Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1924)
- Date
- 1924-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HB ך«׳ f ץ־״יי^ן EINZ£LH(JMMER 0,30 Goldmerk ^»1,111׳ I n׳Mj| |P»W•'^ pMr•• d j \ Redaktion und Verla!{ W 15, Sächsische Straße 8. Erscheint jeden Dienst#(! und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, Vierteljährlich 5,25 Goldmark. Au8i»nd1*bonn«mcnU werden io der Wihruog der einzeintu Länder berechnet. j׳<׳—g ןןו״י—»■«on«! I.J Nummer 3 Borlin, 11.1.1924 Anzeigen -V crwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Sächsische Straße 8. — Telephon: Amt Pialzburg 6697, 6698 u. 6699. Anzeigenpreis n^tpaU.Nonpirtillezeile 0,25(k>idm«rk. FamiUemnxeigin und Stellengesuche 0,15Goldro!»rk. t־Ur heHrJii*ch« Anreigen 100% AulichlijJ, Für A״»iaod*lnseral• 100% Aulttchlag, AnzeigenschlaQi Dienst•g und Freitag nachmittag 4 U h r. Telephon: Pfalrburg 6697u.660g. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr, 156030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr.59410, — RedaklionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. — XXIX. Jahrg. Dar Ztonlamu» erstrebt fllr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffenlllch ה׳ שגט׳ תרפ״ן rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.1* wicisiMUfr Iss ^©niasfeeinen Ged In einem befreundeten jüdischen Blatte habe ich — ich glaube nach einer meiner zahlreichen Reden — einen Bericht gefunden, der besagt, daß ich nichts Neues gesagt habe. Ich fürchte, ich werde dieses B 1׳ und vielleicht auch dieses Auditorium durch die Ankündigung enttäuschen müssen, daß ich wirklich nichts Neues zu sagen habe. Es ist von keiner sensationellen Entwicklung in der zionistischen Bewegung zu berichten und vielleicht ist cs gerade so gut. Wir haben eine Periode einer sehr langsamen, sehr mühseligen und sehr ruhigen Entwicklung vor uns und diejenigen, welche Sensationen erwarten, müssen andere Redner hören: ich habe ihnen keine zu bieten. Ich bin darüber glücklich, daß hier eine Gelegenheit geboten wird, die mir den Luxus gestattet, fern vom Lärm und Getriebe des Alltags vor einer Versammlung wie dieser, die ans lauter guten Zionisten oder solchen, die auf dem Wege dazu sind, besteht, die Situation zu überprüfen und ruhig und ausführlich den Stand der Dinge, mit denen wir beschäftigt sind, zu überblicken. Ich bin auch besonders erfreut darüber, daß den Damen und Herren Gelegenheit geboten wird, Fragen zu stellen. Meine einzige Bitte ist: seien Sie gnädig und bedenken Sic, daß cs immer leichter ist, Fragen zu stellen als sic zu beantworten. Ich glaube, daß ich am besten tue, wenn ich so kurz, so klar und so einfach als es mir nur möglich ist, die Entfaltung oder die Entwicklung des zionistischen Gedankens von seinen Anfängen an vor Ihnen entrolle; vielleicht wird dieser Ueberbück es Ihnen ermöglichen, zu verstehen, wie wir zu der gegenwärtigen zionistischen Politik gelangten und vielleicht werden Sie dann auch Gelegenheit haben, zu beurteilen, ob sie richtig ist oder falsch, oder ob sie teilweise richtig und teilweise falsch ist Viele von uns — ich darf sagen, es sind einige von ihnen in diesem Saale — sind seit sehr langer Zeit Zionisten; w׳ir waren es lange vor der Einberufung des eisten Zionistcnkongresses. Vielleicht kamen wir schon als Zionisten zur Welt. Vielleicht si1\d die meisten von uns nicht berechtigt, für diesen ihren Zionismus irgendwelche besonderen Ehren zu beanspruchen; aber einen Mann •:!rächte