Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1924)
- Date
- 1924-01-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Für Tschechoslowakei: Postsparkassen amt Prag, Konto Nr. 59 410, — Kcdnktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — 'TtolfflS»»?'*.” י״ט שבה׳ תרפ״ד XXIX. Jahrg. Per Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich * rechtlich gesicherten KelmsUitte In Palästina. ״Baseler Programm.** f| ■4 #4־' Ratnsay Maaloimld hat die neue Regierung des englischen Reiches gebildet, in der er den Vorsitz fährt und auch das Ministerium des Acußeren leitet. Das Kabinett bestellt ausschließlich aus Mitgliedern der englischcn Arbeiterpartei und ihr nahestehenden, hattptsächlich pazifistisch eingestellten Politikern. Es sei daran erinnert, daß vor den Wahlen die Labonr Parly ein offizielles Schreiben an die jüdische Presse gerichtet hat, in dem es hieß: ״Die L.ibour Party ist die einzige politische Partei, welche in ihre internationale Politik die Begründung des lüdisclicn Nationalhcims in Palästina cinschlicßt. Sie hat den Gedanken der jüdischen Wiedcrbcriedliing Palästinas sogar noch vor der Balioiir-Dcklaration proklamiert. Sic hat dann wiederholt Beweise dieser Stellungnahme durch Rcsolutionen ihrer Landeskonferenzen, Erklärungen ihrer Führer und durch den Druck gegeben, den sie wiederholt auf die englische Regierung ausgeübt hat.“ Wir zweifeln nicht daran, daß sich auch die englische Arbeiierrcgicrung an diese offizielle Kundgebung, in der die Arbeiterpartei ferner hervorhob, daß sic der ״einzige zuverlässige Freund der verfolgten Juden in Ost- und Zcntralcuropa innerhalb Englands“ sei, bei allen die jüdischen Fragen und Interessen berührenden Rcgicrungshandlungen erinnern wird. Man wird sie gegcbencnfalls um so weniger an diese ihre offizielle Stellungnahme zu mahnen brauchen, als jetzt an der Rcgicrung seit langem mit dem Zionismus vertraute und mit den zionistischen Führern auch in enger persönlicher Berührung stellende Männer tcilnehmcn, Da ist zunächst Ratnsay Macdonald selbst, der bekanntlich vor einiger Zeit eine Reise nach Palästina unternommen und sich nach seiner Rückkehr enthusiastisch über die zionistische Arbeit im Lande geäußert hat. Andere bckannte Freunde des Zionismus im gegenwärtigen Kabinett sind der Minister des Innern Arthur Hcnderson, der Flandclsministcr Sidney Webb, besonders aber der Kanzler des Herzogtums Lancaster und Sprecliminister Oberst Wedgwood, der im Vorjahre sich in den Dienst der amerikanischen Keren Hajcssod-Propnganda gestellt hat. Nach den neuesten Nachrichten gehört übrigens dem Kabinett als Minister für Bergbau auch ein Jude an, Mr. Ematiucl Sh in well. Das für uns wichtigste Ministerium, das für die Kolonien, ist mit dem Gewerkschaftsführer J. H. Thomas besetzt worden. Leider kennt gerade Thomas die zionistische Arbeit nicht so gut wie die andern erwähnten Regicrungsmitglieder. Trotzdem ist nicht daran zu zweifeln, daß auch Thomas die Linie der offiziellen Politik der Labour Party cinhaitcn wird. Die Tatsache, daß zum ersten Male eine Regierung in England eine prozionistische Haltung auch prograin matiscli einninimt, was bis jetzt bei keiner früheren Regierung der Fall war, darf nicht dazu verführen, von ihr jetzt alles Heil zu erwarten oder uns überhaupt IIIu׳ sionen über ihre Wirkungsinögliclikeiten zu machen. Dieser Standpunkt ist von uns sofort nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse der englischen Wahlen mit aller Entschiedenheit betont worden. Es ist hierbei nicht so sehr von Bedeutung, daß die parlamentarische Situation der neuen Regierung eine viel schwierigere ist als die der vorangegangenen Kabinette. Man kann gerade bei den den Zionismus betreffenden Fragen mit Sicherheit annchmen, daß sowohl die liberalen wie auch der größte Teil der konservativen Abgeordneten die neue Regierung unterstützen werden. Viel entscheidender sine die traditionellen Methoden der englischen Politik, die nur sehr seiten eine wirkliche Unterbrechung der poli■ tischen Kontinuität des englischen Reiches zulassen. Auch die Arbeiterregierung wird diese in