Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1924)
- Date
- 1924-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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asn r»־־*־r ר״־ץ> •»נ»* Nummer 13 Berlin, 15. II. 1924 1־ Rednktion und Verlag W 15, Sächsische Straße 8. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, Vierteljährlich 5,25 Gel dmark. Au1lnnd>ibonn«m«nt• w*r<ten In d*r Wlhrunj d,r «Intaln.n Llcd.r berfdmet■ jp.1^.11,,^1....^ .,!׳ |WH■ 1.1■ ‘ ' ‘׳! \ i i " i ־' ני' .׳ ' t j V_j Anzci^ca-V erwülttmfi: Jüdische Rundschau G.w. b.ll., Berlin W15, Sächsische Straße 8. — Telephon! Amt Pfnlrhurg 6697, 6698 u. 6699. Antrltfrnprolu 8£?*pelt,Nonp*r»nU1**il* 0,25C10l1lfn«rk. FimUl#tm0J!€lg«n und SUUiD^ciuclm O.lSGfldHiurk. Für h»hriUch• An*•!!»• 10d%At1(«chia|. Fdr AusUndiiftdeni* 100% AuUehUrf. AD1«!ß*n*c!11ttn1 und Pr «WM o«ohtBWU< 4 Ufcr. N\ .■׳■«!ן / \ i ' ‘ \ ' V iJ tjcheckkonto: Berlin Nr. 17392. Telephon! Pfalzburjf 6697 u. 6698. Po* Für Oesterreich! Poslsparkassenamt Wien. Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei: l’ostsparkanscnamt Prag, Konto Nr.59410, ־־ Rcdaktionwchluß Sonntag un nd Mittwoch nachmittag. חרס״ד י׳ אדר א׳ XXIX. Jahrg. Der Zionismus arstrebl fOr das JOdlsch• Volk die affung alnar ISKcntllch - rochtllch aaslchorlon OcIsnstSKa ln Palästina. ״Qasalar Programm.*« JLi. C k in manciicn Stunden, zumeist in solchen vor schweren Entscheidungen, beginnen Worte, Argumente und Beweise, so logisch zwingend, so durchdacht und überzeugend in ihrer Häufung, ihrer systematischen Zusammenstellung sic sonst sein mögen, allmählich ihren Sinn m verlieren. Beinahe wie eine Bestätigung jener Annahme eines ״bewußten Willens in der Weltgcschichlc“, jedenfalls in einer geheimnisvollen, fast mystischen Summierung und Verbindung treten Tatsachcnrcihcn hervor, die eindringlicher, stärker und deutlicher sprechen, als alle Gründe und Gegengründe. Das Wort verstummt und diese jetzt hervortretenden Tat- Sachen, scheinbar zufällig, aber wie von einer immanenten Logik geordnet und gmppiert, beginnen zu sprechen. Eine Sprache, die für den tiefer in den Gang der Geschichte, die heute und jetzt geschieht, durch uns und mit uns geschieht, Hineinhorchenden von einer fast erdrückende״, atemversetzenden und hcrzaufwiihlenden Wucht ist. Es bedarf dqs Wortes nicht mehr, die nüchterne, erregungsfreie, die tonlose Feststellung der nackten Tatsachen genügt. Es ist auch nicht erforderlich, den Zusammenhang zwischen ihnen herzustcllen und aus Zusagen. Wer ihn nicht begreift und herauszuhören vermag, verstellt die Sprache dieser Wirklichkeiten nicht. Er lebt in einer andern Welt, einer irrealen, traumhaften, aus der seine Worte fremd und unverständlich an unser Ohr dringen. Die Tatsachen werden hier zusammengestellt nur wie Frage und Antwort, Prämisse und Konklusion, Vor- und Nachsatz. Die Verbindung zwischen den einzelnen Tatsachenpaaren herzustellen und die Gesamtsumme aus ihnen zu ziehen, kann jeder für sich selbst versuchen. Es sei nur betont, daß wir nicht den Vorwurf erheben wollen, daß einer von denen, die die hier geschilderten Tat- Sachen setzten, damit auch den größeren Zusammenhang herzustcllen beabsichtigte, in den das Faktum seines Tuns sich nun einreiht. Im Gegenteil, dieser höhere Zusammenhang war sicher ganz und gar unbeabsichtigt, und es ist eben das Geheimnisvolle, das wunderbar Schicksalsmäßige im menschlichen Geschehen, das wir Geschichte nennen, daß menschliches Werk, die Tat des Einzelnen, in die Welt der Tatsachen, des unpersönlichen, realen Lebens gelangt, ihren ursprünglichen Sinn, die ihr eingeborene, ihr vom Schöpfer mitgegebene Richtung verliert und sich nach neuen, höheren Gesetzen lebendig weiter entwickelt. * Dies