ich nenne:!, der in unserer Zeit in meinen Augen als der Zionist mit dem größten politischen Vorausbiick vor allen anderen gelten kann: das ist Baron Rothschild. Baron Rothschild hat, wie Sie wissen, nie etwas mit dem polit.sclien Zionismus zu tun gehabt. Wenn es aber auch wahr ist, daß er mit der politischen Zionistischen Organisation nie etwas zu tun hatte, waren doch sein ganzes Wirken und alle seine Gedanken tn\d Pläne erfüllt vom Zionismus. Einst fragte ihn jemand, warum er sich mit dem Aufbau der Kolonien und dieser ganzen Pionierarbeit befasse, die ja vor 30 Jahren ungeheuer schwierig war und noch unendlich phantastischer erschien als heute. Er antwortete: er tue dies, weil er daran glaube, daß ein Tag kommen werde, an dem das jüdische Problem vor einem hohen Ge.iehtshof zur Vcrhundlung kommen werde; und er wolle in Palästina etwas schaffen, das dann auch die Juden berechtige, bei der Entscheidung ihre Stimme abzugeben. Und wie mein Freund Mr. Rothenberg in seiner eindrucksvollen Rede so richtig sagte: nichts hat uns bei den schwierigen politischen Verhandlungen während und vor der Friedenskonferenz mehr Rückhalt gegeben, als die Möglichkeit, auf Palästina Hinweisen und ze:gen zu können, was die Juden dort unter den schwierig'ten Verhältnissen zustande gebracht haben. Und schon in den ersten Anfängen der zionistischen Bewegung, einer ziclbewußten zionistischen Bewegung — denn auch vor Baron Rothschild gab es schon eine zionistische Bewegung — wußten die Mensehen, die von einem gewissen romantischen Drange nach Palästina geführt wurden, daß es nur einen Weg gäbe, den Zusammenhang der Juden mit Palästina zu beweisen: nämlich Werte zu schaffen, sichere Po:itlone;1 im Lande zu schaffen, im Vc trauen darauf, daß eine Z.u kommen wird, wo diese sicheren Positionen zu den Verhältnissen passen werden und eine richtige Bewegung einsetzen wird. Wenn Sie eine Karte von Palästina betrachten und die Methode verfolgen, nach der die ersten jüdischen *) Eine Ansprache anläßlich des Empfanges, welcher zu Ehren Wcizinanns am 17. Dezember im Hotel Pcnsylvania In New York veranstaltet wurde. Von Ch&im Weizmann*) Kolonien angelegt worden sind, wenn Sic ihre besondere geographische Lage beobachten, dann werden Sie finden, daß nach einem Gesichtspunkt strategischer Kolonisation vorgegangen wurde: sic befinden sich an den wichtigsten und interessanteren Punkten Palästinas. Politik besteht nicht darin, um die Urheberschaft glanzvoller Phrasen zu streiten; sie besteht darin, sichere Machtpositionen zu schaffen, große oder kleine, die der weiteren Ent- Wicklung als Sprungbrett dienen können, so daß diese Macht zu einer Gesamtsumme anwächst und sich entwickelt und sic dann einen wichtigen Aktivposten bei einer neuen Lage der Dinge bilden kann. Gestatten Sie mir, ein anderes phantastisches Befspiel anzuführen: Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ein Jude in London erzählte Er sei eines Tages in seinem Zimmer gesessen und habe an nichts weniger gedacht als an Palästina. Da trat ein junger Mann ein, ein sehr junger, sehr ungestümer, sehr energischer junger Mann. Und dieser junge Maryi — vielleicht erraten Sie seinen Namen — sagte zu dieser sehr weisen alten Eule — dieser weisen alten Eule, die sich für den weisesten Mann der Welt hielt: ״Ich komme von Palästina.“ ״Was ist Ihre Aufgabe?