der öffentlichen Meinung des Landes stark verwurzelte politische Tra dition nicht verletzen. Der Hauptträger dieser Kon tinuität ist die englische Verwaltung, in der vorläufig nur wenige Anhänger der Arbeiterpartei vertreten sind und deren Einfluß auch weiterhin ziemlich unvermindert andauern wird. Revolutionäre Neuerungen sind also in der Paiäsfinafrage ebensowenig zu erwarten wie in der allgemeinen Politik des britischen Reiches. Der Zionismus wird nacii wie vor auf sich selbst angewiesen bleiben und sich in erster Linie auf das jüdische Volk stützen müssen. Die naiven Gemüter, die da glauben, in der Politik werde einem etwas geschenkt, werden sich auch diesmal wieder getäuscht sehen. Am allerwenigsten erlangt man gerade in der Politik etwas unverdient und gerade auf politischem Gebiete entscheiden die Realitäten. (Das hat natürlich mit materialistischer Geschichtsauffassung u. ä. nichts zu tun, denn die Macht einer Idee, wenn sie nur recht in Erscheinung zu treten vermag, ist die stärkste aller Realitäten.) Auch die neue Regierung Englands wird sich hauptsächlich nach den Realitäten, die der Zionismus schafft oder nicht schafft, richten und sich ihnen beugen müssen. Nicht die Svmpathie der Regierung, sondern unsere eigene Anstio gung ist ausschlaggebend für die Erreichung unseres Zieles, & K. @0 1 Die Universität — Der ״Bezalcl" — Die Mädchcnfarm in Naholal — Die Frauensdiule an der Realschule in Haifa Pie lluiversißslrage Von Prof. Dr, Otto Warburg. Bekanntlich spielt die Univcrsitätsfragc in der zionistischen Welt schon lange eine gewisse Rolle. Schon im Jahre 1901 wurde sie auf dem V. Zionistenkongreß in Basel ernstlich diskutiert, zum zweiten Mal freilich erst wieder auf dem Karlsbader Kongreß im Jahre 1923. Erst nach dem Kriege und nachdem Dr. Weizmanu im Jahre 1018 auf dem Scopus- Iicrg den Grundstein der Universität gelegt hatte, wurde die Frage wirklich aktuell. Im Jahre 1920 wurde beschlossen, daß der Keren Hajessod einen Universitätsfonds bilden soll. Wenn dieser Universitätsfonds bisher so klein geblichen ist, so ist dies im Wesentlichen darauf zuriickzulühicii, daß unsere Bewegung während der Jahre nach dem Kriege, durch die vielen aktuellen Anforderungen gehemmt, nicht mit geniigender Energie die Aufbringung dieses Universitätsfonds betreiben konnte. Auch die Reise von Prof, Einstein nach Amerika im Winter 1920/21 brachte infolge der geringen Vorbereitung, die dort für die Universitätspropagnnda getroffen war, unmittelbar nur ganz geringe Betrage ein. Das gleiche gilt auch für die Propaganda während der Keren Mnjessod-Kampagnc in Amerika im Jahre 1921/22 unter Führung von Herrn Sokolow sowie für meinen eigenen kurzen Aufenthalt ln Amerika im Jahre 1923. Das vvesent* lichstc Ergebnis dieser Bemühungen war die Gründung einer Reihe von Univcrsitätskomitces, die, aus Fachleuten der verschiedciieu Disziplinen hestehend, die Aufgabe übernahm, die Mittel für diese zusammenzubringen. — Am bekanntesten und erfolgreichsten ist das Acrztckomltee, das schon mehrere 100 000 Dollar gesammelt hat und dadurch imstande war, das Mikrobiologische Forschungsinstitut Tür eine Reibe von Jahren zu sichern. Außer den Acrztcn sind auch die jüdischen Zahnärzte, Apotheker, Drogisten und Chemiker in den Vereinigten Staaten organisiert worden, und man hofft, jährlich die Gelder für mindestens ein Institut aufzubringen. Immerhin wird cs noch viele Jahre dauern, bis die medizinische Fakultät eröffnet werden kann: wenn nicht von anderer Seite große Mittel zur Verfügung gestellt werden, da außer den klinischen Abteilungen, die sich an ein größeres Kapital, das auch noch fehlt, anlchnen müssen, auch die allgemeinen Fächer, wie Anatomie inkl. Histologie und Pathologische Anatomie, Physiologie, Hygiene, Pharmakologie, die propädeuiisehen und naturwissenschaftlichen Fächer ihre Institute haben müssen. Von letzteren sind zwar Physik und Chemie schon vorgesehen, aber bisher sind nur die Gelder für die Einrichtung des chemischen Instituts infolge der Bemühungen von Dr. Weizmann zusammengekommen, und gerade das physikalische Institut ist natürlich sehr