das erste Tatsachenpaar: Es sind fast zwei Monate vergangen, seitdem Dr. Weizrnann in Amerika angelangt ist, um die von ihm schon vor einem Jahr begonnenen Verhandlungen mit den nichtzionistischen Kreisen wegen ihrer Beteiligung an der Jewish Agency und einer bisher noch nicht erreichten Beteiligung des jüdischen Großkapitals am Palästina-Aufbau endlicii zu einem bestimmten Resultat zu führen. Es sind schwere und verantwortungsvolle Verhandlungen, deren Bedeutung in dem Sinne, als handle es sidr um den einzigen, den rettenden Ausweg, zu überschätzen, ebenso falsch ist wie ihre Unterschätzung in dem andern Sinne, als hätten wir von vornherein nichts davon zu erwarten. Und in diesen Tagen kehrt Mr. Israel Zangwill aus Amerika wieder nach Hause zurück. Er kam vor Weizrnann in die Vereinigten Staaten, offenbar, damit er, der wahre ״politische“ Zionist und Erbe Herzls, der Vertreter des ״Judenstaats“-Gedankens, Weizrnann bei seinen Bemirhungen, aus der Kleinkolonisation der letzten Jahre end'ich zu einer starken Einwanderung zu kommen, den Weg ebne. Er hat es getan. Er nannte ihn vor dem vielleicht größten jüdischen Forum Amerikas den ״König der Schnorrer“ und erklärte: ״Der politische Zionismus Ist tot“. Und alle großen amerikanischen Tageszeitungen haben diesen Willkommensgruß für Weizrnann auch gedruckt. * Die zweite Tatsachenreihe: Arthur Ruppin begleitet Weizrnann als finanzieller und wirtschaftlicher Sachverständiger. Er soll mit den größten jüdischen Finanziers der Welt die größte finanzielle Transaktion, die die zionistische Bewegung bisher kennt, vorbcrciten und durchführen. Wer weiß nicht, daß Ruppin, einer unserer klarsten, ruhigsten, praktisch am meisten erfahrensten und mit den Kolonisationsproblemen vertrautesten Köpfe, zugleich auch der persönlich völlig unantastbare, reine und integre Mensch ist, den man allein mit der Führung solcher Verhandlungen betrauen kann? Und gerade in diesem Augenblick veröffentlicht ein Jerusalemer Sensationsblatt verleumderische Artikel über ihn und nicht genug damit, der Kreis, dessen Sprachrohr der ״Doar Hajoin“ ist, trägt diese Verleumdungskämpagnc nach Amerika, cs wird dort offen und heimlich der gleiche Feldzug gegen Ruppin geführt, so daß sich ״New Palestinc“ gezwungen sieht, in einer seiner letzten Nummern einen Abwchrartikcl, den cs ״Snakcs in the grass“, ״Schlangen im .Gras“ überschreibt, zu veröffentlichen. * Drittens : Jetzt, wo NiChtzionistcn in die, das jüdische Volk, das sein Heim in Palästina aufbaucn will, nach dem Mandat allein vertretende Körperschaft, die Jewish Agency, anfgenommen werden sollen, ist cs klar, daß ohne eine starke, geschlossene, reaktivierte Zionistische Organisation dieses (wie alle zugeben) schwierige und nicht ungefährliche Experiment mit einem Mißerfolg enden muß. Weizrnann selbst hat am 17. Dezember in New York betont, daß ״es ihm einleuchtend zu sein scheint, daß auch trotz der Jewish Agency die Zionistische Organisation noch lange Jahre die treibende Kraft wird bleiben müssen . . . Die Zionistische Organisation wird weiter auf dem Posten bleiben und wird weiter noch auf Jahre hinaus für die Entwicklung der politischen und Erzicliuryjsarbeit in Palästina wirken“. Und in diesem Moment, da eine starke Organisationsfüiirung nicht nur nach innen hin, sondern auch außenpolitisch von allen Zionisten als dringendes Erfordernis betrachtet wird, ist die zionistische Organisationsarbeit durch die Demission Dr. Soloweitschiks ohne autoritative, vom Kongreß gewählte Leitung. * Viertens: Die jüdische Einwanderung nach Palästina überschritt in den letzten zwei Monaten, für welche die Zahlen bekannt geworden sind, nur um wenig mehr die Zahl von 300 Menschen. Es sind das Ziffern, die