Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 16 (26.2.1924)
- Date
- 1924-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Konto Nr. 156030b Für Tschechoslowakei: l'ostsparkiusenamt Prag, Konto Nr.59410. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — כ"א אדר א׳ תרס״ד Der Zionismus erstrebt für das JUcSIscha ¥0151 clla 13־ einer ütlcntüch ■ rechtlich ooslctsarfan ISulrasRItJo in Palästina. [1 XXCkJaürg. ״Baseler Programm.*4 Eealpollllc Zunt ersten Mal seit dem Regierungsantritt der Arbeiterpartei wurde die Palästiii,־!frage im englischen Parlament behandelt. Am 20. Februar beantwortete der Premierminister Ranisay Macdouald im Unterhausc eine Anfrage von Sir Leonard Lyle, einem konservativen Abgeordneten. Diese Frage bezog sich’auf die dem britischen Reich bisher entstandenen Kosten der Verwaltung Palästinas und die voraussichtlichen Ausgaben für das neue Vcrwaltungsjahr. Ramsay Macdonald antwortete, daß die Regierung die Zahlungen für Palästina als eine laufende Verbindlichkeit zu übernehmen hatte. Sie stehe diesbezüglich in Beratung mit dem High Commissioner. Was die Ausgaben anbetrifft, so waren die der britischen Finanzvenvaltung entstandenen Kosten während der letzten vier Jahre die folgenden: 1920/21 betrugen sie ungefähr S Millionen £, 1921/22 3,153,000 £, 1922/23 1,821,100,000 1923/21 ,£ 1,000־ £. Für das Verwaltungsjahr 1921/25 werden die Ausgaben auf nicht mehr als 1,000,000 £ geschätzt. Der Pariamentsbericht verzeichnet bei dieser letzten Angabe ״Beifall“. Am 19. Februar hatte das liberale Parlamentsmitglied Dr. O. E, Spero den Kriegsminister gefragt, wie hoch die Zahl der britischen, in Palästina stationierten Truppen sei, und ob diese Truppen zu der Gesamtzahl laut der Armeeliste hinzugefügt werden müssen. Hierauf antwortete Mr. Stephan Walsli, die Zahl der britischen Truppen in Palästina aller Gattungen betrage 250 Mann, ohne das Personal der Luftstreitkräfte. Ein sehr kleiner Teil hiervon müsse zu der in dem Heeresetat enthaltenen Gesamtzahl hinzugefügt werden. Es ist bekannt, daß die Zahl der britischen Truppen in Palästina, die den Hauptausgabeposten für England darstelltcn, seit dem Jahre 1920 ständig verringert wurde, bis zuletzt eine zwar aus britischen Soldaten bestellende Gendarmerie gebildet wurde, die aber den Heeresetat des britischen Staates nicht belastet. Daraus erklärt steh die jetzt geringe Zahl der regulären britischen Streitkräfte in Palästina. Nicht allein der Abbau der militärischen ßcsatzimgsmacht in Palästina, sondern auch weitgehende Sparsamkeitsmaßnaluncn •auf anderen Gebieten der Verwaltung haben zu einer weiteren Reduzierung der Ausgaben Englands in Palästina geführt. Von dem Gesamtausgaben-Etat Palästinas, der sich nach den in unserer heutigen Nummer veröffentlichten spezifizierten Angaben auf fast 1,800,000 £ beläuft, wird nach der Versieherung des englischen Ministerpräsidenten der englische Steuerzahler nur 1,000,000 £ zu tragen haben, während der Rest wohl aus den Einkünften des Landes gedeckt werden soll. Es ist auffällig, daß auf die in die Kompetenz des Kolonialministeriums fallende Anfrage der Premier selbst antwortete. Wenn der Grund hierfür nicht eine Verhinderung des Staatssekretärs für die Kolonien Mr. Thomas ist, so würde diese Tatsache nach außenhin die Bedeutung unterstreichen, die der fortgesetzten Reduzierung der Ausgaben für Palästina auch v׳on der Arbeiterregierung beigemessen wird. Es ist bekannt, daß vor ungefähr zwei Jahren im Zusammenhange mit der ״Anti-Waste-Campagne“ die Palästinafrage im Vordergründe des damaligen Wahlkampfes stand. Bedenkt man, daß die Stcuerbelastung in England eine der* höchsten in Europa ist, dann wird man es verständlich finden, wenn die englische politische Oeffcntlichkeit die Palästinafrage in erster Reihe aus dem Gesichtspunkt ihrer Rückwirkung auf das Portemonnaie des englischen Steuerzahlers betrachtet. ,Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß das Abflauen der antizionistischen Strömung in