teuer, und ebenso fehlen noch die Gelder für die biologischen Fächer, Zoologie und Botanik. Würden diese Institute ins Leben gerufen sein, so könnte man durch Anglicdcrung einiger weiterer Institute, wie Mathernatik, Geologie inkl. Mineralogie und Palaeontologie, leicht eine fast vollständige naturwissenschaftliche Fakultät herstellen, freilich vorläufig ohne die teure Astronomie und die nur halb dazu gehörenden Fächer, wie Ethnologie, Antliropoiogie und Geographie. — Durch Erweiterung der jetzt zur Agrikultur-Abteilung gehörenden Versuchsstation könnte auch ein modernes landwirtschaftliches Institut als Teil der Universität geschaffen werden, jedoch haben die hierfür von mir in Amerika geschaffenen Ansätze noch keine festen Formen angenommen. — Die technischen Fächer sind gleichfalls, da bisher keine richtige Propaganda dafür zustande kam, noch weit davon entfernt, an der Universität eine Heimstatte finden zu können; auch die Vereinigung jüdischer Ingenieure in Amerika hat in finanzieller Beziehung noch nichts geleistet; sind doch bisher noch nicht einmal genügend Gelder zusammengebracht, um die technische Mittelschule in Haifa als wirklich gesichert bezeichnen zu können, wenngleich durch die Bildung eines leitenden Komitees in England und die bevorstehende Eröffnung des Technikuras gute Grundlagen hierfür geschaffen sind. Nicht besser stellt cs mit den Fächern der Geistes- Wissenschaften der Universität. Der einzige Teil, für den Aussicht besteht, bald die nötigen Gelder zu erhalten, ist die Abteilung für die Wissenschaft des Judentums, wenngleich man sich auch hier statt der geforderten 12 bis 14 Dozenten wohl fürs erste mit dem dritten Teil wird begnügen müssen; hierfür liegen sogar schon einige größere Professur- Stipendien vor. Für die mindestens ebenso notwendige Ahteiiung der Orientalistik scheinen bisher kaum Fonds zur Verfügung zu stehen; ebensowenig für die historischen, kunst- und literarhistorischen, philologischen und philosophischen Fächer. Für die juristisch-staatswissenschaftliche Fakultät hat sich während meines leiztcn Aufenthaltes in Amerika im vergangenen Frühling ein Komitee dortiger Juristen und Volkswirte gebildet; auch beabsichtigten auf meine Anregung hin einige hervorragende jüdische Gelehrte Amerikas, dort einen Verband für die ■judaistisch-oricntalistischcn Fächer zu bcgründen, jedoch. scheinen bisher greifbare Resultate noch nicht erzielt worden zu sein. Auch die Bibliothek steckt noch ln Ihren Anfängen; während manche Abteilungen derselben, namentlich die he* bräische und judaistische, sich nicht schiedst repräsentieren und die. medizinische neuerdings in Bildung begriffen ist (vgl. die Mitteilung in unserem Artikel ״Der größere Aspekt" in Nr. .4 der ״J. R״ — Anm, d. Red.), sind ,viele!andere gänzlich vernachlässigt. Da keine Fonds zum Ankauf van Büchern zur Verfügung stehen, die Bibliothek daher auf zufällige Geschenke und Sammlungen angewiesen ist, so ist cs natürlich ausgcscWoascn, daß sie auch nur im entferntesten den Aimpiüchcn einer bescheidenen Universität genügen kann. Es bedarf hierzu nicht nur systematischer Leitung durch eine gut geleitete Organisation, sondern auch zahlreicher erheblichcr Fonds für Anschauungen. Cs sind zwar in verschiedenen ländern Vereinigungen von Freunden der Bibliothek gegründet worden, sie beschäftigen sich aber fast ausschließlich mit Sammlung von Büchern und zwar ohne Methode und System, so daß ihre Hilfe, so dankenswert sic auch ist, — ohne einen großen Anschaffimgsfonds doch nicht allein zum Aufbau einer brauchbaren Bibliothek fuhren kann. Auch die Platz- und Gebäudefrage der Universitat ist nichts weniger als geklart. Durch Zukauf weiterer Landparzellcn auf dein Gipfel des Scopus durch den Nationalfonds verfügt zwar die Zionistische Organisation schon über einen Platz, der nach weiterer Arrondierung für eine kleinere Universität genügen dürfte, und cs liegt auch schon außer dem von Prof. Gcddcs entworfenen großzügigen Plan ein einfachercr von Dipl.