nicht nur zu den niedrigsten seit Beginn der neuen Ein- Wanderung nach Palästina gehören, sondern nicht mehr als etwa ein Zehntel der seinerzeit von Ruppin angcnommenen jährlichen Minim alZiffer von 30000 Immigranten ausmachen. Auf ihr Verhältnis zum natürlichen Zuwachs der arabischen Bevölkerung oder zur natürlichen Vermehrung der jüdischen Einwohner Palästinas sei hier lieber gar nicht cingcgangcn. Und in diesem Zeitpunkt legt Prof. Hcnnann Pick, wie jetzt auch die J.T. A. bestätigt, sein Amt als Mitglied der palästinensischen Exekutive und Referent für die Alijah nicht zum Zeichen des Protestes gegen solche Einwanderungsziffcm nieder, sondern als Protest gegen die Verkürzung des Misrachi- Budgets, das zugleich mit dem allgemeinen Budget herabgesetzt werden mußte, während hinwiederum diese niedrigen Einwanderungsziffern ja nur eine Folge der Budgetkürzung sind. Nicht ein Arbcits-, ein brennendes Aktions-Fieber ist in einer solchen Zeit in der Zionistisehen Organisation ausgebrochen, sondern es wütet eine Demissions-, Oppositions- und Protestepidcmie. * Fünftens: Die Keren Hajcssod-Eingänge sind ungcnirgend, sie reichen nicht hin, das Bestehende zu erhalten. Die amerikanischen Zionisten, die bis jetzt fast die ganze Last getragen haben und die nun ihre Anstrengungen verdoppeln und verdreifachen müssen, verlangen, daß ihre Arbeit nicht gestört werde. Sic fordern eine zumindest loyale Opposition. Aus der polnischen zionistischen Prcisse schallt die Antwort zurück: befreit Euch zuerst von dem ״Giwonim“-Geistc, dann werden die Keren Hajcssod-Eingänge in Polen — auch nicht steigen. * Sechstens: In Amman werden jetzt zwischen Juden und Arabern wichtigste Verhandlungen geführt. Die Juden suchen nach einer Verständigungsmöglichkeit, ohne das ihnen verbriefte Recht und, was entscheidender ist, ihr historisches Recht auf ein jüdisches Palästina, das Lebens recht des jüdischen Volkes, aufzugeben oder zu gefährden. Ein ungeheuer schwieriges, schier aussichtsloses Bemühen in diesem nur zu mildernden, nicht aber vermeidbaren Intel csscnlconflikt und nationalen Widerstreit. Das ist die beste Gelegenheit für Herrn Jabotinsky, seinen Legionsplan in Berlin, Danzig, Litauen und an anderen Arten in großen öffentliehen Versammlungen wieder. vorzutragen und im ״Rasswjet“ zusammen mit einer maßlosen Kritik der zionistischen Leitung auch publizistisch darzulegen. Und natürlich ergreift die arabische Presse diese von Jabotinsky gebotene Gelegenheit beim Schopf und druckt seine Artikel aus dem ״Rasswjct“ nach. )Und schließlich das letzte, das nichtzionistische, das nichtjüdische Tatsachenpaar: In einer seiner Reden nach dem Sieg der englischen Arbeiterpartei sagte ihr Führer Ramsay Macdonald von der englischen konservativen Partei, sie sei ״ein Leichnam, der auf seine Einsargung wartet“. Nicht geringere Liebenswürdigkeiten sagte die konservative Presse der Labour Party und auch den Liberalen. Als aber Ramsay Macdonald seine Regierung, die erste englische Arbeiterregierung, bildete, erklärte die gesamte britische Presse, man müsse der Arbeiterpartei nach dem demokratischen Prinzip des ״fair play“ eine ״Chance“ geben. Mr. Ramsay Macdonald ist jetzt zu• erst englischer Ministerpräsident und dann erst Führer einer politischen Partei Englands. Und als er nun im Unterhause seine große Programmredc hielt, da sagte der Führer der* Opposition, Mr. Baldwin, der Kopf des ״lebenden Leichnams“, von den bevorstehenden schwierigen Verhandlungen mit dem in der letzten Zeit England entfremdeten alliierten Frankreich: ״Ucbcr die französisch-englischen Beziehungen habe der Premier*! minister gesagt, daß man neue Verhandlungen begönnen hätte oder im Begriffe sei, sie zu beginnen« Unter diesen Umständen werde keine verantwortliche Opposition eine Frage stellen, die die Lage der Regierung erschweren könne." Und das konservative Hauptblatt, die ״Times“, schreiben zur Regierungserklärung Macdonalds, ״sic beweise, mit welchen ungeheuren außenpolitischen und wirtschaftspoliti« sehen Schwierigkeiten jede englische Nachkriegsregierung zu kämpfen habe. Jeder Engländer werde Ramsay Macdonald bei allen Versuchen, diese Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, unterstützen.