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Jüdische Rundschau · 1924-01-29 · Heft 8 (29.1.1924) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 8 (29.1.1924)
Date
1924-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Für Tschechoslowakei: l’ostsparkäMcnamt Praß, Konto Nr.59410, RcdaktionsschlufS Sonntag und Mittwoch nachmittag. — ^T»mB®TWc^rrrnrs»csaarcaars:.■ ■isnscr ~rr: ־j:r ׳ — XXIX. Jahrg. ssscansKnssr,-.. -.433801 ״Baseler Programm.** כ״ג שבט׳ תרס״ד gesicherten Kelmstütte In Palästina. Eine jüdische Schweiz? Aul der 19. Jahresconvention der kanadischen Zionisten am C. Januar in Toronto hielt Dr. Wcizmann eine Ansprache, in der er die Notwendigkeit größerer Opfer aller Kreise des Judentums betonte, um das jüdische NaUonalhcim auizubaucn. Hin• sichtlich der politischen Lage sagte er, daß die Zeit gekommen sei, da Palästina in Zusammen, arbeit mit den Arabern und Christen nufgebnut werden müsse. ״Es ist lächerlich", erklärte er, ״von einem ausschließlich jüdischen Paläs• tina zu sprechen. Palästina muß auf der Grundläge einer Autonomie iür alle Volker! aus denen die Landesbevölkerung sich zusammensetzt, auigebaut werden, wie dies beispielsweise der Fall bei der Schweiz ist". In Beantwortung der Kritik, die an der Zionistischen Organisation geübt wurde, weil sie nicht die türkischen Krönländcrcien von der britischen Regierung bekommen habe, erklärte Dr. Wcizmann, daß es besser war, gutes arabisches Land zu kauien, als die Regierungsländcrcien zu nehmen, die kein Wasser haben und auch verseucht sind. fit der jüdischen Presse Englands, die in der vergangenen Woche den hier wiedergegebenen Auszug aus Wcizmauns Rede brachte, wird diese als eine bemerkenswerte Enunzation bezeichnet. ״Jewisit Ciironicle“ hält es beispielsweise für nötig, in seinem Leitartikel ausfülirlich gegen sie zu polemisieren. Er meint, die Tat- Sache, daß Dr. Wcizmann in seiner Rede das Wort ״Christen“ alternativ mit Juden und Arabern verwendet habe, zeige den Einfluß der amerikanischen Reformrabbiner, mit denen er in Cincinnati und Chicago verhandelt habe, um sie für den Palästina-Aufbau zu gewinnen. ״Jewish Chroniclc“ glaubt, angesichts dieses Wortes es als das Grundprinzip des Zionismus betonen zu müssen, daß die Juden eine Nation seien, und daß offenbar die Auffassung der Rcfonnrabbincr vom Judentum lediglich als einer Religion auf Wcizmann abgefärbt habe. ״Jewish Chroil'icle“ kommt zwar selbst der Gedanke, daß ״Wcizmann möglicherweise gesprochen habe, ohne die Wichtigkeit dessen, was er sagte, oder wie er es sagte, abzuschätzen“. Trotzdem kommt das Blatt auch zum Schluß seines Artikels wieder auf die Rcformrahbiiier zurück, deren ״unempfängliche Art in allen Dingen ihre ״Mischungs“-Doktrin anbringen wolle, die ihnen in ihren Tempeln so teuer sei, und die wahrschcinlich in Palästina den Ort sehen, wo sich die drei großen Religionen der Welt treffen und im weiteren Verlaufe, auch vermischen“. Wir wünschen der diffizilen Philologie des englisclien Blattes, das mit wahrer Gelehrten-Akribie oin Wort Wcizmauns wie das delphische Orakel zu ergründen sucht und bei diesem Geschäft selbst ins Orakeln verfällt, nicht zu folgen. Wcizmann wäre am meisten darüber erstaunt — mag es sich nun wirklich um einen lapsus linguac gehandelt haben, oder meinte er damit vielleicht die andern nichtarabischen Bevölkerungsteile Palästinas, hauptsächlich christlicher Religion — wenn man solchermaßen ein Wort auf die Wagschale legt. Viel wichtiger als diese einzelne Redewendung halten wir den Vergleich mit der Schweiz. Und wir müssen gestehen, daß auch uns dieser Vergleich als nicht ganz glücklich, weil vielleicht mißverständlich, erscheint.