-Ing. F. Koruberg vor, doch leiden beide daran, daß einer späteren Erweiterung keine Rechnung getragen werden kann, da der Gipfel des Scopus nur einen sehr schmalen Kamm darstcllt. Daher habe ich mich stets dafür eingesetzt, daß es unumgänglich nötig sei, einen viel größeren Teil des Scopus zu erwerben, auf dem dann die verschiedenen Fakultäten und möglichst aurh die einzelnen Institute in größeren Abständen gebaut werden, um bei der später wahrscheinlichen Erweiterung und Spezialisierung Platz für Einschiebung neuer Institute zu haben. Bis zu diesem Zeitpunkt könnten die freien Plätze parkartig aufgeforsiet werden, wodurch die ganze Anlage auch äußerlich ein vornehmes Aussehen erhalten würde, wahrend der Scopus bisher nur eine kahle Flache bildet. Auch würde dann für Sportplatze, Freitheater, Studentenheime, Khibgcbäudc und I'rofcssorcnwohmmgcu Raum vorhanden sein. Auch jetzt ist es noch möglich, das dafür nötige Gelände zu kauten, falls die Mittel hierfür bald Zusammenkommen, in einigen Jahren wird dies freilich wohl schon ausgeschlossen sein. Was die Eröffnung der ersten Institute betrifft, so ist Hoffnung vorhanden, noch in diesem Jahr damit beginnen zu können. Au das Grey Hill-Haus werden gerade jetzt die Laboratorien für Chemie (Allgemeine und Biochemie) sowie für Mikrobiologie angebaut. Für das Institut für Judent u m w i s s c n s c h a f t ist dagegen noch kein Gebäude errichtet und auch noch kein Platz vorgesehen. Es kann ja auch bei seinen vorläufig wenigen Dozenten fürs erste bequem in einem in der Stadt gemieteten Gebäude Unterkunft finden. Mit einem Neubau ist auch besser zu warten, bis der Neubau der Bibliothek definitiv bestimmt ist. Für die Bibliothek wird wohl am besten ein Platz in Betracht kommen, der zwar am Scopus gelegen, aber mehr am Fuß desselben und nicht zu weit von der Stadt entfernt ist, damit sic auch von den Bewohnern derselben unschwer benutzt werden kann, da ja die meisten der von den Sludeuten der Universität selbst benötigten wichtigeren Bücher in den Handbibliotheken der einzelnen Institute vertreten sein müssen. Leider sind auch hierfür die nötigen Mittel noch nicht vorhanden, obgleich die Wolffsohn-Stiftung ihr gesamtes Kapital von ca. 15000 £ zur Verfügung gestellt hat. Hoffen wir, daß cs Prof. Hcinr. Löwe, der augenblicklich in Amerika weilt, dort gelingen wird, den fehlenden Rest aufzubringen. Es ist eine absolute Grundbedingung für die Errichtung der Universität, daß die Bibliothek bald ausgebaut wird. Die bisherige Bcth-Nccman-Bibliothck in der Stadt genügt weder inhaltlich noch was die Lokalität anbetrifft. Dabei ist sie so überfüllt, daß die neuen Sendungen nicht einmal ausgepackt werden können und die zum Unterhalt der Bibliothek zur Verfügung gestellten Gelder sind 50 minimal, daß eine sachgemäße Verwaltung zur Unmöglichkeit wird. Es ist ein absolut unhaltbarer, geradezu skandalöser Zustand, dem unbedingt möglichst bald abgehoben werden muß. Wie aus dem bisher Ausgeführten hervorgeht, sind wir noch weit entfernt davon, daß etwas in Erscheinung tritt, das wirklich den Namen Universität verdient. Immerhin sind Ansätze vorhanden, auf denen weitergebaut werden kann. Um diese zu stimulieren, hat der letzte Kongreß in Karlsbad die Exekutive aufgc(ordert, ״Anstrengungen zu machen, im Jahre 1924 die hebräische Universität in Jerusalem mit mindestens zwei Fakultäten zu eröffnen, und zwar der judaistischorientalistischcn und der naturwissenschaftlichen“; auch hat er beschlossen, daß der Keren Hajessod 5000 £ für die Universität beisteuere, davon 3000 ß für den judaistischcn, 2000 £ für den naturwissenschaftlichen Teil. Das Wesentliche ist aber, daß einerseits endlich einmal eine systematische Propagandaorganisation zur Aufbringung der Mittel eingesetzt werde, und andererseits daß die Uni. versität eine Zentrale erhält, die die Verantwortung für die zu sammelnden Gelder und deren Verwendung trägt. Auf meinen Reisen in Amerika wurde ich immer wieder gefragt; ״Wer ist die Universität?“, und ich mußte immer aus• weichende Antworten geben. Gelder, die zur Zeit der Reise Prof, Einsteins gesammelt waren, konnten jahrelang nicht ihrem Zwecke zugeführt werden, da kein Empfangsberechtigter vorbanden war.