England mit der Herab- Setzung der englischen Ausgaben für Palästina in unmittelbarstem und nächstem Zusammenhang stellt. Auch Wenn man die Ansicht vertritt, daß es hauptsächlich idealistische Motive waren, die die englischen Politiker im Weltkriege veranlaßten, den zionistischen Forderungen zuzustininicn, statt den nähcrliegcnden und einfacheren Weg der Anwendung des allerdings nur formellen Selbst- Bestimmungsrechtes für die arabische Bevölkerung Palä- Etinas zu beschreiten, muß man sidi darüber im Klaren Ecin, daß, wie überall, die Gebe- und Opferfreudigkeit für nichtproduktive Unternehmungen auch in England begrenzt ist. Es ist sehr bezeichnend, daß gerade der heutige englische Kolonialminister J. H. Thomas, der Führer der englischen Eisenbahnergewerkschaften, im früheren Wahlkampfe erklärt hat, daß er in erster Reihe nationalökonomisch denke und ״es ihm nur daran liege, zu erfahren, was das britische Reich für seine in Mesopotamien und Palästina ausgegebenen Millionen wieder erhalte. Wenn diese Länder nur durch das Schwert oder die Bajonette gehalten werden können, wäre es besser, sie aufzugeben.“ Dieser vielleicht etwas gesvhäKlich anmutende Standpunkt läßt sich anders durch die jetzt bekannt gegebenen Ziffern der englischen Ausgaben für Palästina umschreiben. Es scheint außer allem zweifei zu liegen, daß auch eine sozialistische und pazifistische Regit rung, ja vielleicht gerade eine solche am wenigsten, sich nicht dauernd dazu verstanden hätte, jährlich einen Betrag von 8 Millionen £ hauptsächlich für eine militärische Okkupation auszugeben. Ganz abgesehen von dem Standpunkt einer sparsamen Verwendung der englischen Steucrcingängc und von dein eines zu hohen Preises, den England bei Fortdauer solcher Kosten für das Mandat über Palästina zweifellos zu zahlen gehabt hätte, hätte gerade eine pazifistisch gerichtete Regierung wie die heutige eine nur mit soviel kriegerischem Aufwand zu haltende Position sicher aufgegeben. Der Weg, den Herbert Samuel seit Jahren zu gehen hatte, lag ihm also, wie man jetzt sieht, klar vorgczcichnct. Allerdings ist es bekanntlich sehr leicht, eine Entwicklung rückblickend zu erkennen, die bei ihrem Beginn sich nicht so einfach und klar für die politische Voraussicht abzciclmct. Herbert Samuel hatte eine ungeheuer schwierige, eine fast unmögliche Aufgabe durch zu führen. Er durfte weder die englische Stellung in Palästina noch den jüdischen Anspruch darauf preisgeben und mußte gleichzeitig das wichtigste Machtmittel zur Durchsetzung und Erhaltung dieser Ansprüche, FIccr und Verwaltung, abbaucn. Mit einer Politik des Auftrumpfens, der gepanzerten Faust war dieses Ziel nicht zu erreichen. Sehr bald hätte sich herausgestcllt, daß hinter einer solchen Machtpolitik eben nicht die dazu notwendige reale Macht stellt. Wenn fcstgcstcllt werden muß, daß bei der Durchführung dieser Herbert Samuel gestellten Aufgabe das englische Ansehen in Palästina mehr geschmälert wurde, als sich dies mit der angcschenen Stellung des britischen Imperiums im Orient vertrug, und daß ferner praktisch auch die zionistischen An- Sprüche geschmälert wurden, so ist dies sicherlich zu bedauern. Gibt man aber die Schwierigkeit der Mission Samuels zu, die noch dadurch erhöht wurde, daß der notwendigen Herabsetzung der englischen Ausgaben durchaus keine Erhöhung der jüdischen entsprach, dann macht die scharfe Verurteilung, die Herbert Samuel in zionistischen Kreisen gefunden hat, doch einen sehr selbstgerechten und überheblichen Eindruck. Es ist fraglich, ob ein anderer einen den Enderfolg weniger gefährdenden Ausweg ans diesem schwierigen Dilemma gefunden hätte. Jedenfalls kann aus den Erfahrungen der letzten vier Jahre für unser Verhältnis zur Mandatarmacht die Lehre gezogen werden, daß wir ebenso Realpolitik treiben müssen, wie dies jede englische Regierung, auch eine sozialistische, tut Und diese Erkenntnis ist auch aus der Haltung der gegenwärtigen englischen Regierung in allen anderen Fragen zu entnehmen. Nur