- Wir wollen auch darin dem ״Jewish Chroniclc“ nicht folgen, wenn er, ein wenig boshaft, Wcizmann an seinen Ausspruch vor der Friedenskonferenz, daß Palästina so jüdisch werden solle, wie England englisch, erinnert. Denn erstens kann man jedem Politiker, wenn man nur den dazu nötigen emsigen Forscherfleiß des Historikers besitzt, einen von ihm irgcndcinmal getanen, heute von ihm ahgclehnten Ausspruch schadenfroh unter die Nase reiben, weil politische Wahrheiten eben vielfach sehr bedingt und nur sehr selten absolut sind. Zweitens aber können wir auch heute noch diese Formel Weizmanns akzeptieren, wenn man sie nur recht versteht. Auch England, zu dem Irland bekanntlich nicht hinzugerechnet wird, ist kein reiner Nationalstaat. Es ist einmal von Sokolow und unlängst auch von Jabotinsky in seinem letzten Berliner Vortrage bereits darauf hingewiesen worden, daß Lloyd Georges besonders großes Verständnis für die jüdische Nationnifrage sicherlich aus seiner eigenen Vergangenheit, da er in der vordersten Reihe Jes Walliser Nationalitätenkampfes stand, zu erklären ist. Mag nun die nationale Unterschiedlichkeit zwischen Engländern, Wallisern und Schotten, von den Iren überhaupt zu schweigen, geringer sein, als die zwischen Juden und Arabern, oder die rassenmäßige Gleichartigkeit zwischen diesen letzteren vielleicht größer als zwischen den germanischen Engländern und den keltischen Wallisern (dies alles ist so fragwürdig, wie die Rassentheorie )überhaupt) ו*/י-י sich besteht eine gewisse Ucbcrcinstimmung zwischen beiden Ländern. Wcizmauns schon historischer Ansspruch mag trotzdem auch von uns preisgegeben werden und als eine vielleicht glücklichere Formel möge diü gelten, daß Palästina so jüdisch werden soll, wie Polen polnisch oder die Tschechoslowakei tschechisch und slowakisch. (Die tschechoslowakische Nation ist nämlich eine Fiktion.) Das Entscheidende ist aber doch der Gesichtspunkt, daß die Majorität in Palästina jüdisch sein müsse und daß erst dann das Jewish National Home verwirklicht ist. Insofern ist Wcizmanns Vergleich mit der Schweiz nicht ganz richtig, ln der Schweiz hat bekanntlich keine der dort wohnenden drei Nationalitäten eine zahlenmäßige Majorität. Die Schweiz ist auch, nationalitätenpolitisch gesehen, eine Ausnahme. Sic ist durch eine lange eigenartige Geschichte und durch besondere geographische Bedingungen, vor allem infolge der dortigen Talland• schäften, weiche eine so nahe Berührung, Vermischung und darum auch Bekämpfung der verschiedenen nationalcn Bestandteile des Landes verhindert haben, ein Land ohne den Nationalitätenkampf des Ostens und (wenn wir auch an Groß-Britannicn, an Belgien, Schicswig-Holstein usw. denken), des Westens. Amerika ist das andere Beispiel. In diesem ncubcsiedclten Land, in dem es niemals ganze national abgegrenzte Landstriche gab, war und ist die Vermischung der einzelnen Völkerschaften untereinander so stark, sind die Beruhrungspunktc miteinander so vielfach, daß jede nationale Abgrenzung nicht natürlich, sondern künstlich ist. Das Schicksal der'Vermischung und Amalgamierung an die historisch, politisch, sozial und kulturell dominierende Schicht ist daher unvermeidlich. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Sondcrfall der Schweiz auch für die palästinensische Nationalitätenfrage nicht in Betracht kommt. Man muß sich vielmehr darüber klar sein, daß dort der nationale Kampf ebenso unvermridlich ist wie in den meisten anderen Ländern. Auch die beste Absicht und selbst die Politik des radikalsten nationalen Pazifismus, der nationalen Selbstverleugnung kann diesen Kampf nicht verhindern. Denn niemals ist gleichzeitig auf der andern Seite eine solche, übrigens notwendigerweise zur nationalen Sclbstnufgabe führende Einstellung vorhanden. Es wäre falsch und Verhängnisvoll, sich über diese unvermeidliche Notwendigkeit einer