“ fragte der weise alte Mann. ״Meine Aufgabe ist es, alle Juden dahin zu bringen, daß sie hebräisch sprechen. Ich glaube, ich bin in der Lage, die hebräische Sprache wieder lebendig zu machen. Ich bin in der Lage, sie wieder zu einer lebenden Sprache zu machen. Diese zwei Dinge, iniis?11 Hand in Hand׳ gelten; Sie haben Leute in Palästina angesiedelt und alle sprechen nicht französisch oder deutsch. Darum müssen sie alle hebräisch sprechen, und ich bin der Mann, der sic dazu bringen wird.“ Und er tat das. Er dachte nicht an den politischen Zionismus und an Schwierigkeiten, die mit Regierungen und Armeen und Flotten Zusammenhängen, und doch war er einer der größten politischen Zionisten. Er war Politiker in dem SinTM? in dem Disracli Pol.tiker war. Er schuf Macht. Das ist vom politischen Gesichtspunkte ebenso Wichtig wie die Kolonisationsarbeit vom gewöhnlichen matcrieilen Gesichtspunkt. Ich zitiere diese zwei Beispiele aus einer Zeit, da wir nicht so groß waren wie heute und keine so grolle Organis,10011־ hatten und nicht mit Königen und Ministern und Präsidenten verhandelten. Einfache Juden haben durch bloße politische Intuition den Nagel auf den Kopf getroffen, indem sic in Palästina Werte schufen, welche die eigentGehe Grundlage für alle zukünftigen polnischen Leistungen bildeten. Nun überspringe ich einen großen Zeitabschnitt. Es ist in zionistischen und nichtzionistischen Kreisen modern geworden, Ucberklickc wie aus einem Aeroplan zu gebar‘)• So schnell reise ich nicht Aber ich glaube, ich kann diese erste Periode verlassen und zu einer anderen übergehen, die mir näher steht, in der ich in der zicm'stiscli.n Bewegung aufgcwaclisui bin. Das ist die Zeit des ersten Kongresses, bei dem ich fehlte, und des zweiten, bei dem ich anwesend war. ich habe seither bei keinem mehr gefehlt. Damals kam ein Mann wie ein Adler aus den Lüften. Niemand kannte ihn. Er war im jüdischen Leben unbekannt und nicht damit verknüpft. Und ohne in irgendeiner We:se die Ehrfurcht zu verletzen, die uns au den Namen des großen Führers bindet, möchte ich sagen, daß es ein großes Glück gewesen ist, daß Theodor Herzl die Juden nicht so genau kannte. Ich glaube nicht, daß er zu unternehmen gewagt iiiitie, was er unternahm, daß er auszuspreclicn gewagt hätte, was er aussprach, wenn er gewußt hätte, wie «außerordentlieh schwierig es sein würde, einen Widerhall zu finden. Er kam wie ein Adler aus den Lüften. Er fand ein vollkommen zersplittertes Empfinden. Und ich glaube, cs war Hcrzls größte Leistung, daß er cs zustande brachte, diesen verirrten Gefühlen, die zersplittert und schlummernd im jüdischen Volke vorhanden waren, eine bestimmte‘' Form und einen bestimmten Ausdruck zu geben. Er schuf die Zionistische Organisation! Wenn ׳ ) Anspielung auf Zangwills Rede vor dem amerikanischjüdischen Kongreß. — Anm. d. Red. wir heute 25 Jahre zurückblicken und die Verhandlungs* gegenstände, Enbcikidungcn und Diskussionen des ersten Kongresses, ja selbst des zweiten und dritten durchsehen, so will uns vieles beinahe kindisch erscheinen. In jenen Tagen war die treibende Kraft des Zionismus das außer- ordentliche Element der Romantik, der Utopie, des Vertrauens in die Zukunft — eine Verknüpfung von großer Intuition und großer Utopie. ln kurzen Worten — welches war die erste zio* nistische Formel? Es war diese: Hier sind die Juden, welche ein Land brauchen, und liier ist ein Land, welches ein Volk braucht. Hier gibt cs reiche Juden, welche das Geld haben, und hier ist der Sultan, welcher das Geld braucht. Warum nicht diese vier Dinge in Ver* bindung bringen? Dies war die