beide waren vergnügt und sprachen kein V^ort. Sie kamen an eine Wiese. Dort idctcn Pferde mit Fesseln an den Vorderbeinen. Daneben brannte unter einer alten Weide ein kleine» Feuer, an dem Trochim Kartoffeln briet und mit dürren Zweigen Rauch um die Mücken zu vertreiben. Ein Pferd, das in der Nähe war, erblickte den Herrn und hob den Kopf hoch. rin paarmal mit den gefesselten Vorderfüßen und stieß ein Vvhchern aus: ,V/illkommen!* hieß das. Ben-Zieen gab »hm den Gruß zurück, indem er ca auf den Rücken patschte, erteilte dem Trochim Aufträge und ging weiter, Schloimale mit ihm. tief in einen Wald hinein. Von der Stunde an, da Schloimale den Wald kennen lernte, hatte er Ehrfurcht vor ihn. Er hebt« ihn und er fürchtete sich vor ihm. Als er noch klein war. hatte er viel schreckliche Geschichten über ihn gehört! Im Walde gab es Räuber, im Walde gab es wilde Tiere _ Wölfe und Baren. Dämonen und Unholde gab'» auch in ihm. Mädel nmal mit vollen Schüsseln gepflückter Erdbeeren gegangen, da war ein Bar gekommen, hatte die Beeren gefressen und die Mädel hatten kaum ihr Lehen gerettet. Nun, belaubten Baum gelehnt, lauschte und blickte auf alle» in der Runde mit Ehrfurcht und hatte Wonne tm Herzen. Sie verließen den Wa'd und machten sich zur Stadt auf, kamen ein wenig spät ins Bcßmcddresch geschlichen — psst. husch — als wäre gar nichts gewesen — und beteten Mmcba zur Nachkur. Schloimale ■ah zu. wie et in der V/irtschaft Hertels zuging und fing an. auch he, sich zu wirtschaften. Er suchte sich Arbeit 1m Garten hinter dem Hau«, kroch zwischen dia Beete, um Zwiebeln, Rettiche und Gurken auszugraben, lätcte das Unkraut und sah dann zehnmal im Tag das Grünzeug nach, oh es auch gewachsen war! , ■ Er beschäftigte »ich mit Tauben, haute ihnen auf dem Dachboden Strohnester, und hielt sich Singvögel in Käfigen. Er setzte Hühner auf Eier, in einem Korb unter dem Bette, und kroch öfter» hinunter, da er neugierig war zu sehen, wie die Küchlein auskrochen. Es traf »Ich gerade, daß eine Truthenne im Hau» herumspazierte, die »ihr schön war und die Zuneigung der ganzen Familie besaß. Man hat sie von der Mutter 10». daß •ia nicht für'» Pejssech-Fcst geschachtet werde. Es gäbe גן ohnedies noch ein Paar im Hause, darum könnte sie leben bleiben und zur Aufzucht dienen. Es war glücklich so weit, die Truthenne setzte sich auf die Eier, setzte einen Satz ige durch und Schloimale nahm freudig die ganze Müh« luf ■ich, das Kleinzeug großzutiehi Und die Wahrheit muß man sagen, Sache gewissenhaft, schenkte ihnen viel Zeit ihnen weit mehr ah, als es det manchmal darüber unter vie gcfecht kam. ״Du!" sagte Rebb Chaj'cm jüdifcher Art me heim Ni ״Mit der Trutben! Truthenderln hatte machte sein# d gab sich mit Eltern recht war, so daß Augen zu einem Wort- :incr Frau, die er nach dem bloß .du” nannte, das hast du angerichtet 1 . . . Nach Sehnsucht! , . . Und jetzt lernt n der Buh nichts und denkt nur immer an die Truthenne und ihre Küchlein! N-n-nu!" ״Da hast du es! Das ist ja nett!" verteidigte »ich Szure ärgerlich. ,.Ich habe mich nach Truthenderln gesehnt!,. Alle im Haus flehten mich an! •Lass” die Truthenne lebenf ,Wenn irgend was Jos ist. dann läßt man den Zorn an mir aus ... So wahr ich eine Jüdin hin, morgen schicke ich (unheschworen) zum Schächter. Wenn du willst, kann er meinetwegen di« Truthenne mit den Küchlein zusammen schlachten." .,Nur keinen Zorn!" sagte Rebb Chajem, er wurde sanfter und hat schon beinahe. und außerdem war der WaH für die jüdischen Kinder Gefahr wegen der Christenhuhen mit ihren Hunden. Wenn er mit seinen Freunden in den ^Vald kam, 8( pochte ihr Herz, sie sahen sich nach allen!