Täuschung hinzugeben. Vielleicht kann bei dieser Ge- Icgenhcit eine Reminiszenz aus der dem Weltkrieg unmittelbar folgenden Zeit der Friedensvorbereitungen aufgefrischt werden. Damals haben die bekanntesten Führer des tschechischen Volkes, besonders Masaryk, wiederholt erklärt, sie wollten aus der Tschechoslowakei eine ״östliche Schweiz“ machen. Auch andere Nationalitätcnländcr im Osten hatten offiziell sich dieses Ideal gesetzt. Heute, wo die Wirklichkeit den vielleicht besten Absichten von damals so sehr widerspricht oder manchen heimlichen bösen entspricht, sind solche Reden versiummt. Und es gibt kaum einen denkbar größeren Widerspruch zwischen den Theorien, die ״der Vater der nationalen Autonomie“, Karl Renner, nodi 1Q17 in der zweiten Auflage seines Hauptwerkes ״Das Selbsthcstimmungsrecht der Nationen“ vertrat, und der Praxis, der er kurz darauf als österreichischer Bundeskanzler huldigen mußte. Die Träume der Revolutionszeit waren bald verflogen. An die Stelle allgemeiner Ideen traten die konkreten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und vor allem sprachlichen Interessen der einzelnen Nationen. Naturnotwendig werden sich die Dinge auch in Palästina ähnlich entwickeln müssen. Es gibt keine Möglichkeit, dort den nationalen Kampf auszuschaltcn oder von vornherein zu unterbinden. Auch der Versuch ist vergeblich, den Nationalitätenkampf in einen sozialen oder Klassenkampf umzubiegen, indem etwa die besitzlosen Fellachen gegen die Effcndis ausgcspiclt werden. Solche Versuche werden immer nur einen relativen Erfolg haben. Alle Erfahrungen in unseren europäischen Natioiialitätcnläudcrn lehren uns, daß das Nation,׳dgefiilil stärker ist als wirtseliaftspoiitische Erwägungen, die im übrigen zumeist nur konstruiert sind, im ehemaligen Oesterreich ist beispielsweise die alle Nationalitäten des Staates tunfassende, auf dein Klassenbcwußtscin aufgebaute sozialdemokratische Partei in die Brüche gegangen und wurde ebenso wie die internationale Gewerkschaft von nationalcn Einzclpartcicn und Gewerkschaften abgelüst. Und polnische Sozialdemokraten kämpften in nationalen Angclcgcnhcitcn gemeinsam mit den Schlachzi/.cn gegen die deutschen Vertreter, ebenso die tschechischen, kro-> atb'chen, rumänischen usw׳. mit den betreffenden biirgerliehen Parteien ihrer Nationen. Selbst in dem Lande, wo dank der außerordentlich klugen englischen Regieriingskimst heute der nationale Frieden wie sonst in kaum einem anderen Staate der Welt Uergcstellt Ist, in der Südafrikanischen Union, mußten mehrere und jahrelange blutige Kriege vorausgehen, bis nach Unter-, werfung der einen Nation die nationale Verständigung erst möglich wurde. Mag darum in Palästina der NationaUtätcnstreit ebenso unvermeidbar sein wie überall, so besteht doch durchaus die Möglichkeit, daß dieser Kampf sich in Formen nbspiclt, die nicht zerstörend, sondern vielmehr aufbauend, ja sogar anregend, stimulierend und anfeuernd wirken: in den Formen eines friedlichen Wettbewerbs, in dem jeder der beiden Partner sein Bestes einsetzt. Das ist durchaus keine Theorie: aus dem Grunde, weil in Palästina eine Konstellation gegeben ist, wie sonst in keinem anderen Lande. Dort haben die Eng• Länder das ״Mandat“ des schiedsrichterlichen [)ritten, der überden miteinander ringenden Nationen •steht. Und da bei diesem Wettkampf der Schiedsrichter auch mit genügender Autorität und mit allen Machtmitteln ausgestattet ist, ist es sogar wahrscheinlich, daß das Wett- ׳ spiel, um bei der Sport-Terminologie zu bleiben, nicht oder mir selten in eine Rauferei ausarten wird. Man darf sich jedoch darüber nicht tauschen, daß der eng. lisclie ״Unparteiische“ schon um seines Amtes, seiner Autorität und seiner überparteilichen Stellung willen, nicht mehr tun kann, als