“ (Die Zitate entstammen Berichten der ״Vossischen Zeitung“.) Das ist englische Demokratie und englische Opposition. * Hier sind die Tatsachen. Sie sprechen für sich. Unser eigenes Wort ist stumm geworden. S. K. Die Elmvandernng nach Palästina Im Dezember tmd Januar Jerusalem. (J.T.A.) Während des Monats Dezember sind 379 Einwanderer ln Palästina eingetroffen. Unter ihnen waren 29 Christen und 7 Mohammedaner, die übrigen Juden. In diese Zahl sind 43 Juden, 5 Christen und ein Mohammcdaner inbegriffen, die als Besucher ins Land kamen und denen dann die Erlaubnis zum dauernden Aufenthalt erteilt worden ist. Zwei Einwanderern wurde, weil sie den Ein- Wanderungsbestimmungen nicht entsprachen, die Einreiseerlaubnls verweigert. Im Monat Januar sind 390 Ein- Wanderer nach Palästina gekommen. Jabotinskys Arllkcl in arabischer Sprache Jerusalem. (J.T.A.) Die arabische Zeitung ״Fe- 1 e s t i n“, die schon vor einiger Zeit eine Anzahl Artikel Wladimir Jabotinskys aus dom russischen zionistischen Organ ״Rasswjct“ wicdcrgcgcbcn hatte, beginnt jetzt mit der Veröffentlichung der letzten Artikel Jabotinskys in arabischer Sprache unter dem Oesamttltel ״Die jüdische Wehr“. (Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck Jabotinskys Aus- Fassungen auf die palästinensischen Araber machen und wie diese sie weidlich ausnutzen werden. ״Felcstin“ ist das Organ des palästinensisch-arabischen Kongresses. — Mit dem ״Rasswjet“, der in der letzten Zeit polemische Artikel veröffcntlichtc, die jedes Maß an Selbstbeherrschung vermissen lassen, werden wir uns noch zu beschäftigen haben. — ״J. R.“). Israel Zangwills Rückkehr nach England NcwYork. ([.T. A.) Israel Zangwill hat am 6. Februar ln New York die Rückfahrt nach London angetreten, wo er dieser Tage erwartet wird. Am Abend vor. dem Reiscantritt wurde Zangwill ein Bankett im Hotel Majcstic gegeben. Im Verlaufe seiner Ansprache gab er seiner Besorgnis über das Wachsen des Vorurteils gegen die osteuropäischen Einwanderer, die in der Hauptsache Juden sind, in den Vereinigten Staaten Ausdruck. Am Donnerstag, den 14. Februar, feiert Zangwill seinen 60. Geburtstag. Er hofft, diesen Tag schon in seinem Hause in Ecast Preston begehen zu können. Clynes nnd Wedgwood an die amerikanischen Poale-ZIoi New York. (J.T.A.) Auf einer von der jüdischsozialistischen Arbeiterpartei Poal« Zion zur Feier des Sieges der britischen Arbeiterpartei veranstalteten Demonstration wurden die folgenden Zuschriften des Führers des Unterhauses J. R. Clynes und des Kanzlers des Herzogtums Lancaster, Colonel Joslah Wedgwood verlesen. Mr. Clynes schreibt: ״Die siegreiche Arbeiterpartei ln England hat Anspruch auf das Wohlwollen und die moralische Unterstützung der Arbeiter der ganzen Welt. Die von uns allen zu leistende Arbeit für den sozialen und wirtschaft'lchen Fortschritt sollte nicht länger von nationalen Differenzen gehemmt werden.“ Colonel Wedgwood schreibt: ״Sa״cn Sie bitte der amerikanischen Föderation, daß die britische Arbeiterpartei nicht allein das verwirklicht, was sie selbst den Juden schuldig ist, sondern ihre Pflich t auch darin erblickt, die von der früheren Reglegicrung gegebenen Versprechungen sowohl dem Buchstaben als auch de m G eiste nach zv erfüllen.“