“eiten um. hissen bein leisesten Geräusch die Lippen zusammen und flüsterten! ,Psst! Später dann auf seinen Spaziergängen mit Herzei Kejles Ben-Zieen und dem Hunde, gewöhnte er »ich an den Wald. V/enn man dort Christenhuhen begegnete, dann »agl oder guten Tag, die beiderseitigen Hunde berochen und beleckten einander, und man ging wieder weiter. Auch vc Dämonen brauchte man keine Angst zu haben. Herzei Kejh hatte eine Beschwörung gegen sie. Sie hatten hier im Wald einmal einen Wirbelsturm zusammengehraut, so pflegte Herzei zu erzählen, und ■wollten einen Heuschober auseinanderreißen und davontragen. Da hatte er ein Messer mitten in den kreisenden Wirbel geworfen, einen Spruch aus einer alten Handschrift gesagt, die in »einer Familie im geheimen vom Vater auf den Sohn überging, und hatte sie für immer und ewig vertrieben. Furcht also brauchte man nicht mehr zu haben, aber die Ehrfurcht vor dem Wald verblieb Schloimale für immer. In seinem Kopf bildete «ich der Wald als ein lebende* Wesen ah, als eine Art Volk. Auf einem großen Stü.k Land stehen Baume — Greise, Großvater, Urgroßväter und die Kleinen, das Jungvolk. Jeder scheint für »ich allein dazustchen, aber im ,Grunde genommen, sind sie tief miteinander verknotet und mit den Wurzeln vereinigt, sie saugen ihre Nahrung aus der gleichen Wurzel. Weht ein Lüftlcin von irgendwo her. dann stecken sie die Kopfe zusammen und flüstern einander ihre Geheimnisse zu. Keiner schweigt still, es ,berührt* jeden und jeder laßt auf seine V/eise seine Meinung und Zustimmung vernehmen. Der leichteste Schlag, der den einen trifft, findet in der Ferne Widerhall, Und wenn manchmal ein böser Nordsturm daher!raust, dann fährt der Wald zornig und wütend auf. Ein Lärmen und Toben entsteht hei Groß und Klein. Dann rauscht und stürmt es wie von Meereswogen. Wo nur ein lebendes Wesen im Wald ist. da verstummt es voll Entsetzen und verkriecht sich in sein Loch. Schloimale kannte den Wald und kannte »ein ,Wesen, er hatte ihn gesehen, wie er im!־türm mit wilder Gewalt lostobte, und darum bekam er immer, wenn er ihn betrat, Ehrfurcht vor ihm, seihst wenn er still und ruhig dastand und gastfreundlich einlud einzutreten und in seinem Schatten zu ruhen, wenn er höflich Erdbeeren und Blaubeere** vorsetzte und «eine Kapelle süße Melodien spielen ließ. Von dem Spaziergang auf den freien und fröhlichen Feldern müde, saß er jetzt mit Ben-Zieen an einen dicht•• dir reden. Gleich wird eit Dinger schlachten? Wenn nur weiteriehen... Es wä ״Was willst du also von n zürnte noch immer. ״Wenn du ,Man darf ia kein Wort mit rnig. AVozu die armen kleinen schon leben, dann mögen sie virklich zum Erbarmen! n mir?" meinte Szure, und barmherziger Mensch hist, was willst du dann von mir? ״No, ich sage ja gar nichts . . verteidigte sich Rebb Chajem mit gutem Lächeln. ״Ich meine ja bloß! Sein Kopf ist zuviel hei den Küchlein, an'» Lernen denkt er nicht und steckt nur immer und ewig bei ihnen draußen. ״Ich weiß wirklich und wahrhaftig nicht, was du willst, sagte Szure und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ״Er will »ein Kind den ganzen Tag einsperren. Ich bring« nicht über*« Herz, ihm zu verbieten, da» helle Tageslicht anzusehen. Du hist doch der Vater, 108, setze du dich mit ihm hin und lerne von früh hi« AbenJ. warum schaust du ihn denn dm ganzen Tag nicht an. der Vater? ..N-n-nu. genug!'* tippt« Rebb Chajem seine Frau mit dem Finger und lächelte »ie so freundlich an, daß auch sie lächelte — und Friede war wieder wie früher, Schloimale hatte Lust, es Herzcl Kejles auch in den schonen Handarbeiten nachzutun. Er vertiefte sich voll Bewunderung in Iierzel» ,Rabbi Joisse mit der Taube als Himmels stimme* und wollte auch etwas schaffen, aber es ging nicht. Er hatte kein Gerät — verantwortete er sich vor andern und vor eich selber. Zum Schnitzen braucht tr, da» er für einen 1 hatte, taugte nicht«, zum Malen, sagte er, Farbe. Darum hatte er auch keine Schuld, wenn es nicht ging. Es war wahrhaftig hinreichend, daß er eine so geschickte Hand besaß, die au» Papier Laternen faltete, aus einem Span einen Ohrloffel schnitzte und das ,Be-csrcs-haschemm mit solchem Strich und Schnörkel oben an den Brief schrieb, daß ein Vogel herauskam. VIERZEHNTES KAPITEL nicht als schlecht bezeichnen. Wenigsten» lief der Weg ganz schnurgerade, glatt und ohne Gruben. Nun aber fing sein Lebensweg an, «ich zu biegen und winden und recht holperig zu werden. Bald wuchsen schon Dornen auf und er fuhrt« über plötzliches Hinauf und Hinab, über «teile Berge und »btchüstige Täler und über tiefe Abgründe, Immer schwerer wurde er zu begehen, immer ärger und schlimmer wurde et. (Fortietiung lolgt.) man t in scharfes Me« ser. Da» Me«. ganzen Pfennig als Los einsatz gewönne Die Klingen waren au s Blech. Und muß m ־an Farbe haben. blaue und rote Be-csrer-ßsscßemm 1 Im Natosa Gotte«! ■wird aßgckürit « a Br(«( gcsclirisßea.