uns, vorläufig die schwächere Partei, nach dem von ihm empfangenen Aufträge und den international anerkannten ״Regeln“ zu schützen. Unser ausgesprochener Bundesgenosse, also Partei wie wir selbst, kann und darf er aber nicht werden. Es verstellt sich aus dem Geist des an England erteilten Auftrages, wenn schon nicht aus seinem Wortlaut und seiner Form, daß in dem Zeitpunkt, da wir nicht mehr die an Kräften unterlegene, sondern die stärkere Partei sein werden, der gleiche Schutz unserem Gegenspieler׳ zukommen wird: in der Form der Autonomie, allerdings nicht der territorialen, wie in der schweizerischen Kantons- Verfassung, sondern einer personellen. Was darunter zu verstellen ist, und alle die vielfachen Irrtümer und Mißverständnisse, die mit diesem Begriff besonders im Osten verknüpft werden, darzulegen, würde zu weit führen. Eine neue Schweiz wird jedenfalls Palästina, niemals werden. Die entscheidenden territorialen und Bcvölkerungsverhältnissc liegen dort nicht so günstig, wie in der Schweiz. Vielleicht aber — und dies ist unser sehnlichster Wunsch und auch unser tiefster Glaube — wird sich in Palästina doch ungc •litct aller Schwierigkeiten eine neue Form nationalen Zusammenlebens entwickeln, die beispielgebend und bahnbrechend zurückwirken wird auf die europäischen Nationalitätcnländer mit ihren ununterbrochenen, atemlosen, schweren nationalen Kämpfen. S. K. Die Convcnlion der kanadischen Zionisten An der 19. Jahresversammlung der Zionistischen Organi- ׳ sation von Kanada nahmen 3000 Personen, darunter 300 Dolegierte aus verschiedenen Städten des Landes, teil. Dr. Wcizmann sprach bei der Eröffnungssitzung fn der Massey-Hall, Die Stelle seiner Rede, mit der wir uns in dieser Nummer beschäftigen, lautet wörtlich: ״Das Prinzip, auf das wir, unser Heimatland in Palästina aufbauen sollen, ist das der Kooperation mit allen iiiclüjtklischen Gemeinschaften dortselbst und ich glaube, es ist von verantwortlicher Seite versichert worden, daß das Resultat ein Palästina sein wird, das Juden, Christen und Arabern ebenso gemeinsam ist wie die Schweiz den Franzosen, Italienern und Deutschen gemeinsam Ist und geradeso wie Kanada gemeinsam ist den englisch und den französisch sprechenden Leuten. Das ist der einzige politische Zionismus, der möglich, denkbar, ausführbar und gerecht ist.“ (Diese Fassung, die uns erst in letzter Stunde vor Rcdaktionssdiluß bekannt wird, unterscheidet sich, wie man sicht, ganz erheblich von der in unserem Leitartikel wiedergegebenen, die von der New Yorker J. T. A. stammt. ״Jewish Chroniclc“ sollte sich also lieber über diese als über Wcizmann erregen. Gewisse Blätter und Kreise sind in letzter Zeit mit solchen Kritiken merkwürdig und schnell bei der Hand. — Red. der ״J. R.“.) Der Präsident der kanadischen Organisation, A. J. Freimann, hielt eine stark optimistisch gefärbte Ansprache. Er sagte, das Ziel der Entwicklung Palästinas sei eines für alle Juden, nicht nur für diejenigen, die erklärte Zionisten geworden sind. Die Delegierten wurden von dem Premierminister von Ontario Mr. Ferguson und dem Bürgermeister Hiltz von Toronto begrüßt. Dein Kassabericht ist zu entnehmen, daß in den letzten 18 Monaten >/* Million Dollar für zionistische Zwecke gesammelt wurde. Die kanadischc Organisation zählt 279 Ortsgruppen und über 7000 Zeichner für den Keren Hajessod. * Dr. Wcizmann ist am 10. Januar nach New York zurückgekehrt, wo er wieder mehrere Konferenzen über die Jewish Agency abhielt. Sodann begab er sich zur Beendigung seiner Tournee im mittleren Westen der Vereinigten Staaten am 20. Januar nach Detroit, am 27. Januar nach Cievelaml und am 29. Januar nach St. Louis, wo überall die Keren Hajessod-Kampagne in vollem Gange ist : •״

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