Illusionisten hatten geglaubt, daß Macdonald sich als englischer Ministerpräsident in erster Reihe von politischen Theorien, statt von Realitäten werde leiten lassen. Die ״Frankfurter Zeitung“ vom 24. Februar weist in einem Aufsatz über ״Macdonalds politische Theorie“ ebenfalls darauf hin, daß niemand im Ernst glauben kann, daß ״Macdonald den ,Bruch mit der Vergangenheit‘ vollzogen hätte, auch wenn die Arbeiterpartei die Mehrheit im Unterhaus gehabt hätte“, und der Aufsatz schließt: ״Es ist nicht wahrscheinlich, daß der wirtschaftliche Prozeß so verlaufen wird, wie die sozialistische Theorie es erträumt Die starken Rückschläge, die der Ideengehalt des Sozialismus in der letzten Zeit erleiden mußte, sprechen ebenso für das Gegenteil, wie die Wirtschaftliehen und seelischen Momente. Auch der Spielart, die Macdonald vertritt, wird es wohl nicht anders ergehen. Trotzdem — in ihrer Abneigung gegen den Doktrinarismus ist sie unendlich lebensvoller als die Oedc der Klassenkampftheorie, die den deutschen Sozialismus entgeistigte.“ Dieser Grundzug Macdonalds, die Abneigung gegen das Doktrinäre, ist ein solcher des englischen Volkscharakters. Er paart sich aber häufig gcnug mit idealistischer Gesinnung. Auch in unserer Politik müssen wir ihm Rechnung tragen. Es ist erforderlich, daß wiedenim eine großaugelegtc politische Aufklärungsarbeit in der englischen Oeffcntlichkeit einsetzt. Diese wird um so leichter gelingen, als gleichzeitig mit der günstigeren Gestaltung der finanziellen Situation Englands in Palästina seine strategische Lage sich durch die siegreiche ägyptische Unabhängigkeitsbewegung und durch die Konzessionen, die in den nächsten Jahren zweifellos England in Indien wird machen müssen, verschlechtert hat. Die realpolitische Bedeutung des Besilzes der Herrschaft über Palästina ist infolgedessen sehr gestiegen. Selbstverständlich muß aber auch, wenn die fortschreitende Entwicklung des Landes nicht unterbrachen werden soll, der Ausfall der bisher aus England kommenden finanziellen Einkünfte ersetzt werden durch eine Steigerung der jüdischen Kapitalinvcsticrung im Lande. Auch insofern müssen wir realpolitisch denken und handeln. Es kennzeichnet den ganzen Ernst und die innere Unhalibarkcit der heutigen Situation, daß gleichzeitig mit der Herabsetzung der englischen Ausgaben auch die jüdischen nicht nur nicht steigen, sondern ebenfalls finken, Sl IC Die Palästina - Ecnlcreuz in New York New York. (J. T. A.) Ucber die am 17. Februar im Hotel Astor abgchaltene Konferenz von 150 prominenten antcri. katilschcn Juden werden jetzt weitere Einzelheiten bekannt. Fast alle eingeladenen Persönlichkeiten, unter ihnen mehrere Führer des amerikanischen Reform-Judentums, eine Anzahl hervorragender Bankiers, Juristen, Rabbiner und Philanthropen waren erschienen. Louis Marsh all cröffnctc die Konferenz worauf die Herren Richter lioracc Stern, Dr. CyrusAdler, Colonel Herbert Lehman, Richter Irving Lehman, Professor Salomon Solls Cohen, der Leiter der New Yorker 14-Millionendollar-Kampagnc David Brown, der Vorsitzende des Landcs-Gcsundheits-Komitces und stellvertretende Vorsitzende der Mctrojwlitau Lcbens-Vcrsichcrungs-Gcscllschaft Lee K. Frankel Ansprachen hielten. Das Mitglied der palästinensisch-zionistischen Exekutive Dr. Arthur Ruppln gab eine ausführliche Darlegung der wirtschaftlichen Lage Palästinas und der Zukunftsiiiöglichkeitcn in diesem Lande. Er gab eine Ucbcrsicht über die jetzige Stellung des Handel» und der Industrie in Palästina und betonte die Notwendigkeit, die begonnene Entwicklung durch Investierung größeren Kapitals und der Einführung erprobter Arbeitsmethoden zu unterstützen. Der Präsident der Zionistischen Organisation Dr, CI1. Wclzmann nahm zweimal das Wort und antwortete auf eine Anzahl an ihn gestellter Fragen. Seine Reden machten einen tiefen Eindruck auf die Versammelten, es wurden ihm stürmische Ovationen bereitet. Alle Redner unterließen nicht, zu betonen, daß die jüdische Heimstritte in Palästina nunmehr eine vollendete Tatsache ist Es sei darum die Aufgabe aller Juden, ob sie nun det zionistischen Organisation angehören oder nicht, durch Beteiligung an der Paliistina-Invcstierungs-Körperschaft und der Jcwish Agency positiv für did Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina und ihre Stellung auf eine feste Grundlage tätig zu sein. Wie der J.T.A.