Formel, die ich selbst in jedem kleinen, dunklen Winkel des Ghetto immer wieder gepredigt habe. Und so zogen wir aus, sie durchzuführen. Die armen Juden stimmten sofort zu. Aber cs war notwendig, auch die Zustimmung der andem zu erlangen. Diese Zustimmung war nicht so leicht zu finden. Die Türen der Empfangszimmer der Reichen in Paris und London sind Herzl vor der Nase zugeschlagcn worden. Er war damals noch nicht über den Ozean gekommen. Er kehrte also zu den Armen zurück. Er fand ein großes Gefühl und auch einen kleinen Teil des nötigen Geldes. Er fuhr zum Sultan. Und cs folgten lange, sich immer wieder hinauszögernde Verhandlungen. Unsere Verhandlungen[ mit der englischen Regierung waren einfach, verglichen mit den langwierigen, eingehenden, ermüdenden, herzangreifenden Verhandlungen, die er führte. Eine auffallende Aehnliciikeit zeigen nur die Bemühungen der vielen Gegner, insbesondere der jüdischen Gegner, welche es versuchten, ihm in den Rücken zu fallen. Es ist hier vielleicht angebracht, Sie an die größte Nemesis der Geschichte zu erinnern. Der erste ZionisienRonßrefj sollte in München ah gehalten werden und die jüdische Gemeinde mietete alle Säle der Stadt, um die Zionisten zu verhindern, dort zusammenzukommcu. Heute denkt wohl die Münchener Gemeinde, auf die durch einen kürzlich dort stattgefundenen Pogrom die Aufmerksamkeit gelenkt wurde, anders. Doch angesichts all dieser furchtbaren Schwierigkeiten, von inneren und äußeren Feinden bedrängt, hatte Herzl, als er vor dem Beherrscher Palästinas stand, eine erdrückende Last zu tragen und mußte das Rückgrat steif halten. Er verhandelte mit ihm Tiber Millionen zu einer Zeit, da das Wiener zionistische Büro keine tausend Francs hatte, um damit Weiterarbeiten zu können. Aber er ging weiter und weiter. Der größte politische Erfolg wurde dadurch erzielt, daß die großen Regierungen die zionistische Bewegung zu beachten begannen; und wenn wir auch dem Uganda-Angebot nicht zustimmten, so war doch dieses von der englischen Regierung gemachte Angebot ein Beweis für die Tatsache, daß eine große Regierung mit der zionistischen Bewegung rechnetc zu einer Zeit, als sic noch in den Kinderschuhen steckte. In der utopistischen Periode betrachteten die Zionisten die Lage von einem Gesichtspunkte, der dem der Vorgänger Hcrzls fast entgegengesetzt war. Doch die gröfjte von aM6n Leistungen war die Schaffung der Zionistischen Organisation und ihrer Institutionen. Während Hcrzls Vorgänger (ohne es ausziisprechen) forderten: ״Schafft Werte in Palästina“, sagten seine Nachfolger: ״Ihr braucht in Palästina nichts zu tun. Ihr müßt poli i che Bedingungen schaffen, die die Arbeit in Palästina in großem Mailstabe ermöglichen. Bis dahin Soll nichts getan werden, da alles, was in Palästina aufgebaut wird, auf Fand gebaut ist." Auf Hcrzls Ruf folgte ein langer Zeitabschnitt, der mit Agitation und Propaganda ousgcfüllt war, wahrend praktisch in Palästina nicht der geringste Fortschritt erzielt wurde. Sie sehen hier also zwei deutliche Richtungen: eine, welche nur die Arbeit in Palästina will und nichts andercs; und die zweite, welche die Arbeit in Palästina durch eine organisierte Anstrengung des ganzen .jüdischen Volkes will, durch Propaganda des Ideals und Propaganda des Gedankens. Das sind die zwei Schulen des Gedankens — diejenigen, die sich die praktischen, und diejenigen, die sich die politischen Zionisten nannten. Ich glaube, die praktischen Zionisten waren tatsächlich