-Vcrtrctcr erfährt, kann es als sicher angesehen werden, daß das Joint Distribution Committee, der Palcstine Development Council (Brandeis-Oruppc) und die (vor zwei Jahren von Mr, Bcnderley gegründete) American Palcstine Com• pany sich der neuen Investierungs-Körperschaft anschließcn werden. Auf diese Weise würden alle finanziellen Demühungen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Palästinas vereinigt sein. Die jüdische Presse Amerikas stellt einen guten Erfolg der Konferenz fest. Auch ein großer Teil der nichtjüdischen Presse bringt ausführliche Berichte über den Verlauf Wclzmann über das Versagen der Zionisten in Europa Auf der letzten Sitzung des Exckutiv-Komitees der eng• lischcn zionistischen Federation wurde ein Brief Dr. Ch. Wcizmanns aus New York verlesen. Dr. Wcizmann schreibt u. a.: ״Es scheint mir, daß Sie alle die Wirkung, die die Situation in Europa auf Amerika ausübt, unterschätzen. Diese Wirkung Läßt sich kaum schildern, der Schaden ist weit größer, als Sie sich vorstellen können. In den hiesigen zionistischen Kreisen herrscht große Erbitterung. Man scheint den Eindruck zu gewinnen, aJs ob die Europäer sich damit begnügen, Presse-Artikcl über die innere Politik der Bewegung, die hier auf sehr wenig Interesse stößt, zu lancieren und die schwere Last der Versorgung Palästinas den Amerikanernüberlassen. Wer für eine allwcltliche Organisation ist, glaubt, daß die jetzige Lage der Dinge nicht mehr zu rechtfertigen ist. Ich selbst denke mit Besorgnis an die Folgen, die eine solche Lage für die Organisation haben könnte. Verzeihen Sic mir, wenn ich über das, was diplomatisch erlaubt ist, hinausgegangen bin. Aber wenn idi die täglich aus Palästina kommenden Telegramme über Arbeitslosigkeit usw. lese, fühle ich es als meine Pflicht, unvcrschleicrt zu reden. Ich darf das um so mehr tun, als wir hier alle jeden Nerv anspannen, um die Dinge weiter zu bringen und Anlaß haben zu glauben, daß wir in unseren Anstrengungen von allen übrigen nicht in der gleichen Weise unterstützt werden. Ich würde mich freuen zu hören, daß ich midi geirrt habe.“ Das Budget der Palästina• Regierung Jerusalem. (J.T.A.) Der Regierungsanzeiger ver. öffentlich! den Budgetentwurf für das Vcrwaltungsjahr 1923/24. (Wohl für 1924/25. - Red.) Die Ausgaben betragen 1,733,399 engl. Pfund. Die nachträglichen Bewilligungen für 1924 belaufen sieh auf 93,927 engl. Ptd. Die einzelnen Ausgabeposten sind folgende: Pensionen 16,466 Pfund, öffentliche Schulden und Anleihezinsen 58,540, für den Obcrkomimssar 6,926 Pfund, für die Gesetzgebung 600 Pfund, für das Sekretariat 17 639, für die Distrikts-Verwaltung 100,267, für die Rechtsabteiiung 73,227, für die Finanzvcrwaltuiig 20,038, für das Rcchnungs- Departement 6,217, Steuer-, Abgaben- und Hafcnverwaltung 33 725, l lande! und Industrie 10,511, Gesundheits-Departement 93!258, Landwirtschaft und Fischerei 39,588, Einwanderung und Verkehr 9,287, Bildung 104,296, Altertümer 5,802, Land- Wirtschafts-Departement 15,092, Landvermcssungs-Dcpartement 2,123, Polizei und Gefängnisse 189,762, Gendarmerie 91,097, Post, Telegraphie und Tclephonwcsen 103,839, Eisenbahnen 336,887, öffentliche Arbeiten 157,879, besondere Eisenbahn-Ausgabcn 97,785, verschiedenes 133,583 Pfund. Die nachträglichen Bewilligungen betreffen im einzelnen: Pensionen 2,824 Pfund, öffentliche Schulden und Anleihezinsen 17,377, Sekretariat 1,118, Rechnungs-Departement 493, Departement für Steuern, Zahlverwaltung und Hafen 2,367, Gesundheits-Departement 8,779! Polizei und Gefängnisse 18,367, Departement für Einwanderung und Verkehr 337, öffentliche Arbeiten 29,692, Verschiedenes 17,573 Pfund.